Angelowski | Tödliches Irrlicht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Reihe: Maline Brass und Lou Vanheydens

Angelowski Tödliches Irrlicht

Köln-Krimi
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86358-370-5
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Köln-Krimi

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Reihe: Maline Brass und Lou Vanheydens

ISBN: 978-3-86358-370-5
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ein alter Mann liegt tot in der Badewanne seines Ferienhauses. Sein grausamer Tod gibt den Ermittlerinnen Rätsel auf. Zusätzlich erschweren Lügen, Hass, Affären und eine Mauer des Schweigens die Arbeit der Kommissarinnen. Als sie glauben, der Wahrheit endlich auf der Spur zu sein, wird eine zweite Leiche gefunden, und eine weitere Person verschwindet auf mysteriöse Weise.

Myriane Alice Angelowski, geboren 1963 in Köln. Nach einem Jahr in Israel folgte ein Studium der Sozialarbeit und nach mehreren Jahren Arbeit als Referentin für Gewaltfragen 2001 die Aufnahme einer selbstständigen Tätigkeit als Coach. Sie lebt und arbeitet in Köln.
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EINS

Eulenthal, Bergisches Land

Die Kinder traten in die Pedale, ließen die Gehöfte hinter sich und bogen auf einen Waldweg ab. Schlamm spritzte gegen die Rahmen ihrer Mountainbikes. Nach wenigen Metern wurde der Hügel steiler, und sie mussten sich mit aller Kraft gegen den Herbstwind stemmen, der hier oben blies. Doch schon auf halber Strecke gaben die beiden Jungs auf, sprangen beinahe gleichzeitig von ihren Rädern und schoben sie weiter.

Für Lilli kam absteigen nicht in Frage. Sie machte einen Buckel, hing dabei mit der Nasenspitze fast auf der Lenkstange und kämpfte gegen die Steigung. Die bunten Bänder an den Griffen flatterten, während sie sich Zentimeter um Zentimeter vorschob. In ihrer Phantasie veränderte sich die Umgebung. Mulden wurden zu Kratern, Tannen zu feindlichen Spähern und keckernde Elstern zu Dienern des Bösen. Und auf einmal war er da, getragen von einer rosa Wolke: Slifer der Himmelsdrache. Stark. Furchtlos. Seine Nüstern verströmten glühenden Dampf, während sie auf seinem Rücken den Berg hinaufschwebte. Mit einem kräftigen Flügelschlag erreichten sie den Gipfel der düsteren Welt. Slifer setzte Lilli ab.

»Warte auf uns«, keuchte Jesse. Die piepsige Stimme des Freundes verjagte den Drachen.

Lilli lehnte ihr Rad gegen die Zweige einer mächtigen Tanne. Nieselregen setzte ein. Das Laub unter ihren Turnschuhen wurde feucht und glitschig. Ihr kam es wie eine Ewigkeit vor, bis ihre beiden Freunde die Anhöhe erreichten und sich wortlos neben sie hinter den Wachholderbusch fallen ließen. Von hier oben konnten sie das Haus gut sehen.

Jetzt, im diesigen Licht des späten Nachmittags, wirkte das Gebäude noch düsterer, als sie es in Erinnerung hatte. Lilli schob ihre Baseballkappe tiefer in die Stirn und betrachtete das Haus. Nirgends brannte Licht. Ein weißer Mercedes parkte in der Auffahrt. Auf den Stufen zum Wintergarten lagen zwei pralle Kürbisse, ansonsten wirkte das Grundstück verlassen. Der nächste Nachbar war über einen Kilometer entfernt.

Lilli fröstelte, rieb sich die Hände und atmete erleichtert auf, als sie in der Seitentasche ihres Anoraks den Dunklen Magier fühlte. Sie glaubte fest daran, dass ihr diese Yu-Gi-Oh!-Sammelkarte Zauberkräfte verlieh. Nur deshalb hatte sie sich die Spielkarte von ihrem Bruder geborgt. Geborgt war vielleicht der falsche Ausdruck. Lennart wusste nicht, dass sie sich den Dunklen Magier aus seiner Box genommen hatte. Lilli kaute auf ihrer Unterlippe und schob die Gedanken an Lennart beiseite.

Immerhin kannte sie das Haus, das sie nun schon seit einer geschlagenen Viertelstunde beobachtete. Großtante Fine hatte bis zu ihrem Tod dort gelebt. Die meisten Erinnerungen an sie waren verblasst. Außerdem dachte Lilli nicht gerne an die Besuche. Das alte Landhaus hatte immer dunkel und wenig einladend auf sie gewirkt. Altmodische Möbel, Geweihe an den Wänden. Alles behaftet vom Geruch muffiger Mottenkugeln und Zigarettenqualm. Tante Fine hatte das Rauchen nicht lassen können. Auch nicht, als die Ärzte Lungenkrebs feststellten. Jetzt war die alte Frau bei Gott, und ein Professor aus Köln bewohnte das Haus. Lillis Eltern hatten es ihm verkauft.

»Will jemand einen Kaugummi?«

Lilli ließ sich von Jesses Frage nicht ablenken. In Gedanken war sie in den letzten Tagen hundertmal im Haus gewesen, durch den Wintergarten ins Wohnzimmer gehuscht und hatte dort einen Gegenstand vom Schreibtisch genommen. Nichts Wertvolles. Vielleicht einen Kugelschreiber. Oder eine kleine Figur. Egal was, es musste nur in ihre Tasche passen. Danach raus. Mutprobe bestanden. Ein Kinderspiel. Im Geiste jedenfalls.

»Bist du endlich so weit?«, fragte Leon.

»Alles klar.«

»Hast du noch Fragen?«

»Nö«, log sie.

Natürlich hatte sie noch Fragen. Immerhin war der alte Professor zu Hause. Das war so klar wie Kloßbrühe. Angeblich konnte er nicht aufstehen. Ein Hexenschuss fesselte ihn ans Bett, bewegen konnte er sich nur unter Schmerzen. Aber was, wenn die Information falsch war? Und nicht zu vergessen Stanley. Den Zwinger konnte man von hier oben nicht sehen. Was, wenn der alte Mann den Schäferhund wegen seiner Krankheit im Haus hielt?

»Der Professor liegt im Bett«, sagte Jesse, als könnte er Lillis Gedanken lesen. »Mein Vater war gestern Morgen bei ihm. Der kann sich kaum bewegen. Ehrenwort.«

»Und Stanley liegt bestimmt in seiner Hundehütte.« Leon klang ungeduldig. »Mach jetzt. Ich frier mir sonst noch was ab.«

Sie stellten sich in einem Kreis zusammen und legten jeweils ihre rechte Hand aufeinander. Die Freunde schwiegen feierlich und schlossen die Augen. Lilli blinzelte und schielte auf die schwarzen Lederarmbänder an den Handgelenken der Jungen. Bald würde sie das gleiche Erkennungszeichen tragen.

Wenige Minuten später lief sie im Schutz der einbrechenden Dämmerung in gebückter Haltung los. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Und augenblicklich war er wieder da. Slifer. Der Himmelsdrache spreizte seine Flügel, trug sie den Hang hinunter, flog mit ihr über den Jägerzaun, setzte sie vor dem Haus ab und lauschte. Es war still. Vom Höllenhund keine Spur.

Der Drache berührte die Türklinke und stockte. Der Griff war eiskalt. Slifer schrumpfte und verschwand genauso schnell, wie er gekommen war. Einen kurzen Moment spielte Lilli mit dem Gedanken, umzukehren. Aber was würde Jesse sagen? Und Leon? Sein hämisches Grinsen konnte sie sich genau vorstellen.

Sie dachte an den Dunklen Magier. Er konnte einen unsichtbar machen. Wirklich. Sie holte ihn hervor, schloss die Augen und spürte, wie Kraft und Mut ihren Körper durchströmten. Jetzt musste sie sich beeilen. Der Zauber hielt nicht ewig. Lilli behielt den Magier in der Hand, holte tief Luft und öffnete die Tür. Zielstrebig durchquerte sie den Wintergarten, gelangte geräuschlos in die Diele, betrat das Wohnzimmer und stockte. Sie erkannte es nicht wieder.

Die Geweihe waren verschwunden, ebenso die schweren Eichenmöbel und auch die schlammgrünen Fliesen. Stattdessen erstrahlten die Wände in sonnigem Gelb, dunkle Dielenbretter bildeten einen behaglichen Kontrast zu den hellen Holzmöbeln. Nur der Mief war geblieben. Mottenkugeln und Zigaretten, gepaart mit einem Geruch, den Lilli nicht zuordnen konnte. Sie verzog das Gesicht und lauschte.

Alles blieb ruhig. Kein Stanley. Kein Professor.

Vorsichtig bewegte sie sich vorwärts, den Dunklen Magier fest in der Hand, und sah sich um. An den Fenstern hingen schwere Stoffgardinen. Sie reichten bis zum Boden. Die Tür zum Schlafzimmer war geschlossen.

Ihr Blick fiel auf einen überdimensionalen Schreibtisch vor dem Fenster. Nimm etwas und raus hier!, befahl sie sich. Drei Schritte, und sie stand davor. Lose handbeschriebene Seiten, Bücher, ein Laptop und ungeordnete Unterlagen.

Lilli entdeckte einen kleinen Holzelefanten. Er stand vor einer durchsichtigen Vase, in der gelbe Rosen welkten. Sie griff nach der Figur und steckte sie in die Hüfttasche ihrer Jeans. Dabei stieß sie mit dem Ellenbogen gegen einen Stapel Papier. Einige Blätter rutschten und segelten zu Boden.

Die Zauberkraft des Magiers bröckelte.

Lilli bückte sich und raffte die Papiere zusammen. Dabei fiel ihr Flummi aus der Tasche und hüpfte über den Boden. Sie starrte dem bunten Ball nach. Der Flummi sprang, einmal, zweimal, dreimal, und kullerte gegen die Badezimmertür. Sie stand einen Spalt offen. Lilli bemerkte es erst jetzt. Hielt die Luft an. Der Ball rollte auf die kaffeebraunen Bodenfliesen, verschwand, um nach langen Sekunden wieder in der Tür zu erscheinen, wo er schließlich liegen blieb.

Lilli schluckte.

Jetzt war sie nicht länger unsichtbar. Schweißperlen sammelten sich auf ihrer Nase. Sie legte die Blätter achtlos auf den Schreibtisch und schnellte, ohne lange zu überlegen, vor. Fünf geräuschlose Schritte. Ein Sprung, der nicht besonders präzise war. Sie verlor die Balance und prallte gegen die Badezimmertür, die quietschend aufschwang. Der Dunkle Magier segelte zu Boden. Lilli bemerkte es nicht und achtete auch nicht auf die Fliegen, die sie umschwirrten. Ihr Blick war starr auf die Badewanne geheftet. Eine weiße knochige Brust ragte aus dem Wasser. Ein Arm hing über dem Wannenrand.

Lillis Stimme war hauchdünn. »Herr Professor?«

Er schien sie mit offenem Mund anzustarren. Aber er rührte sich nicht.

Mechanisch ging sie in die Hocke, ohne den alten Mann aus den Augen zu lassen, und griff nach ihrem Flummi. Anschließend drehte sie sich um die eigene Achse, nahm zu viel Schwung und fiel zur Seite. Ein Luftzug wehte den Vorhang neben dem Fenster leicht zurück, und in diesem Augenblick sah sie die Schuhspitzen. Schwarz. An den Seiten klebte Matsch. Unbeweglich standen sie hinter der Gardine.

Lilli war sekundenlang wie erstarrt, bis sich die Schuhe bewegten. Wenige Millimeter nur, aber ihr war es nicht entgangen. Sie löste sich aus ihrer Lähmung. Gleichzeitig schrie sie laut auf, durchquerte das Wohnzimmer, erreichte die Diele und rannte aus dem Haus. Lilli schrie und lief, drehte sich nicht um. Stolperte die Böschung hinauf, zu ihrem Fahrrad und floh den Hügel hinab. Sie hatte keinen Blick für die verdutzten Gesichter ihrer Freunde, und sie sah erst recht nicht die Gestalt, die ihr von der Veranda des Professors aus nachstarrte und dabei den Dunklen Magier in der Hand drehte.

Oberstraße

Als die dumpfen Schläge der Standuhr verhallt waren, übertünchte Hilla schnell noch ihre fahlen Wangen mit einem kräftigen Rouge, zupfte ihr Cocktailkleid in Form und warf einen kritischen Blick in den Spiegel. Wieder störte sie sich an ihren kräftigen Oberarmen und dem muskulösen Rücken, der die festliche Abendgarderobe aus ihrer Sicht sprengte....


Myriane Alice Angelowski, geboren 1963 in Köln. Nach einem Jahr in Israel folgte ein Studium der Sozialarbeit und nach mehreren Jahren Arbeit als Referentin für Gewaltfragen 2001 die Aufnahme einer selbstständigen Tätigkeit als Coach. Sie lebt und arbeitet in Köln.



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