E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Arenas Engelsberg
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86034-528-3
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-86034-528-3
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Reinaldo Arenas, 'einer der ergreifendsten kubanischen Romanschriftsteller des 20. Jahrhunderts' (Jesús Díaz), 1943 im Osten Kubas geboren. Kind der Revolution, von ihr verfemt und verstoßen. 1980 Flucht in die USA, 1990 in New York gestorben. Seine furiosen Memoiren 'Bevor es Nacht wird' - Schelmenroman, éducation sexuelle und politisches Manifest zugleich - wurden zu einem weltweiten Bestseller, der von Julian Schnabel mit Javier Bardem in der Hauptrolle 2000 verfilmt wurde. Sie gehören zu den großen Konfessionen unserer Zeit: eine hymnische Schamlosigkeit.
Weitere Infos & Material
Über das Werk
Erster Teil
Die Familie
Kapitel 1: Die Mutter
Kapitel 2: Der Vater
Kapitel 3: Cecilia
Kapitel 4: Die Großmutter
Kapitel 5: Doña Rosa
Kapitel 6: Engelsberg
Kapitel 7: Die versammelte Familie
Zweiter Teil
Die Schwarzen und die Weißen
Kapitel 8: Der Ball
Kapitel 9: José Dolores
Kapitel 10: Nemesia Pimienta
Kapitel 11: Dionisios
Kapitel 12: Das Duell
Kapitel 13: Von der Liebe
Dritter Teil
Die Weißen und die Schwarzen
Kapitel 14: Isabel Ilincheta
Kapitel 15: Eine Tilburyausfahrt
Kapitel 16: Der Paseo del Prado
Kapitel 17: Das Zusammentreffen
Kapitel 18: Dolores Santa Cruz
Kapitel 19: Das Rendezvous
Kapitel 20: Der Generalkapitän
Kapitel 21: Die Freundschaft
Kapitel 22: Von der Liebe
Vierter Teil
Auf dem Lande
Kapitel 23: Auf der Kaffeepflanzung
Kapitel 24: Die Dampfmaschine
Kapitel 25: Die Romanze im Palmenhain
Kapitel 26: Die Verwirrung
Kapitel 27: Cirilo Villaverde
Kapitel 28: Das Weihnachtsabendmahl
Fünfter Teil
Die Rückkehr
Kapitel 29: Das Wunder
Kapitel 30: Von der Liebe
Kapitel 31: Der Ball in der Philharmonischen Gesellschaft
Kapitel 32: Die Hochzeit
Sechster Teil
Schlüsse
Kapitel 33: Von der Liebe
Kapitel 34: Von der Liebe
Nachwort von Ottmar Ette
Lesen, Leben, Lieben: Vom Schreiben (in) einer wahnwitzigen Welt
Von ihrem Schlafzimmer aus, dem der ganzen Familie, hört Rosario, neben sich ihre gerade erst geborene Tochter, eine Kalesche vorfahren. Doña Josefa öffnet die Tür, und Rosario lauscht, wie ihre Mutter mit dem Mann spricht, der ihr Liebhaber war, Don Cándido de Gamboa.
"Ich bin gekommen, um die Kleine zu holen."
"Wohin wollen Sie sie bringen?"
"Ins Waisenhaus. Ich werde mich darum kümmern, dass es ihr an nichts fehlen wird. Aber niemand darf wissen, dass ich ihr Vater bin."
"Und Rosario?"
"Sie muss verstehen, dass es die einzige Lösung ist. Sie wird ja wohl nicht so verrückt gewesen sein, sich einzubilden, ich würde die Kleine als meine Tochter anerkennen."
Don Cándido und Josefa betreten jetzt das Schlafzimmer. Sie nehmen den Säugling, der wie widerwillig weint und sofort verstummt.
"Rosario", sagt Josefa, schon mit dem Enkelkind auf dem Arm in der Tür, "es ist das Beste für alle ..."
Rosario sagt nichts. Sie schließt die Augen und scheint zu schlafen. Doch so, mit geschlossenen Augen, kann sie noch besser ihr ganzes Leben überschauen: Enkelin einer Sklavin und eines weißen, unbekannten Mannes; Tochter einer dunkelbraunen Mulattin und eines weißen, unbekannten Mannes; sie selbst Mulattin, Geliebte eines weißen Mannes, der sie nun verlässt, und Mutter eines Mädchens, das ebenfalls nicht wissen wird, wer sein Vater war. Jetzt versteht sie, dass sie nur Gegenstand der Lust des Mannes war, der ihre Tochter mit sich nimmt, und dass Elend, Verachtung und Verlassenheit alles sind, was sie besitzt. Und sie versteht noch mehr, sie versteht, dass in dieser Welt, in der sie lebt (oder wohnt), kein Platz ist für sie, nicht einmal im Vergessen.
Denn sie wird auf die Straße hinaustreten müssen, arbeiten und gerade diejenigen sehen und ihnen dienen müssen, von denen sie verachtet und erniedrigt wird. Heuchlerisch wird sie voller Demut die Hand küssen müssen, die sie lieber abgeschnitten sähe oder selber abschneiden würde.
Jetzt öffnet Rosario die Augen und schaut zu dem kleinen Altar, wo die vom Flammenschwert durchbohrte Muttergottes mit dem Kinde steht.
"Welcher Trost", fragt sie, oder fragt sie sich, "wird mir helfen können weiterzuleben?"
(Weil das Schlimmste von allem nicht war, dass man ihr die Tochter wegnahm, sondern dass es der Kindesvater selbst war, der sie ihr wegnahm, der Mann, den sie geliebt hatte und immer noch liebte. Und als er es tat, sah er sie, die Mutter, dabei nicht einmal an.)
"Der Wahnsinn, der Wahnsinn", meinte sie von fern ein besänftigendes, einwiegendes Gurren zu vernehmen, als wäre sie selbst es, die ihren Geliebten oder wenigstens die Frucht dieser Liebe mit ihrem Gurren einwiegte.
"Der Wahnsinn, der Wahnsinn ...", echote jemand mit noch sanfterer, weicherer Stimme.
Und Rosario Alarcón verlor den Verstand.




