E-Book, Deutsch, 231 Seiten
Aram Oh Ali
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-273-0161-4
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 231 Seiten
ISBN: 978-80-273-0161-4
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Oh Ali' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Aus dem Buch: 'Da die Stadt von der russischen Grenze nur drei und von der türkischen sogar nur eine Tagereise weit entfernt ist, und da die Karawanenstraße von Trapezunt am Schwarzen Meer nach Täbris, der Hauptstadt Nordpersiens, dicht an ihren Mauern vorbeiführt, so leben auch zahlreiche russisch-armenische Handelsleute, einzelne Türken und wohlhabende Kurden in ihr. Diese, die ihre engeren Stammesgenossen am besten kennen, haben sich am östlichen Ende der Stadt möglichst weit fort von den Bergen angesiedelt. ' Kurt Aram (1869-1934) war ein deutscher Journalist und Schriftsteller, der unter diesem Namen schrieb.
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Zweites Kapitel
Hakob Akunian geleitete seinen Gast quer über den Hof, durch einen langgestreckten Gemüsegarten, dessen Beete mit Wassermelonen und Kürbissen wie mit Kinderköpfen bedeckt waren, zwischen denen sich lange grüne Gurken wie Schlangen dicht am Boden wanden, zu einer östlichen Seitenpforte.
In der Nähe der Mauer auf der staubigen Straße wartete ein Reiter mit Surejas Hengst Jussuf.
Der Prinz warf einen raschen Blick nach beiden Seiten. »Man hätte dem türkischen Hund jemand nachschicken sollen«, flüsterte er.
»Ich habe es nicht unterlassen, mein Prinz, und Riza ihm nachgeschickt.«
»Segen über dich!« sagte Sureja laut und trat zu seinem Pferd. Der Diener sprang aus dem Sattel.
In demselben Augenblick erhob sich die Stimme des Ausrufers zum Gebet auf der Galerie des nächsten Minaretts. Der Diener riß seine leeren großen Satteltaschen vom Pferd, breitete sie vor seinen Herrn als Ersatz für einen Gebetsteppich und warf sich selbst in den Staub. Auch Sureja fiel nieder, richtete sein Antlitz nach Mekka und vollzog sein Gebet. Hakob trat in die Büsche zurück. Er wußte, daß der Prinz kein Fanatiker war. Gerade bei Kurden findet sich das häufiger. Aber auch bei lauen Mohammedanern weiß man nie, ob sie nicht doch plötzlich beim Blick nach Mekka rabiat werden. Auch darin unterscheiden sie sich sehr von lauen Christen.
Als die Zeremonie beendet war, trat Hakob Akunian Sureja wieder näher, der sich in den Sattel schwang. Vom Pferde aus blinzelte er dem Christen spöttisch zu, und dann verabschiedete er sich um des Dieners willen in den besten persischen Höflichkeitsformeln, wobei Hakob dem Prinzen ironisch zulächelte. In Spott und Geringschätzung des wehr- und machtlosen Persiens waren sich beide einig.
»Werden Sie bald wieder in die Wohnung Ihres Sklaven Verherrlichung bringen?«
»So Gott will, werde ich bald wieder zu Ihren Diensten sein.«
»Ihre Freude mehre sich.«
»Ihr Schatten möge nicht abnehmen.«
Der kurdische Prinz sprengte von dannen. Der armenische Fürst schloß die Seitenpforte hinter sich und schlenderte nachdenklich zu seinen großen Weingärten, die nach Süden lagen.
Ein Glück, daß der türkische Spion noch vor der Mauer gefaßt worden war und so keine Gelegenheit hatte, einen Blick in die Weingärten zu werfen. Hier lagerten und übten seit einigen Wochen dreihundert Freiwillige, die Hakob Akunian aus allen armenischen Dörfern Nordpersiens möglichst unauffällig in kleinen Trupps hierher zusammengezogen hatte, seit kurdische Hirten aus den Bergen, die in Surejas Sold standen, die Nachricht brachten, Scharef Pascha ziehe bei Wan in Ostanatolien zu einem Raubzug nach Persien Hamidiekurden zusammen.
Wenn ihr besonders hoch bemessener Sold für einige Zeit ausblieb, suchten die Hamidiekurden sich selbst zu helfen, so gut es ging. Sie brandschatzten dann nicht nur die Armenier, sondern auch die Bergkurden und dezimierten ihre Herden. Die freien Kurdensöhne der türkischpersischen Grenzgebirge haßten sie tödlich, weil die Hamidiekurden nicht nur im türkischen Sold standen, sondern sich auch noch an den Herden ihrer Bluts- und Glaubensvettern so rücksichtslos vergriffen.
Um die Perser dabei nicht über Gebühr zu reizen, beschränkten sich solche Raubzüge der Kurden möglichst auf rein christliche Dörfer oder christliche Vororte. Wenn Sunniten die Christen ausplünderten und ihre Häuser zerstörten, konnte das den Schiiten doch nur recht sein. Haßten sie doch Armenier und Syrer, diese Ungläubigen, gleichermaßen. Der einzige Glaubensartikel, in dem beide mohammedanische Bekenntnisse einig waren.
Hakob Akunian schritt durch die Gruppen der Freiwilligen. Sie lagerten unter einzelnen Rebenstämmen, die besonders stark und den Tag über schattenspendend wie Bäume waren. Man begrüßte einander leise, nickte sich zu, flüsterte, und des Fürsten Wort lief von Gruppe zu Gruppe schnell und munter wie ein Füllen, das bald den Reiter tragen wird. »Nur noch ein wenig Geduld, bald ist es soweit.«
Der Fürst winkte einem lebhaften Priester in ergrautem Bart, mit unendlich guten, lachenden Augen. Er war der verehrte Liebling aller und hatte sich schon häufig als ebenso tollkühn wie verschlagen erwiesen, ohne je für seine Person eine Waffe zu benutzen. Einst war er vom Katholikos in Etschmiadsin, dem Papst der Armenier, nach Europa geschickt worden und hatte auch in Berlin zwei Jahre Theologie studiert. Damals gelobte er sich, niemand mehr zu töten, aber seinem Volk doch mit allen Kräften gegen alle Feinde beizustehen. Selbstverständlich trug er Waffen, aber benutzte sie nicht.
Hakob Akunian ging mit Vater Grigor ein wenig beiseite, um über den türkischen Spion zu sprechen. In diesem Augenblick erschien Riza und berichtete, noch ein wenig außer Atem, er sei dem alten Kurdenweib ins freie Feld gefolgt. Ein Pferd mit zusammengebundenen Vorderbeinen habe auf dasselbe gewartet. Der Türke sei nach Süden in der Richtung auf Salmas fortgaloppiert. Riza zog sich wieder zu seinen Leuten unter einen Weinstock zurück.
»Da er nach Süden abgebogen ist statt nach Norden, wie ich erwartete, was meint Ihr, Vater Grigor?«
»Dann ist Scharef ebenfalls nach Süden unterwegs.«
»Aber unter der Folter erklärte der Spion ausdrücklich, Scharef lagere noch bei Wan.«
»War sie scharf?«
Der Fürst lächelte. »Scharf und ungewöhnlich.«
»Dann will er den Weg von Derik nach Wan auskundschaften. Von dort aus suchen sie ja meist den Salmasdistrikt heim.«
»Ihr glaubt immer noch, es gilt Salmas, nicht uns?«
»Die Dörfer sind ärmer, die Häuser schwächer; und solange sie Delivan umgehen, haben sie es nur mit Armeniern zu tun. Ohne Konflikte mit Mohammedanern.«
»Aber hier wäre mehr zu holen.«
Der Priester lachte. »Aber schwerer zu kriegen.«
»Weshalb kam er dann überhaupt hierher?«
Der Priester lächelte verschmitzt: »Um nachzusehen, ob Ihr schlaft oder wacht, Hakob ... Er kann ja auch Riza bemerkt und nur einen Haken nach Süden geschlagen haben, um uns irrezuführen.«
»In Salmas haben sie heute nacht die Augen auf. Ich habe sie gestern gewarnt.«
»Dann werden wir ja morgen wissen, wohin er geritten ist.«
»Ich reite nach Djulfa. Für vier, fünf Tage. Seid wachsam, Vater Grigor.«
»Wann reitet Ihr?«
Der Fürst sah nach dem Himmel. »Sowie die Sterne leuchten. In zwei Stunden, denke ich.«
Nachdenklich meinte der Priester: »Wenn Scharef noch bei Wan lagert, braucht der Spion sechs Tage bis zu ihm. Ebensolange braucht Scharef mit seinen Leuten von Wan bis Derik, wenn sie zwischendurch nicht Rast machen, was sie sicher tun. Vor vierzehn Tagen werden sie schwerlich in Salmas oder hier sein. Wir haben Zeit.«
»Es braucht niemand zu wissen, daß ich fort bin.«
Sie schüttelten sich die Hände, der Priester schlug das Kreuz über dem Fürsten. Dieser antwortete stumm, lächelnd mit dem mohammedanischen Gruß, indem er mit der Rechten leicht Stirn, Mund und Brust berührte.
Im Pavillon neben dem Haus brannten schon Kerzen. Die Mutter des Fürsten las dort in einem französischen Roman, den unvermeidlichen Samowar auf einem kleinen Nebentisch, von dem aus ein Diener ständig für Tee und Gebäck sorgte. Der Sohn eilte zu ihr, küßte sie erst nach russischer Sitte auf beide Wangen, dann europäisch ihre ringgeschmückten Hände, und ließ sich auf dem nächsten Stuhl nieder.
Die Fürstin schlug den Roman zu, legte ihn beiseite und betrachtete den Sohn eine Weile stumm und aufmerksam.
Er lächelte ihr aufmunternd zu. Sie war eine große, stolze, energische Frau, der die meisten Schiffe auf dem Kaspischen Meer gehörten, und die seit zwanzig Jahren, seitdem sie Witwe war, die Kaiserlich Russische Post über den Kaukasus in Pacht hatte und musterhaft in Schwung hielt.
»Ein weiser Mann, der eine Schlange und einen Kurden sieht, läßt die Schlange laufen und tötet den Kurden«, sagte sie grollend mit tiefer Stimme.
Der Sohn lachte. »Wenn der weise Mann sich mit dem Kurden verbündet hat, töten sie die Schlange.«
»Können Wolf und Lamm sich verbünden?«
»Aber Mama, Lämmer sind wir doch gewiß nicht.«
»Dann ersetze das Lamm durch den Fuchs. Ein Kurde bleibt immer ein Wolf, wie schon sein Name sagt; und ein Fuchs kommt gegen ihn nicht auf, wenn die Beute geteilt werden soll.«
»Soweit sind wir noch lange nicht, Mama. Ich weiß ja, daß Sureja nicht nach deinem Geschmack ist ...«
»Kein Kurde ist nach meinem Geschmack!« unterbrach sie energisch.
»Aber wenn Wolf und Fuchs zusammen auf die Jagd gehen, ist die Chance größer, das Wild zu erlegen.«
»Und dann? Der Wolf frißt, und du kannst dir dann den Mund lecken.«
»Abwarten, Mama, abwarten.«
»Oh Ali!«
Diener brachten Essen. In der Nähe des Pavillons stellte sich der Schwerbewaffnete auf, der den Spion vor das Tor geworfen hatte.
Der Fürst rief ihm zu: »Gib Husein Gerste, Mähmäd, und dann sattle ihn. Ich reite in einer Stunde. Allein. Für vier, fünf Tage.«
»Nichts als Heiden, lauter Heiden«, brummte die Fürstin.
»Aber Mama, Husein ist mein neuer Hengst.«
»Natürlich auch ein Kurd?«
»Aus dem Gestüt des Kronprinzen, er ist schwerer als sonst die Perser. Mit arabischem Blut. Darauf verstehst du dich doch, Mama.«
»Unsere Orlower sind mir lieber.«
»Aber in den Bergen nicht zu brauchen.«
»Für den Mähmäd könntest du ruhig einen Russen nehmen, wenn es schon kein Armenier sein soll.«
Eine Weile aßen sie stumm, dann fragte die Fürstin: »Wieder Wolf und Fuchs zusammen?«
»Diesmal der...




