Abu Saif | Leben in der Schwebe | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 456 Seiten

Abu Saif Leben in der Schwebe


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96202-635-6
Verlag: Sujet Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 456 Seiten

ISBN: 978-3-96202-635-6
Verlag: Sujet Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der etwa 60 jährige Naîm ist Inhaber eines Copy-Shops, in dem Poster von Gefallenen ('Märtyrern') produziert werden. Als er im Jahr 2011 durch einen Blindgänger getötet wird, entsteht zwischen seinem Sohn Salmân, und seinem Neffen Nasr, eine Debatte, ob Naîm Held oder Opfer ist - eine Grundsatzdebatte, die das ganze Buch durchzieht. Später kommt es zu heftigen Zusammenstößen zwischen der Bevölkerung des Lagers und der Gaza-Verwaltung, als es um die Bebauung des Hügels geht, auf dem u.a. Naîms Haus steht. Diese Zusammenstöße zeigen den Versuch der Gesellschaft, sich gegen die wachsende Machtclique zu wehren, die sich nicht scheut, auch die Religion mittels mehr oder weniger Gewalt in ihre Dienste zu nehmen. Der Roman ist ein interessantes und eindrucksvolles 'Dokument' des Palästina-'Problems' vom besonderen Blickwinkel des Gazastreifens aus. Dieser Roman ist im Jahre 2014 erschienen. Er steht also in keinerlei unmittelbarem Zusammenhang mit den Ereignissen in Gaza und anderswo in Palästina/Israel seit Anfang Oktober 2023. Dabei werden im Rahmen einer Art Familienroman die entstehenden Strukturen gezeigt, von manchen begrüßt, von anderen ertragen, von wieder anderen bekämpft. Dabei schont der Autor wohl keine Seite: die naiven Mitläufer werden ebenso kritisiert wie die Profitler oder die Widerständler. Es wird die unerbittlich, unaufhaltsam weiterschreitende Etablierung des neuen Machtapparats gezeigt.

Atef Abu Saif, 1973 in einem Flüchtlingscamp in Dschabaliya am Gazastreifen geboren, ist Forscher am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz, ehemaliger palästinensischer Kulturminister (2019 - 2024) und Schriftsteller. Er lehrte Politikwissenschaften an der Al-Azhar Universität in Gaza und ist Chefredakteur für das Magazin Siyasat, herausgegeben vom Institut für öffentliche Politik in Ramallah. Als Autor veröffentlichte er bereits zahlreiche Romane, die teilweise in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Seine Romane 'A Suspended Life' (dt. 'Leben in der Schwebe') (2014) und 'Hajji Christina' (2016) standen beide 2015 und 2016 in der engeren Auswahl des International Prize for Arabic Fiction. Außerdem hat er drei Sammlungen von Kurzgeschichten (u.a. 'The Book of Gaza' (2014), die auch eine seiner eigenen Kurzgeschichten enthält), fünf Theaterstücke und eine Reihe von Sachbüchern über Politikwissenschaft veröffentlicht. Abu Saif verfasste während seiner Zeit im israelischen Krieg in Gaza zwei Tagebücher, in denen er über die täglichen Ereignisse berichtete ('The drone eats with me' (dt. 'Frühstück mit der Drohne'), 'Don't look left: a genocide diary').
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1


Ein plötzlicher Tod


Im Krieg geboren und im Krieg gestorben. 

So könnte man, kurz und bündig, Naîm Wardânis Leben zusammenfassen, einschließlich des Todes, der ihn vor dem Tor seiner Druckerei ereilte, in einer Gasse unweit seines Hauses. Dort traf ihn eine Kugel von irgendwoher. Einer dieser Zufälle, wie sie immer wieder vorkommen. Er brach zusammen und starb, noch bevor die Ambulanz mit ihm das Krankenhaus erreicht hatte. In den Nachrichten der lokalen Fernsehsender verlor sich sein Name unter den zwanzig anderen, die während der vorangegangenen zwei Tage bei Zusammenstößen umgekommen waren. Was hätte man groß darüber berichten können?

Das Ganze war ein Zufall, ein zufälliger Tod.

Am Morgen war Naîm aufgewacht, wie jeden Morgen, wie immer. Ein nasskalter bewölkter Märzmorgen. Der Wind drang durch die Ritzen des großen Fensters in sein Schlafzimmer, das nach Osten ging. Außer den plaudernden Nachbarn, die sich zum Markt aufmachten, und dem Radio aus der Wohnung der verwitweten Umm Fausi war nichts zu hören. Naîm drehte sich noch etwas im Bett hin und her und vertrieb die Reste des Schlafs von seinen Lidern. Er zog das rote Laken, das mit seinen weißen Blumen aussah wie eine Wiese im Frühling, über sein Gesicht und atmete tief ein. Im Stoff hing noch immer Âminas Geruch.

Das tat er jeden Morgen. Es gibt Dinge, die uns immer wieder weit in die Vergangenheit zurückziehen und uns forttragen können, ohne dass wir begreifen, dass sie Vergangenheit sind. Und wie üblich stand Naîm schließlich schwerfällig auf, faltete in Gedanken an seine geliebte Tote fast zärtlich das Laken zusammen und legte es auf den Bettrand.

In seinem weißen Zimmer mit der Asbestdecke, dem Fenster mit dem blau gestrichenen Rahmen, dem alten braunen Schrank, dem Kleiderhaken hinter der Tür, dem runden Spiegel an der Wand, dem weinroten Teppich auf der Schwelle, dem Tischchen zwischen Tür und Bett mit der Keramikvase voller verwelkter Blumen darauf – in diesem Zimmer war alles, wie gehabt: Eine kleine Welt, die die Geschichte eines dreiundsechzigjährigen Lebens erzählte. Drei dunkelbraun gerahmte Schwarzweißfotos hängen an der Wand. Eines zeigt Naîm Mitte zwanzig mit langem Bart und dichtem Haar. Das Bild stammt offenbar vom Beginn der siebziger Jahre. Auf dem mittleren ist sein Vater Ibrahîm mit Anfang dreißig zu sehen, ein steifer Tarbusch schmückt seinen Kopf, er trägt eine pechschwarze Jacke mit einem weißen Hemdkragen. Seine scharfen Augen blicken prüfend in die ferne Zukunft. Das dritte Bild zeigt seinen Großvater Hussain als einen Mann um die sechzig. Er trägt eine braunkarierte Kuffija mit einer breiten, schwarzen Kordel um den Kopf. Die Kuffija hängt auf seine Schultern herab und bedeckt den Kragen der schwarzen Jacke. Er sitzt auf einem Rohrstuhl, die Hände auf den übereinander geschlagenen Beinen. Eine schwarze Schnur – vielleicht für eine Taschenuhr, vielleicht für eine Brille – baumelt aus seiner Jackentasche. Das Bild seines Vaters und dasjenige seines Großvaters waren noch vor dem Krieg in Jaffa aufgenommen worden, vor Naîms Geburt. An der gegenüberliegenden Wand hing, gleich neben der Haustür, eine Schwarzweißansicht der Stadt: Häuser auf einem Hügel, friedlich am Meer. Ein Bild, wie man es von Naîms Geburtsstadt in jedem Geschichtsbuch finden konnte.

Während er seinen Morgenkaffee zubereitete und den Ziegenkäse in Scheiben schnitt, Rituale, die er mit geschlossenen Augen vollziehen konnte, kochte das Wasser in dem kleinen Topf, in den er vier Eier gelegt hatte. Er machte den Kaffee wie früher Âmina: das Wasser aufkochen lassen, das Pulver hineingeben, die Flamme herunterdrehen, dann die Schaumschicht vom Kaffee heben und das Ganze ein weiteres Mal aufkochen lassen. Alles lief normal an diesem Morgen. Es gab nichts Außergewöhnliches. Die immer gleichen Bewegungen, die immer selben Abläufe, auch die morgendliche Zigarette. Die Uhr zeigte noch nicht sieben. Naîm machte alles fertig und stellte es auf das Tischchen im Hof.

Im anderen Zimmer erwachte Samar, als ihr Handyalarm losging. Sie lag noch im Bett, als er singend hereinkam:

„Wachet auf, wachet auf, es krähte der Hahn, die Sonne betritt ihre güldene Bahn. – Einen schönen guten Morgen!“

Das gleiche Liedchen, die gleiche Bewegung und im gleichen Augenblick das gleiche Lächeln auf ihrem Gesicht. Wie jeden Morgen räkelte sie sich wohlig im Bett. Dann ein Satz zum Tischchen, auf dem das Essen wartete. Die Zeit war knapp bis zum Beginn des Unterrichts um acht. Es war Samars erstes Jahr an der Universität. Von der ganzen Familie war nur noch sie bei ihm. Er dachte nicht gern daran. Der Gedanke schmerzte ihn, aber er kam unweigerlich hin und wieder, und sei es auch nur flüchtig. Alle haben ihn verlassen. Seine Brüder lebten und arbeiteten in fernen Exilen: einer in Chile, ein anderer in China, wo er im Importhandel tätig war, zwei weitere in Jordanien. Eine ganz normale Geschichte. Sein zweiter Sohn saß im Gefängnis, und es bestand kaum Hoffnung, dass sich die zugerostete Zellentür für ihn je wieder öffnete. Seit der Unterzeichnung der Osloer Verträge waren schon ein Dutzend Mal Gefangene freigelassen worden, Sâlim aber blieb hinter Gittern. Salmân, sein Erstgeborener, hatte sich entschlossen, anderswo zu studieren, und schrieb sich nach Abschluss der Oberschule an der Birseit-Universität im Westjordanland ein. Vier Jahre später kam er für zwei Jahre zurück nach Gaza und ging dann zur Fortsetzung seiner akademischen Ausbildung nach Großbritannien. Nach zwei Jahren dort verbrachte er wieder ein Jahr in Gaza und studierte danach in Italien weiter. Naîm sah ihn nur noch sporadisch. Seine ältere Tochter heiratete einen Cousin, den Sohn der Schwester ihrer Mutter, und zog mit ihm auf der Suche nach Verdienst und Sicherheit nach Saudi-Arabien.

Einzig die lebhafte, kleine Samar war noch da, gezügelt und gebändigt durch die Einsamkeit. Allein mit dem alten Mann, ihrem Vater, lauschte das Mädchen jeden Abend seinen Geschichten. Wenn er von der Druckerei zurückkam, merkte man ihm eine tiefe Traurigkeit über die Getöteten an, deren Bilder und Poster er druckte, oder über Âmina, einst „das schönste Mädchen im Lager“. Noch immer unvergessen blieb für ihn der Augenblick ihrer ersten Begegnung, ein aufwühlendes Ereignis, das sein Leben prägte. Sie war auf dem Heimweg von der Oberschule. Die beiden wechselten verstohlene Blicke. Ihre Bücher fest an die Brust gedrückt, ging sie mit ihren Freundinnen ins Lager, wo sie, wie er bald erfuhr, in einer Seitengasse im gleichen Viertel wohnte wie er. Manchmal sind Zufälle etwas Schönes. Doch diese „Zufälle“, gestand er ihr später einmal, waren von ihm geplant. Er informierte sich, wann die Schule zu Ende war und auf welchem Weg sie heimging. Also schlenderte er dort im richtigen Augenblick vorbei.

Naîms Geschichten über Âmina sind schmackhafter als das Frühstück, das Samar verschlingt, bevor sie in ihr Zimmer rennt, sich ihre Mappe schnappt, dem Vater einen Kuss auf die Wange drückt und verschwindet. Seine Bartstoppeln pieksen sie und sie ruft ihm noch zu: „Vergiss nicht, dich zu rasieren, bevor du gehst“. Die Stoppeln, die sein Kinn bedecken, sind braun, auch graue sind schon darunter. Er tastet danach, steht auf und begibt sich ins Bad. Am Schluss trägt er etwas Kölnisch-Wasser auf, dann geht er zur Arbeit. Ein neuer Morgen.

Die Straßen waren leer. Kleine Buben trugen Teller mit Bohnenmus und Tüten mit Falafel nach Hause. Umm Fausis Radio erzählte von einem möglichen Krieg irgendwo auf der Welt. Naîm ging den Abhang hinunter. Schâdis Bild auf der Hauptstraße hatte, obwohl nun schon zwei Jahre alt, seine Wirkung noch nicht eingebüßt. Die Augen des Jungen strahlten traurig, als bedauerten sie, das Leben verlassen zu haben. Als die jungen Männer ihm Schâdis Bild brachten, wusste Naîm noch nicht, dass der Junge umgekommen war, dass ein Heckenschütze ihn beim Fußballspielen auf dem Platz hinter der Schule erschossen hatte. Kurz zuvor hatte er ihn an jenem kühlen Frühlingsmorgen noch gesehen: an eine Mauer gelehnt, an einem Falafel-Sandwich kauend, den Blick zum bewölkten Himmel gerichtet, als wartete er auf die Sonne. Sie hatten ein paar Grußblicke gewechselt, und Naîm war weitergegangen. Keine drei Stunden später musste er aus ihm das Bild eines Helden machen, den die anderen hochleben ließen. Er konnte es nicht glauben. Ein junger Mann gab ihm ein kleines Foto. Eintausend Poster wollten sie davon. Erst glaubte Naîm, es handle sich um einen Irrtum. Schâdi hatte doch am Morgen noch, offenbar guter Dinge, in ein Falafel-Sandwich gebissen. Einen Schusswechsel hatte Naîm nicht gehört, und niemand hatte von irgendwelchen Zusammenstößen berichtet. Ein ruhiger Vormittag, keine bösen Überraschungen waren zu erwarten gewesen.

Der junge Mann hatte gedrängt. Sie bräuchten die Poster vor Sonnenuntergang. Dann sei die Beerdigung vorbei und das Kondolenzzelt errichtet, wo sie die Bilder verteilen wollten.

Naîm fragte nicht, wie Schâdi umgekommen war. Er nahm das Foto und starrte darauf. Ein feines Lächeln lag in den Augen des Jungen. Das Fenster am Bildrand ging auf eine weite, grenzenlose Welt hinaus, die Welt, von der diese Augen träumten. Naîm spürte Tränen aufsteigen.   Er unterdrückte ein Schluchzen und strich sich mit der Zunge über die Lippen.

Im Hof der Druckerei stand ein Schrank aus Buchenholz mit dicken Füßen, die fünf enormen Schubladen mit den Messinghandgriffen waren vollgestopft mit Bildern junger Männer, die während der vergangenen zwei Jahrzehnte getötet worden waren. Wenn Naîm ein Poster gedruckt hatte, verstaute er das Original in einer dieser Schubladen. Auf der Rückseite notierte er das...



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