Adomeit | Die erste halbe Stunde im Paradies | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Adomeit Die erste halbe Stunde im Paradies


1. Auflage, Ungekürzte Ausgabe 2025
ISBN: 978-3-03790-157-1
Verlag: Arche Literatur Verlag AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-03790-157-1
Verlag: Arche Literatur Verlag AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was bedeutet es, für einander da zu sein?

Als Kinder waren sich Anne und ihr älterer Bruder Kai sehr nah. Gemeinsam kümmerten sie sich jahrelang um ihre chronisch kranke Mutter, obwohl sie dafür noch viel zu jung waren. Doch das fröhliche, von Musik und Gesang erfüllte Familienleben zerbrach schließlich an der Krankheit. Mittlerweile ist Anne Anfang dreißig und Pharmavertreterin. Kontakt zu Kai hat sie keinen mehr – eigentlich hat sie zu niemandem so richtig Kontakt, abgesehen von den Ärzten in ihrem Reisegebiet, mit denen sie lange Gespräche über das Thema Schmerz führt. Denn Anne hat ein Ziel: Sie will umsteigen, von Beruhigungsmitteln auf das hochwirksame, aber umstrittene Schmerzmittel Fentanyl. Da meldet sich auf einmal Kai und bittet sie, ihn aus einer Entzugsklinik abzuholen. Zwischen den beiden ungleichen Geschwistern kommen nach jahrelangem Schweigen Dinge zur Sprache, die nicht nur die Vergangenheit, sondern auch Annes Traum, den Schmerz zu besiegen, in ein völlig neues Licht rücken. Kann Anne endlich verzeihen – ihrem Bruder und sich selbst?

»Janine Adomeit hat einen fesselnden, tief berührenden Roman geschrieben – über unsere Fähigkeit zur Begegnung und zur Liebe auch dann, wenn wir im Stich gelassen wurden.«
Deniz Utlu

»Ein lebenspraller und leichtfüßig erzählter Roman.«
Daniela Dröscher

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Autoren/Hrsg.


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1


Wie immer beginnt es damit, dass sich alle versammeln und im Kreis aufstellen. Es ist ein großer Kreis; über fünfzig Leute, das Organisationsteam nicht mitgezählt. »Enger zusammen!«, fordert die Rothaarige aus der Personalabteilung, deren Namen ich mir nicht merken kann. »Noch enger, bitte!« Sie ist erst zufrieden, als sie überall einen sprichwörtlichen Schulterschluss sieht. Dombrowski erscheint auf der Bildfläche. Vorhin, beim Einchecken, hat er noch Hemd und Krawatte getragen, jetzt steckt er in einem blauen Poloshirt, auf dem das Unternehmenslogo prangt. Er stellt sich in die Mitte und wiederholt, wofür dieses Wochenende gedacht ist und was gemeinsam erreicht werden soll, ganz im Sinne des Titels dieser Veranstaltung: . Am Ende der Ansprache fordert er uns auf, uns bis zum Mittagessen noch mal zurückzuziehen und unsere Erwartungen zu notieren, damit wir am Sonntagnachmittag, wenn der ganze Spuk vorbei ist, eine persönliche Bilanz ziehen können. Die Rothaarige fängt an, zu diesem Zweck Karteikarten und Kugelschreiber zu verteilen. Als ich an der Reihe bin, habe ich den Eindruck, dass sie mehr als bei den anderen darauf achtet, wie viele Karten ich aus ihrer Hand abzähle. Ich nehme sieben Stück. Sehe ihr unentwegt in die Augen. Acht. In der Innentasche meines Blazers summt mein Handy, ich ignoriere es. Neun. Zehn. Die Rothaarige und ich lächeln uns mit gefletschten Zähnen an. Dann darf sich jeder noch ein weißes und ein blaues Poloshirt vom Stapel nehmen. Auf dem Weg in mein Zimmer bemerke ich, dass in den Stoff bereits der neue Slogan eingestickt ist: Das ging schnell.

Oben angekommen, werfe ich die Karteikarten der Rothaarigen in den Papierkorb. Brauche ich nicht, ich weiß sehr gut, was meine Erwartungen an die bevorstehenden Tage sind. Erstens: dass mir mein Vortrag über opioidbasierte Schmerztherapie, der für morgen Vormittag angesetzt ist, die dafür veranschlagten 20 Credit Points einbringt. Zweitens, dass ich mit diesen Punkten die 250er-Marke knacke, also die Kategorie Silber verlasse und in den P&H Gold Club eintrete. Drittens erwarte ich, mich künftig mit Soft-Skill-Fortbildungen dieser hochnotpeinlichen Art nicht mehr herumschlagen zu müssen, denn Gold-Club-Mitglieder haben wichtigere Dinge zu tun. Vor allem tun sie sie unter besseren Bedingungen: flexiblere Arbeitszeiten, eine Infinity-Tankkarte, die den privaten Verbrauch miteinschließt, sowie drei Tage Extraurlaub, sofern der persönliche Jahresumsatz gleich bleibt oder sich steigert. Aber dabei will ich es nicht bewenden lassen. Noch vor dem Herbst werde ich mich endlich auf eine Stelle im Innendienst bewerben, um dort mitzumischen, wo die Rädchen von Wissenschaft, Forschung und Marketing ineinandergreifen. Nicht nur ist das Aufgabengebiet interessanter, weil dort Entscheidungen getroffen werden, die die Kommunikationsstrategien für den gesamten deutschsprachigen Raum betreffen. Es ist auch eine Tätigkeit, die zum Großteil in Onlinekonferenzen stattfindet und für die man nur einen Schreibtisch und stabiles W-LAN braucht.

Zwar wünscht sich Petersen, der zum Jahresende in den Ruhestand gehen und seine Position als Gebietsleitung Nördliches Schleswig-Holstein vakant hinterlassen wird, mich als Nachfolgerin, wie er ständig betont. Aber darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Ich freue mich zu sehr auf die Entschleunigung, die der neue Job verspricht. Darauf, nicht mehr jede Woche Hunderte von Asphaltkilometern zwischen Nord- und Ostseeküste herunterreißen und viele Stunden mit dem Laptop auf dem Schoß in schlecht gelüfteten Wartezimmern sitzen zu müssen – was während der Corona-Jahre eine echte Zumutung war –, sondern hauptsächlich aus dem Homeoffice zu arbeiten. Außerdem denke ich groß. An das neue Flaggschiff von P&H, das Fentanyl-Pflaster für den palliativmedizinischen Bereich, um genau zu sein. Im Marketing haben sie gerade erst angefangen, an der deutschlandweiten Marktstrategie für das Pflaster zu feilen, und dabei kann ich mit meinen Qualifikationen von entscheidendem Nutzen sein. Schließlich habe ich mich in den vergangenen Monaten nicht umsonst mit Medizinern der unterschiedlichsten Fachrichtungen über das Thema Schmerzbehandlung unterhalten und mich fast täglich nach Feierabend mit Fachaufsätzen über stark zentral wirksame Analgetika beschäftigt. Ein halbes Fernstudium. Und das wird man meinem morgigen Vortrag, der selbstverständlich als Vorab-Bewerbung zu verstehen ist, auch anmerken. Es ist für mich die perfekte Gelegenheit zu zeigen, wer in der Belegschaft das nötige Fachwissen und den zeitgemäßen Rundumblick für einen erfolgreichen Launch des neuen Premiumprodukts hat. Ansonsten bringe ich die Zeit bis zum Seminarende jetzt irgendwie hinter mich, um guten Willen zu zeigen und mir auf den letzten Metern keinen Fleck auf meiner weißen Weste einzuhandeln.

Zwanzig Punkte, wie gesagt, darüber hinaus erwarte ich von diesem Wochenende nichts. Möglich, dass hier eine gewisse Abgebrühtheit aus mir spricht, denn ich bin nun schon neun Jahre für Palmerston & Hendricks, kurz P&H, tätig – ein US-Pharmaunternehmen, ansässig in der Nähe von Boston, erfolgreich geworden in den 1980ern mit Rheumasalbe, Expansion nach Deutschland Anfang der 2000er. Inzwischen wird nahezu das gesamte Arzneimittelspektrum bedient. Ich habe angefangen mit Hustenlöser und mich innerhalb von drei Jahren hochgearbeitet zu einem breiten Portfolio mit Schwerpunkt Psychopharmaka, vor allem Tranquilizer für die Behandlung von Angst- und Panikstörungen; das beste Pferd in meinem Stall ist wenig überraschend Diazepam, früher bekannt als Valium. Für den Job im Vertrieb nutzen die meisten Kollegen zwar die Bezeichnung »Pharmareferent/-in«, oft noch mit der Ergänzung »IHK-geprüft«, aber das ist letztlich Augenwischerei – eine Kompensation für das häufig abgebrochene Studium der Medizin, Biologie oder Chemie und weil man dem Partner oder den Eltern versprochen hatte, noch etwas aus sich zu machen. Bei Lichte betrachtet tun wir nichts anderes, als sehr spezielle Produkte zu bewerben. Sind wir gut darin, werden diese vom Haus- oder Facharzt häufiger verschrieben als jene der Konkurrenz. Das gilt natürlich nur für die Ärzte, die sich grundsätzlich auf uns einlassen, keinen oder -Aufkleber an der Praxistür haben. Manche sind wirklich enervierend stolz auf ihre Unbestechlichkeit. Aber was haben sie letztlich davon? Wenig Ahnung von den neuesten Entwicklungen auf dem Markt und, schlimmer, frustrierte Sprechstundenhilfen, die auch gerne mal einen Clip-on-Schrittzähler oder einen Blumenstrauß in den P&H-Unternehmensfarben abstauben würden. Man kann halt niemanden zu seinem Glück zwingen.

Ein weiterer Anruf geht auf meinem Handy ein. Bestimmt Klaus, der wissen will, ob ich zu seinem Sechzigsten nicht doch nach Berlin kommen will. Doch als ich das Ding aus meiner Tasche gefummelt habe, zeigt das Display eine mir gänzlich unbekannte Nummer. In dem Fall wird es einer meiner Ärzte sein, der noch Fragen zu einem neuen Produkt hat, aber eigentlich nur demonstrieren will, dass er auch am Wochenende Beratung erwartet. Oder einer, der gehört hat, dass ein Kollege auf einen Kongress eingeladen wurde, und sich nun bei mir beschweren will, dass P&H ihn übergangen hat. Gerade unter älteren Medizinern hält sich hartnäckig die Idee des »kurzen Dienstwegs«, obwohl ich regelmäßig darauf hinweise, dass für solcherlei Belange unsere Marketingabteilung zuständig ist. Dort gibt es seit Kurzem einen Kollegen, der sich ausschließlich damit beschäftigt und sich Zielgruppensatisfaktionsmanager nennt.

Das Vibrieren des Handys stoppt. Gut. Ich bin sowieso nicht in der Laune für Diskussionen. Ich bin müde. Kaum zu fassen, dass sie uns um neun Uhr morgens hier antanzen lassen, weswegen ich den Wecker auf fünf stellen musste. Nur so konnte ich noch ganz normal meine Morgenrunde laufen. Diese vierzig Minuten brauche ich mittlerweile einfach, um überhaupt in den Tag reinzukommen. Außerdem sehe ich nicht ein, warum ich wegen einer Weiterbildung meinen über vierhunderttägigen Streak in der Health App unterbrechen sollte.

Es ist jetzt kurz nach elf, wie mir ein Blick auf meine Armbanduhr verrät, gegessen wird laut Plan um halb eins. Das kann ja heiter werden. Gähnend lehne ich mich in meinem Sessel zurück und betrachte die Kunstdrucke, die vor mir an der Wand angebracht sind. Rechts und links japanische Kalligrafie, schwarz auf weiß; das Bild in der Mitte zeigt einen mit wenigen Pinselstrichen angedeuteten Storch oder Kranich, weiß auf schwarz. Die Drucke komplettieren das Farbkonzept des Raums, in dem ansonsten alles, Wandfarbe, Vorhänge, Teppich, Bettwäsche, Bademantel, in Schattierungen von Hell- bis Dunkelgrau gehalten ist. Dieser Stil ist typisch für die Hotels, die Palmerston & Hendricks bucht. Minimalistisch, teuer. Sie lassen sich nicht lumpen. Wegen mir könnten wir allerdings auch woanders absteigen. Ich brauche kein ausgeklügeltes Design und auch keine Smart Technology im Zimmer. Ohnehin ergäbe es nach den Erfahrungen der letzten Jahre mehr Sinn, wir würden die Fortbildungen irgendwo auf dem Land und nicht ausgerechnet im Zentrum von Hamburg abhalten, wo ein Drittel der Leute abends verloren geht und am nächsten Morgen nicht mal mehr zum Frühstück erscheint. Aber mich fragt ja keiner.

Dass die von Human Resources mir ausgerechnet diese Fortbildung aufs Auge gedrückt haben,...


Adomeit, Janine
Janine Adomeit, geboren 1983 in Köln, studierte in München Literatur- und Sprachwissenschaft. Nach Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien sowie der Teilnahme an der Schreibwerkstatt der Jürgen-Ponto-Stiftung und der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin erschien 2021 ihr Debütroman »Vom Versuch, einen silbernen Aal zu fangen«, der mit dem Preis Debüt des Jahres des Literaturwerks Rheinland-Pfalz/Saar ausgezeichnet wurde. Janine Adomeit lebt mit ihrer Familie in Flensburg, wo sie auch als Literaturvermittlerin tätig ist und die Lesereihe TRANSIT gegründet hat.



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