Aigner | Grabenstrasse | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

Aigner Grabenstrasse

Kindheit unterm Hakenkreuz
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-8635-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kindheit unterm Hakenkreuz

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

ISBN: 978-3-7534-8635-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Autor hatte keine andere Wahl: Geboren 1933, im Jahr der Machtübernahme durch Adolf Hitler, noch dazu am 20. April, des Führers Geburtstag, erlebte er die Macht des Dritten Reichs als Grundschüler, als Pimpf beim Jungvolk und als Gymnasiast tagtäglich mit Haut und Haaren. Seine individuellen Nebenwege wurden ihm mit Hieben und Strafdienst schnell ausgetrieben. Er ordnete sich ein in die marschierenden Kolonnen, schrie aus vollem Halse >Heil Hitler<, prüfte in seinem Schulatlas die sich ausdehnenden Grenzen des Großdeutschen Reichs, glaubte an die Minderwertigkeit der Juden, der Sinti und Roma. Als Hitler sich umbrachte, ging für den jungen Gymnasiasten eine Welt zugrunde. Noch glaubte er, durch Sabotage und Diebstahl der siegenden US-Armee zu schaden. Dann kam der Wandel, der Kampf gegen Hunger und Kälte, der Aufbau eines privaten Lebensweges, Krieg und Nazi-Reich waren vergessen. Die Zeit verlief ziemlich unbeschwert, niemand wollte mehr an die Sünden der Nationalsozialisten denken. Bis 34 Jahre nach Kriegsende der Film >Holocaust< die Grausamkeiten der Braunhemden und der SS in das Bewusstsein der Deutschen hievte. Nach den Auswüchsen der Neonazis und der auch bei Schülern unverdauten Symbole eines verbrecherischen Systems wird es Zeit, die Philosophie einer unheilvollen Diktatur kennen zu lernen und zu bekämpfen. Der Irrweg des Autors in seiner Jugend ist eine Warnung für alle Demokraten dieses Landes.

Gottfried Aigner musste als Erstklässler Hitlers Bild und seine Fahne begrüßen, nach der Grundschule, im Jungvolk, Gehorsam bzw. Unterwerfung lernen. Ihm wurde eingetrichtert, dass Deutschland >mehr Raum< brauche, also erobern müsse, Menschen mit anderer Religion und Gesinnung minderwertig seien. Nach Ende des Krieges war er Kind der Leistungsgesellschaft, vergaß wie viele andere, das Waffengeklirr, das Wissen um Todeskommandos und Verfolgung. Erst Jahrzehnte später wurden die Sünden eines diktatorischen Regimes ins Bewusstsein geschwemmt. Damit begann eine Ära der Verarbeitung von Schuld sowie die Angst vor Neonazis und Verherrlichung der SS und des Hakenkreuzes. Heutzutage sollen seine Erinnerungen der Auflehnung gegen eine wieder aufkeimende, braune Saat dienen. Als erfolgreicher Reisebuchautor legte er seine üblichen Manuskripte beiseite und versetzte sich zurück in eine Kindheit, an die er eigentlich nicht mehr denken wollte.

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Ich bin der >Mann im Haus<
Der Vater ist im Krieg, also bin ich in der Familie der Mann. Auch für das leibliche Wohl muss ich sorgen. Deshalb arbeite ich in den Schulferien regelmäßig beim Bauern für Mehl, Eier und Wurst. Mit meinen acht Jahren darf ich vorwiegend die Kühe auf der Weide hüten. Meistens sitze ich im Schatten eines Baumes und lese. In dieser Zeit sind die deutschen Heldensagen meine Leibspeise, der blonde Siegfried wird mein Vorbild. Einen Drachen zu besiegen und in seinem Blute baden, dadurch unverletzt bleiben, das ist mein Traum. Die Verwundbarkeit, die durch ein auf den Rücken gefallenes Lindenblatt entstand, beschäftigt mich lange. Vielmehr, was sich seine Krimhild dabei gedacht hatte, die gefährdete Stelle auf Siegfrieds Wams mit einem Kreuzchen zu markieren. Der feige Hagen wollte Siegfried dadurch beschützen? Wo bleibt da die Logik, edles Weib? Der Kuhhirte und der Altbauer
Während ich grüble, wird an meinem Blondschopf gezerrt. Ich drehe mich um und sehe, wie meine Pudelmütze mitsamt Bommel im Maul von Lisa, der frechen Kuh verschwindet. Lisa ist schlau, sie hat einmal den unter einem Brückchen versteckten Vesperkorb entdeckt und den Marmeladentopf ausgeleckt. Ein andermal stupste sie den an einem Baumast hängenden Korb so lange mit Stirn und Horn, bis er vor ihr lag. Lisa ist auch die Lieblingskuh des Altbauern Kraft. Dieser ruft mich immer nach Feierabend in sein Zimmer, um mit mir zu ratschen. Er ist auch mein Berufsberater. Tierarzt wollte ich werden. Mein alter Freund schmunzelt. Er weiß, dass wir Jungen auf dem Feld mit der Heugabel Speerwurf üben, um Feldmäuse aufzuspießen. Beim nächsten Jagdglück soll ich eine Maus bringen und sie mit seinem scharfen Messer zerlegen, um die Organe zu bestimmen. Jetzt will ich doch lieber Lokomotivführer oder Flugkapitän werden. Als ich mich etwas zerknirscht verabschiede, ruft mir der Altbauer noch zu: „Deine Pudelmütze liegt unten an der Haustür. Deine Lieblingskuh mochte sie nicht, Wolle schmeckt einem Wiederkäuer nicht.“ Unten lag ein zusammen gepresstes Wollknäuel, jetzt vollkommen ungeeignet, über die kalten Ohren gezogen zu werden. Aber warum hat der Alte Wiederkäuer gesagt? War meine Kopfbedeckung etwa schon im Magen des Rindviehs? Und was wohl das Wort Wiederkäuer bedeutet? Ich verschiebe die Antwort auf den nächsten Besuch beim Altbauern. Jetzt ist es wichtiger, mir eine neue warme Wintermütze zu beschaffen. Bei einer anderen Gelegenheit frage ich den klugen Bauern, ob er Juden kenne. Bei uns sind alle ausgewandert, meint er, im >Völkischen Beobachter<, der Lokalzeitung vom August 1942 sei gemeldet worden, dass die Kreisstadt jetzt >judenfrei< sei. „Den Juden hat das Hohenloher Land jedenfalls viel zu verdanken“, murmelt der Alte vor sich hin. „Der Bankdirektor Israel Landauer ist schon 1913 mit 70 Jahren in Gerabronn gestorben. Ihm ist der Bau der Gerabronner Turnhalle zu verdanken, 1882 die Gründung der Molkerei, 1889 der Hohenloheschen Preserven-Fabrik Schüle Hohenlohe und der Anschluss an die Eisenbahnlinie von Blaufelden nach Langenburg“. Die letzten Landauer, Alfred und seine Mutter Else, seien dann 1932 nach England ausgewandert. Nachdenklich verabschiede ich mich, packe meinen Hamstersack und schlendere nach Hause. Jüdischer Förderer: Israel Landauer gründete die Hohenloher Suppenfabrik Schüle und damit viele Arbeitsplätze Der größte Heroenkampf beginnt
Am nächsten Tag gebe ich die Juden-Bücher zurück. Ich bleibe ratlos, leihe lieber andere Jugendbücher, die ich besser verstehe. Begeistert bin ich von >Wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren<, kann ich es doch nicht erwarten, endlich auch als Pimpf durch das Städtchen zu schreiten. Und weil wir mitten im Krieg sind, ein Sieg nach dem anderen gemeldet wird, ziehe ich mir mit Lust Text und Bilder von >Wir schlagen den Feind< rein. Der Feind ist jetzt die Sowjetunion, sind die von Juden beherrschten Bolschewisten, hatten Hitler und Goebbels gesagt. Es ist Mitte September 1942, die deutschen Soldaten beginnen den Angriff auf die Industriestadt Stalingrad, den größten Heroenkampf unserer Geschichte, wie Reichsmarschall Hermann Göring verkündet. Sem, Ham und Jafet
In diesem Jahr, es ist 1942, wird es früh kalt, schon im Oktober fällt der erste Schnee, der allerdings nicht liegen bleibt. Die Lehrerin schickt uns nach Hause, damit wir einen Pullover überziehen. Die Heizung funktioniert nicht, der stets besoffene Hausmeister hat vergessen, den Keller mit Kohlen zu füllen. Und der Kanonenofen im Klassenzimmer gibt mit ein paar Scheitern Holz kaum Wärme ab, qualmt nur vor sich hin. Ich darf die Fenster öffnen, damit wir frische Luft bekommen. Eine Gelegenheit, wieder das Treiben der Bauernfamilie gegenüber dem Schulhaus zu betrachten. Jäger heißen sie, aber alle sagen Sim zum Kleinbauern. Er ist ein großer, grobschlächtiger Mensch, der meistens gebeugt über die Straße schlurft. Und weil ich im Alten Testament gelesen habe, dass Noah mit 500 Jahren die Söhne Sem, Ham und Jafet gezeugt hat, necken wir den Alten immer wieder mit diesen biblischen Namen, was Sim in Rage bringt. Wir rennen aber stets davon, er kann uns nicht folgen, droht nur mit dem Krückstock. Durch das geöffnete Fenster können wir gelegentlich sehen, wie seine junge Frau den von der Gicht Geplagten massiert und mit Salbe einreibt. Ich muss jeden Monat einmal an Jägers Haustür klopfen und für meinen Vater einen Versicherungsbeitrag kassieren. Ich bleibe meistens am Eingang stehen, weil es im Haus unangenehm nach Kampfer riecht, Bestandteil der Heilsalbe gegen Gicht und Rheuma. Im Zusammenhang mit dem biblischen Necknamen kommt irgendwann der Gedanke, ob Sem vielleicht Jude sei. Elisabeth kennt sich aus, der Vater von Sem ist Metzger, hat einen Fleisch- und Wurstladen an der Rathausecke, er und seine Frau seien regelmäßige Kirchengänger. Pech gehabt, wieder habe ich keinen Juden gefunden. Kalter Winter mit drastischen Folgen
Der kalte Winter naht mit großen Schritten. Hitlerjungen ziehen von Haus zu Haus, fragen nach Winterbekleidung und Decken. Alle Frauen sind aufgerufen, für unsere Helden bei Stalingrad warme Socken, Schals und Handschuhe zu stricken. Die Mädchen in den Schulen bekommen ebenfalls die Aufgabe, im Fach Handarbeit für unsere Helden zu arbeiten. Die Lehrerin versucht, auch uns Jungen für die komplizierte Maschenkunst zu begeistern. Ich habe das Gefühl, die Finger zu brechen und werfe nach mehreren Versuchen und Blessuren mit den fünf Stricknadeln das Gestrick in die Ecke. Außerdem finde ich es eine Zumutung, einen Jungen, der bald im Jungvolk marschiert, mit der weiblichen Fadenumschlingung zu belästigen. Gnädig lässt die Lehrerin im Zeugnis hinter der Sparte Handarbeit eine Lücke, ein Ungenügend hätte das sonst angenehme Notenbild gestört. Zu Hause kommt Nachbar Krüger gerne zur Strickstunde, um von der Front zu erzählen. Er wurde mit einem >Heimatschuss< auf Urlaub geschickt. Das ist eine schwerwiegende Verletzung, die nur in der Heimat behandelt werden kann. Krüger hat wegen seiner schlimmen Beine die Chance, nicht mehr an der Front verwendet zu werden. Er ist skeptisch, meint, dass der Kampf um Stalingrad verloren wird. Die Soldaten hätten keine warme Kleidung, der Nachschub mit Munition und Lebensmittel funktioniere nicht mehr. Ich kann dem Menschen nicht mehr zuhören, will ihm nicht glauben. Für mich ist er ein Feigling, einer, der den Treue-Eid zum Führer bricht. Ich bin sicher, unsere germanischen Herrenmenschen werden die verlausten Bolschewiken in die Steppe treiben. Schicksalskampf Stalingrad
Eines Abends komme ich von Freunden zurück und höre schon an der Haustür ein höllisches Pfeifen und Quieken. Krüger hockt am Rundfunkkasten und presst das Ohr gegen den Lautsprecher, Mutter stützt ihre Unterarme auf seine Schultern und lauscht gespannt. Dann eine Melodie und der Hinweis: Der Schweizer Rundfunksender Beromünster bringt auf Mittelwelle unabhängige Informationen für das deutschsprachige Europa. Und er behauptet, die Lage der deutschen Truppen um Stalingrad sei hoffnungslos. Krüger verlangt von mir absolutes Schweigen, Mutter droht mit Schlägen, wenn ich mit anderen Leuten darüber rede. Langsam wird mir klar, hier wird ein Feindsender abgehört, das ist verboten, wer erwischt wird, landet im Gefängnis. Ich kann in der Nacht in meiner ungemütlich kalten Dachbude kaum schlafen. Soll ich den Ortsgruppenleiter über die Verräter informieren? Soll ich die Kiste mit dem hetzenden deutschfeindlichen Sender mit dem Hammer zertrümmern? Die Mutter mitsamt ihrem neuen Freund hinter Gitter bringen? Ich gebe mir Aufschub. In der Schule herrscht Unruhe. Eigentlich soll eine Klassenarbeit in Mathe geschrieben werden. Doch wir wollen Radio hören. In Stalingrad 6) soll es heiß zugehen. Haben da noch andere Beromünster angezapft? Der Kalender zeigt den 8. November. Der Radiosprecher berichtet...



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