E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Andreas / Lemma / Fonagy Brief Dynamic Interpersonal Therapy (DIT)
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-608-12270-1
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Psychodynamische Kurzzeittherapie bei Depressionen und Angststörungen
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-608-12270-1
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alessandra Lemma, MA, MPhil, MSt, DClin Psych., ist klinische Psychologin am Anna Freud National Center for Children and Families und arbeitet als Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin in eigener Praxis in London. Sie ist Mitglied der British Psychoanalytical Society und Gastprofessorin am University College London. Bis 2016 arbeitete sie als Leiterin der Psychologie an der Tavistock Clinic und war dort Professorin für psychologische Therapien in Zusammenarbeit mit der Essex University.
Zielgruppe
PsychotherapeutInnen, Psychoanalytikerinnen, psychodynamisch arbeitende PsychotherapeutInnen, alle TherapeutInnen, die mit der Mentalisierungstechnik arbeiten, VerhaltenstherapeutInnen, die psychodynamische Ansätze in ihrer Therapie einbinden möchtenV
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Weshalb eine Dynamische Interpersonelle Therapie für affektive Störungen?
1.1
Es mangelt uns weder an psychodynamischen Therapien noch an Akronymen. Mit der Entwicklung der Dynamischen Interpersonellen Therapie (DIT) und der Veröffentlichung der ersten Auflage dieses Buches im Jahr 2011 haben wir unweigerlich eine bereits lange Liste ergänzt. Warum also haben wir das getan? Die Techniken und theoretischen Grundlagen der DIT sind nicht neu und werden psychodynamisch ausgebildeten Therapeut:innen weitgehend vertraut sein. Die DIT ist kein neues Modell der psychodynamischen Therapie, sondern wurde als Reaktion auf die Erosion des Angebots an psychodynamischer Therapie im öffentlichen Gesundheitswesen und der hohen Nachfrage nach Kurzinterventionen im privaten Sektor entwickelt.
Wir wollten ein Verfahren entwickeln, das relativ leicht zu erlernen ist und das psychodynamisch ausgebildete Therapeut:innen dabei unterstützen kann, einen spezifischen Schwerpunkt zu setzen, der für die Schwierigkeiten von Patient:innen mit Depressionen und/oder Ängsten relevant ist. DIT wurde also in erster Linie aus pragmatischen Gründen entwickelt, damit Therapeut:innen, die eine psychodynamische Psychotherapie- oder Beraterausbildung absolviert haben, sich die spezifischen Prioritäten und Kompetenzen leicht aneignen können, die mit der zeitlich begrenzten therapeutischen Arbeit mit depressiven und/oder ängstlichen Patient:innen verbunden sind, und damit sie einen gebräuchlichen Namen dafür haben, insbesondere in der öffentlichen Gesundheitsversorgung. Die DIT bietet eine Möglichkeit, innerhalb eines zeitlichen Rahmens, der im ursprünglichen Konzept auf 16 Sitzungen und in der jüngsten Anpassung für komplexere Fälle (DIT for complex care [DITCC]; siehe Kapitel 13) auf 26 Sitzungen festgelegt wurde, einen bestimmten Interventionsschwerpunkt festzulegen.
Als wir das ursprüngliche Behandlungskonzept entwickelten, legten wir die Anzahl der Sitzungen auf 16 fest, da dies mit vielen anderen Kurzinterventionsmodellen und dem Rahmen eines nationalen öffentlichen Programms für psychische Gesundheit im Vereinigten Königreich vereinbar war. Wir wollten ein Verfahren entwickeln, das es uns auch ermöglicht, seine Wirksamkeit in Ergebnisstudien zu testen; daher haben wir uns bei der Festlegung der Behandlungsdauer von anderen Kurzzeitmodellen leiten lassen. Darüber hinaus haben wir in der Praxis die Erfahrung gemacht, dass in 16 Sitzungen mit den Patient:innen viel erreicht werden kann, und dies ist eine akzeptable Dauer für eine psychologische Therapie im Rahmen der öffentlichen Gesundheitsversorgung. Angesichts der Tatsache, dass 16 Sitzungen nichts »Magisches« an sich haben, folgt daraus, dass es nicht per se problematisch ist, einen längeren oder kürzeren Sitzungszyklus anzubieten, während der Gesamtfokus der DIT beibehalten wird. Wir würden uns jedoch davor hüten, den Vertrag über diese Anzahl von Sitzungen nur zu verlängern, um damit die schmerzhafte Realität des Endes zu umgehen, die es zu bewältigen und zu verarbeiten gilt und der Patient:innen – und manchmal auch Therapeut:innen – unbewusst womöglich ausweichen. Ebenso könnte es Druck von Seiten der Gesundheitsdienste geben, der dazu führt, dass noch kürzere Anpassungen des 16-Sitzungs-Modells angestrebt werden. Diese könnten sich für einige Patient:innen als hilfreich erweisen, aber wir müssen bedenken, dass die wichtigsten randomisierten kontrollierten Studien (randomized controlled trials, RCTs) bisher nur die Ergebnisse des ursprünglichen 16-Sitzungs-Modells untersuchten und keine Anpassungen, sodass die Wirksamkeit kürzerer Formen der DIT nicht nachgewiesen werden konnte (siehe Kapitel 12 für eine Diskussion der Forschung zu den Ergebnissen der DIT).
Die DIT ist ein interpersoneller Ansatz, da sie sich auf die internen und externen Beziehungen der Patient:innen konzentriert, die mit dem Problem bzw. den Problemen im aktuellen Leben der jeweiligen Patient:innen zusammenhängen, die zu den Symptomen der Depression und/oder Angst führen. Der interpersonelle Fokus wird von mehreren anderen Modalitäten geteilt, nicht zuletzt von der Interpersonellen Psychotherapie (IPT) (Weissman et al., 2000), mit der die DIT – etwas verwirrend – auch einen Teil ihres Namens teilt. Das »Interpersonelle« in der DIT ist jedoch wichtig, weil es die DIT deutlich von den dynamischen Modellen unterscheidet, die sich mehr auf intrapsychische Variablen konzentrieren. Im Gegensatz zur IPT, die sich nicht mit internalisierten Objektbeziehungen befasst, konzentriert sich die DIT systematisch auf die Aktivierung einer ausgewählten internalisierten, oft unbewussten Objektbeziehung in der Gegenwart, die in einem sinnvollen Zusammenhang mit den auftretenden Problemen steht.
Die DIT ist insofern psychodynamisch, als sie dem Patienten helfen will, das Zusammenspiel zwischen äußerer und innerer Realität in Bezug auf ein problematisches, abgegrenztes Beziehungsmuster zu verstehen. Folglich geht es um einen unbewussten Erfahrungsbereich, gegen dessen Wahrnehmung sich die Patient:innen wehren, weil dieser Bereich vielleicht als beschämend, beängstigend oder sogar zu aufregend empfunden wird. Dies wiederum unterscheidet die DIT von der IPT und rückt sie in die Nähe anderer psychodynamischer Modelle.
Obwohl es in der Theorie erhebliche Überschneidungen zwischen der DIT und anderen psychodynamischen Modellen gibt, wird sich die Umsetzung der DIT für Therapeut:innen, die in psychodynamischer Langzeittherapie oder -beratung ausgebildet sind, höchstwahrscheinlich ungewohnt anfühlen, da sie in mancher Hinsicht tatsächlich anders ist. So sind die therapeutischen Prioritäten, die in der DIT herausgearbeitet werden, nicht typischerweise solche, die in der Ausbildung für intensive oder unbefristete psychodynamische Psychotherapie gelehrt werden, obwohl sie sich durchaus als diejenigen herausstellen können, die von »guten« Therapeuten unabhängig von der geplanten Therapiedauer verwendet werden (Binder, 2004).
Die meisten psychoanalytischen Ausbildungen vermitteln die Grundlagen für langfristige, oft intensive Interventionen. Sobald sie jedoch qualifiziert sind, finden sich viele Therapeut:innen in der Situation wieder, dass sie nur kurz arbeiten, ohne einen Rahmen, an dem sie sich orientieren können, wenn ihnen eine zeitliche Begrenzung auferlegt wird. Der Übergang von einer unbefristeten und intensiven Arbeit zu einer zeitlich begrenzten, einmal wöchentlichen Therapie verläuft nicht immer reibungslos. Ganz gleich, wie viel Erfahrung wir in der Langzeittherapie haben, wir können nicht einfach Strategien exportieren, die in diesem Kontext hilfreich sind, und sie ohne jegliche Modifikationen in einem kurzen Kontext anwenden.
1.2
Manchen psychodynamischen Therapeut:innen wird die Entwicklung eines Modells, das auf einen diagnostischen Überbegriff wie Depression oder Angststörung zugeschnitten ist, ein Dorn im Auge sein.
Die psychiatrische Klassifikation auf der Grundlage operativer Kriterien, die erstmals mit der dritten Auflage des Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen (DSM-III; American Psychiatric Association, 1980; Deutsch 1984) Eingang in die klinische Praxis fand, hatte nicht zuletzt den Vorteil, dass sie dazu beitrug, Entscheidungsträger:innen von der Messbarkeit und Vorhersagbarkeit psychiatrischer Krankheiten zu überzeugen. Niemand würde behaupten, diese Systeme seien nur eine unvollkommene Widerspiegelung der Bestrebungen in der Psychiatrie, messbare Beobachtungen zu machen und breit angelegte wissenschaftliche Theorien aufzustellen, die dann auch überprüfbar wären. Dennoch leben wir heute in einer Welt, in der Systeme wie das DSM-5 (American Psychiatric Association, 2013) oder die Internationale Klassifikation der Krankheiten, 11. Version (ICD-11; Weltgesundheitsorganisation, 2019; noch nicht auf Deutsch erschienen) festgeschrieben sind und die Art und Weise bestimmen, wie Forschung betrieben und klinische Dienstleistungen gestaltet werden, und somit auch, wie die Finanzierung priorisiert wird. Dies hat wiederum zur Folge, dass die diagnostischen Kategorien »realer« erscheinen und vorgeben, »die Wirklichkeit in ihren Grundstrukturen zu erfassen« und somit eine Grundlage für Forschung und Behandlung zu bilden.
Wenn psychodynamische Therapeut:innen sich auf Klassifizierungssysteme einlassen und diese verwenden, tun sie dies als Zugeständnis an den Pragmatismus (Aufzeichnungen, Berichte, Kostenerstattung, Forschung usw.), erleben aber die Verwendung diagnostischer Kategorien als etwas, das der Psychotherapie potenziell »Leib und Seele« nimmt. Obwohl Einwände gegen die Nosologie weit verbreitet sind, können psychodynamische Therapeut:innen selbst Menschen in Kategorien wie narzisstisch, masochistisch, zwanghaft oder sogar psychopathisch einordnen. Die Spannung scheint also nicht so sehr in der Frage zu liegen, ob eine »Diagnose« an sich hilfreich ist oder nicht, sondern vielmehr darin, welches System verwendet wird. Zwischen einem psychiatrischen und einem psychodynamischen diagnostischen Ansatz gibt es tiefgreifende Widersprüche, von denen viele in der jeweiligen Geschichte der beiden Disziplinen wurzeln. Psychoanalytiker:innen stehen diagnostischen Systemen misstrauisch gegenüber, da sie sie für Rückfälle in eine deskriptive Psychiatrie halten, die an das Ende des 19. Jahrhunderts erinnert und...




