E-Book, Deutsch, 252 Seiten
Alexander Das letzte Saatkorn
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-347-98661-9
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Horrorgeschichten
E-Book, Deutsch, 252 Seiten
ISBN: 978-3-347-98661-9
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Matthias Alexander wurde in Köln geboren und lebt dort. Schon früh hat er sich für das Lesen und Erzählen von Geschichten begeistert. Durch das Cthulhu-Rollenspiel kam er erstmals mit moderner Horror-Literatur in Berührung und brennt seitdem für dieses Genre. Seine Kurzgeschichten- Sammlung ("Das letzte Saatkorn") ist das erste Wagnis einer Veröffentlichung. Matthias Alexander freut sich über Kontaktaufnahmen und steht gerne für jede Frage oder Anregung zur Verfügung.
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Sammler
-1-
Der rostbraune Lada knatterte und stotterte über die Autobahnabfahrt nordwärts. Lars saß auf der Rückbank und zählte die Punkte an der Wagendecke, wie es seine Mutter zur Eindämmung der Langweile vorgeschlagen hatte. Er war acht Jahre alt und sein sechsjähriger Bruder Björn war neben ihm eingedöst. Der Kururlaub an der See brach an und langsam stieg ein vertrauter Duft nach Salz und Dung in seine Nase. Mutter Regine wandte sich vom Beifahrersitz nach hinten und zwinkerte ihm zu. Ihre rotbraunen Locken hatte sie zu zwei Zöpfen geflochten. Blau-türkise Augen und Sommersprossen tummelten sich auf ihrem Möhrensaft-Teint.
Vater Wolfgang trug ein fliederfarbenes Hawaiihemd und darunter eine feingliedrige Goldkette.
Seine Sonnenbrille war fast so schwarz wie sein dichter Vollbart.
„Der Junge braucht vielleicht Hilfe“, zischte Regine. „Der Psychologe hat gesagt…“
„Heutzutage wird doch aus jedem Problem eine Krankheit gemacht“, knurrte sein Vater. „Lars ist nur ein Spätzünder. Das ist alles.“
Wie jedes Kind verabscheute es Lars, wenn Erwachsene sich unterhielten, als sei er nicht im Raum. Oder zu beknackt, um der Unterhaltung zu folgen, deren Gegenstand er war.
Sie reisten jetzt schon einige Jahre in die Ferienanlage Lürsen, in Carolinensiel an der Nordseeküste.
Lars hatte letztes Jahr seinen Sandbohrer vergessen und hoffte, ihn auf dem hofeigenen Spielplatz wiederzufinden. Wolfgang drückte eine Kassette ins Radio und Phil Collins‘ In the Air tonight tönte aus den knarzigen Boxen. Lars spähte aus dem Fenster. Die ersten typisch friesischen Häuser zogen hinter knorrigen Obstbäumen vorbei. Er war in die jüngste Tochter des Hofes vernarrt. Ihr Name war Astrid.
„Wann sind wir endlich da?“ Björn rieb sich das rechte Lid und klemmte sein Kuschelkissen unter den Gurt. Er schielte und sein linkes Auge war mit einem Pflaster abgeklebt.
„Es ist nicht mehr weit, mein Lieber.“ Sagte ihr Vater. Seine Stimme hatte wieder den gewohnt grollenden und doch sanften Ton angenommen.
Lars schwieg noch immer und sortierte Panini-Sticker für das Album der kommenden Europameisterschaft. Die Mutter wandte den Kopf zurück und lächelte ihn an. „Freust Du Dich auf die vielen Kinder?“ Lars nickte. „Ich möchte Panzer sammeln“, flüsterte er schließlich. „Panzer sammeln.“
„Aber du musst die Überbleibsel immer
herausschaben, kratzen und pulen.
Sonst fangen sie an zu riechen.“
Mutter hob den Zeigefinger und lächelte verschmitzt. Der Geruch nach Gülle schwoll an und sie tuckerten über Landstraßen, die von üppigen Ulmen flankiert wurden, und vorbei an Schäfchen zur Linken.
Lars freute sich, die Tiere zu füttern.
Noch mehr freute er sich auf Astrid.
Am meisten jedoch auf die Panzer.
Schließlich bog der Wagen in die Zufahrt zum Hof ein. Sie waren angekommen. Alles war wie im Jahr zuvor.
Die Familie besuchte am ersten Abend ein Konzert des Shantychors von Carolinensiel.
Bärtige Greise mit Seemannsmützen gaben sonor ihre Lieder zum Besten. Seine Eltern schlürften Jever und Köm und stimmten nach zwei geleerten Tulpengläsern in den Refrain des Chors mit ein. „Moin Moin, Moin Moin […] Oh Jonny, Jonny, Jonny, komm mal ran, komm mal ran… “In der Reederei Albrecht speisten sie zu Abend. Die Dämmerung ergoss sich in feurigem Orange über den Horizont und Lars blickte wie erstarrt auf das Schauspiel. Er aß ein Brötchen mit Fischfrikadelle, trank dazu eine Capri-Sonne und zum Nachtisch ein Wassereis mit Orangengeschmack.
Die Ferienwohnung hatte ein rustikales Ambiente. Von der Decke baumelten ein halbes Dutzend Klebefallen, die von schwarzen Stubenfliegen übersät waren. Erschöpft von der Reise und belebt von der Luft des Kurorts, schlief er friedlich ein.
Als Lars im Morgengrauen erwachte, lehnte sein Vater in einem Schaukelstuhl auf der Veranda, hatte die Beine übereinandergelegt und schmauchte sein Pfeifchen. Lars inhalierte die Rauchkringel, setzte sich auf den Faltstuhl daneben und schaute auf Vaters Gesicht. „Na Kumpel“, lachte er ihn an, „bereit für den ersten Tag am Strand?“
Lars nickte. Und eine trockene Traurigkeit kullerte aus den Augen seines Vaters.
„Panzer sammeln.“
-2-
Zwei Tage später hatte sich Lars wieder an den Urlaubsort gewöhnt, mit all den wohltuenden Sinneswonnen. Wo das Meer zu Ende war, umspielte eine salzige Nordseebrise sanft seine Nase und Lars nahm einen tiefen Schluck. Überall ragten Burgen aus dem Sand. Lars hatte vor dem Strandkorb eine Grube gebuddelt, die nicht von plündernden Kindern eingerissen werden konnte.
Er hatte seiner Mutter versprochen, in Sichtweite zu bleiben und sich von der Wehrmauer fernzuhalten. Bewaffnet mit einem geflochtenen Korb und einem Schmetterlingsnetz aus hellgrünem Leinen, marschierte er ins Watt hinaus.
Lars wich den Feuerquallen aus und watete durch den sonnengewärmten Schlick. Einen Augenblick hockte er sich hin und griff tief hinein, ließ den klebrigen Schlamm zwischen den kleinen Fingern matschen und zu Boden tropfen.
Er blinzelte in den fernen Horizont, wo Fischkutter hinter der dunklen Wehrmauer entlangzogen. Das Sonnenlicht schien in seinem Rücken und ein Schatten eilte ihm voraus.
Lars stellte sich vor, was der Kutter heute gefangen haben mochte. Vielleicht eine Seeschlange oder Riesenkrabbe, womit sie die kleinen Kinder erschreckten, die mit an Bord waren. Seine Panzersammlung war in den vergangenen Ferientagen beträchtlich angewachsen und trocknete auf dem Kaminsims der Ferienwohnung.
Ein scheuer Blick zurück zum Strand. Lars war weiter ins Watt vorgedrungen, als jemals zuvor. Die Umrisse der übrigen Wanderer erkannte er nur schemenhaft; kleine Schatten, die sich vorbeugten und ihre Schattenbilder fotografierten. Lars wollte sich immer schon im Watt eingraben, doch Mutter hatte es nicht erlaubt.
Etwas gedankenverloren strauchelte er fort, und mit einem erstickten Stöhnen, wie es für ein Kind seines Alters tapfer war, stieß er sich den rechten Zeh.
Er biss sich auf die Unterlippe und wischte die Träne aus den Wimpern, als hätte sie nicht existiert.
Einen Augenblick lang hielt er inne und ließ sich auf seine zitronengelbe Badehose in den Schlamm fallen.
Lars sank mit dem Hinterkopf ein paar Zentimeter ein. Die Schatten am Horizont waren winzig wie Ameisen und ein kräftiger Nordwind zerzauste ihm wüst das Haar. Unter seinem Zehennagel staute sich Blut und er sog es mit den Lippen heraus.
Dann entdeckte er voll Staunen seinen Stolperstein.
Er hatte die Größe einer Herdplatte und war bis zur Oberkante eingesunken. Eine dicke Salzkruste überzog den ganzen Stein und dunkelgrüner Seetang schlängelte sich glitschig durch seine Furchen. Sorgsam befreite er die kantige Oberseite von den Algenschlieren und tastete mit den Händen die Muster ab. Ein kleiner Schrecken fuhr über seine zarten Wirbel. Zwar war der Stein verwittert, doch erkannte er die Inschriften klar.
Es zeigte ein greises Menschenhaupt, umrankt von zahllosen Schlingen und mit einem Fischleib. Auf dem Kopf eine dreizackige Krone. Selbst auf den Außenkanten waren kunstvolle Hieroglyphen eingemeißelt.
Ein Jauchzen entglitt seiner Kehle, als er gleich neben der Steinplatte das imposanteste Exemplar eines Krabbenpanzers fand, das er jemals gesehen hatte. Er schien geradewegs aus seinen toten Fühlern auf Lars zurück zu starren. Der Panzer war dicker als seine Faust. Fast so groß wie die Scherbe und gesprenkelt mit einer feinen Schicht Grünbelag.
Lars gluckste und hob ihn vorsichtig aus dem Watt. Er hatte auf ihn gewartet. Ein fremdes Kribbeln marschierte durch seinen Darm. Der Junge packte die reliefartige Scherbe in seinen Flechtkorb. Dann zückte er sein Schweizer Taschenmesser.
Er schabte, kratzte und pulte vorsichtig die fauligen Überreste aus dem Panzer. Außen glänzte er in gemasertem Elfenbein und im Innern spielte ein Schuss warmer Ocker. Feine Gischt umspülte Lars‘ Füße und die Wellen brandeten höher.
Dieser Panzer und die Scherbe hatten auf ihn gewartet. Er verstaute seine Beute und schlenderte, nicht ohne ein Lied auf den Lippen, gemütlich zurück. Zeilen des Großvaters kam ihm in den Sinn.
Wir sammeln Lumpen, Eisen, Silber und Papier. Ausgeschlagene Zähne sammeln wir.
Am Strand angekommen schimpfte ihn seine Mutter fürchterlich aus. Sie hatte den Strandwart alarmiert. Als er ihr seinen Fund präsentierte, rang ihr das ein Lächeln ab und sie streichelte Lars die Wange.
Sie verriegelten den Holzverschlag des Strandkorbs und brausten sich den Schlamm von den Füßen, bevor es wieder zum Abendessen kam. „Und vergiss nicht Lars, Du musst die Reste stets heraus schaben, kratzen und pulen, sonst fangen sie an zu riechen“.
-3-
Am...




