E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Albath Der Geist von Turin
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-949203-04-6
Verlag: Berenberg Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Pavese, Ginzburg, Einaudi und die Wiedergeburt Italiens nach 1943
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-949203-04-6
Verlag: Berenberg Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Maike Albath, geboren 1966 in Braunschweig, lebt in Berlin. Sie hat mehrere Jahre in Turin und Padua gelebt und ist eine der profiliertesten Kennerinnen der italienischen Gegenwartskultur.Ihre Arbeit als Literaturkritikerin wurde 2003 mit dem Alfred-Kerr-Preis belohnt.
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AUTOS und FABRIKEN.
MUSSOLINIS Aufstieg
Der Autobus Richtung Lingotto fährt vom Bahnhof Porta Nuova ab. Vor dem Bahnhofsgebäude mit seinem großen Rundfenster setzen sich die Arkaden der Via Roma fort, und wie an fast jeder Ecke in der Innenstadt staunt man über die architektonische Geschlossenheit der Straßenzüge. Seit 1621 wachte eine Behörde über die Pläne der Architekten und achtete darauf, dass die berühmten Baumeister die Formensprache respektierten. Die savoyischen Könige wollten einen hohen Stil. Schließlich war Turin eine moderne Residenzstadt mit einem großen Verwaltungsapparat, und überall sollte es wie bei einem Fürstenpalast Kolonnaden, Säulenordnungen, Blickachsen und Gliederungen der Fassaden geben. Das konnte nicht einmal Paris bieten. Alles wurde bedacht, auch die Auflockerung der kühlen Linearität durch Kirchen, kleine Parks, Springbrunnen oder Plätze mit Reiterstandbildern. Hundert Jahre dauerte die Bauzeit, und man kann Tage damit verbringen, nach den Abstufungen zwischen der Klarheit im Stil Palladios, den kurvigen Schleifen des Barock und den strengen Proportionen des Klassizismus zu suchen. Selbst vom Bus aus verfängt sich der Blick in geschwungenen Portalen und Kapitellen. Auf der Via Nizza werden die Wohnhäuser nach und nach bescheidener. Hier baute der Ingenieur Giacomo Matté-Trucco, ein Vertreter des Rationalismus, ab 1916 im Auftrag von Giovanni Agnelli nach dem Vorbild der Ford-Niederlassung in Highland Park, Michigan, eine neue Fabrik. Sie bekam den Namen des Viertels, in dem sie lag. 1923 wurde der Lingotto eingeweiht. Das über fünfhundert Meter lange, fünfstöckige Gebäude mit den großen Fensterreihen, zwei Ecktürmen und einer Teststrecke auf dem Dach wurde zu einem Symbol für den technischen Fortschritt. Streng, klar, konzentriert, so wirkt es noch heute. Die Fabrik war für die neue Serienproduktion gedacht und funktionierte nach dem Prinzip der vertikalen Fertigung: auf jeder Etage wurde eine Etappe der Herstellung durchlaufen, vom Erdgeschoss bis zu den Fließbändern im fünften Stock und der Probefahrt ganz oben. Über dem Eingang prangt immer noch der Schriftzug »Fiat«, die Abkürzung für , obwohl der Lingotto inzwischen ein Einkaufszentrum und ein Hotel beherbergt.
Für die Turiner stellte der Lingotto in den zwanziger Jahren die ungeheure Modernität ihrer Stadt unter Beweis. In der Autozeitschrift hieß es: »Am Ende der Vorortstraße, wo die letzten kleinen Fabriken und die Baustellen der neuesten Häuser liegen, erheben sich die Fiat-Werkstätten in ihrer architektonischen Folgerichtigkeit. Ein unvergleichlicher Bau in hellen Farben, der durch die Einfachheit seines Äußeren das Prinzip der Ordnung verkörpert. (…) So wie der Stil einer Kirche: diese Fabrik hat die Suche nach dem Göttlichen in einem bestimmten Moment der Geschichte vollendet. Sie ist beinahe ein Hafen, ein riesiges Arsenal mit zwei quadratischen Türmen.« Mit fast sakraler Andacht betrachtet der Journalist die Anlage. Die Fensterfronten erinnern ihn an die Augen eines riesigen Tieres: »Am Morgen, beherrscht von den Blicken großer Glasaugen, in denen sich der Gleichmut der Gerechtigkeit spiegelt, warten die Arbeiter an den zyklopischen, höhlenartigen Mauern. Sie sprechen nicht, sie bewegen sich nicht, wie es sonst bei jeder Ansammlung von Menschen der Fall ist. Sie warten. Alles wurde bereits befohlen, sie können nichts daran ändern. Sie gehorchen einem Befehl, der nicht dem menschlichen Willen entspricht, sondern einer Weisheit, die schon durch das Gesetz gebeugt wurde.«
Der Lingotto flößte Respekt ein. 18.000 Arbeiter waren in der Anlage beschäftigt. Diese Massen wirkten wie Vorboten einer neuen, moderneren Gesellschaft. Der Sozialist Piero Gobetti, einer der klügsten und interessantesten Köpfe der Turiner Linken, schrieb in seiner Zeitschrift kurz vor der Einweihung des Gebäudes: »Wegen der emsigen Anstrengungen einer kleinen, intelligenten Gruppe von Industriekapitänen (die Einzigen, die sich – im ökonomischen Sinne des Wortes – bürgerlich nennen dürfen) gab es bei Kriegsausbruch in Turin, zumindest anfänglich, eine tatsächlich moderne Industrie. Der Krieg brachte mehr Arbeit. Durch Giovanni Agnelli, einen einsamen Helden des modernen Kapitalismus, entstand eines der tragfähigsten Unternehmen unseres Landes: Fiat. Die Fabrik regte einen Wandel des städtischen Lebens an. (…) Während der Kriegsjahre wurde Turin zur Industriemetropole : Es handelte sich um eine aristokratische Industrie, die durch eine hervorragende Auswahl von Geist und Fähigkeiten in den Händen weniger genialer Männer lag, eine hoch spezialisierte Industrie, die zu einer unverzichtbaren Keimzelle des wirtschaftlichen Organismus wurde. Durch die Ausweitung auf das gesamte Land hätte diese Industrie der Nation den Charakter eines modernen Staates geben sollen.« Gobetti, Jahrgang 1901, wollte an das Gedankengut des Risorgimento anknüpfen und mit seinen Zeitschriften eine neue politische Klasse prägen. Immer wieder nahm er die Intellektuellen in die Pflicht, beklagte das Fehlen einer politischen Führungsschicht und stellte sich öffentlich gegen den aufkommenden Faschismus. Ihm schwebte eine liberale Revolution vor. Als Region, von der die italienische Einigung ausgegangen war, trage das Piemont eine besondere historische Verantwortung, meinte Gobetti. Dass Turin 1861 der erste Parlamentssitz und dreieinhalb Jahre lang sogar die Hauptstadt des vereinigten Königreichs Italien gewesen war, hing mit Graf Camillo Benso di Cavour (1810–1861) zusammen, Minister von Sardinien-Piemont, dem großen Architekten der Einheit. Nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 errichtete Cavour auf der piemontesischen Verfassung ein parlamentarisches System, betrieb eine moderne Wirtschaftspolitik und säkularisierte das Königreich. Der pragmatische Piemontese favorisierte eine monarchistische Lösung und setzte sich für einen italienischen Verfassungsstaat unter der Krone der savoyischen Könige ein. Mit dem romantischen Furor der republikanisch-demokratischen Gruppierungen um Giuseppe Mazzini wollte er allerdings nichts zu tun haben. Stattdessen köderte er Napoleon III. und gewann mithilfe der französischen Armee die Doppelschlacht von Solferino und Magenta gegen die Habsburger. Gegen alle Absprachen vereinbarte Napoleon III. mit Österreich einen Vorfrieden, wodurch die geplante Aufteilung Italiens hinfällig wurde. Aber jetzt erhoben sich die Honoratioren in der Toskana, in Modena, Parma und der Emilia Romagna. Nach der Einigung von oben und dem Anschluss Mittelitaliens stach der Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi im Mai 1860 mit seinem Zug der Tausend in See und eroberte Sizilien und den gesamten Süden. Nur in Rom regierte unter dem Schutz französischer Truppen weiterhin der Papst. Im Frühjahr 1861 trat das neue Parlament in Turin zusammen, und Vittorio Emanuele di Savoia nahm den Titel »König von Italien« an. Das piemontesische Statut von 1848 wurde zur Grundlage der Verfassung, Italien war vereinigt, aber es war eine Nation ohne Sprache. Wenn heute über die verspätete Einigung und die eigentümliche Spaltung zwischen Norden und Süden nachgedacht wird, gerät dies meistens vollkommen in Vergessenheit: Nur 2,5 Prozent der Bevölkerung beherrschten das Hochitalienische. Auch in den gebildeten Schichten war Italienisch keine Selbstverständlichkeit, weshalb man sich im Parlament zunächst auf Französisch verständigte. Immerhin gab es mit Dante, Petrarca, Boccaccio und Manzoni eine italienische Literatur. Bei 75 Prozent Analphabeten – im Süden des Landes waren es sogar knapp 90 Prozent, im Piemont und der Lombardei 54 Prozent – änderte das nichts an der dramatischen Lage, und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde in den Grundschulen vorwiegend Dialekt gesprochen. Gerade die piemontesischen Politiker setzten sich für Bildungsoffensiven ein. 1921 war der Analphabetismus im Piemont unter 13 Prozent gesunken, während er in Mittel- und Süditalien immer noch 50 Prozent überschritt.
Als Agnelli das Gebäude an der Via Nizza einweihte, existierte Fiat seit über zwanzig Jahren: 1899 hatte eine Gruppe autoverrückter Aristokraten und Geschäftsleute das Unternehmen gegründet. Nach einer tumulthaften Anfangsphase war der Rechtsanwalt Agnelli alleiniger Besitzer geworden. Der Erste Weltkrieg gab dem Unternehmen einen starken Impuls, den der Unternehmer klug auszunutzen wusste. , wie er in Italien genannt wird, ist die Wasserscheide in der politischen Geschichte des Landes und die Voraussetzung für den Aufstieg Mussolinis. In den fünfzehn Jahren vor dem Ersten Weltkrieg hatte der liberale Piemontese Giovanni Giolitti (1842–1928) mit seinem virtuos praktizierten , einer Politik, bei der die oppositionellen Kräfte an der Macht beteiligt wurden, die Linie des jungen Nationalstaates bestimmt. Trotz seiner Neigung zum Klientelismus war Giolittis Innenpolitik relativ aufgeklärt. Der Ministerpräsident befürwortete einen sogenannten »organisierten« Kapitalismus, hatte durch...




