Antelmann | Drei Tage drei Nächte | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Antelmann Drei Tage drei Nächte


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-903061-62-0
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-903061-62-0
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine verletzende Bemerkung des Liebhabers, ein Missverständnis mit dem Ehemann, Unstimmigkeiten mit dem Verleger - es sind zunächst läppisch scheinende Vorfälle, die der Autorin Lisa unerwartet die Beengtheit ihres Daseins aufzeigen. Doch ihren Gefühlen weicht sie aus und macht, was sie seit jeher macht, wenn sie irritiert ist. Sie zieht sich in ihren Kopf zurück. Der Kopf ist für sie Schutzraum und Gefängnis zugleich. Im Rattern des Gedankenrades fühlt Lisa sich sicher. Emsig spinnt sie sich ein immer aberwitzigeres Netz von Gedankenfäden, die um Schriftstellerei und Bibliotheken, um Frausein und Mutterschaft, um Sexualität und romantische Liebe, um Glauben, Psyche und Fremdheit kreisen. Gleichzeitig spürt sie die Not, die sie in dem Gespinst gefangen hält, und erkennt darin die grundsätzliche Begrenztheit des Menschen. Nach drei Tagen und drei Nächten, die Lisa in ihrem Kopf festhängt, erlebt sie unerwartet einen Moment der Offenbarung, der sie von ihrer fundamentalen Einsamkeit erlöst.

Corinna Antelmann wurde 1969 in Bremen geboren und lebt heute mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Linz. Nach ihrem Studium (Film, Literatur, Musik) arbeitete sie in der Theaterwerkstatt Hannover und der Trickompany Hamburg, inzwischen ist sie als freie Autorin und Dozentin für Storytelling tätig. Corinna Antelmann erhielt u. a. den 'Frau-Ava-Literaturpreis' (2013) und das 'Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium' (2015), ihr Jugendbuch Der Rabe ist Acht wurde mit dem 'White Raven' ausgezeichnet. Bei Septime veröffentlicht Corinna Antelmann ihre Romane.
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II. Samstag

Als ich aufwache, ist die Nacht noch nicht endgültig vorüber, und umnachtet bleibe ich liegen, bis der Wecker mich aus meiner Dunkelheit reißt, wofür ich ihm dankbar sein könnte; stattdessen geht er mir auf den Wecker, oder auf den Zeiger, denn er läutet den Zwang ein, mich der Welt stellen zu müssen, die mir trotz Morgenlicht weiterhin finster erscheint und fremd statt licht und froh. Warum nur komme ich mit mir so gut aus und mit anderen eher weniger? Alles in einem und in einem alles, heißt es, aber ich und du, das sind zwei verschiedene Dinge und damit meine ich das Du der Welt mit ihren feindlich gesinnten, wettbewerbsliebenden Menschen, die wetteifernd miteinander ins Gericht gehen, und zu einer solchen Wettbewerbsveranstaltung habe ich mich in einem Anfall von Karrierewahn und Profitsüchtigkeit gemeldet, an dem allein diese miserable, kapitalistische Zeit schuld sein muss. Heute ist es so weit, ich werde dorthin gehen müssen und es platzt mir der Schädel vor lauter Angst, ja, Angst, als ginge ich zur eigenen Kreuzigung, meinen Text als Bürde. Ich werde dieses Kreuz durch die stillen, morgendlichen Straßen schleppen, fallen und wieder aufstehen und mich den Hyänen zum Fraß vorwerfen, und während ich ebendies tue, nehme ich mir vor, im Falle von Kritik nicht gekränkt zu sein, weil eine Kränkung immer auch heißt, noch ein Stück tiefer in sich hineinzurutschen statt aus sich hinaus, und das widerspräche dem Wunsch, endlich aus dem Schädel-Gefängnis hinauszutreten, in dem ich viel zu lange schon hocke, so wie wir alle schon viel zu lange darin hocken. Ja, es ist an der Zeit, der Welt zu begegnen, auf dass sie mir nicht länger so finster erscheinen möge, und mit der Welt den anderen Menschen, und die Begegnung mit Welt und Menschen heißt eben zwangsläufig gleichzeitig, sich möglicher Kritik zu stellen, ansonsten bliebe zum Beispiel dieser Text, wenn nicht im Schädel, so doch in der Schublade, was auf eine Art auf das Gleiche hinausläuft. Daher ist es unwidersprochen ungemein wichtig, Kritik aufzunehmen, wertvoll, ein Geschenk, wie alle sagen, und jeder Kritik gegenüber offen zu bleiben, auch um das Bedürfnis nach Öffnung in einem allgemeineren Sinne nicht von Zeit und Situation abhängig zu machen, sondern als den allgemeinen und steten Zustand zu sehen, der Beziehungen überhaupt erst möglich macht, zu jeder Zeit, in jeder Situation.

So möglich wie die Beziehung zu Gerhard.

Vor allem wir schreibenden Frauen betonen die Wichtigkeit von Kritik gern und oft, um den schreibenden Männern in den Fällen, in denen wir uns irrtümlich zu einer Rechtfertigung bemüßigt sehen, zu zeigen, dass auch wir unseren Beruf professionell angehen, und um zu demonstrieren, wie aufgeschlossen wir sind und dass wir uns im Allgemeinen zudem für aufgeschlossen halten und vor allem als aufgeschlossen gelten wollen.

Blabla.

Die Literaten wiederum stimmen unseren Absichten in puncto Aufgeschlossenheit zu, nur sie selbst möchten sich der Kritik nicht allzu gern aussetzen, was ihnen ohnehin weniger häufig widerfährt als uns, weil sie sich Kritik nicht bieten lassen, Professionalität hin oder her, während mein Text, den ich dem Wettbewerb und somit der Kritik ausliefern werde, bereits darauf wartet, zerfleischt zu werden. Er handelt davon, wie eine Enkeltochter mit der Vergangenheit ihrer Großmutter konfrontiert wird, in dem Moment, als sie nach deren Tod in das von der Großmutter geerbte Haus zieht. In der gewissermaßen fiktionalen Geschichte beginnen die Wände mit ihr zu sprechen, um ihr bisher vorenthaltene, die Familiengeschichte betreffende Erklärungen zu liefern, und es stellt sich heraus, dass die schlesische Großmutter im Zuge des Zweiten Weltkrieges fliehen musste, wahrscheinlich auch Gewalt erfuhr; jedenfalls ist in diesen Mauern plötzlich ein Schmerz spürbar und die Enkeltochter erleidet ihn ungewollt mit, dann versucht sie, sich abzugrenzen, und isst Apfelkompott. Als ich den Text für die bevorstehende Lesung vorbereitete, musste ich weinen, was mir peinlich war vor meinem Anspruch an mich selbst, jederzeit in die Abstraktion gehen zu können, aber es war leider nicht zu ändern. Ich mag den Text eben so sehr, dass er in der Lage ist, mich zu berühren, auch wenn er mich durch den Rucksack in den Rücken drückt und somit auf das sonst heitere, hahaha, Gemüt schlägt. Aber als ich ihn dann öffentlich lese, von der Bühne hinab in den Saal hinein, bemerke ich sogleich eine gewisse Unruhe unter den Zuhörenden, und ich versuche mich zum Schutze in arrogantem Lächeln, was in diesem Falle eine andere Bezeichnung für Abstraktion ist. So abstrahiere ich in gewisser Weise den Raum und die mich misstrauisch beäugenden Schriftstellerinnen-Augen zu einem Bild außerhalb meiner selbst und klappe dabei meine eigenen Augen, wider jegliches Bedürfnis nach Öffnung, ein wenig zu, die Türen zur Außenwelt, der sie als Eingang dienen.

Als möglicher Eingang.

Es scheint die richtige Idee gewesen zu sein, diesen Eingang hübsch verschlossen zu haben, denn kaum lese ich den letzten Satz meines Textes … dann verspeise ich das Apfelkompott mit großem Appetit, meldet sich eine der anderen zum Wettbewerb verurteilten Autorinnen zu Wort und behauptet, dieser Text, den ich soeben vorgetragen habe, sei sentimental, was in sprachlicher Hinsicht so viel bedeutet wie eine Hinrichtung, und obwohl ich mir vorgenommen hatte, im Falle möglicher Kritik nicht gekränkt zu sein, verrutscht mir das Lächeln zu einer Grimasse, die nicht verbergen kann, dass ich diese andere Autorin gern an ihren Seminarstuhl aus Resopal nageln würde: Kreuzigst du mich, so kreuzige ich dich! Bei Licht betrachtet ist das Etikett sentimental eine der Missgunst geschuldete, beabsichtigte Ohrfeige und kein Schweißtuch steckt in meiner Tasche, um die Schmerzen zu lindern, die ich trotz allem verspüre, sodass ich einen Moment lang wieder offener bin, als ich es zu sein wünschte, denn Offenheit liegt im Wesen des Schmerzes, und diese andere Autorin nutzt die schwache Stelle, um neben dem Sentimentalen weiters zu bemängeln, dass es meinem Text an echten Emotionen >.< mangele, zum Beispiel Schmerz. Sie wünsche sich mehr Beziehung der Figuren untereinander, sagt sie noch und ich sage nichts, denn mir mangelt es an Worten, selten genug ist das der Fall, sie sind das Einzige, was ich habe, Gerhard kann ein Lied davon singen, ein Lied nur für mich, ein Lied, das mich davontragen würde von diesem unwirtlichen Ort, diesem Setting, das ich für meinen nächsten Roman, der ebenfalls bereits unter dem Fallbeil der Kritik liegt, als uncomfortable zone platzieren würde, als jene Zone, die ich beim Schreiben eines Textes einführe, wann immer ich ein Gefühl, eine Emotion, eine echte Emotion!, im Außen zu unterstreichen suche. In der uncomfortable zone und dem wortlosen Zustand der Beziehungslosigkeit zu dieser anderen Autorin gefangen, bleibt mir statt einer Emotion, einer echten Emotion!, allein die geheime Empörung, die mich abermals unwillentlich in die Vereinsamung des Schädels zurückdrängt, von wo aus ich zu analysieren beginne, dass das Etikett, dem Text mangele es an Beziehung, vorsätzlich den Umstand vernachlässigt, dass die Grundproblematik der Figuren-Beziehung innerhalb des Textes ja in der Beziehungslosigkeit selbst liegt. Die Analyse wendet den Schmerz ab, sie ist besser, als jedes stinkende Schweißtuch es sein könnte, und mündet in der Erkenntnis, dass die Kritik auf reiner >.<, im Sinne der Anwendung: unreiner >.<, weil beabsichtigter Bosheit >.< fußt, die weniger mit der Welt meines Textes als vielmehr mit der Welt der Kritikerin selbst zu tun haben muss, sprich: mit ihrer Perspektive auf Texte als etwas zu Kritisierendes, also mit ihrer ureigensten Schwachstelle. Offenbar kann sie die Welt nicht in ihrer Fülle stehen lassen, denn auch die Welt ist ja Text. Gegen Schwachstellen als solche gibt es wiederum wenig einzuwenden, nichts liegt mir ferner, denn bekanntlich speisen wir alle unsere Worte und Taten aus dem uns eigenen Mangel, das macht uns menschlich und damit irgendwie liebenswert. In den Schwachstellen liegt zudem das größte Potenzial für erzählte und noch zu erzählende Geschichten, sodass sie in Dramaturgie-Kreisen sogar einen eigenen Namen haben, wie zum Beispiel lack, weil in ihnen ein unentbehrlicher Bestandteil für die Konstruktion einer Geschichte liegt. Im echten Leben werden sie immer dann, und nur dann!, zum Problem, wenn dem Menschen seine jeweilige Schwachstelle selbst nach soundsovielen Schritten und Handlungsfolgen noch immer unbewusst geblieben ist und deshalb auf jemanden anderen projiziert werden muss, weil ja die Reflexion über das eigene Selbst fehlt. Vielleicht ist gelegentliches Denken doch ab und zu von Vorteil, denn Projektionen fallen erfahrungsgemäß meist boshaft aus, weil sie aus einer Ablehnung des eigenen Mangels heraus getätigt werden, welcher in dem verkörperten Mangel im Außen, dem Gegenüber, anschließend umso brachialer bekämpft werden muss. Das Eigene ist unser schlimmster Feind. Die fehlende Reflexion des boshaft >.< Agierenden führt zudem unweigerlich dazu, dass es dir erschwert wird, diesem aus mangelnder Selbstreflexion heraus handelnden Menschen gerade wegen seiner ja menschlichen Schwächen Liebe entgegenbringen zu können, was ansonsten durchaus der Fall ist. Zum Beispiel mag ich Gerhard in erster Linie aufgrund seines Mangels, weil er mir in den Momenten, wo dieser Mangel greifbar wird, als Ganzes greifbar erscheint, nahe und ähnlich und menschlich, und dadurch lässt sich zudem die Liebe greifen, die ich für ihn empfinde.

In diesen Momenten stärker noch als in anderen.

Wenn jemand jedoch seine Mängel von sich weist und...



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