E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Antelmann VIER
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-903061-10-1
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-903061-10-1
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Corinna Antelmann, die 2013 den »Frau Ava Literaturpreis' erhielt, wurde 1969 in Bremen geboren und lebt heute mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Linz. Nach ihrem Studium (Film, Literatur, Musik) hat sie in der Theaterwerkstatt Hannover und der Trickompany Hamburg gearbeitet, inzwischen ist sie als freie Autorin und Dozentin für Storytelling tätig.
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EINS
Die Tür öffnet sich und Licht fällt ans Ende der Welt. Es ist Bengt, der fragt, ob ich etwas brauche. Nein, alles okay, danke, sage ich, nur, dass ich gerade ersticke, aber das verschweige ich. Kommst du, fragt er und ich sage: Gleich, noch einen Augenblick.
Ich liege auf dem Rücken und kann mich nicht rühren,
denn meine Lungenflügel schmerzen, die Luft ist zu dünn, die Decke in meinem Zimmer zu weit, gibt es das: eine gezerrte Lunge oder ist es die von Träumen beschwerte Brust, die mich daran hindert, das Bett zu verlassen? Aber sie hält absichtlich die Luft an, meine Lunge, verstehst du? Sie hat genug vom Atmenmüssen. Es ist ihr zuwider, dieses Weitermachen, und sie gibt dem Drang nach dem Weiter und nach dem Mehr die Schuld, an was, warum? Ich widerspreche nicht, womöglich hat sie recht, und dann wieder weiß ich: Nein, hat sie nicht,
denn auch wenn sie den Atem in uns hinein- und hinauslässt: Was versteht eine Lunge vom Leben? Wenig, vermute ich, so wenig wie ein Fuß von den Richtungen, die das Leben nimmt. Er kennt nur das, wohin der Körper oder der Geist oder das Herz ihn dirigiert, mal hierhin, mal dorthin, in deine Arme hinein und wieder hinaus.
Ich schiebe die Vorhänge beiseite und als ich in die Küche trete, steht der Kaffee bereits auf dem Tisch.
Ich liebe dich, Bengt, das weißt du, und nicht nur für den Kaffee, den du mir seit zehn Jahren aufbrühst, wann immer du dienstfrei hast im Krankenhaus. Und gleichzeitig ist es noch immer wahr, was ich nur zu träumen gemeint hatte: der Körper von André unter meinen Händen, seine Hüften, sein Bauch, seine Brust, die weiche Kuhle seines Nackens zwischen Wirbel und Haaransatz. Seit einigen Wochen hat der Klang sich in die Wirklichkeit verirrt, eine Wirklichkeit, die sich im Verborgenen hält, stolz bin ich darauf nicht, nein.
Ich gebe Bengt einen abwesenden Kuss, er tut mir leid, dieser Kuss, also wiederhole ich den Vorgang und schließe dabei die Augen, um zu spüren, wie sich die Lippen tatsächlich anfühlen, die mir vertraut sind, seit Jahren so vertraut, dass ich sie zu spüren vergessen habe. Nachdem ich meinen Mund wieder gelöst habe, setze ich mich Bengt gegenüber, gieße den Kaffee aus der Thermoskanne in meine Tasse und gebe ein wenig Milch hinzu, aber nur so viel, dass der Kaffee noch heiß bleibt. Ich nehme einen Schluck, Bengt beobachtet mich dabei, und ich denke, glaub nicht, dass ich feige bin, mein Lieber, ich würde reden, wenn ich nur wüsste, ob es gescheit ist, jemandem diese Wahrheit ins Gesicht zu blasen, der meine Freude nicht zu teilen vermögen wird, die relativ ist, sprich, sich beschränkt auf das Setting des Doppelzimmers im Hotel Meyer und auf nur zwei Protagonisten.
Für dich ist keine Rolle vorgesehen, Bengt, und, ja, du hast richtig gehört: Hotel Meyer. Eine heilige Stunde im Hotel Meyer, ein Mal in der Woche oder auch drei Mal.
Obwohl wir jetzt schon so lange hier wohnen, beinahe sieben Jahre schätze ich, kannte auch ich das Hotel bisher nicht. Schön grün ist es dort, weil es an den Friedhof grenzt und praktisch liegt es außerdem: nicht weit vom Gemeindehaus entfernt. Und nachdem wir uns beinahe zu Tode gesungen hatten, André und ich, an diesem einen Freitag vor vierundachtzig Tagen und vierundachtzig Nächten, konnten wir den Kodex nicht länger aufrechterhalten, der mir doch immer heilig gewesen war. Wir konnten es nicht länger über die Lippen bringen, dieses Salut: Salut, Maria. – Salut, André. – Mach es gut. – Au revoir. – Bis bald. Konnten nicht länger unserer Wege gehen, wie wir sie immer gegangen waren, und sie verliefen getrennt. Wir standen voreinander, gezögert habe ich erst, aber bald schon nicht mehr, dann sind wir wortlos durch die Straßen gelaufen bis vor den leicht versteckten Eingang zu eben dem Hotel Meyer, das Schild sahen André und ich gleichzeitig.
Der Körper dirigiert die Füße dorthin, wo er sie haben will.
Unsere Stimmen waren tonlos, unsere Körper haben es so gewollt, das und nichts anderes. Auch an der Rezeption haben wir nicht miteinander gesprochen, nicht im Fahrstuhl und nicht, als André den Schlüssel in das Schloss steckte, die Tür öffnete und wieder hinter uns zuzog. Da war ohnehin alles zu spät, nur kurz fragte ich mich, warum ich richtig finde, was ich tue, dann dachte ich an nichts mehr, höchstens, dass ich ja morgen wieder denken könnte.
Es war nichts dabei,
denn ich kannte ihn bereits so gut, dass die Nacktheit nur ein logischer Folgeschluss zu sein schien. Was für ein Unsinn, von Logik zu reden, obwohl die Regeln es logischerweise anders von uns verlangt hätten. Gesellschaft funktioniert ähnlich klar wie die Musik, das ist das Schöne daran: Intimität in der Form.
So gesehen hat der Verrat mehrere Dimensionen.
Bengt lächelt. Ich bin aus dem Spalt hinausgeklettert an die Sonne, die sich durch den trüben Novembertag kämpft, aber der Abgrund zeigt sich noch immer als Abgrund, in den hinein ich erneut zu stürzen wünsche, damit ich nichts überdenken muss. Noch hangele ich mich einen schmalen Grat entlang. Je chante, mais la faim qui me poursuit, tourmente mon appétit. – Ich singe, aber der Hunger verfolgt mich und trübt den Appetit, so heißt es in einem Lied von Charles Trenet.
Ich nippe abermals an meinem Kaffee, auch ohne Milch ist er bereits kalt gewesen. Ohnehin würde mir ein Martini besser schmecken, aber wenn ich schon zugrunde gehen werde, dann nicht an einem Klischee, wobei der Alkohol durchaus helfen könnte, sich der Wirklichkeit zu entziehen und in eine Welt abzutauchen, die der Formlosigkeit am ehesten gerecht wird, der Auflösung im Guten: der Musik.
Schreien, leiden, weinen, sich betrinken und Schluss.
Ich schütte den Kaffee in den Ausguss. Als ich mich zur Tür drehe, sieht Bengt, wie ich mir an die Brust fasse. Er fragt, ob ich Schmerzen habe, und als ich nicke, schlägt er vor, es doch lieber sein zu lassen, das Proben heute Abend, um mich zu schonen. Auf keinen Fall, sage ich. Meine Stimme klingt belegt, das darf nicht sein. Ich räuspere mich. Muss los, füge ich hinzu, Schüler quälen, dann durchschreite ich den Flur und ziehe dabei die Lungenflügel zusammen, sie sind mir untreu geworden. Aber wie kann ich von Untreue reden, wie könnte ich?
Es steht mir nicht zu, dir nicht, André, und uns nicht. Ich greife mit den Händen in die Luft, nur Luft, mir fehlt sie, deine Hand, dein Nacken auch. Wenn ich klein wäre und du hieltest mich im Arm und wögest mich ganz leis’. Aber singen kann ich dich hören,
denn du bist da, in meinem Kopf, nur meine Hände sind leer. Immerzu suchen sie nach der Berührung, doch sie darf nicht sein und das habe ich bereits gewusst, als wir einander das erste Mal wie zufällig berührten, beinahe zwei Jahre ist das jetzt her, auf dem Biertisch im Azul, das gleich um die Ecke zum Gemeindehaus liegt, schräg gegenüber vom Dom. Weißt du noch, erinnerst du dich? Geliebter.
Nur leicht habe ich meine Hand an deinen Arm gelegt, doch es reichte aus, um deine Muskulatur zu erspüren, später die Sehnen deiner Finger und manchmal deinen Oberschenkel, wenn wir nebeneinandersaßen und zufällig ein bisschen dichter zusammenrutschen mussten, um Platz zu machen für die anderen. Zufällig. Mit meinem Mund habe ich dich ohnehin berührt, über den Abstand von drei Frauen und zwei Männern hinweg, während wir gesungen haben.
Schubert ist es gewesen, der mich in eure Reihen aufgenommen hat. Das Ave Maria von Schubert. Die Textzeilen sind längst Bestandteil meiner Zungenspitze geworden, über die sie in die Außenwelt gelangen, wenn sie die Stimmbänder passieren und das Denken überwinden.
Ave Maria! Reine Magd! Der Erde und der Luft Dämonen, von deines Auges Huld verjagt, sie können hier nicht bei uns wohnen, wir wollen uns still dem Schicksal beugen, da uns dein heiliger Trost anweht.
Immerzu gesungen haben wir, so lange und so oft, bis meine Stimme wusste, wie du auf sie reagierst. Beim Singen, erst einmal nur da, und später …, ja, später dann … Die Sehnsucht trieb die Töne aus mir heraus, seither ist sie ein Teil meiner selbst. Sie komponiert ihre eigene Melodie und musiziert sich durch meinen Körper, vom kleinen Zeh bis zum Scheitel und wieder zurück.
Sehnsucht, wonach, hast du einmal gefragt, nach was sehnst du dich, Maria? Wonach ich mich sehne? Ach, wenn ich das wüsste, wenn ich das nur wüsste, André. Aber das habe ich natürlich nicht gesagt,
denn damals habe ich deinen Namen noch nicht gekannt und die Sehnsucht nicht wahrhaben wollen. Stattdessen nahm ich meinen Platz ein, rechts außen, beim Sopran. Augenblicklich wanderte meine Stimme zu dir, in deinen Bass hinein, um bei dir zu sein, und wir wurden zu dem einen Klang, wie es manchmal geschieht beim gemeinsamen Singen, wenngleich nicht immer. Die Töne drehten sich ineinander und nahmen die Form einer Kugel an, die durch den Himmel rollt, statt als Hälfte von einem Ganzen, das einmal zerschnitten wurde, über steinigen Grund wanken zu müssen.
Seither habe ich dich kaum mehr losgelassen, wann immer ich die Gelegenheit dazu hatte, dich mit Tönen zu umklammern, im Gemeindehaus, in unserer Kirche, außerdem im Azul, wo einige von uns anschließend Bier trinken oder auch eine Kleinigkeit essen. Singen macht hungrig nach mehr. Stets saßen wir dort nebeneinander, wie festgewachsen klebten wir in unserer Bank, obwohl du anfangs nicht mit ins Azul kommen wolltest und erst gegangen bist, als du wusstest, dass auch ich da sein würde. Ma belle chanteuse, sagtest du in reinstem Pariser Französisch, wenn du noch ins Azul gehst, muss ich auch kommen. Seit du hier aufgekreuzt bist,...




