E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Andrews Das Netz im Dunkel
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95530-693-9
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-95530-693-9
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
V.C. Andrews - eine der erfolgreichsten Bestsellerautorinnen der Welt. Und eine Meisterin der romantischen Spannung! Wie in einem Spinnennetz gefangen lebt das Mädchen Audrina, abgeschieden von der Welt, mit seiner Familie in Whitefern. Die unheimliche Atmosphäre in dem riesigen Haus, dessen verblassender Glanz die Charaktere der Bewohner widerspiegelt, und rätselhafte Ereignisse verwirren Audrina, die ihr Gedächtnis verloren zu haben scheint. Nur langsam gewinnt Audrina das Selbstbewusstsein, um den Geheimnissen, die sie umgeben, auf den Grund zu gehen - und das bedrohliche Lügennetz ihrer Mitmenschen zu entwirren... Gefahr, Intrigen und die Schatten der Vergangenheit - ein spannender Roman voller dunkler Geheimnisse!
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Nicht erwünscht, nicht würdig, nicht hübsch und nichts Besonderes: Das waren die Worte, die ich dachte, als ich die Treppe hinauf in den Dachboden stieg. Ich wünschte, die erste Audrina wäre niemals geboren worden. Ich mußte durch Unmengen staubigen, alten Gerümpels steigen, ehe ich die rostige, eiserne Wendeltreppe erreichte, die mich durch eine eckige Öffnung im Boden führte, die einmal von einem Eisengitter geschützt worden war. Eines Tages wollte Papa es ersetzen.
In dem achteckigen Raum lag ein rechteckiger Orientteppich, karmesinrot, gold und blau. Immer, wenn ich hier heraufkam, kämmte ich mit meinen Fingern die Fransen, so wie Papa oft mit seinen Fingern durch sein dunkles Haar fuhr, wenn er wütend oder enttäuscht war. In der Kuppel gab es keine Möbel, nur ein Kissen, auf dem ich sitzen konnte. Das Sonnenlicht fiel durch die bunten Glasfenster auf den Teppich und verwirrte mit seinem bunten Schein die Muster. Auch meine Arme und Beine waren gemustert, das sah aus wie Tätowierungen. Hoch droben hingen unter der Mitte des spitzen Daches lange Rechtecke aus buntem Glas – chinesische Windspiele, Mobiles an scharlachroten Seidenfäden. Sie hingen so hoch, daß sie sich niemals im Wind bewegten, und doch hörte ich sie oft klingeln, klirren. Wenn sie sich doch nur ein einziges Mal bewegen würden, wenn ich hinaufsah, dann könnte ich glauben, daß ich nicht verrückt war.
Ich ließ mich auf das Kissen, das auf dem Teppich lag, fallen und fing an, mit den alten Papierpuppen zu spielen, die ich an den Wänden entlang aufgestellt hatte. Jede einzelne hatte ihren Namen nach jemandem bekommen, den ich kannte. Aber da ich nicht viele Leute kannte, hatten viele der Papierpuppen denselben Namen. Aber nur eine einzige hieß Audrina. Ich schien mich schwach zu erinnern, daß es einmal Männer- und Knabenpuppen gegeben hatte, aber jetzt hatte ich nur noch Mädchen und Damen.
Ich war so in meine Gedanken vertieft, daß ich nichts hörte, bis plötzlich eine Stimme hinter mir fragte: »Denkst du über mich nach, süße Audrina?«
Mein Kopf fuhr herum. Da stand Vera in dem verwunschenen, bunten Licht der Kuppel. Ihr glattes Haar hatte die Farbe einer bleichen Aprikose. Noch nie hatte ich eine solche Farbe gesehen, aber das war in unserer Familie nichts Ungewöhnliches. Ihre Augen waren dunkel wie die Augen ihrer Mutter und meines Vaters.
Die Lichtstrahlen, die sich in den vielen bunten Fenstern brachen, warfen bunte Muster auf den Boden, tätowierten Muster in ihr Gesicht. Deshalb war ich sicher, daß meine Augen genauso leuchteten wie ihre, wie Juwelen. Die Kuppel war ein verzauberter Ort.
»Hörst du mir zu, Audrina?« fragte sie leise. »Warum sitzt du hier und antwortest nicht? Hast du die Sprache genauso verloren wie dein Gedächtnis?«
Ich haßte es, daß sie in der Kuppel war. Dies hier war mein eigener Raum, hier versuchte ich herauszufinden, an was ich mich nicht mehr erinnern konnte, während ich die Puppen hin und her schob, als wären sie meine Familie. Ehrlich gesagt: Ich spielte mit den Puppen die Jahre meines Lebens und versuchte auf diese Weise hinter das Geheimnis zu kommen, das sich mir immer wieder entzog. Eines Tages, eines wunderbaren Tages, so hoffte ich, würde ich diesen Puppen alles entlocken. Dann hätte ich mein eigenes Ich und wäre genauso wundervoll, wie meine tote Schwester gewesen war.
Veras linker Arm war bis vor kurzem noch eingegipst. Sie bewegte ihn jetzt ganz vorsichtig, als sie in mein kleines Heiligtum eindrang.
Trotz meines immer wiederkehrenden Hasses auf Vera tat es mir doch leid, daß sie sich den Arm brechen konnte, wenn sie damit an etwas Hartes stieß. Sie hatte sich angeblich schon elfmal einen Knochen gebrochen und ich noch nie! Ein kleiner Stoß gegen einen Tisch, und schon brach ihr Handgelenk. Ein leichter Anprall, und riesige, purpurrote Flecken zeichneten ihre Haut – wochenlang. Wenn sie aus ihrem Bett auf einen weichen Teppich fiel, brach sie sich immer noch ein Bein, einen Knöchel, einen Unterarm, irgend etwas.
»Tut dein Arm noch weh?«
»Sieh mich nicht so mitleidig an!« fauchte Vera, hinkte in die Kuppel und hockte sich dann ungeschickt hin. Ihre dunklen Augen bohrten sich in meine. »Ich habe zerbrechliche Knochen, zarte, kleine Knochen, und wenn sie so leicht brechen, dann liegt das daran, daß ich mehr blaues Blut habe als du.«
Sollte sie ihr blaues Blut doch behalten, wenn das mindestens zweimal im Jahr gebrochene Knochen bedeutete. Manchmal, wenn sie so gemein zu mir war, dachte ich, Gott wollte sie bestrafen. Und manchmal hatte ich auch ein schlechtes Gewissen, weil meine Knochen so hart waren und nicht brechen wollten, wenn ich hin und wieder hinfiel.
›Ob wohl die erste, beste und perfekteste Audrina auch so aristokratisch wie Vera gewesen ist?‹ fragte ich mich wieder einmal.
»Und natürlich tut mein Arm noch weh!« kreischte Vera, und ihre dunklen Augen blitzten rot, blau und grün. »Es tut verteufelt weh!« Jetzt jammerte sie. »Wenn dein Arm gebrochen ist, fühlst du dich plötzlich so hilflos. Es ist wirklich noch viel schlimmer als ein gebrochenes Bein, weil es so viele Dinge gibt, die du nicht mehr tun kannst. Ich verstehe nicht, warum deine Knochen nicht viel eher brechen als meine, wo du doch nicht viel ißt ... aber das liegt wohl daran, daß du die Knochen eines Bauern hast.«
Ich wußte nicht, was ich sagen sollte.
»In meiner Klasse ist ein Junge, der sieht mich immer so mitfühlend an; und er trägt auch meine Bücher und unterhält sich mit mir und stellt mir alle möglichen Fragen. Er sieht so gut aus, du kannst es dir nicht vorstellen. Er heißt Arden Lowe. Ist das nicht ein ungewöhnlicher und romantischer Name für einen Jungen? Audrina, ich glaube, er hat sich in mich verliebt ... und er hat mich schon zweimal in der Garderobe geküßt.«
»Was ist eine Garderobe?«
»Mensch, bist du doof! Eine kleine Spinnerin, das ist Papas süße Audrina!« Sie kicherte, als sie mir den Fehdehandschuh hinwarf. Aber ich wollte nicht streiten, und so erzählte sie mir mehr von ihrem Freund namens Arden Lowe. »Seine Augen sind bernsteinfarben, die hübschesten Augen, die ich je gesehen habe. Wenn man sie aus der Nähe sieht, kann man sogar kleine grüne Flecken in ihnen sehen. Sein Haar ist dunkelbraun mit einem rötlichen Schimmer, wenn die Sonne darauf fällt. Klug ist er auch. Er ist ein Jahr älter als ich, aber das heißt nicht, daß er dumm ist. Er ist eben viel gereist und deshalb in der Schule ein bißchen zurückgeblieben.« Sie seufzte und schien verträumt.
»Wie alt ist Arden Lowe?«
»Gestern war ich zwanzig, also war Arden natürlich jünger. Ihm fehlt mein Talent, immer das Alter zu haben, was ich gerade haben will. Ich schätze, er ist elf, eine Art Baby, wenn ich zwanzig bin. Aber so ein hübsches Baby.« Sie lächelte mir zu, aber ich wußte verdammt gut, daß sie nicht älter sein konnte als ... zwölf? Ich wandte mich wieder meinen Puppen zu.
»Audrina, du liebst diese Puppen mehr als mich.«
»Nein, tu’ ich nicht ...« Aber ich war mir da gar nicht so sicher, nicht einmal jetzt, als ich es sagte.
»Dann gib mir die Knaben- und Männerpuppen.«
»Alle Knaben- und Männerpuppen sind fort«, antwortete ich mit merkwürdiger, zögernder Stimme, so daß Vera die Augen aufriß.
»Wohin sind denn all die Männerpuppen verschwunden, Audrina?« flüsterte sie mit einer so unheimlichen Stimme, daß ich schauderte.
»Ich weiß nicht«, flüsterte ich zurück, irgendwie verängstigt. Mit furchtsamen Augen blickte ich mich schnell um. Klimper-klimper machten die Mobiles über mir, während sie ganz ruhig hingen. Ich verkrampfte mich innerlich noch mehr. »Ich dachte, du hättest sie dir genommen.«
»Du bist ein böses Mädchen, Audrina. Wirklich, ein böses Mädchen. Eines Tages wirst du herausfinden, wie böse, und dann wirst du sterben wollen.« Sie kicherte und wich zurück.
Was stimmte nicht mit mir, daß sie mich immer wieder verletzen wollte? Oder stimmte mit ihr etwas nicht? Würden wir die Geschichte wieder und wieder nachvollziehen, wie meine Mutter und ihre Schwester?
Veras bleiches Gesicht grinste mich boshaft an. Es schien alles Böse zu zeigen. Als sie den Kopf wandte, spielten die Farben auf ihrem Haar. Ihr aprikosenfarbenes Haar wurde erst rot, dann blau mit lila Streifen. »Gib mir deine ganzen Puppen, auch wenn die besten schon zur Hölle gefahren sind.« Sie streckte sich, um ein halbes Dutzend der Puppen an sich zu reißen, die ihr am nächsten waren.
Blitzschnell riß ich ihr die Puppen aus den Händen. Dann sprang ich auf die Füße, lief umher und sammelte alle anderen Puppen ein. Vera kroch mir nach, um meine Beine mit ihren langen Fingernägeln, die immer messerscharf zugefeilt waren, zu zerkratzen. Aber es gelang mir, sie von mir fernzuhalten, indem ich einen Fuß gegen ihre Schulter stemmte, während ich die restlichen Puppen einsammelte. Jetzt hatte ich beide Hände voll, stieß Vera mit dem Fuß an, daß sie auf den Rücken fiel, und hastete auch schon mit halsbrecherischer Geschwindigkeit die Wendeltreppe hinab. Ich war sicher, daß sie mich nicht einholen konnte. Doch da hörte ich sie direkt hinter mir. Sie kreischte meinen Namen, befahl mir, stehenzubleiben. »Wenn ich falle, ist das deine Schuld, ganz allein deine Schuld!« Sie fügte noch ein paar schmutzige Worte hinzu, die ich nicht verstand.
»Du liebst mich nicht, Audrina«, hörte ich sie heulen. Die harten Sohlen ihrer Schuhe klapperten über die Metallstufen. »Wenn du mich wirklich wie eine Schwester lieben würdest, dann würdest du tun, was ich will, und mir alles...




