E-Book, Deutsch, 250 Seiten
Andrack Das neue Wandern
11001. Auflage 2011
ISBN: 978-3-8270-7043-2
Verlag: Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 250 Seiten
ISBN: 978-3-8270-7043-2
Verlag: Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Manuel Andrack, 1965 in Köln geboren, lebt mit seiner Familie im Saarland. Er ist Autor und Moderator beim Saarländischen Rundfunk und schreibt neben seinen erfolgreichen Büchern regelmäßig für den Stern, DIE ZEIT, GEO Special u.a. Zuletzt erschienen von ihm die Bücher 'Schritt für Schritt' und 'Lebenslänglich Fußball'.
Autoren/Hrsg.
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Wandern extrem: 82 Kilometer – schneller, höher, weiter für das Wanderglück?
Mai 2010
Zunächst war es ein reines Gerücht. Da gebe es, hörte ich, jemand, der sei den Rheinsteig entlanggewandert, nicht einfach gewandert, sondern 209 Kilometer nonstop. Sein Name sei Thorsten Hoyer. Der sei auch den ganzen Rothaarsteig am Stück gegangen. Island soll er von Norden nach Süden durchquert haben, ohne Schlaf, ohne größere Pause. Aber auch ohne Drogen? Ohne Wander-Doping? Und wie trainiert man für so was? Also, er wird doch zwischendurch wenigstens kurz geschlafen haben.
Das waren also schon reichlich Fragen für ein Interview, aber immer mehr reifte in mir der Entschluss, warum eigentlich nicht einen Selbstversuch wagen. Ich stellte mir vor, dass ich Thorsten Hoyer bei einer seiner Langstreckenwanderungen begleiten und nach 40 oder 50 Kilometern, wenn es bei mir nicht mehr ging, einfach aussteigen würde. Ich nahm also Kontakt zu ihm auf und erzählte von meinem Vorhaben. Er wirkte wie ein Mensch, der weiß, was er will, und entgegnete, dass er von meinem Plan nicht viel halte, das würde mich auch um die eigentliche Erfahrung bringen. Er schlug vor, wir sollten gemeinsam starten und gemeinsam aufhören, zusammen ein Ziel definieren, ob dann daraus 80, 100, 150 Kilometer würden, egal. Schluck! Ich wies ihn dezent darauf hin, dass mein bisheriger Wanderrekord bei 51,5 Kilometern auf dem Rennsteig liegen würde. Wäre doch prima, antwortete Hoyer, dann würden wir eben die 51,5 gehen und dann noch einmal 23,5 draufpacken, dann wären wir bei 75 Kilometern. Das würde doch fürs Erste reichen. Für diese Tour veranschlagte er 20 bis 22 Stunden, es sollte um zehn Uhr morgens in Herborn im Westerwald losgehen, am nächsten Morgen kämen wir dann an unserem Ziel in Freilingen an. Damit würden wir Sonnenuntergang und -aufgang mitnehmen.
Schluck! Würde jetzt Donald Duck sagen. Schluck! Ein ambitionierter Plan. Vielleicht hätte ich deutlich machen sollen, dass meine Höchstleistung von 51,5 Kilometern schon vier Jahre zurücklag und dass ich seitdem eher kuschelige Strecken von 10 bis 25 Kilometern bevorzugt hatte. Ich musste also erst einmal das Niveau von 2006 wieder erreichen. In langen Trainingswochen mit 36 Kilometern, 47 Kilometern, 50 Kilometern steigerte ich kontinuierlich mein Tagespensum. Dazwischen immer wieder kürzere Wanderungen. Das summierte sich auf ungefähr 500 Kilometer, die ich innerhalb von vier Monaten zusammengewandert hatte. Danach fühlte ich mich einigermaßen gerüstet für das Extremwanderabenteuer.
Ich traf mich mit Thorsten Hoyer an einem Montagmorgen Anfang Mai in Herborn. Es war, wie es immer so schön heißt, deutlich zu kühl für die Jahreszeit. Der Hotelangestellte sah schon an meiner Kleidung, dass ich zu einer Wanderung aufbrechen würde. »Sie wollen bestimmt auf dem Westerwaldsteig wandern«, schloss er messerscharf. »Wie viele Etappen möchten Sie denn gehen?« – Ich verriet den Plan, 75 Kilometer zu gehen, fünf Etappen. Nach einer Pause fragte er ungläubig nach: »… am Stück?« Klar, am Stück. Alles andere ist doch für Anfänger, für Amateure. Ich hatte eben eine Mission. Wir hatten eine Mission.
Thorsten Hoyer hatte ich mir klein, drahtig, extremwanderig vorgestellt. Allerdings war er 1,90 Meter groß, hatte einen kräftigen Körperbau und Kurt-Cobain-hafte, blonde, schulterlange Haare, Bart. Eher der Typ Wanderhüne. Ich wusste direkt, der würde mich plattwandern. Doch es gab kein Zurück.
Auf den ersten Kilometern lernten wir uns erst mal kennen. Hoyer war gelernter Koch, hatte später lange als Touristiker für seine Heimatregion gearbeitet, den Kellerwald in Nordhessen. Inzwischen schreibt er Wanderführer und ist hauptberuflich Extremwanderer. Obwohl er den Begriff »extrem« nicht mag und es bevorzugt, von »langen Wanderungen« zu sprechen. Ich dagegen finde seine Touren schon extrem. Angemessen wäre sogar der Begriff »ultraextrem«.
Er hatte als »normaler« Wanderer angefangen, und wenn er 20 Kilometer gewandert war, fühlte er sich schon als Held. Dann kam eine alpine 24-Stunden-Wanderung mit Hans Kammerlander. Der Extrembergsteiger geht jeden Sommer mit zahlreichen Teilnehmern in den Dolomiten einmal rund um die Uhr 55 Kilometer mit beeindruckenden 4000 Höhenmetern. Nach einer noch härteren 36-Stunden-Tour mit Kammerlander versuchte Hoyer dann, auf seinem heimatlichen Kellersteig 156 Kilometer am Stück zu laufen, für die letzten zehn Kilometer brauchte er vier Stunden, inklusive geschwollener Füße und abgelöster Fußnägel. Die 220 Kilometer auf dem Rothaarsteig in 54 Stunden liefen schon besser, auch die 209 Kilometer auf dem Rheinsteig waren nicht mehr so verheerend für seine Gesundheit. Obwohl, ganz zufrieden war er nicht gewesen, weil er sich eigentlich 220 Kilometer vorgenommen hatte. Er hatte einfach im Dauerregen schlappgemacht. Und als ihn seine Frau abgeholt hatte, legte er sich nur noch im Kofferraum ihres Kombis auf die Isomatte und schlief sofort ein. Aber die Zehennägel blieben dran. Für die 209 Rheinsteig-Kilometer hatte er 52 Stunden gebraucht, das entsprach einer WDG (Wanderdurchschnittsgeschwindigkeit) inklusive Pausen von 4 Stundenkilometern, und das bei den heftigen Höhenmetern des Rheinsteigs. Schluck!
Nach unseren ersten elf Kilometern und einem Stundenmittel deutlich über fünf Stundenkilometern, hatte ich das Gefühl, dass die 75 Kilometer, die wir geplant hatten, doch vielleicht etwas zu, wie soll ich sagen, unambitioniert waren. Ich fühlte mich fit für eine Wanderung im deutlich dreistelligen Bereich. Hoyer erzählte mir auf den nächsten Kilometern von der Natur auf seinen Wanderungen und versicherte mir glaubhaft, dass er nicht nur Meilen runterreißen würde. Manchmal würde er sich auch 15 Minuten ins Gras unter einen Baum setzen und an einem sonnigen Tag das Lichtspiel in den Blättern genießen. Denn: Eine lange Wanderung würde die Sinne unheimlich schärfen, vor allem nachts. Was man dann hören und riechen würde, wäre enorm. Als er Island durchquerte (215 Kilometer in knapp 55 Stunden), sah er in der zweiten Nacht sogar einen Troll. Ich schaute Hoyer lange an. Ob es sich bei dem Fabelwesen um eine Sinnesschärfung oder -trübung handelte, war mir nicht so recht klar. Das hörte sich doch eher nach Halluzination an. Und die Frage nach den Drogen war ja noch offen. Zwei Nächte schlaflos durchwandern, ob das alles mit rechten Dingen zuging?
Für Hoyer waren unsere 75 Kilometer natürlich nur ein kleiner Sprint, eine Trainingseinheit für kommende Projekte, extra vorbereitet hatte er sich nicht auf den Westerwaldsteig. Für den Sommer 2010 hatte er sich eine Alpenüberquerung von Oberstdorf nach Meran vorgenommen, insgesamt 140 Kilometer mit 13000 Höhenmetern. Schluck!
Immerhin, Hoyer sucht sich neue Ziele, Strecken und Herausforderungen. Es gibt andere Extremwanderer, die einfach den gleichen Weg gehen. So wie Benno Schmidt, genannt Brocken-Benno. Seit der Wende geht er jeden Tag bis zu fünf Mal, der Spitzname lässt es ahnen, auf den Brocken. Wer schon mal dort oben war, könnte denken, hm, einmal reicht eigentlich auch. Nein, Brocken-Benno war schon über 6000 Mal auf dem Brocken. Das entspricht über 90000 Kilometern. Seine Motivation? Er wollte den Rekord von Brocken-Willi aus dem Jahr 1941 knacken. Der war 650 Mal auf den Brocken gestiegen. Jetzt dürfte Benno den Rekord wohl für alle Zeiten sicherhaben.
Nach 20 Kilometern auf dem Westerwaldsteig mit Thorsten Hoyer war ich euphorisch. Das ging doch alles wunderbar. Das Wetter war okay, nicht zu warm, alle Körperfunktionen waren intakt. Es irritierte mich, dass Hoyer bei den wenigen Aufstiegen im Westerwald mit verschränkten Armen ging. Das sah etwas bockig aus, der Amateurpsychologe spricht bei dieser Armhaltung von »Verweigerungshaltung«. Aber Hoyer hatte sich das während eines Aufenthalts in Tibet bei den Sherpas abgeschaut. Das sei die ideale Haltung, um bergan zu wandern. Ich probierte das auch aus, Sherpas müssen ja eigentlich wissen, wie man bergan geht. Aber richtig gefallen hat mir das nicht, die Anstiege im Westerwald würde ich also schaffen, ohne auszusehen wie ein schmollendes Kleinkind.
Lernen von den Sherpas
Um 15.45 Uhr, nach 28 Kilometern, erwischte uns ein Regenguss Marke »Es-regnet-junge-Hunde-und-Katzen«. Nicht schlimm, es waren nur noch wenige Minuten zur Fuchskaute, der höchsten Erhebung des Westerwaldes mit 657 Metern. Und dort findet sich das gleichnamige Hotel und Restaurant, das zu jenen Hotels gehört, die sich wirklich darüber Gedanken gemacht haben, was ein Wanderer braucht. Die Öffnungszeiten von 7 bis 23 Uhr täglich sind perfekt. Durchgehend gibt es etwas zu essen und zu trinken. Und auch große Wandergruppen finden hier immer einen Platz. So saßen wir in der »Fuchskaute« und ließen unsere nassen Hosen trocknen. Hoyer trank massenweise Malzbier, obwohl er kurz vor der Einkehr erzählt hatte, das hätte bei ihm schon wahnsinnige Blähungen ausgelöst. Draußen regnete es weiter. Irgendwann war aber der Aufbruch unvermeidlich, und Hoyer killte meine Stimmungslage komplett mit den Worten: »Ich denke, ich muss meine Regenhose anziehen.« Klar, er hatte eine Regenhose dabei und ich natürlich nicht. Da schwitzt man ja immer so drin, ist meine liebste Ausrede, das Ding nicht mitzunehmen.
Also fragte ich an der Theke nach...




