E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Ammon Darker Things
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-522-65434-0
Verlag: Planet! in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Liebe zwischen den Welten
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-522-65434-0
Verlag: Planet! in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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Kapitel 1
LEJLA
Zusammen mit Endra verließ ich das Klassenzimmer. Wieder einen Tag geschafft. Zumindest den schulischen Teil davon.
»Hey Mädels«, tönte es von hinten.
Ich schaute mich um. Mein Ex löste sich von der Wand neben der Tür. Hatte er da gewartet?
»Wir gehen noch zum Rhein – bisschen chillen, Musik hören und so.« Er zwinkerte mir zu, als er auf uns zukam.
Auch Endra drehte sich um. Bestimmt lag der gleiche dämliche Ausdruck auf unseren Gesichtern.
»Ähm …« Ich räusperte mich und folgte ihm mit dem Blick, als er an uns vorbeiging und sich zwischen uns und der Treppe aufbaute, die in die Eingangshalle führte.
»O nein, richtig …« Er holte mit dem Arm aus und fasste sich theatralisch an die Stirn. »Lejla kann ja gar nicht, sie muss Wände schrubben.« Er trat zur Seite und verbeugte sich tief, um uns den Weg zum Treppenabgang zu weisen.
»Sehr witzig«, fauchte ich und ging an ihm vorbei. Natürlich stand seine Clique schon an der obersten Stufe versammelt und beobachtete das Schauspiel. Allen voran Zacharias, oder Zecke, wie Endra ihn nannte, weil er ihr krankhaft nachgestellt hatte, als Lars und ich noch zusammen gewesen waren. Nun war die große Liebe verflogen, genau wie bei Lars.
Marie war natürlich auch da. Sie hielt sich in letzter Zeit immer in Lars’ Nähe auf.
»Tja, Babe, nächsten Sommer vielleicht.«
Abrupt blieb ich stehen und drehte mich wieder zu ihm um. Sein fieses Grinsen brannte sich in mein Gedächtnis. »In der Gruppe bist du stark was?«, sagte ich und zwang mich, ihm in die Augen zu schauen. »Das ist echt armselig, Lars. Ich habe dich anders kennengelernt.«
Er verzog den Mund, während sein Blick finster wurde. »Deine Aktion war auch ganz schön armselig, Lejla«, sagte er, meine Stimme nachäffend.
Dem wusste ich leider wenig entgegenzusetzen, außer einem noch armseligeren: Ich war das nicht. »Punkt für dich«, murmelte ich.
Endra stand mit zusammengepressten Lippen neben mir. Ich berührte sie am Arm, zum Zeichen, dass es Zeit wurde zu gehen. Den Blick stur geradeaus gerichtet, ging ich an der Meute vorbei, die Stufen hinunter. In der großen Halle angekommen, ging das Gelächter in unserem Rücken allmählich in der Geräuschkulisse der nach Hause strebenden Schülerschar unter, in der wir nun auch vor den Blicken der Gruppe abtauchten.
»Ich würde ihm ja den Kopf so was von waschen. Du brauchst nur was zu sagen«, sagte Endra.
»Das würde doch nichts bringen.«
Meine Freundin seufzte. »Ich weiß. Das Karma wird es auf seine Weise regeln.«
»Richtig«, gluckste ich.
Endra stieß die Eingangstür der Schule auf und frische Luft kühlte mein heißes Gesicht. Toll, ich war also zu allem Übel auch noch rot geworden. Jetzt konnten sie den ganzen Abend über mich lachen.
Wir gingen die paar Stufen vor dem Haupteingang hinunter Richtung Fahrradunterstand.
»Wenn ich jemals herausfinde, wer mir das alles eingebrockt hat – ich werde ihn …« Ich schüttelte den Kopf.
»Was auch immer dir Wüstes durch den Kopf geht, ich bin dabei.« Meine Freundin grinste mich an, was die aufkeimende Wut sogleich milderte.
Ich umarmte sie und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Du bist die Beste.«
Mit einer routinierten Kopfbewegung warf Endra die langen schwarzen Haare über die Schulter zurück. »Hast du eigentlich schon mal daran gedacht, dass es vielleicht Lars selbst gewesen sein könnte?«
»Das glaube ich nicht. Warum sollte er? Ich meine …«
»Ich sage nur, es könnte sein. Jemandem, der per Textnachricht Schluss macht, traue ich alles zu.«
Ich stöhnte auf. Es tat noch immer weh, und das ärgerte mich am meisten.
»Oder es war Marie«, überlegte ich laut. »Die hat es schon so lange auf Lars abgesehen. Sie hasst mich, weil ich ihn ihr weggeschnappt habe.«
»Aber wie kam sie zu der Spraydose mit deinen Fingerabdrücken drauf?« Endra schürzte die Lippen. »Das klingt für mich eher nach Lars. Du hast doch bestimmt schon viele seiner Dosen in der Hand gehabt.«
»Marie könnte sie bei ihm mitgenommen haben.«
»In der Hoffnung, dass da deine Abdrücke drauf sind?«
»Ach, keine Ahnung.« Ich seufzte. »Seine Graffitis sind ihm heilig. Und das war sein erster legaler Auftrag. Er war so stolz drauf. Hat wochenlang an den Entwürfen gebastelt …« Ich biss mir auf die Unterlippe. »Ich glaube nicht, dass er da selbst drübergesprayt und damit sein eigenes Kunstwerk zerstört hat. Und warum sollte er mir überhaupt etwas anhängen wollen? Er hat doch Schluss gemacht.« Unnötigerweise schnürte mir der Gedanke die Kehle zu. »Wie auch immer, nach der Geschichte kommen wir auf jeden Fall ganz sicher nie mehr zusammen.«
»Sei froh«, kam es postwendend von der Seite.
Ich schaute zu meiner Freundin.
»Er hat per WhatsApp Schluss gemacht«, wiederholte sie und schloss ihr Fahrrad auf.
»Ich weiß«, jammerte ich. »Ich war dabei.«
»Sorry!« Endra ließ die Schultern sinken. Sie kam zu mir hinüber und zog mich in die Arme. »Es macht mich nur so wütend, wie er mit dir umgeht. Ich will nicht, dass du ihm nachtrauerst, das hat er nicht verdient.«
»Ich trauere ihm nicht nach.«
»Deine Aura sagt was anderes.«
Ich zog den Moosachat aus der Hosentasche. Einen Heilstein gegen Liebeskummer, den Endra mir gegeben hatte. »Ich habe ihn immer dabei. Da wird nicht getrauert. Glaub mir.«
Endra seufzte. »Der Stein stellt das nicht automatisch ab. Er hilft dir nur, damit klarzukommen.«
»Ja, ich weiß. Und es geht mir ja auch schon viel besser. Ehrlich!«
Sie lächelte, ging zu ihrem Rad zurück und zog es zwischen den anderen hervor. »Ich bin froh, wenn er dir hilft.«
Auch ich holte mein Rad und stellte die Tasche in den Korb. »Jetzt brauche ich nur noch etwas, das mir die Graffitis von alleine wegputzt. Gibt es dafür auch Steine?«
Endra kicherte. »Mach dich nur lustig.«
»Na ja, hätte ja sein können. Dann wenigstens etwas gegen Muskelkrämpfe und Schwielen? Oder gegen Kopfschmerzen wegen der giftigen Dämpfe?«
»Ja sicher, gegen das gibt es bestimmt was. Zum Beispiel kann ich Magnesium gegen Muskelkrämpfe empfehlen – ist auch ein Mineral«, fügte sie grinsend an.
Ich lachte auf, bevor ich wieder ernst wurde. »Danke.«
»Wofür jetzt?«
»Dass du immer für mich da bist. Und dass du mir glaubst. Du weißt gar nicht, wie viel mir das bedeutet.«
»O Mensch, Lejla.« Meine Freundin stellte das Rad nochmals hin und umarmte mich erneut. »Das ist doch selbstverständlich. Die ganzen Behauptungen machen doch überhaupt keinen Sinn. Ich kenne dich. Du würdest so was nie tun.«
Ich drückte sie an mich.
»Wir hören uns später, ja?«, sagte sie und löste sich dann von mir.
»Auf jeden Fall.«
Nachdem Endra davongefahren war, machte ich mich auf den Weg zur Zweigstelle »Spray-Ex« vom Tiefbauamt Basel-Stadt. Dort musste ich die Sozialstunden ableisten, während Lars mit Marie Eis essen ging oder am Rhein chillte. Meine Finger krampften sich um den Lenker und ich trat kräftiger in die Pedale.
Das Schlimmste war nicht mal, dass ich unschuldig verurteilt worden war, damit hätte ich mich abfinden können. Immerhin war ich schon so viele Male mit einem blauen Auge davongekommen. Was wirklich an mir nagte, war der Ruf der rachsüchtigen Verlassenen, der mir nun anhaftete und den ich in all den Augen sah, die mir viel zu auffällig überallhin folgten.
Mit Schwung bog ich in das Dreispitz-Areal ein und hielt auf den grauen quadratischen Bau mit den ebenso quadratischen Fenstern zu. Das Rad stellte ich im Hof vor dem Eingang ab, nahm die Tasche aus dem Korb und stürmte die Treppe hoch.
Als ich das Büro meines Betreuers betrat, saß ein schlanker Mann, der mir hier noch nie begegnet war, auf dessen Stuhl. Seine Haut war blass, fast grau, was ihn in der dunklen Kleidung krank aussehen ließ.
»Lejla Sander?«, fragte er, den Blick auf mich gerichtet. Ich stand in der Tür und konnte nichts anderes tun als zurückstarren.
»Mein Name ist Validin Dunahr, ich vertrete heute Herrn Ammer. Er ist leider krank.« Seine Stimme vibrierte in mir, als wäre mein Körper ein Resonanzboden. Was für ein ungewöhnlicher, scheppernder Klang. Als er sich erhob und auf mich zukam, wich ich instinktiv einen Schritt zurück.
»Dann wollen wir mal«, sagte er und schaute auf das Notizboard in seiner Hand. Er hob die oberste Seite an und nickte. »Genau«, kommentierte er das Gelesene. »Wir haben heute einen Auftrag in einem privaten Gebäude.«
Wie ein Schatten huschte die lange Gestalt an mir vorbei und ich war unschlüssig, ob er komisch, unheimlich oder einfach durchgeknallt war. Auf jeden Fall hoffte ich, er würde nicht den ganzen Nachmittag an meiner Seite kleben.
Ich folgte ihm die Treppe hinunter, über den Hof bis zum orangefarbenen Lieferwagen des Tiefbauamtes. Der war schon vollbeladen mit Reinigungsutensilien und Schutzkleidung. Ich kletterte neben Validin auf den Sitz und schnallte mich an.
Mein Aushilfsbetreuer schwieg während der gesamten Fahrt, genau wie das Radio. An den Ampeln ertappte...




