Andere / Riedel | Jenseits der Sterne | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Andere / Riedel Jenseits der Sterne

Fantastic Aid Projekt
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7504-5565-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Fantastic Aid Projekt

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

ISBN: 978-3-7504-5565-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das "Fantastic Aid Projekt" wurde ins Leben gerufen, um Hobbyautoren eine Bühne und eine Möglichkeit zur Veröffentlichung zu bieten, und gleichzeitig einen Beitrag im Kampf gegen den Krebs zu leisten. 11 Autoren mit insgesamt 16 Geschichten tummeln sich in dieser Sammlung, deren kompletter Erlös der Deutschen Kinderkrebshilfe zugute kommt. Vom kurzen Krimi bis hin zur düsteren Horrornovelle wird dem Leser hier alles geboten, was das literarische Herz begehrt. mit Geschichten von: Michael Aufleger, Alexander Blumtritt, Robert Grains, Eileen Grunert , Johannes Harstick, Philipp Knespel, Michaela Mejta, Hagen Neumann, Philipp Riedel, Anke Säurig, Ingo Spang

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Sedisvakanz


Er hielt das Telefon schon etwa eine halbe Stunde in der Hand. Eine Schweißschicht hatte sich auf dem schwarzen Plastik des Hörers verteilt, doch er registrierte sie kaum. Es war bestimmt kein Angstschweiß, und vielleicht war er nicht einmal das Ergebnis übermäßiger Anspannung. Er wusste genau, was er zu tun hatte, doch er wollte sich sicher sein. Er sich sicher sein. Matteo Bertani arbeitete mit Dingen, bei denen es verheerend sein konnte, wenn man sich nicht zu einhundert Prozent sicher war.

Der Fernseher vor ihm, in dem sich Matteo sonst nur die Spiele der Serie A anschaute, zeigte zwei in Schwarz gekleidete Männer. Sie standen auf einem Balkon. Der eine von ihnen schien ein Geistlicher zu sein, der andere hatte lediglich einen einfallslosen Geschmack, was die Farbe seiner Anzüge betraf und einen ausgesprochenen Ehrgeiz, möglichst ungeschickt mit dem Mikrofon in seiner Hand herumzuwedeln. Hinter den Beiden leuchteten die Lichter einer italienischen Vorstadt, die Bertani von einigen Besuchen her kannte.

Castel Gandolfo hatte nie zu seinen liebsten Reisezielen gehört, doch hatte Matteo es irgendwie als berufliche Pflicht empfunden, dem kleinen Ort am Albaner See hin und wieder einen Besuch abzustatten.

Bertani hatte den Ton des Fernsehers ausgeschaltet. Ihm war klar, worüber die zwei Gestalten dort vor ihm schwafelten. Sie hätten ihm nichts berichten können, das er nicht schon wusste, schon längst wusste, wahrscheinlich sogar lange bevor dieser Knabe mit dem Mikrofon zum ersten Mal seine Windel schmutzig gemacht hatte.

Stattdessen hätte Matteo etwas erzählen können, aber das hätten sie wahrscheinlich nicht vertragen. Unbedarfte Menschen vertrugen diese Dinge selten besonders gut. Vielleicht weil sie nicht in das Bild einer Welt passten, in der man mit ein und demselben Gerät seine Mutter anrufen und abartige Videos aus dem Internet anschauen konnte. Vielleicht aber auch, weil unbedarfte Menschen solche Dinge bereits vor hunderten von Jahren aus ihrem kollektiven Bewusstsein vertrieben hatten.

, überlegte Matteo.

Matteo starrte auf das Telefon in seiner Hand. Sein Daumen strich über die Plastikknöpfe, doch er wählte nicht. Noch war es nicht soweit, auch wenn diese letzten Minuten des Wartens einer reinen Formalität glichen. Alles streng nach Vorschrift.

Der Ablaufplan war seit Jahrhunderten nahezu unverändert und hatte sich nur in Details an die Umstände der jeweiligen Zeiten angepasst. Natürlich boten die modernen Kommunikationsmittel Bertani Vorteile, von denen der Großteil seiner Vorgänger nur geträumt hatte, doch wer war er, dass er sich über den Grundsatz heiliger Traditionen hinwegsetzte?

Der Fernseher zeigte inzwischen das geöffnete Tor eines Villenkomplexes, das von zwei Gardisten der Schweizer Garde bewacht wurde. Die Residenz des Papstes wurde von unzähligen Menschen belagert, die alle auf den einen Moment warteten, von dem sie nicht einmal im Ansatz wissen konnten, was er wirklich bedeutete.

Eine Uhr in der rechten oberen Bildschirmecke sprang auf fünf Minuten vor acht. Es war der 28. Februar 2013, und in wenigen Minuten würde der Papst sein Amt niederlegen, der Heilige Stuhl leer sein und die dunklen Stunden würden beginnen.

Matteo fragte sich, ob Benedikt XVI wusste, was in den folgenden Tagen passieren würde. Er bezweifelte es. Die katholische Kirche stand schon seit vielen Jahrzehnten in keinem direkten Kontakt mehr zu der Organisation, der Bertani angehörte. Man hatte weltlichere Probleme, um die man sich kümmern musste. Matteo bedauerte diesen Umstand nicht besonders, er machte vieles unkomplizierter.

Sowieso hatte die Kirche schon immer eine eher untergeordnete Rolle gespielt. Das Amt des Papstes war das Entscheidende. Es war ein heiliges Amt, da waren sich alle Beteiligten einig. Doch die wahre Weihe dieses Amtes, die okkulte Bedeutung, die ihm zu Grunde lag, war wesentlich älter als die katholische Kirche, älter als jede heute noch existierende Religion und, so vermutete Bertani im Geheimen, älter als jede menschliche Kultur, die der Wissenschaft bisher bekannt war.

In der Geschichte der Kirche hatte es wohl kaum jemanden gegeben, der die Wahrheit kannte. Der Evangelist Matthäus deutete ein Wissen an, als er schrieb: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“

Doch schon Papst Zephyrinus, der den heiligen Stuhl am Ende des zweiten Jahrhunderts besetzte, hatte, soweit Bertani das beurteilen konnte, keine Ahnung mehr davon, was sein Amt für das Gleichgewicht der Mächte in Wirklichkeit bedeutete. Dieses Wissen war auch nicht notwendig, denn die Existenz des Amtes war wichtig, ob der, der es bekleidete, nun „Papst“, „Fels“ oder „Hohepriester“ genannt wurde. Wieso genau würde wohl niemals ein Mensch begreifen können, auch nicht Matteo, doch er brauchte es auch nicht zu verstehen. Er war für die Zeit zuständig, in der niemand das heilige Amt innehatte. Er war ein Hüter der Übergänge, ein Wächter der Tore, ein Protectoari.

Die kleine Uhr auf dem Fernsehbildschirm zeigte nun 19.58 Uhr. Vor dem Tor der päpstlichen Villa drängten sich einige hundert Menschen. Niemand von ihnen schien zu ahnen, was der Welt bevorstand. Die Gardisten standen weiterhin reglos da, so als würden sie dies auch noch die nächsten fünf Stunden tun müssen.

Matteo griff nach seiner Taschenlampe und einem Schlüsselbund, der aussah als sei er vor einigen hundert Jahren das letzte Mal verwendet worden. Die Uhr sprang auf 19.59 Uhr.

Er steckte Lampe und Schlüsselbund in die Tasche seiner Lederjacke, ohne dabei den Telefonhörer wegzulegen. Dann begann er zu wählen. Er tippte die Nummer wie selbstverständlich auf dem Tastenfeld ein, auch wenn er sie in seinem Leben erst zwei Mal hatte wählen müssen. Er kannte sie besser als den Namen seiner Mutter, besser als den eigenen.

Es dauerte nicht lange, bis das vertraute Tuten aus der Leitung kam. Als am anderen Ende abgenommen wurde, zeigte der Fernseher 20.00 Uhr und die Gardisten begannen das Tor zu schließen.

Matteo sagte nichts und auch die Person am anderen Ende der Leitung blieb stumm, nur das angespannte Atmen eines jungen Mannes war zu hören.

, dachte Matteo.

In diesem Moment hatten die Gardisten das Tor geschlossen und waren gerade dabei, ihren Wachposten an die Carrabinieri zu übergeben. Als der Wachhauptmann seine Hellebarde an die Wand neben das Tor hängte, hielt Matteo den Atem an. Papst Benedikt hatte sein Amt beendet. Die Sedisvakanz hatte begonnen, die Zeit, in der der heilige Stuhl leer war.

„Ich sehe den leeren Stuhl!“, sagte Matteo ins Telefon und er hörte plötzlich Geräusche, tief unter ihm in den Kellergewölben.

Die Stimme des jungen Manns zitterte, als er die Worte sprach, die durch tausende von Generationen überliefert waren: „Ich höre das Gepolter der Türen.“

„Dann beginnt es wieder“, seufzte Matteo. „Sie wissen, was zu tun ist?“

„Ja“, antwortete der junge Mann, er klang nun etwas sicherer.

„Gut, informieren Sie die anderen und dann machen Sie, was Sie gelernt haben!“

„Verstanden.“ Der junge Mann legte auf.

Matteo atmete tief durch und vergewisserte sich noch einmal, dass sich der Schlüsselbund in seiner Tasche befand. Er war nicht mehr der Jüngste und 314 Stufen wollte er nicht ein Mal zu viel hinauf- und hinuntersteigen, nur wegen eines liegengelassenen Schlüssels. Als er das kalte Metall zwischen seinen Fingern spürte, stand er auf. Unten polterte es wieder. Das Amulett an seiner Brust, welches er vor vielen Jahrzehnten von seinem Vorgänger erhalten und seitdem keine Minute mehr abgelegt hatte, begann plötzlich leicht zu vibrieren.

, dachte Matteo.

Langsam ging er in den Keller. Seine Knie taten ihm weh, es würde wohl Regen geben. Hier unten erinnerten die archaischen Fundamente ihn daran, wie alt dieser Ort eigentlich war. Dort, wo sich heute ein unscheinbares Landhaus in den Schatten der Voralpen verbarg, hatte vor 800 Jahren eine kleine Festung gestanden, vor 2000 Jahren ein Tempel. Und davor? Wer wusste das schon?

Dieser Ort war alt, genauso wie viele andere Orte auf diesem Planeten. Und so wie all die anderen Orte, diente auch dieser hier seit je her nur einem Zweck: dem Schutz, der Beobachtung der Portale.

Der junge Mann, mit dem Matteo noch vor wenigen Minuten gesprochen hatte, lebte auf einer Insel vor der irischen Küste. Ein Steinkreis stand in seinem Garten. Auch er würde jemanden anrufen, jemanden im Outback Australiens, soviel Matteo wusste. Und auch von dort würde die Kette weitergehen, doch wohin genau, das hatte Matteo eigentlich nie...



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