E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Alfare Terrain
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-902844-69-9
Verlag: Luftschacht
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-902844-69-9
Verlag: Luftschacht
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stephan Alfare, geb. 1966 in Bregenz/Vorarlberg, 1987-1990 Reisen nach Ex-Jugoslawien, Griechenland, Italien, Frankreich und in die Türkei, von 1990-1996 Sargträger in Wien, lebt heute ebendort als freier Schriftsteller. Titel bei Luftschacht: Terrain (Roman, 2013) Der dritte Bettenturm (Roman, 2011), Meilengewinner (Roman, 2008), Das Schafferhaus (Roman, 2006), Karl Heinz Zizala hat Krebs (Roman, 2001), Das Begräbnis (Erzählung, 1999), Maximilian Kirchberger stellt seinen Koffer vor die Tür (Kurzgeschichten, 1998), Und so, wie mich alle anstarren,... genau so sehe ich aus. (Kurztexte, 1996)
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1
Die Zeiger des batteriebetriebenen Weckers im Bücherregal standen auf siebzehn Uhr drei. Und der Wecker war nicht stehen geblieben, darüber wunderte sich der Mann. Acht Monate sind eine lange Zeit.
Auf dem Schreibtisch stapelte sich die Post.
Tina hatte sich um die Post gekümmert, alle paar Tage den Briefkasten geleert, und sie hatte die Wohnung in Ordnung gebracht. Die Küche geputzt, das Badezimmer, die Toilette. Das Bettzeug gewechselt. Der Staub, das Leergut, eine Menge Glas waren verschwunden, keine Stöße von Altpapier mehr. Einzig das Zimmer mit dem Bücherregal war im selben Zustand, wie er es zurückgelassen hatte, Anfang November im vergangenen Jahr.
Jetzt war der Sommer da. Juli, der siebte Juli.
Die Bücher, schief aneinandergelehnt, gestapelt, oder sie lagen kreuz und quer übereinander. Die Zeitschriften, die alten Videokassetten, die CDs, gereiht oder geschichtet auf dem Bretterboden. Die aufgetürmten Manuskripte, der Laptop auf dem Schreibtisch, ein holzummanteltes Henry-Closs-Tivoli-Radio, das er vor Jahren erstanden hatte in diesem spezialisierten Elektrogeschäft.
– Damit werden Sie noch viel Freude haben!
Der Ladeninhaber hatte gestrahlt wie ein Goldstück.
Und er, sonnentrunken damals. Verliebt. Er wäre beinahe über eine sündteure Hifi-Anlage gestürzt, auf dem Weg zur Kasse auf dem Ladentisch. Aber der Ladeninhaber sollte recht behalten.
Der Mann, der Asch hieß, lächelte, als er das Radio anknipste.
FM4.
Er drehte am Regler.
Öl, die Fünf-Uhr-Nachrichten. Der Wetterbericht, er horchte nicht hin. Dann die Kennmelodie des Kulturjournals, die Sprecherin, er horchte nicht wirklich hin. Er setzte sich an den Schreibtisch, verschränkte die Arme und blieb eine Weile einfach so sitzen. Sah sich um, sah die Bilder an den Wänden. Er betrachtete das hundert Jahre alte Kruzifix in der Ecke, das elende Gesicht, die Stichwunde, ein zerfetztes Lendentuch.
In der Küche öffnete er den Kühlschrank. Verstaute die Lebensmittel, die Getränke aus dem Supermarkt. Es war ein sonderbares Gefühl gewesen. Dieselben Kassiererinnen, doch keine der beiden hatte ihn wiedererkannt.
Acht Monate sind eine lange Zeit.
Unbestreitbar hatte er an Gewicht verloren, sein Haar war kurz geschoren, und er war müder geworden gegenüber dem letzten Jahr, das Bewegen in Freiheit nicht mehr gewohnt. Er zitterte. Er versuchte das alles zu verbergen, indem er tat, als schlenderte er, sich Mühe gab, dass es nicht aussah, als stützte er sich auf seinen Einkaufswagen, was er doch tat. Auch musste er sich erst wieder zwischen den Regalreihen zurechtfinden. Acht Monate sind eben eine lange Zeit.
Ganz zum Schluss hatte er noch eine Fünferpackung mit Manner-Schnitten in den Einkaufswagen gelegt, und jetzt schälte er eines der Nussschnittenpäckchen aus dem Zellophan und trennte die Lasche auf. Setzte sich zurück an den Schreibtisch, mit einer Dose Cola, und er schlang die Schnitten hinunter, eine nach der anderen. Süßigkeiten waren etwas Neues. Bis vor acht Monaten war ihm Zucker verhasst gewesen. Wenn schon Kaffee, wenn überhaupt, dann schwarz und ohne Zucker.
Mit zitternden Fingern drehte er eine Zigarette. Riss ein Streichholz an, rückte den steinernen Aschenbecher zurecht. Und nach zwei oder drei Zügen klemmte er die Zigarette in den Aschenbecher, spitzte mit dem Kokainmesserchen das angebrannte Streichholz an, um das Hölzchen als Zahnstocher zu benutzen. Er begab sich ins Schlafzimmer, wo der Spiegelschrank war, öffnete den Mund und stocherte Reste von Waffelbrei zwischen den gelbbräunlichen und kaputten Zähnen hervor. Links unten, wo eine Plombe fehlte, füllte ein Klümpchen aus Nusscreme den Zahn.
Udo Asch blickte zum Fenster hinaus und hinunter auf die Thalhaimergasse. Der Verkehr am frühen Abend, Menschen, die von der Arbeit kamen. Fleißige und ehrgeizige Menschen. Arme Menschen, die Morgen für Morgen früh raus mussten. In den vergangenen Monaten hätte er gern mit einem von ihnen getauscht. Heute nicht mehr. Heute wollte er nichts als seine Ruhe haben. Und so sollte es bleiben. Die nächsten Tage, Wochen, Monate, das ganze nächste Jahr, ein Leben lang, wenn ihn jemand danach fragte. Er lehnte am Fensterbrett, rauchte und lächelte.
Das Stück Haschisch kam ihm in den Sinn, drüben im Spiegelschrank. Er drückte die Zigarette aus und kippte das Fenster, ging nochmals ins Schlafzimmer, öffnete die Schranktüren und langte nach oben. Ganz hinten lagen die gelbe Haarbürste und der elektrische Rasierapparat. Rechts war ein lederner Beutel, in dem er die Geldscheine aufbewahrte, die großen Scheine. Und das Haschisch. Er griff nach dem Beutel, öffnete ihn. Euroscheine hatte er keine erwartet. Aber er hatte mit Schwarzem Afghanen gerechnet. Der Lederbeutel war leer.
Er überprüfte den Schreibtisch. Die Post, die Notizbücher, die -zettel neben dem Laptop, die Wörterbücher und das Radio, Schreibzeug, das Kokainmesserchen, der Leatherman. Die Dose Brookfield-Tabak aus dem Laden an der Ecke, Streichhölzer, der Aschenbecher, viel mehr gab es nicht. Ob sie’s mit nach Hause genommen hat? Und weswegen? Tina rauchte weder Haschisch noch Marihuana. Sie rauchte Chesterfield. Hatte sie es ihm weggenommen, weil sie dachte, das sei besser für ihn?
Durchaus möglich.
Sein Handy war ihm abhandengekommen. Er musste nach unten. Zur Telefonzelle neben dem Postamt. Fraglich, ob der Münzsprechapparat überhaupt funktionierte. Und er wurde nervöser. Er suchte nach ihrer Nummer in dem zerfledderten Notizbuch, fand die Nummer, trennte die Seite heraus, faltete sie, steckte sie ein und steckte eine Handvoll Münzen in die Hosentasche, nahm den Aufzug nach unten.
Der Münzsprechapparat war intakt. Er drückte die Nummer in die Tasten und lehnte sich an die Seitenwand der Zelle, den Hörer am Ohr, den linken Ellbogen auf den Apparat gestützt. Und hielt den Atem an, lauschte dem Freizeichen und wartete.
Nach dem sechsten Klingeln meldete sie sich. Er stieß den Atem aus.
– Udo hier. Hast du vielleicht mein Material eingesteckt?
– Welches Material?
Er antwortete nicht.
– Ach so. Nein, hab ich nicht. Ich hab’s versteckt. Hab’s in den Pappkarton gegeben, drüben im Schlafzimmer. Dort, wo deine alten Tabakspfeifen sind.
– Das ist gut so. Vielen Dank, sagte er. Schönen Abend noch. Er hängte den Hörer ein, fischte ein Fünfzig-Cent-Stück aus der Rückgabeschale, überquerte die Herbststraße, die Sonne stach von Westen her die Straße entlang. Er eilte, so gut er eben konnte, durch den Innenhof mit dem ausgetrockneten Brunnen und den Vögeln aus Stein, wo die Kinder mit Tretrollern fuhren oder Fangen und Fußball spielten.
Betrachtete sich im Spiegel in der Aufzugskabine, während ihn der Lift nach oben zog.
Das Stück Haschisch steckte in der Pfeifentasche mit den drei oder vier ausgemusterten Pfeifen seines Vaters, die ihm dieser überlassen hatte, weil Asch damals mit dem Zigarettenrauchen aufhören und es stattdessen mit der Pfeife versuchen wollte. Er fingerte den Brocken aus dem Täschchen und roch daran, klebte zwei Zigarettenblättchen aneinander, öffnete die Tabaksdose, und je mehr er sich konzentrierte, desto heftiger zitterten seine Finger. Er zwang sich, an etwas anderes zu denken. An Tina zum Beispiel. Und dass sie sich während seiner Abwesenheit um die Rechnungen, die Zahlscheine gekümmert hatte. Und er dachte an den Gummibaum, der in der Ecke stand, auf dem Bretterboden rechts unter dem Fenster. Er hatte Tina gebeten, die Pflanze zu gießen, nicht allzu oft, weil das nicht nötig war. Er sah nach dem Baum.
Einzelne Blätter an der Spitze und unten am Stamm, die nicht verdorrt waren, jedoch schlaff herunterhingen. Dazwischen war alles abgestorben, abgefallen. Und er vergaß die Zigarettenblättchen, den Tabak, die Droge, drehte den Verschluss von der Wasserflasche und tränkte die Pflanze ordentlich und redete ihr gut zu. Ihm fiel nicht auf, dass er nicht zitterte, während er die Pflanze goss.
Dann bröselte er einige Krümel Haschisch in den Tabak, nicht viel, vermischte beides, hob das Ganze an, und da zuckte seine linke Hand weg, einmal, zweimal, so dass die Mischung auf der Schreibtischplatte landete.
– Herrgott noch mal!
Er war laut. Und er schwitzte. Hier oben im Dachgeschoss mochte die Temperatur dreißig Grad betragen, womöglich noch mehr.
Der zweite Versuch.
Es war dasselbe.
Nun zitterte er am ganzen Körper.
Der dritte, der vierte Versuch.
Meine Nerven sind völlig zerschlagen!
Die Zigarettenblättchen zerrissen. Er zerknüllte die Blättchen, unterdrückte seine Wut, legte die kleine papierene Kugel in den...




