E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Aubert Die vier Söhne des Doktor March
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95824-955-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-95824-955-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Brigitte Aubert gehört zu Frankreichs profiliertesten Spannungsautorinnen. Neben Kriminalromanen und Thrillern schreibt sie Drehbücher und war Fernsehproduzentin der erfolgreichen »Série noire«. Heute lebt sie in Cannes und führt ein altes Kino, das sie von ihren Eltern übernommen hat. Bei dotbooks veröffentlichte Brigitte Aubert ihre Krimireihe um Marcel Blanc mit den Bänden »Tödliche Riviera« und »Mörderische Riviera« (auch als Sammelband erschienen). Außerdem ihre Reihe um Élise Andrioli mit den Bänden »Im Dunkel der Wälder« und »Tod im Schnee« sowie ihre Frankreich-Thriller »Die vier Söhne des Doktor March«, »Marthas Geheimnis«, »Sein anderes Gesicht«, »Schneewittchens Tod«.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Eröffnung
Tagebuch des Mörders
Das erste Mal … Nein, zuerst möchte ich Ihnen guten Tag sagen. Guten Tag, liebe Freunde. Liebe neue Freunde. Guten Tag, liebes geheimes Tagebuch. Guten Tag, liebes geheimes Ich, das heute beschließt, sein Leben und das seiner Familie zu erzählen.
Vor allem habe ich Lust, über eines zu sprechen: »Dies.«
Das erste Mal, ich war … unnötig, ein genaues Alter anzugeben, sagen wir, ich war ein Kind. Ein nettes, kleines Kind. Auch sie war ein Kind. Sie trug ein Kleid, ein rotes Kleid aus Nylon, und das Rot war leuchtend und schön. Ich wußte, daß es lodernd brennen würde, Nylon, wie eine Fackel.
Als ich ihr Kleid anzündete, schrie sie, dann brannte sie. Ich sah sie an, bis sie völlig verbrannt war. Sie war ganz mit Blasen überdeckt, und ihre Augen quollen aus dem Kopf. Ich erinnere mich sehr gut daran, obwohl ich noch ganz klein war. Aber ich habe schon immer ein hervorragendes Gedächtnis gehabt.
Ich genoß es, sie brennen zu sehen. Ich wußte, daß sie sterben würde. Ich genoß das. Ich genieße das. Den Tod bringen. Den Tod.
Das war das erste Mal. Danach kam Mama und nahm mich in ihre Arme. Mama liebt uns alle sehr. Sie ist sehr nett, sehr sanft. Sie weinte. Ich fragte mich, ob sie weint, weil sie es weiß.
Ich wollte Mama nicht weh tun.
Ich löste mich aus ihren Armen, die klebrig vom Schweiß waren. Ich ging weg, während sie stehenblieb und weinte. Dann kam ich mit den anderen zurück. Mama saß auf dem Boden und weinte immer noch. Sie sagte nichts. Sie sagte auch dann nichts, als ich wieder damit anfing.
Ich habe Lust, es zu sagen. Ich habe die ganze Zeit Lust, es zu sagen. Ich habe mehrere Male wieder damit angefangen. Es macht mir noch genausoviel Vergnügen, weißt du, mein geheimes Tagebuch, es macht mir noch genausoviel Vergnügen zu töten. Sie sagen, daß es weh tut. Daß es schlecht ist, weh zu tun. Was verstehen sie schon davon? Es ist gut, weh zu tun. Es ist sehr gut, ich liebe es.
Jedenfalls kann ich mich nicht beherrschen, ich muß es tun. Nicht weil ich verrückt bin. Sondern weil ich Lust dazu habe: Es macht mich unglücklich, mich zurückzuhalten. Ich muß es tun.
Aber ich muß auch vorsichtig sein. Weil ich jetzt groß bin. Sie würden mich verhaften. Mama könnte sie nicht daran hindern. Vor allem, weil sie alt und debil geworden ist.
Ich lache, weil ich mir vorstelle, daß jemand meine Aufzeichnungen lesen könnte. Ich verstecke sie gut. Aber es gibt immer Schnüffler. Ich werde sie ordentlich foppen. Achtung, Schnüffler, seht euch vor, der Feind belauert euch. Ich bin nicht so dumm, ich schreibe nur, wenn ich ganz allein bin. Und ich werde mich nicht beschreiben. Meinen Namen sagen und so. Nein, keinerlei Erkennungszeichen. Ich bin wie eine Leiche, die man in einem Wandschrank verstecken muß.
Ich weiß, daß es gefährlich ist, alles aufzuschreiben. Aber ich habe Lust dazu. Ich will das alles nicht mehr für mich behalten, und außerdem … habe ich auch Lust, von uns zu reden, von unserer Familie.
Mich identifizieren … das könnten sie nicht.
Ich kann mit niemandem sprechen. Das ist normal, denn ich bin niemand. Memoiren von Niemand, das ist zum Lachen, so was als Titel.
In unserer Familie gibt es vier Kinder. Vier Jungs. Papa ist Arzt. Wir, das sind Clark, Jack, Mark und Stark. Es war Mama, die sich einen Spaß daraus gemacht hatte, uns so zu nennen. Wir sehen uns sehr ähnlich. Das ist normal, denn wir sind sozusagen Vierlinge. Ja, wir sind alle am gleichen Tag geboren. Damals standen wir in allen Zeitungen auf der ersten Seite. Vier hübsche Knaben. Wir sind kräftig, dunkel, gelockt, mit großen Händen. Wir sehen Papa ähnlich. Mama ist klein: Sie hat rosige Haut, häßliches braunes Haar, das sie obendrein künstlich blondiert, und blaue Augen. Wie Papa. Wir haben alle blaue Augen. Wir sind eine einheitliche Familie.
Wer aus dem Rahmen fällt, den erwischen sie, das weiß ich. Ich töte irgend jemanden, irgendwie. Ich bin kein Psychopath. Was zählt, ist, daß sie sterben. Wenn sie sterben, muß ich mich beherrschen, um nicht vor Freude zu glucksen, um nicht vor Vergnügen zu schreien. Ich zittere. Ich muß nur daran denken, dann zittern meine Finger, wie jetzt.
Clark möchte Medizin studieren. Jack ist auf dem Konservatorium. Mark ist Referendar bei einem Anwalt. Stark bereitet sein Diplom in Elektrotechnik vor.
Und ich, ich bin einer von ihnen.
Und meine Hände sind voller Blut.
Das amüsiert mich. Genau das ist es, was mich amüsiert.
Es ist wie ein Spiel. Suchen Sie den Fehler. Ich bin eine sehr, sehr gute Kopie.
Clark ist Mitglied der Fußballmannschaft der medizinischen Fakultät. Er ist sehr kräftig, roh, stämmig, ein richtiger Stier. Jack liebt ausschließlich sein Klavier, er ist schüchtern und verträumt. Mark dagegen ist ruhig und ernst. Eigenwillig. Er will Jurist werden, er scherzt nicht gerne. Stark schließlich ist überdreht. Aufbrausend, chaotisch, zerstreut. Ein launischer Mensch. Er arbeitet an elektronischen Schaltungen, Computerzeug.
Jeder von uns hat sein Zimmer. Jeder von uns hat seine Angewohnheiten. Seine Verrücktheiten. Und wenn Mama uns anschaut, scheint sie uns alle gleichermaßen zu lieben. Ich mag sie gern, Mama. Jedenfalls glaube ich es. Lieben ist nicht so wichtig.
Die Zeit vergeht schnell. Ich muß das wegräumen, verstecken. Mal sehen. Ach, ja! Papa wird gleich zurückkommen: Es ist 19 Uhr 42. Ich glaube, es hat mir gutgetan, mit dir zu sprechen, kleines Tagebuch. Ich fühle mich ruhiger.
Jeanies Tagebuch
Unmöglich, ich kann es nicht glauben. Ich denke wieder an diese Aufzeichnungen, es bringt mich völlig durcheinander.
Ich bin ganz allein in meinem Zimmer, alle sind im Bett. Es kam, weil ich ihr Zimmer aufgeräumt habe. Sie war unten und hat ferngesehen. Ich wollte den Mantel anprobieren. Das ist albern, einverstanden, aber einen Pelzmantel zu haben, wenn man nicht ausgeht, das ist idiotisch, nicht wahr? Und sie, sie geht seit ihrem Anfall überhaupt nicht mehr aus. Deshalb haben sie auch eine Haushälterin gebraucht, weil sie sich nicht anstrengen darf. Der Mantel, der stand mir gut, ein wenig klein. Ein wenig kurz. Ich zog ihn aus und sah nach, ob man den Saum rauslassen könnte. Ich weiß, daß das dumm war, weil er mir nicht gehört. Es war gedankenlos. Irgendwas steckte im Saum. Ich schaute nach. Es war das. Diese Abscheulichkeit. Ich habe alles genau an seinen Platz zurückgeräumt. Wenn ihm auffällt, daß es jemand berührt hat …
Ich ging wieder nach unten. Sie waren alle da. Monsieur Samuel hat mich gebeten, Brandy zu bringen. Wieviel der davon trinken kann! Sie, sie lachte ganz allein vor sich hin beim Stricken. Ich glaube, sie hat eine kleine Macke. Die vier sahen fern. Es war schrecklich, das zu wissen und sie gelassen vor dem Fernseher sitzen zu sehen. Was soll ich tun?
Ich werde mich rauswerfen lassen, das ist es, was ich tun werde. Wenn ich mich in etwas einmische, das mich gar nichts angeht. Trotzdem, man muß etwas tun. Aber jemanden der Polente ausliefern. Das kann ich nicht. Man kann das nicht, wenn man zwei Jahre im Knast gesessen hat.
Elender Saukerl, Kotzbrocken! Ich habe einen Riesenschiß. Er wird merken, daß ich sein Geheimnis entdeckt habe, und wird mich töten. Er wird mich bei lebendigem Leib verbrennen, mich in die Wäscheschleuder stecken, ich habe die Tür abgeschlossen. Zum Glück kümmern sie sich nicht viel um mich. Ich höre Schritte. Falscher Alarm. Ich muß nachdenken. Zuerst rauskriegen, wer er ist. Nein. Nein. Die Augen verschließen. Mich um nichts mehr kümmern. Es laufen lassen. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.
Aber ich kann nicht einfach so abwarten, ohne etwas zu tun. Warum bin ich nur in dieses miese Kaff gekommen? Gut, ich konnte dort nicht bleiben, nach allem, was geschehen war. Ich habe wirklich kein Glück. Vielleicht wenn ich dem Doktor dieses »Tagebuch« zeigen würde. Er würde entscheiden, mich rauszuwerfen, um mir zu zeigen, was passiert, wenn ich meine Nase in ihre schmutzige Wäsche stecke. Ich gehe schlafen.
Tagebuch des Mörders
Heute werde ich über Jack sprechen. Jack ist sanft und ein wenig schweigsam, er hat einen Silberblick. Er wird immerzu rot. Er denkt viel an Mädchen, aber er wagt nicht, sie anzusprechen. Er hat keine Freunde. Verschwiegen, verschlossen, verklemmt. Ein gutes Profil für einen Mörder. Es ist an Ihnen, zu urteilen. Er komponiert Melodien. Traurige. Er ist nett zu Mama. Und zu Jeanie (das ist die Haushälterin). Ein anständiges Mädchen, glaube ich. Sie trinkt ein bißchen zuviel. Aber sie ist gefällig.
Ich beherrsche mich schon seit einiger Zeit. Ich glaube, ich habe Lust. Ich fühle es kommen. Ich muß jemanden finden. Ich hatte gerade an Jeanie gedacht. Aber das ist zu nah. Ich will kein Mißtrauen erwecken. Nicht so dumm. Ich muß jemanden finden. Und zwar schnell. Aber wen? Jack ist 1 Meter 95 groß. Er ist dünn, mit ziemlich langen Haaren. Er trägt farbige Tücher und hat immer ein Buch unter dem Arm. Als er klein war, nannte man ihn »das Mädchen«, aber er ist trotzdem ein kräftiger Kerl. Wir sind alle kräftige Kerle. Soviel also über Jack.
(Ich bin unruhig.) Auch Clark seinerseits ist natürlich sehr groß. Da er sehr muskulös ist, wirkt er wie ein Riese. Er spricht laut, bewegt sich viel, schlägt schnell zu. Er ist alles andere als verklemmt, das bestimmt nicht! Aber man weiß vorher nie, was ihn reizt. Ich stelle mir vor, daß, sollte ein kleiner Naseweis eines Tages meine Aufzeichnungen lesen, er sich den Kopf zerbrechen würde, aber niemals die Wahrheit wissen könnte.
»Ich bin ein Mörder, kein Idiot.« Ich mag diesen Satz.
Mama faselt...




