Addonia | Die Sehenden | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 175 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 210 mm

Reihe: welt bewegt

Addonia Die Sehenden

Roman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-949545-70-2
Verlag: Orlanda Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 175 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 210 mm

Reihe: welt bewegt

ISBN: 978-3-949545-70-2
Verlag: Orlanda Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein literarischer Rausch – der neue Roman von Sulaiman Addonia
Das mutige Ausloten eines Lebens am Rande der Gesellschaft und die Bedeutung von Sexualität


Wie in einem literarischen Rausch erzählt Sulaiman Addonia die Geschichte von Hannah, einer minderjährigen eritreischen Geflüchteten, und ihrer ersten Zeit in London. Während sie in einem fremden Land mit ihrer eigenen Handlungsunfähigkeit ringt, werden sexuelle Begegnungen zu einem unmissverständlichen Ausdruck ihres Seins – ein trotziger Aufschrei gegen die endlose Bürokratie der Einwanderung. Eindimensionalen Erzählungen über Flucht, Trauma und einem Leben am Rande der Gesellschaft setzt Addonia eine unkonventionelle, vielschichtige Protagonistin entgegen, die ihren Platz in der Welt sucht.

»Die Sehenden« ist ein mutiger, eindringlicher Roman, der Psyche und Sexualität seiner Figuren auf unvergleichliche Weise entschlüsselt. Eine Geschichte über Vergangenheit und Gegenwart, generationsübergreifende Lebenserfahrungen, koloniale Traumata und das reale Gesicht der europäischen Einwanderungspolitik sowie ihre Auswirkungen auf Zufluchtssuchende

.»In Die Sehenden nimmt uns Sulaiman Addonia mit in eine ebenso bezaubernde wie raue Welt, in der sich Sehnsüchte und Erinnerungen überschneiden. Wie fesselnd und elegant und ergreifend und witzig und voller Vitalität! Und was für eine Fülle von Bildern! Absolute Weltklasse.« Peter Verhelst
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Weitere Infos & Material


Meine Mutter brachte mich in Keren zur Welt, aber in London habe ich mich noch einmal neugeboren, in dieser Frühlingsnacht, als ich auf einer Bank am Fitzroy Square in Bina-Balozi eindrang. Es war, als hinge eine Laterne an der Spitze meines Strap-On, sodass ich mich selbst in seinem Inneren gespiegelt sah, in einer Welt so vertraut wie unvertraut, schön und verstörend, aufwühlend und bestärkend. Hannah. Bina-Balozi schrie meinen Namen. Nie habe ich mich so gegenwärtig gefühlt, ich gab mich der Macht meiner Lust hin, blähte die Kraft meines Verlangens auf, um in ihm zu atmen und auf neue Art zu sehen und gesehen zu werden. Das O in Bina-Balozis Hintern öffnete sich wie eine Rosenknospe mitten in der Nacht. O Bina-Balozi, Duft meines Gartens. O. B. B. In dieser Nacht, als meine Hände sich fester um Bina-Balozis Hüften legten, flüsterte ich meine Geschichte in sein Ohr, in den Himmel über London, unzensiert und wahrer als die in meinem Asylantrag, der in den Regalen des Home Office stand und verstaubte. Sie ging so: Meine Mutter kam in Keren zur Welt, am 27. März 1941 bei Sonnenaufgang, als britische Truppen die Italiener besiegten, die ein halbes Jahrhundert über unser Land geherrscht hatten. Die Geburt geschah in einem Haus am Fuß der Berge von Keren, die Stadt hatte drei Monate lang Gefechte erlebt, drei Monate lang Europäer um unser Land kämpfen sehen, drei Monate, in denen meine schwangere Großmutter Stoffe mit Blumen- und Schmetterlingsmuster um ihren Bauch band, während ganz in der Nähe heftiges Artilleriefeuer tobte. Vergeblich. Meine Mutter kam in diese Welt und lebte in ihr mit unberechenbarer Kraft. Als das Kind geboren war, ging das Hausmädchen meinen Großvater suchen, aber der feierte in den Straßen eine andere Art von Geburt. Er schwenkte Blumen und sang aus Dankbarkeit für die britischen Soldaten, die sein Land vom Faschismus befreit hatten. Ein britischer Offizier wandte sich ihm und allen um ihn herum zu und sagte: Ich hab das nicht für dich gemacht, nigger. Ich Hab Das Nicht Für Dich Gemacht. Nigger. Mein Großvater weinte, nicht über die Geburt seiner Tochter, sondern über das Ende einer Erniedrigung und den Anfang einer anderen. Sein Land und er gingen aus den Händen der Faschisten über in eine andere Form europäischer Unterdrückung. Diese Anekdote ist mir im Gedächtnis geblieben. Aus ihr wuchs in meiner Kindheit Bitterkeit gegenüber den Briten. Sie lenkten die Aufmerksamkeit meines Großvaters weg von der Geburt meiner Mutter und machten sich selbst in seinem Kopf breit. Meine Mutter wurde zur Waise gemacht von einem Mann, der seine Zeit allem Englischen widmete, von Büchern bis zum Essen, der den Lebensstil der Briten studierte, als könne er seinen gebrochenen Stolz reparieren, indem er ihr Aussehen und Verhalten nachahmte. Er hatte Schiebermützen besessen, aber nach der Ankunft der Briten wurde ein Filzhut seine bevorzugte Kopfbedeckung. Er kaufte graue Anzüge, trug englisches Wetter im sonnigen Keren. In seinen Hemdsärmeln steckten Manschettenknöpfe und seine Westen hatten zwei Taschen, in die er seidige Rosenblüten steckte, nachdem er erfahren hatte, dass die Rose Englands Nationalblume war und ich summte tief, als ich Bina-Balozis Rose freilegte. O Bina-Balozi. Mein Großvater sprach Englisch mit meiner Mutter, damit es eine ihrer vielen Sprachen werden würde. Und meine Großmutter war so wütend, weil er bei der Geburt nicht an ihrer Seite gewesen war, dass sie ihrer Tochter einen italienischen Namen gab: Mary Malinconia. Ich denke oft an die Gefechte, an die in den Bergen und an die zu Hause zwischen meinen Großeltern, und frage mich, ob die Gewalt, die meine Mutter als Fötus im Bauch ihrer Mutter erfuhr, etwas zu tun hatte mit der, die sie meinem Vater zufügte und die bis zu mir durchsickern und in Bina-Balozis Innerem die Zähne verlieren sollte. O Bina-B, gib mir mehr von dem Frieden in dir. Das Gefühl der Erniedrigung lag in der Familie wie eine Krankheit, die auch ich geerbt hatte. Als ich zwei war, wurde meine Mutter von der äthiopischen Armee, die die Briten abgelöst hatte und seither unser Land kolonisierte, getötet. Ich habe keine Erinnerung an sie. Alles, was ich bisher erzählt habe, weiß ich aus zweiter Hand. Wie gebrauchte Kleider spazieren manche von uns durchs Leben mit Geschichten voller Löcher und Lücken. Aber, wie es in dem eritreischen Sprichwort heißt, das mein Vater mich gelehrt hat: ?? ???? ??? ???? – kullu yihalif, fiqri yiterifalles vergeht, die Liebe bleibt. O Bina-B. Damals bei Diana, in der Anfangszeit meines Londoner Lebens, als ich nicht zur Schule gehen und Englisch lernen durfte und die Prüfung meines Asylantrags noch ausstand, entdeckte ich die Sprache meines Inneren. In dem Zimmer in Dianas Haus in Kilburn ließ man mich genauso warten, wie ich mir meinen Asylantrag in einem Büro des Home Office vorstellte: hochkant ins Regal geschoben zwischen Geschichten aus aller Welt, von Orten, die dieses Land einmal besetzt hatte. Ich stellte mir unsere Akten zur Seite geneigt vor, kurz vor dem Umkippen, ein Wasserfall aus Wörtern ergießt sich über den Boden des Home Office, das Gebäude wird mit Wörtern geflutet. In dem Zimmer bei Diana begann ich mit der Entdeckungsreise in die Welt in meinem Inneren, ein Spiel mit meinem tiefsten körperlichen und geistigen Verlangen. In London gehörte mir in den ersten Wochen nichts als Zeit, und ich glaubte schon, dass das Home Office mich mit Zeit überschüttet, um mich darin zu ertränken. Und auf der Bank am Fitzroy Square, als ich durch Regeln, Rollen, Normen, Ängste, Zweifel hindurch in Bina-Bs Tiefen drang, fand ich auch seine Heimatsprache. O. B. B. Bina-Balozi drehte sich um und schlang die Arme um meinen Hals. Seine Augen waren mein Spiegel – es gibt nichts Sinnlicheres, als sich in den Augen eines ungestümen Geliebten, der durch die Felder der eigenen Vorstellung streift, gespiegelt zu sehen. O. B. B. BBs Lustschreie erregten die Aufmerksamkeit einer Frau, die ihren Hund ausführte. Was machen Sie da? rief die Frau. Ich rief zurück: Was ist los? Haben Sie zu Hause keinen Sex? Das hier war kein Dogging. Die Straßen von London waren mein Zuhause – hier schlief ich, aß ich, wusch ich mich, weinte, verrichtete meine Notdurft, hatte Sex, und nahm die Ereignisse mit meinen Augen auf… AUGEN: Hannah erhebt sich von ihrem Pappkartonbett unter ihrem Baum auf dem Tavistock Square… seit ihrer Entlassung aus dem Gefängnis ist der Baum ihr Zuhause… sie gähnt… die 100 toten Dichter von Bloomsbury zerstreuen sich im Tageslicht bis auf einen… sie steht vor E. E.˜Cummings und streckt sich und badet in seinen Affirmationen (ich mag deinen körper. ich mag was er tut, / sein wie und seine weise)… ihr ist heiß… sie wirbelt herum… geht ein paar Schritte… dann… dreht sie sich um… ein paar im Park verstreute Menschen… sie essen lesen weinen denken lachen schauen reden… der Tod ist heute in der Stadt gerade wird in Erinnerung an jemand kürzlich Verstorbenen eine Bank errichtet… aber warum sterben Erinnerungen nicht? fragt Hannah… sie denkt an ihre Familie in Eritrea die ihre Rückkehr als fertig ausgebildete Ingenieurin erwartet… ha… ha… ha… sie lacht bei dem Gedanken… dann weint sie… ihr Atem riecht nach Enttäuschung… der Morgen fühlt sich trostlos an… heute weicht Londons Optimismus ihr aus und Hannah denkt er benimmt sich wie ein schwarzes Taxi das für schwarze Menschen nicht hält… ganz schön anstrengend Hannahs Augen zu sein… unter einem Baum zu leben… aber selbst wenn sie ihr Augenlicht verliert und uns verliert sind wir trotzdem noch da weil wir mit der gleichen Kraft und Intensität fühlen wie wir sehen… wir sitzen fest… kein Entkommen… ha… was solls… jetzt ist es interessanter denn je als Hannahs Augen… (unser stoischer Gesichtsausdruck weicht einem kurzen Grinsen)… O Bina-Balozi. Ich erinnere mich an diesen Abend, als ich dreizehn war, es war das Ende eines weiteren Tages unter Fremdherrschaft. Statt von Briten wurde Eritrea jetzt von Äthiopiern regiert. Meine Mutter war tot, mein Land eine Kolonie, und mein Vater war am Leben, aber nicht mehr lebendig. Sein Geist und sein Herz waren mit meiner Mutter fortgegangen. Mit Kalaschnikows bewaffnete eritreische Freiheitskämpfer belagerten unsere Stadt. Während äthiopische Kampflugzeuge über uns kreisten, war mein Vater an diesem Abend im Garten. Ich war drinnen, in unserem Betonhaus mit der grünen Decke und den Wänden voller Bilder meiner Mutter in unterschiedlichen Posen. Mein Vater hatte mich allein großgezogen, hatte sich geweigert, noch mal zu heiraten, lebte lieber im Andenken an meine Mutter. Er war eine Enzyklopädie ihrer Geschichte: Er brachte mir bei, wie sie gesprochen, gegessen, getrunken, gelacht hatte, und zeigte mir ihre Art, in die Ferne zu schauen, als sammelten sich ihre Gedanken in Schichten in einem unendlichen Raum. Sogar ihre Duschroutine ließ er mich nachahmen. Zweimal am Tag duschte meine Mutter in unserem Bad mit dem offenen Dach, mit dem ersten und dem letzten Sonnenstrahl, damit ihre Haut bereit war, Licht und Dunkelheit zu empfangen. Ich sehe vor mir, wie die Sonne auf- und untergeht, einen Zeitabdruck auf ihrem Körper hinterlässt, der so magisch war wie die Rundungen der Berge von Keren. Meine Mutter war besessen von der Natur, ihrer Schönheit und zerstörerischen Kraft, ihrem Schweigen und Brüllen. Mein Vater nahm mich nachts oft mit in den Stadtgarten und befahl mir, ohne Taschenlampe hindurchzulaufen, und ich tastete mich vorwärts, entlang am wehenden Duft von Blüten und Früchten. So dachte mein Vater über das Leben in einem Kriegsgebiet, das hatte er von seiner Familie...


Addonia, Sulaiman
Der eritreisch-äthiopisch-britische und nun in Brüssel lebende Autor Sulaiman Addonia ist selbst in einem Geflüchtetenlager aufgewachsen, kam als minderjähriger unbegleiteter Geflüchteter nach London, ohne ein Wort Englisch zu sprechen, wo er sein Studium abschloss. Seine ersten beiden Romane »Die Liebenden von Dschidda« und »Schweigen ist meine Muttersprache« erhielten zahlreiche Auszeichnungen, u.a. war Addonia Finalist für die Lambda Literary Awards 2020. Addonias Essays erscheinen u.a. in der New York Times und im Guardian. Seit 2022 ist er Mitglied der Royal Writers Academy.

Textor, Sula
Sula Textor studierte Englische Philologie, Europäische Kunstgeschichte und Vergleichende Literatur- und Kunstwissenschaft in Heidelberg, Paris und Potsdam. 2022 war sie Teilnehmerin des Georges-Arthur-Goldschmidt-Programms. Sie übersetzt Prosa, Lyrik und Theatertexte aus dem Französischen und Englischen und lebt in Berlin.



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