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E-Book, Deutsch, 288 Seiten, eBook

Amis Das Rachel-Tagebuch


1. Auflage, neue Ausgabe 2015
ISBN: 978-3-0369-9314-0
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 288 Seiten, eBook

ISBN: 978-3-0369-9314-0
Verlag: Kein & Aber
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Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Charles Highway, ein intellektuell präpotenter, vor Energie, besonders sexueller, nur so strotzender Neunzehnjähriger aus der englischen Provinz, kommt ins Swinging London und hat bald nur noch eins im Sinn: die coole Rachel in sein Bett zu kriegen.
Das preisgekrönte Debüt eines unvergleichlichen Autors!

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Sieben Uhr zwanzig:


LONDON


Jetzt schaue ich mich im Zimmer um, und es wirkt wie ein ganz geselliger Ort: mit den zwei Weinflaschen, dem gedämpften Licht, der lustlosen, aber beruhigenden Gegenwart von Papier und Büchern. In Highways London, einem von meinen Notizbüchern, kann man nachlesen, dass ich das Zimmer an jenem Septembersonntag »bedrückend« fand, »mürrisch wegen all seiner Vergangenheit, in blassem Trotz zusammengekauert, als ich mich umwandte und es betrachtete«, an diesem Sonntag im September. Liebe Zeit. Ich war wohl damals stark stimmungsabhängig oder hatte größere Achtung vor meinen Stimmungen, ich glaubte eher, sie seien irgendwas wert.

Natürlich hassen wir alle – falls man sich auf Philip Larkin verlassen darf – unser Zuhause und hassen es, uns dort aufhalten zu müssen.

Es war gewiss schön, aus dem Haus zu kommen, und wenn ich so daran denke, kam ich mir recht aufgekratzt und männlich vor, als ich das haselnussübersäte Landsträßchen zum Dorf entlangging. Der Bus nach Oxford ging erst in einer Viertelstunde oder so, also zog ich ein wohlverdientes Bier im Pub und plauderte mit dem Wirt und seinem kaputten Eheweib, Mr und Mrs Bladderby. (Interessanterweise hat Mrs Bladderby eine noch kaputtere Mutter, die achtzig war und der darüber hinaus noch kürzlich bei einem kleinen Ausflug irgendeine grauenhafte Agrarmaschine das linke Bein eingeschluckt hatte; sie war viel zu debil, um am Schock zu sterben, tatsächlich hatte sie das fürchterliche Picknick seither gar nicht mehr erwähnt. Jetzt residierte Mrs Lockhart in dem Zimmer über der Wirtsstube und knallte ein verzogenes Billardqueue auf den Boden, wenn sie etwas brauchte.) Als Mrs Bladderby verschwand, um einer solchen Mahnung nachzugehen, wies Mr Bladderby mit einem Kopfrucken auf meine Koffer und fragte, ob ich wieder verreisen würde.

Ich hielt ihn hin, bis die Dame des Hauses zurückkam, und erklärte dann, dass mein Umzug nach London (obwohl ich ja ganz zweifellos ein degeneriertes Aristosöhnchen und ein verzogener kleiner Schnösel war) nichts mit einer Abneigung gegen sie beide oder das Dorf zu tun hatte – noch weniger war er ein Symptom meiner Abkehr vom ländlich-sittlichen Glück usw. Ich gab zwei Gründe an: Der erste hieß »Studium«, was mir eine Miene grimmiger Zustimmung bei Mr Bladderby eintrug, der zweite lautete: »weil ich meine Schwester besuchen will«, worauf mich Mrs Bladderby wohlwollend anfunkelte. Als ich ausgetrunken hatte und auf die Uhr schaute, ließen sie mich anscheinend mit aufrichtigem Bedauern ziehen, und zwei von den alten Dauerarbeitslosen des Ortes schauten auf und sagten: »Wiedersehen.« Ich schloss die Tür vorsichtig und war mir keinen Augenblick im Zweifel, dass einer von ihnen nun sagen würde: »Der Charles, also Scheiße noch mal, ich muss echt sagen, ein netter Junge.« Und der andere: »Das mein ich auch, das ist ein, Scheiße noch mal, netter Junge.«

Und ganz zu Recht. Wenn ich nun zurückschaue, dann scheint mir »Selbstverliebtheit« eigentlich ein völlig unangemessenes Wort. Es ist gar nicht an dem, dass ich mich selbst besonders schätze oder liebe – eher bin ich sentimental, was meine Person angeht. (Ist das eigentlich normal für jemanden in meinem Alter?) Was denke ich denn über Charles Highway? Ich denke: »Charles Highway? Ach, den kann ich gut leiden. Ja, der alte Charles hat bei mir einen Stein im Brett. Der ist schon in Ordnung, der Charlie. Der Chuck, der ist … okay

Die Busfahrt war ebenfalls etwas Schönes. Ich saß ganz vorn, um den dicklichen, streng dreinschauenden Fahrer zu beobachten, dessen Verbindung von lauernder Konzentration und instinktiver Grandezza auch recht sehenswert war. Gute Laune durchrieselte mich immer stärker, wie eine Droge – ich lächelte die anderen Fahrgäste an, schaute interessiert aus dem Fenster und war dem Busgesellschaftsangestellten gegenüber höflich und entgegenkommend, reichte ihm das abgezählte Fahrgeld und sprach mein Fahrtziel klar und deutlich aus.

Dabei war dies ja keine ausgesprochen epochale Reise. Vielleicht kam es einfach daher, dass ich vor meinem Aufbruch dieses Mädchen angerufen hatte: Gloria.

Der Bahnhof in Oxford, vor Kurzem dergestalt modernisiert, dass er jetzt wie ein Komplex ineinander geschachtelter Hamburgerrestaurants aussah, hatte eine ernüchternde Wirkung. Die Zeitungskioske waren geschlossen, also zog ich ein Taschenbuch aus meinem Koffer. Ich saß angemessen weit entfernt vom Fenster, während Zimmer mit Aussicht die ganze Strecke bis zur Ankunft ungeöffnet neben mir lag.

London ist der Ort, den die Leute aufsuchen, um später von dort resigniert und klüger zurückkehren zu können. Aber ich war ja schon dort gewesen – war erst vor drei Wochen von dort zurückgekommen.

Als mein letztes Schulzeugnis kam, drückte mir mein Vater gewichtig-launig fünfundsiebzig Pfund in die Hand und meinte, ich solle »verdammt noch eins mal aus England abhauen und es mir gut gehen lassen«. Vorgeschlagen wurde ein warmes, gesundes Land, in dem ich eine Weile bleiben könnte; ansonsten hatte ich freie Hand. Ein Junge, den ich kannte, fuhr die Woche darauf nach Spanien, also gab ich ihm einen schwatzhaften Brief voller Neuigkeiten mit, den er von dort an meine Eltern abschicken sollte. Dann brach ich mit Geoffrey (einem gleichgesinnten Freund) in die große Stadt auf.

Wir machten einen Monat lang Quartier in Belsize Park, in der Wohnung einer gewissen Miss Lizzie Lewis – Geoffreys Schwester, deren Karriere als Schauspielerin sie während der Sommersaison zum Tingeltangel in ein Feriencamp in Port Talbot verschlagen hatte. Es war ein Monat, an den ich immer mit einer Art pickliger Verträumtheit zurückdenke. Ein Monat voll billigem Rotwein und Herumlungern in Coffeebars, voll Geflipper und Partyaufreißen, Mädchenjagd und feuchten Tagträumen, grellem Schweißgeruch und staubigen Nachmittagen – man wurde von gespenstischen Hippies verladen und genoss bewusstseinserweiternde Drogentrips à la Schweinskotelettkotzen und Fleischbrühendurchfall. Er endete an einem Morgen Mitte August, als ich abwesend auf die rhythmisch wogende Fläche zwischen meinem Bauch und dem Bauch eines Mädchens hinuntersah, das ich zu dem Zeitpunkt gerade bürstete (in verschwitztem, verkatertem Zustand, sollte ich hinzufügen). Was ich erblickte, waren Dreckwürmchen – wie sie ein Arbeiter hervorbringt, der nach der Mühe des langen Tages nach Haus marschiert und dabei die schwieligen Hände aneinanderreibt, dass der überschüssige Schmutz sich zu kleinen schwarzen Spänen kräuselt, die er sich ungeduldig von den Handflächen wischt. Nur kamen die hier auf unseren Bäuchen zustande und waren insofern viel größer, wie ganz junge Aale.

Zum Mittagessen am nächsten Tag war ich wieder in Oxford, wo ich fieberhafte Geschichten über Spaniens regenreichsten Sommer seit dem Krieg erzählte – daher meine Blässe. Meine Eltern teilten mir jedoch mit, dass ich in der letzten Juliwoche in der Portobello Road »gesehen worden war«. Dies bestritt ich, und ich brachte sie dadurch zum Schweigen, dass ich mich wesentlich kränker stellte, als es der Fall war – nicht, dass es viel brauchte, sie zum Verstummen zu bringen. (Da war auch noch die Frage eines kleinen Abschiedsgeschenks von der jungen Dame – meiner Würmchenkomplizin –, was aber eine andere Geschichte ist.)

Der Zug kam gegen halb neun in Paddington an. Der Bahnhof, leer an einem langen Wochenende, schien überaus groß, hallte usw., und ich hoffte, es würde mir nicht auf einmal ganz unheimlich und hemingwaymäßig. Seltsam (nein?), wie deutlich ich mich hieran erinnere – viel deutlicher als an die Ereignisse der letzten paar Wochen.

Ich beschloss am Ende, ein Taxi zu nehmen, und redete mir ein, dies liefe indirekt auf eine große Ersparnis hinaus, weil ich es mir dann nicht leisten konnte, Gloria auszuführen. Der Abend würde mich demgemäß nicht mehr kosten als einen gehäuften Löffel vom Nescafé meiner Schwester. Außerdem war es viel, viel zu spät, um mit der U-Bahn zu fahren, ohne von Betrunkenen angeschrien beziehungsweise von Skinheads kastriert zu werden. Als das Taxi die Rampe Richtung Innenstadt hinauffegte, entspannte ich mich auf dem Rücksitz und übte flüsternd diverse Intonationen der mittleren Unterschicht, für meinen Schwager. Hinter den dunkel getönten Scheiben spähte ich den vielen Mädchen nach, die in dunkelroten T-Shirts und weißzotteligen Fellwesten die Durchgangsstraßen von Paddington und Notting Hill Gate bevölkerten.

Ich war Norman Entwistle, dem furchterregenden Mann meiner Schwester, erst zweimal begegnet. Ich sah ihn nun zum dritten Mal, als ich den ansteigenden Gehweg zu seinem Haus am Campden Hill Square heraufkam. Hätte er nicht so viel Lärm gemacht, wäre er mir vielleicht ganz entgangen.

Norman befand sich in der Krone des Baumes, der mitten in dem schmalen Vorgarten stand. Es sah irgendwie aus, als versuchte er, sich selbst in der Mitte durchzusägen – ein Vorhaben, das ich ihm nach seinen früheren Auftritten durchaus zugetraut hätte. Beide Beine und ein Arm waren um einen Ast geschlungen. Die freie Hand benutzte er, um den Ast in rhythmischem Auf und Ab am Ansatz abzutrennen. Der Ast, offensichtlich abgestorben, befand sich etwa zwei Meter über dem Erdboden.

Ich blieb stehen. »Wenn du den Ast durchsägst«, bemerkte ich, »fällst du herunter.« Norman ignorierte mich. Ich konnte einen Teil seines Gesichts undeutlich erkennen; es war in mörderischer Anspannung verzerrt.

»Auf die Erde«, erläuterte ich.

Ich sah ihm ein paar Sekunden lang zu, dann ging ich zur Haustür und klingelte. Die Tür wollte sich gerade...


Kalka, Joachim
Martin Amis, geboren 1949 in Swansea, ist einer der bedeutendsten englischen Gegenwartsautoren. Er ist der Verfasser von vierzehn Romanen, sechs Sachbüchern und zwei Kurzgeschichtensammlungen. Für sein Romandebüt »Das Rachel-Tagebuch« (1973) erhielt er den Somerset Maugham Award. Zu seinen bekanntesten Werken zählen weiterhin »Gierig« (1984), »London Fields« (1989) und »Pfeil der Zeit« (1991). Martin Amis lebt in New York.

Amis, Martin
Martin Amis, geboren 1949 in Swansea, ist einer der bedeutendsten englischen Gegenwartsautoren. Er ist der Verfasser von vierzehn Romanen, sechs Sachbüchern und zwei Kurzgeschichtensammlungen. Für sein Romandebüt »Das Rachel-Tagebuch« (1973) erhielt er den Somerset Maugham Award. Zu seinen bekanntesten Werken zählen weiterhin »Gierig« (1984), »London Fields« (1989) und »Pfeil der Zeit« (1991). Martin Amis lebt in New York.

Martin Amis, geboren 1949 in Oxford, war einer der bedeutendsten englischen Gegenwartsautoren. Er ist der Verfasser von vierzehn Romanen, zwei Kurzgeschichtensammlungen und sechs Sachbüchern. Für sein Romandebüt (1973) erhielt er den Somerset Maugham Award. Zu seinen bekanntesten Werken zählen weiterhin (1984), (1989), (2015) und sein Essayband (2018). Bei Kein & Aber erschien zuletzt sein autobiografischer Monumentalroman (2022). Martin Amis starb 2023 in Lake Worth, Florida. 

Joachim Kalka ist Autor mehrerer Essay-Bände sowie Übersetzer von Autoren wie Anthony Burgess, Gilbert K. Chesterton und Bret Easton Ellis.



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