Antelmann | Hinter die Zeit | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 248 Seiten

Antelmann Hinter die Zeit


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-903061-18-7
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 248 Seiten

ISBN: 978-3-903061-18-7
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Als Irina die Augen wieder öffnet, liegen gehäckselte Überbleibsel auf dem Feld, das Spreu ist vom Getreide getrennt, es ist still, der Spuk vorbei. Keine abgetrennten Gebeine sind zu sehen, keine gerissenen Saiten und keine Bratschenkastensplitter, nichts als frisch gemähtes Stroh, und Irina ist wieder allein unter dem weiten, wirklichkeitsgetreuen Himmel Tschechiens.« Irina bekommt den Auftrag, bei der Restaurierung einer Kirche in einem ehemals deutschen Gebiet in Tschechien mitzuwirken. Kaum angekommen, beginnt die Mauer, welche die »Zeit-Ebenen« gewöhnlich voneinander trennt, zu bröckeln und führt Irina unvermutet hinter die Zeit: Sie begegnet der Vergangenheit des historisch aufgeladenen Ortes, die ihr Einblicke in ein Szenario während des Zweiten Weltkrieges gewährt. Beunruhigt negiert Irina die Geschehnisse und greift eilig zu bisher erfolgreichen Vermeidungsstrategien, doch je mehr sie vor den Bildern zu fliehen versucht, desto schlechter gelingt es. Sowohl bei der Arbeit als auch während gelegentlicher Streifzüge durch die Straßen des Ortes, stößt Irina weiterhin auf Spuren alter Wunden, die als Angst in ihr aufbrechen, bis sie schließlich vollends in die Geschehnisse des Krieges involviert scheint, als wären sie ein Teil von ihr und Spiegel ihres eigenen seelischen Status Quo. Plötzlich stellen sich Fragen, von denen sie nicht einmal wusste, dass sie in ihrem Leben eine Rolle spielten: Warum wollte sie nahe Bindungen bisher vermeiden? Warum der Wunsch nach Leistung, warum die Härte gegen sich und andere? Die Konfrontation mit der Geschichte von Vertreibung und Flucht hilft ihr schließlich, die Ursachen der diffusen Ängste aufzuspüren und dem Krieg in sich selbst zu begegnen.

Corinna Antelmann wurde 1969 in Bremen geboren und lebt heute mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Linz. Nach ihrem Studium (Film, Literatur, Musik) arbeitete sie in der Theaterwerkstatt Hannover und der Trickompany Hamburg, inzwischen ist sie als freie Autorin und Dozentin für Storytelling tätig. Corinna Antelmann erhielt u. a. den »Frau-Ava-Literaturpreis« (2013) und das »Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium« (2015), ihr Jugendbuch Der Rabe ist Acht wurde mit dem »White Raven« ausgezeichnet. Bei Septime veröffentlicht Corinna Antelmann ihre Romane: 2014 erschien ihr Roman VIER. Im Frühjahrsprogramm 2015 war sie in der Anthologie übergrenzen mitvertreten. Im Herbst erscheint ihr neuer Roman Hinter die Zeit.
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1

Gewöhnlich liegen die Wände eines Objekts wie ein aufgeschlagenes Buch vor ihr, diese Kirche hingegen versteckt sich, als habe sie sich angesichts der umfassenden Zerstörung in sich zurückgezogen. Vor Kurzem hat es nicht einmal mehr einen Dachstuhl gegeben, nur die Glocke ist noch immer intakt, aber auf dem Papier bleibt sie tonlos, still wie die Münder der barocken Zeichnung, die als eine von vielen nachträglich auf die gotischen Mauern geschmiert wurde.

Auf die innere Haut.

Du hast mich hinunter in die Grube gelegt / in die Finsternis und in die Tiefe steht über der Darstellung des Psalms an der nördlichen Seite des Presbyteriums. Während Irina die Unterlagen betrachtet, die Bestandsaufnahmen von jetzt und vorher, drängen sie hinein in ihren Körper, ihren Geist, ihre Zeit, ja, Zeit!, die werden sie brauchen. Aber in ihrer Vorstellung ist bereits alles fertig, rekonstruiert und vervollständigt, in der Zukunft gelandet, der heilen Gestalt, die zugleich die Vergangenheit abbildet.

Du kannst Zeitsprünge machen, sagte Jona, da waren sie noch nicht einmal verheiratet, dein Gehirn ist so gebaut, dass es die Vergangenheit spiegelt, als diese noch kein Gestern war, sondern ein Heute.

In diesem Punkt hat er recht, denkt sie und schlägt die Unterlagen zu, mein Gehirn lässt den Ballast der Zeit außen vor und ist deshalb imstande, eine frische Zeit zu gebären, eine gewissermaßen unbelastete Zeit.

Platz für Neuanfänge, für Schönheit auch.

Sie verstaut die restlichen Akten in den zweiten Karton und klebt beide mit doppelseitigem Klebeband zu, um sie im Kofferraum stapeln zu können, geht noch einmal durch das aufgeräumte Büro, zieht den Stecker, kontrolliert auch den Müll, dann wuchtet sie alles durch die Tür und sperrt sorgfältig zu.

Präpariert für den Fall der Fälle.

Irina fährt zu schnell. Sie passiert das Tor, und als sie den Wagen abbremst, kommt er auf dem Schotter ins Schleudern, die Reifen sind nicht mehr die neuesten. Ein Besucher schaut ihr erschrocken nach, sicher vermutet er, jemand liege im Sterben, was sonst könnte diese Eile erklären? Die meisten Leute, die sich dem Altersheim nähern, verlangsamen ihren Schritt und werden still, alle wissen, der Tod lauert in allen Ecken und trifft am Ende alle.

Unverhofft und oft.

Im Flur riecht es nach Urin und dem Versuch, den Gestank mit billigen Desinfektionsmitteln zu überdecken. Zu überpinseln. Hier sind andere Bakterien unterwegs als solche, mit denen Irina während Restaurierungsarbeiten beinahe täglich hantiert, und sie widersteht dem Impuls, umzudrehen und hinauszustürzen, an die frische Luft, ins Leben, immer ins Leben, was um alles in der Welt hat ein zwölfjähriges Mädchen hier verloren?

Der Geruch beschwört Ahnungen herauf, wie die eigene Zukunft aussehen könnte, das eigene Sterben auch. Das Altersheim will Irina in sich gefangen nehmen, sie spürt es ja, es zwingt sie rückwärts, während sie selbst vorwärtsstrebt, vorwärts, immer vorwärts, warum also bleiben sie nicht unter sich, die Alten, lösen Kreuzworträtsel oder trinken aus Schnabeltassen?

Tun, was Alte eben tun.

Sie nimmt sich eine Zigarette aus der frischen Packung und zündet sie an, das Nikotin schmeckt verwegen und lebensfroh, allen Krebswarnungen zum Trotz. Irina schichtet die Zigaretten in das Etui mit den eleganten Goldornamenten, es zeigt eine Blume und strahlt vor Gesundheit, und wirft die aufgedruckten Angstmachereien samt Schachtel in den Müll, wo sie hingehören. Angst hat sich schon immer als eine schlechte Richtschnur erwiesen, Irinas Mutter zum Beispiel hangelte sich die größte Strecke ihres Lebens daran entlang, bis sie vor lauter Angst erstarrte und sich in die Sprachlosigkeit mauerte, die ihr ein Gebäude der Zuflucht zu sein versprach.

Der eisigen Abwehr.

»Haben Sie nicht das Schild gesehen?«, fragt eine Stimme hinter ihr. – »Entschuldigen Sie, bitte«, sagt Irina lächelnd und legt dabei ihren ganzen Charme in dieses Lächeln, sodass die Schwester zurücklächeln muss.

Jona meinte einmal, Irina lächle das Lächeln der vermeintlich Sorglosen, ja, Glückseligen, und habe deshalb so einen Erfolg, weil alle daran teilhaben wollten, an diesem Glück. Erfolg, Erfolg, was, bitte, meinst du mit Erfolg?, wendete sie ein, zum Geldverdienen jedenfalls habe sie den falschen Beruf, aber davon ließ sich Jona nicht irritieren: Du nimmst einen Auftrag entgegen, und augenblicklich fühlen sich die Auftraggeber von aller Last befreit. – Ach, tatsächlich? – Ja, es gelingt dir, ihnen weiszumachen, du könntest jede Last in Leichtigkeit verwandeln, deine eigene Schwere bekommt keiner zu Gesicht.

Welche Schwere?

Sie drückt die Zigarette aus, geht den Gang hinunter und öffnet die Tür, ohne anzuklopfen, ihre Mutter kann ohnehin nichts mehr entscheiden, nicht, ob sie offen ist für ein Herein oder lieber allein bleiben will mit sich und der Stille, vermutlich macht das keinen Unterschied für jemanden, der stumm dahinvegetiert.

In sich eingeschlossen.

Ihr Innenleben bleibt unergründet, so war es immer schon, und alle Entscheidungen werden ihr abgenommen: So, Frau Kossak, dann wollen wir mal duschen, oder: Frau Kossak, ein bisschen frische Luft wird Ihnen gut tun. Dem eigenen Bewusstsein entzogen, werden ihre Handlungen von außen gesteuert, da gibt es keinen freien Willen, alles, was sie tut, tut sie fremdbestimmt und ohne Einwände zu erheben.

Nur einmal, als Irina eine Schwester anschrie, der klaren Sicht zuliebe doch wenigstens ab und zu ein Fenster zu putzen, nichts als die Trostlosigkeit des Zimmers mit seinen geschmacklosen Stickereien spiegele sich darin, Herrgottnochmal!, da wimmerte ihre Mutter und schniefte, und Irina dachte, die hört mich also doch, seht, seht, stellt sich taub und blind und hohl und belauscht mich dabei unauffällig von hinten.

Seither kommt sie noch seltener, und wäre Zoe nicht auf die Idee verfallen, ihrer Großmutter plötzlich regelmäßig Besuch abstatten zu wollen, wäre sie auch heute nicht hier, es gäbe ohnehin genug anderes zu tun.

Zoe sitzt auf einem Stuhl am Fenster, ihrer Großmutter gegenüber, und redet auf sie ein, aber die Oma regt sich nicht, ein Bauwerk aus Stein, mit einer Schicht aus Jahren überzogen, und was immer diese Jahre in sich geborgen haben mögen, die Fassade wurde von ihnen ruiniert.

»Vergiss es«, sagt Irina, »hat doch sowieso keinen Sinn, »und beeil dich, ich bekomme noch Gäste.« Ihre Tochter macht einen Schritt auf die Oma zu, streicht ihr über den Kopf und gibt ihr einen Kuss auf die Wange. Irina hingegen ist es unmöglich, die Mutter anzufassen, also verlässt sie das Zimmer einfach so.

Ohne Gruß und ohne Kuss.

Im Auto pfropft sich Zoe Musik ins Ohr und verkriecht sich damit in sich selbst. Ob sie schon gegessen habe, fragt Irina, und als ihre Tochter nach nochmaligem Fragen den Kopf schüttelt, lacht sie: »Bist ja schlimmer als ich.«

Zoe bleibt ernst, wie meist, der Ernst war immer schon Teil von ihr, ebenso wie die Traurigkeit in den Augen. Hinzu kommen jetzt zweieinhalb Stunden Oma in einem miefigen Zimmer, das dürfte nur wenig erhellend sein für ein kindliches Gemüt, vermutet Irina.

»Ich an deiner Stelle würde lieber eine Freundin besuchen, als im Altersheim herumzuhängen«, sagt sie, »oder was versprichst du dir davon, einmal in der Woche mit einer Beinahe-Toten zusammenzuhocken, plaudert es sich nett mit Großmütterchen?« Und nun schaut Zoe erstmals zu Irina hinüber, zieht sogar den Stöpsel aus dem Ohr: »Ich möchte wissen, wie es früher war, wie sie gelebt hat und so.« – »Trifft sich ja ausgezeichnet bei jemandem, der seit fünf Jahren schweigt«, sagt Irina und denkt, sei froh, wer weiß, was du dir alles anhören müsstest.

»Irgendwann, wenn niemand mehr damit rechnet, wird sie reden«, meint Zoe, »interessiert dich denn gar nicht, wie es ihr geht, was sie erlebt hat, was hinter dem Schweigen ist?« – »Sicher nicht, ich habe mich lange genug mit dem Vergangenen abgeschleppt, jetzt ist Schluss, vergangen ist vergangen und geht mich nichts mehr an.« – »Na dann.«

Zoe stöpselt sich wieder von ihr ab, und Irina fällt unvermittelt ein, wie sie selbst als kleines Mädchen auf den Schoß ihrer Großmutter geklettert ist: Zeig mir Fotos, Oma, erzähl mir was, und dann kam wieder nichts heraus als ein Seufzen und irgendein Wir-armen-Vertriebenen-Gedudel, an das Irina sich nicht mehr erinnert, die Erzählungen waren zu starr, wie es jetzt die Lippen der Mutter sind.

Starr und unbewegt.

Irina tritt fester aufs Gaspedal, um die Erinnerungen zu überholen, doch sofort gemahnt Zoe zur Langsamkeit, besonnen wie der Vater, darin ähnelt sie ihm. Tempolimit, Haushaltspläne, Jona liebte es, auf mögliche Regeln zu pochen, so als würden sie ihm dabei helfen, sein System zu stabilisieren und eine diffuse Angst zu verbannen, wann immer sie den Abwasch liegen ließ oder die Möbel umstellte oder sich erlaubte, kurzfristig langfristig angelegte Pläne zu verändern.

Wovor hast du eigentlich Angst?, fragte sie ihn einmal. – Jeder hat Angst, auch du, erwiderte er, schichtete ungerührt Zoes Wäsche in den Schrank und sortierte sie dabei nach Farben. – Du würdest einen prima Soldaten abgeben, stichelte sie, aber jaja, bla, bla, du hast recht, was rede ich von Soldaten, nichts verstehe ich davon, warum sollte ich auch?

Wen interessiert schon der Krieg?

»Komm jetzt«, sagt Irina und steigt aus. Sie muss noch die Koffer packen und das Wohnzimmer in einen akzeptablen Zustand versetzen, das wird schnell gehen, die Wohnung ist noch immer beinahe leer, seit...



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