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E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Arzt Die Gegenstimme


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7017-4652-1
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-7017-4652-1
Verlag: Residenz
Format: EPUB
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Soghaft und unmittelbar zieht Arzts Roman uns hinein in den Strudel des Tags, an dem über den 'Anschluss' Österreichs entschieden wurde. April 1938: Der Student Karl Bleimfeldner kehrt in seinen Heimatort zurück, um gegen den 'Anschluss' an Hitlerdeutschland zu stimmen - als einziger im Dorf. Die riskante Tat bleibt nicht ohne Folgen im politisch aufgehetzten Landstrich. Gerüchte werden laut. Die Familie verstummt. Und eine Handvoll Übermütiger bricht auf, um den Verräter im Wald zu stellen. Wie durch ein Brennglas nimmt Thomas Arzt in 'Die Gegenstimme' die 24 Stunden des 10. April in den Blick, an dem sich die nationalsozialistische Machtübernahme in Österreich vollzog, und schildert vielstimmig und eindringlich die Geschichte seines eigenen Großonkels - als fieberhaft rastlose Erzählung über Mitläufertum, Feigheit, Ausweglosigkeit, Fanatismus und Widerstand.

Thomas Arzt, geboren 1983 in Schlierbach (OÖ), lebt in Wien. Studierte Drehbuch und Theaterwissenschaft und zählt seit 'Grillenparz' (2011) am Schauspielhaus Wien zu den meistgespielten zeitgenössischen Dramatikern Österreichs. Neben Publikumserfolgen wie 'Alpenvorland' (2013), 'Johnny Breitwieser' (2014) oder 'Die Österreicherinnen' (2019) wurden seine Arbeiten zu Festivals in New York, Buenos Aires und Kiew eingeladen und waren u. a. in Wien und Graz, Heidelberg und Berlin zu sehen. Kurzprosa erschien in Literaturzeitschriften sowie am Blog 'Nazis & Goldmund'. 'Die Gegenstimme' ist sein erster Roman.
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1


Geht der Bleimfeldner Karl, geht er die Ortsstraße hinan, vom Bleimfeldnerhaus, wo der Vater ein Schuster und er schon gar nicht mehr wirklich daheim, weil er doch lang schon fort. , der Bleimfeldner Karl, aber trägt das Zuhaus noch in sich, samt Schustervater und Näherinmutter, kleinbürgerlich die Sippschaft allesamt. , denkt sich der Karl und spürt so etwas wie eine Verwurzelung, erstmals vielleicht.

Jetzt muss er an das Gespräch von gestern Abend denken, als er angekommen ist. Die Mutter beim Tisch in der Kuchl, , und sie hat dabei zum Fenster rausgeschaut, wo drüben beim Platzer die Dorfjugend auf ein Bier, den Hitlergruß ganz artig und musterhaft vorführend, , denkt der Karl. Die gleichen Burschen haben vor Kurzem noch artig und musterhaft den Herrgott beschworen. , wiederholt die Mutter, und setzt fort, weil . Schaut in die Runde, mit Mutteraugen, war da eine Angst? Angstmutteraugen schauen in Angstvateraugen. In Angstschwesterhänden blitzt ein Messer,

Egal also was kommt, denkt sich der Karl, den Abend von gestern im Kopf, und geht jetzt schon auf Höhe Baronteich, da ist einst die erste seiner Schwestern, lang lang ist’s aus, die ist da hinein, in der Nacht, und nimmer raus. Das Kind konnt nicht schwimmen, eine Tragödie. So kommt ihm seine Verwurzelung recht schwerwiegend vor, und schwer muss er atmen. Palmsonntag, April 1938, und der Ort ist geschmückt.

Da stellt sich wer in den Weg, . Und der Karl schaut rein, ins Gesicht von der Kern Cilli. Die Kern Cilli, einen Kopf kleiner, aber heut in einer Aufgerichtetheit. , und die Worte haben was Anmaßendes, heut redet die Kern Cilli, als würd sie in die Höhe schießen, weil sie ja die Tochter vom neuen Bürgermeister, der ja auch ein Hochgeschossener ist, mit Parteigewalt, so ist die Cilli mitgewachsen, mit Vater, Familie, der gesamten Gemeinde: Und eine nie dagewesene Größe spricht aus ihr. . Wem sollt er hier was verderben? Wen wollt er denn hier mit reinstürzen, ins Verderbliche? , entgegnet der Karl ohne Umschweif, als hätt er sich die Worte zurechtgelegt. Hat sie’s gehört, die Bürgermeistertochter? Hat sie überhaupt die Ohren für einen klaren und nüchternen Gedanken? War doch immer die Erste, die in Euphorie beim Faschingsball sich selbst vergessen wollt und die Burschen einen nach dem anderen verschlingen hätt können, oder ist er jetzt nur eifersüchtig? Hätt der Karl gern was von dieser euphorischen Selbstvergessenheit abbekommen? Und von der Kern Cilli ihren verschlingenden Lippen? Verrennt sich der Karl in etwas, am Gang zur Wahlurne, will er sich zu einer Dummheit hinreißen lassen? Wer reißt hier wen? , und da lacht die Kern Cilli, fast freut sich hier ein Mensch ganz ohne Vorbehalt, sie freut sich wirklich, denkt der Karl. , sie schubst den Karl, war das liebevoll? Sorgt sie sich um sein Wohlergehen? Doch der Karl merkt das alles gar nicht, ist beschäftigt mit sich selbst, denn er schaut in sich hinein. Sieht sich als schmollenden Jungen, der mit Stimmbruchstimme sagen will: Seht her, der Karl kann, was ihr nicht könnt. Ist es also Trotz? Übermut? Oder ist hier ein Spieler unterwegs, erstmals womöglich etwas zu riskieren?

Er drängt sie zur Seite, Und geht weiter. Entschlossen, das Dumme zu tun, das für ihn das einzig Denkbare, für den Geschichtsstudenten aus Innsbruck. Vor zwei Jahren hat er noch gemeint, es reicht im Vergangenen zu graben, doch tut’s das noch? Wie sehr steckt das Vergangene wieder im Gegenwärtigen? Und wie wenig Gegenwart bleibt, wenn die Geschichte uns überrollt? , und er kriegt einen Tritt nun von der Cilli, von hinten, dann läuft sie weg, das Lachen bösartig angeschwollen, es wird bald aus allen Häusern hier so gelacht werden. Und er muss sich gerade halten jetzt, der Karl, der nicht sonderlich von der Statur, der wenig an Muskelmasse, schwach auf der Brust. Hätte lieber Pfarrer werden sollen, wie der Vater es vielleicht gewünscht: , da haben’s ein Auskommen und die Familie ein Ansehen, aber was ist der Geschichtsstudent im fernen Innsbruck? Wie kann er sich’s Leben leisten? Ist der Vater stolz auf den Sohn? Und macht der Sohn dem Vater, der hier im Dorf ein angesehener Mensch, nicht eine Schande heut? Kaum zurück aus der Stadt, mit seinem städtischen Gang, seiner städtischen Bekleidung, fast schon fremd, Ja, wer sonst könnt das Dorf heut hier verraten, wenn nicht der Karl?

April 1938 und der Zurückgekehrte ist der letzte Uneinsichtige. Denn seit dem sonderbaren Licht im Jänner haben’s hier im Dorf doch alle schon gesehen, eine Vorahnung war’s, so sehr, dass die Ahnenden bereits überzeugt: . Hat gestrahlt, das Licht im Jänner, so rot, als ob ein Feuer über den Feldern. Sind rundum in den Gemeinden die Einsatzkräfte sogar ausgerückt, um den Brandherd zu suchen, war aber kein Brand. Ein Sonnenphänomen. Später wird’s ein gewesen sein. Und vom Kalvarienberg aus hat man den besten Blick gehabt, alle sind’s gestanden, haben sich’s angeschaut, was als Verheißung bald, als Prophezeiung. . Das hat so sehr die Augen aller verdreht, dass es nicht lang gedauert hat und die Naziburschen haben am Hochkogel ein Feld ausgebrannt, sodass von weither das Hakenkreuz. . So hat es die Mutter am Vorabend erzählt. , das denkt der Karl noch heut. Und alle lachen mich aus. Was zählt eine lächerliche Stimme? Der Gemeinderat ist an dem Tag, an dem der Karl die Ortsstraße raufgeht, schon aufgelöst. Der Altbürgermeister abgesetzt, wie konnt das so ohne Gegenwehr?

Das hat er seine jüngere Schwester gestern vorm Schlafen gefragt, die Friedl, bei einem Schnaps vor dem Haus, und die Friedlschwester hat nur gemeint, . Er hat sich in geredet, heißt es später, hat da wohl , hat halt gedacht, . Aber das Gute, Karl? Ist es nicht manchmal fehl am Platz? Und dann ist sie schlafen, die Friedlschwester. Wollt er ihr noch nachrufen. War aber das Schweigen schon zwischen ihnen. , wird sie später immer sagen, .

Nun steht er beim Friedhof, unterhalb der Gitter, da hat sich der Hubertbruder einmal fast aufgespießt, als er wieder zu viel gesoffen, der Jüngste von ihnen, Sorgenkind, schwarzes Schaf, . Dagegen war der Karl immer der , der hat . Und es gibt sie ja doch, die Sätze, die von der Hochachtung erzählen, die ihm von der Familie, Und jetzt wird der Fall noch tiefer, der Anstandssohn, So schaut er jetzt rauf, zum Kloster. Die beiden Türme, darunter die steil ansteigende Schotterstraße, rechts lugt das Volksschulgebäude hervor. Er könnt diesen Blick mit geschlossenen Augen zeichnen, weil er hier immer rauf hat müssen, der kleine Karl mit der großen Tasche unterm Arm, die Schläg schon spürend, die er vom Herrn Oberlehrer, . Hat er es den Oberlehrerschlägen zu danken, dass er als ausgewachsener Mensch nun seine erste wirkliche Dummheit vorhat? , wimmert der kleine Karl unter der Tuchent. Wo beginnt die Gegenwehr? Wie kann er aufbegehren, im schmächtigen Körper, der zur Anpassung erzogen? Die Glocken läuten, reißen ihn aus den Gedanken. Neun ist’s. Und alle sitzen’s in der Mess. Alle, die sich noch hintrauen, in die Mess. .

Das katholische Dorf hört dem katholischen Herrn Pfarrer...


Thomas Arzt, geboren 1983 in Schlierbach (OÖ), lebt in Wien. Studierte Drehbuch und Theaterwissenschaft und zählt seit "Grillenparz" (2011) am Schauspielhaus Wien zu den meistgespielten zeitgenössischen Dramatikern Österreichs. Neben Publikumserfolgen wie "Alpenvorland" (2013), "Johnny Breitwieser" (2014) oder "Die Österreicherinnen" (2019) wurden seine Arbeiten zu Festivals in New York, Buenos Aires und Kiew eingeladen und waren u. a. in Wien und Graz, Heidelberg und Berlin zu sehen. Kurzprosa erschien in Literaturzeitschriften sowie am Blog "Nazis & Goldmund". "Die Gegenstimme" ist sein erster Roman.



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