E-Book, Deutsch, 426 Seiten
Aubert Schneewittchens Tod
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95824-994-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 426 Seiten
ISBN: 978-3-95824-994-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Brigitte Aubert gehört zu Frankreichs profiliertesten Spannungsautorinnen. Neben Kriminalromanen und Thrillern schreibt sie Drehbücher und war Fernsehproduzentin der erfolgreichen »Série noire«. Heute lebt sie in Cannes und führt ein altes Kino, das sie von ihren Eltern übernommen hat. Bei dotbooks veröffentlichte Brigitte Aubert ihre Krimireihe um Marcel Blanc mit den Bänden »Tödliche Riviera« und »Mörderische Riviera« (auch als Sammelband erschienen). Außerdem ihre Reihe um Élise Andrioli mit den Bänden »Im Dunkel der Wälder« und »Tod im Schnee« sowie ihre Frankreich-Thriller »Die vier Söhne des Doktor March«, »Marthas Geheimnis«, »Sein anderes Gesicht«, »Schneewittchens Tod«.
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KAPITEL 1
Völlig nackt, Arme und Beine gespreizt, lag der alte Mann festgeschnallt auf dem weiß gekachelten, blutverschmierten Tisch. Sein schütteres Haar war sorgfältig zurückgekämmt und betonte sein ausgemergeltes Gesicht mit den kantigen Zügen. Sein überdehnter Mund ließ einen tadellosen Zahnersatz sehen.
Seine Augen – blaue klebrige Kugeln – ruhten neben ihm in einer rostfreien Metallschale.
Léonard »Chib« Moreno zog seine extra dünnen, befleckten Latexhandschuhe aus, rollte sie zu einer Kugel zusammen und warf sie in den Mülleimer, der von Wattetupfern, durchtränkt mit Sekreten, überquoll. Er streifte ein frisches Paar Handschuhe über und griff nach seinem glänzenden Chirurgenbesteck, das an der Wand befestigt war, gleich neben dem Labortisch mit den Phiolen, den versiegelten Töpfen, den Injektionsnadeln und Röhrchen. Er wählte ein Skalpell aus, wog es in seiner braunen Hand und trällerte dabei His Jelly Roll is Nice and Hot.
Ohne sein Trällern zu unterbrechen, griff er nach dem schlaffen Penis zwischen den behaarten bleichen Schenkeln des Greises und trennte ihn sauber ab. Er legte den blutigen Fleischfetzen in die dafür vorgesehene Emailleschale.
Das Geräusch der Klimaanlange erinnerte an das Summen eines Fliegenschwarms. Es musste schön draußen sein. Schön und heiß. Eine leichte Brise in den Palmen. Schaumkronen auf dem Meer, Luftmatratzen. Martinis on the rocks. Körper, die sich im Sand räkelten. Hier aber war es kalt, eine Kälte, die nach Formalin und Blut roch. Er stellte die Klimaanlage auf »Max.« und schlüpfte in seine ärmellose Goretex-Weste.
Dann füllte er einen Löffel mit heißem Teer und beugte sich erneut über den nackten Körper.
»Du wirst sehen, das wird perfekt!«, murmelte er und führte den Löffel in eines der Nasenlöcher, die noch rot waren von dem Haken, dessen er sich kurz zuvor bedient hatte.
Der Teer zischte beim Kontakt mit der Haut. Ganz vorsichtig neigte Chib den Löffel, damit nichts danebenging. Er wiederholte den Vorgang mehrere Male, gänzlich konzentriert auf seine Arbeit, wobei er jetzt On the Killing Floor summte. Der Teer musste die ganze Schädelhöhle ausfüllen.
Das Klingeln des Telefons ließ ihn zwar nicht zusammenzucken, aber er stieß einen kurzen Seufzer der Verärgerung aus, legte den dampfenden Löffel auf die behaarte Brust, um sein Handy aus der Tasche seines weißen Kittels zu angeln.
»Hi! Chib! Come va?«
»Ich bin beschäftigt, Greg.«
»Zwei Puppen, zuckersüß, zwanzig Uhr, im Navigator. Ich zähle auf dich.«
»Ich glaube nicht, dass ich kann. Ich muss hier was fertig machen.«
»He! Ich spreche nicht von Leichen, ich spreche von quicklebendigen Frauen.«
»Es geht im Leben nicht nur ums Bumsen, Greg.«
»Verdammt! Bei mir brauchst du dich nicht wie ein pädophiler Priester aufzuführen, ja? Gut, dann also bis später!«
Greg hatte schon aufgelegt. »Warum treffe ich mich immer wieder mit ihm?«, fragte sich Chib zum tausendsten Mal, während er die dampfenden Nasenlöcher mit Watte zustopfte. Diesem Typen, bei dem alle Gespräche nur um ein Wort kreisten – vögeln – und dessen Übersetzung in sechsunddreißig Sprachen. Ein geiler Bock, der ihm das Leben versaute, unter dem Vorwand, dass sie zusammen die Schulbank gedrückt hatten zu einer Zeit, als Léonard-le-Bâtard, der Bastard, heilfroh gewesen war, dass Grégory-le-Nanti, der Reiche, ihn gegen all die kräftigen Kerle der so genannten Motorrad-Gang verteidigt hatte – Idioten auf lächerlichen Mopeds, tätowiert mit Abziehbildern, die aber für ein schmächtiges Kerlchen mit Brille wie ihn Furcht erregend gewesen waren.
Muss Dankbarkeit ewig dauern, Herr? Würde er sich all diese Obszönitäten bis zum Grab anhören müssen? Nicht, dass er etwas gegen Sex und seine Freuden hätte, aber bei Greg war es kein Sex mehr, die Frauen waren beliebige »Schwanz-Passformen«, und das ödete ihn auf die Dauer an.
Er sah auf seine Armbanduhr, eine Kopie der 1938er Pilot’s Watch von Omega, eine kleine Extravaganz, die er sich unlängst geleistet hatte. 18 Uhr 4 Minuten 18 Sekunden. Er musste noch das Hirn in das Becken mit den Aromastoffen geben und alles sauber machen.
Was sollte er anziehen?
Eine Dreiviertelstunde später summte die elektronische Klingelanlage. Er steuerte auf die in die Wand eingelassene Apparatur zu und schaltete den Videobildschirm ein. Ein Frauengesicht erschien, um die siebzig, perfekt geliftet, große braune sorgfältig geschminkte Augen, leicht kollagenunterspritzte Lippen, kastanienbraunes, zu einem lockeren Knoten gebundenes Haar, eine dicke Schicht Creme-Make-up auf dem Hals, unter der man trotzdem die Altersflecken und die Falten von übermäßigem Sonnenbaden sah. Der Hals kann nur schwer lügen, dachte er bei sich, während er sie über die Sprechanlage begrüßte.
»Ich komme. Nehmen Sie schon Platz.«
Er tätschelte den Fuß der Leiche, der mit einem Etikett versehen war »Antoine di Fazio, 1914 – 2002«, zog seinen Kittel aus, stopfte ihn in die kleine Waschmaschine, erfrischte sich mit einem feuchten Waschlappen, bevor er in ein weißes Popelinhemd und eine schwarze Alpakahose schlüpfte und nach oben ging.
Gräfin di Fazio saß in dem kleinen High-Tech-Wartezimmer auf der Kante der schwarzen Ledercouch unter dem grau-blauen de Staël. Sie trug einen roten bequemen Samthosenanzug von Gucci. Zwei Goldarmreifen von Benin klirrten an ihrem linken Handgelenk. Das rechte schmückte lediglich eine Tiffany First Lady, stellte Chib fest.
Er verneigte sich kurz vor der Gräfin, die sich am Wasserspender ein Glas Wasser geholt hatte und es mit kleinen Schlucken leerte.
»Wie geht es ihm?«, fragte sie.
Eine reichlich idiotische Frage, da es sich um einen Toten handelte, aber er zeigte sich liebenswürdig:
»So gut es unter diesen Umständen möglich ist, Madame.«
»Sind Sie bald fertig?«
»In etwa achtundvierzig Stunden.«
Die Gräfin seufzte. Chib reichte ihr ein Kleenex-Tüchlein, mit dem sie sich vorsichtig die Augen abtupfte.
»Mein lieber armer Antoine!«
Ein alter Fiesling, der mit seinem Bentley ein Stoppschild überfahren und ein kleines Mädchen getötet hatte, bevor er selbst gegen einen Strommasten gerast war.
»Ich werde ihn im blauen Salon aufstellen, Lady Choupette zu seinen Füßen«, fuhr sie schniefend fort.
Chib hatte Lady Choupette im vorigen Herbst ausgestopft – ein Bulldoggenweibchen, so bissig wie sein Herrchen.
»Fürchten Sie nicht … dass Ihre Besucher …«, fragte er und warf einen verstohlenen Blick auf seine Uhr.
»Unsere Vorfahren ruhen in den Katakomben des Kapuzinerklosters in Palermo«, gab sie hochnäsig zurück. »Es ist bei uns üblich, die sterbliche Hülle unserer geliebten Verstorbenen auszustellen.«
So weit Chib informiert war, bestand die einzige bekannte Gewohnheit in der Familie der Gräfin aus durchtriebener Prostitution, dank derer sie sich den Grafen di Fazio geangelt hatte, einen steinreichen sizilianischen Reeder, zwanzig Jahre älter als sie. Doch er bewunderte es, dass die Gräfin die Familientradition ihres Gemahls fortführte. Schließlich passte der Sarkophag von Antoine di Fazio ganz gut in den mit viktorianischem Nippes und Porzellanpuppen voll gestopften blauen Salon.
»Ich verreise für etwa zehn Tage«, fuhr sie fort. »Die Hochzeit unseres Neffen in New York. Ich lasse ihn dann bei meiner Rückkehr abholen.«
»Überhaupt kein Problem.«
Sie zog ein gefaltetes Stück Papier aus ihrer Chanel-Handtasche und legte es auf das Plexiglastischchen. Daraufhin verabschiedete sie sich und entschwebte würdig in die Frische der Dämmerung.
Chib entfaltete den Scheck. Es war der vereinbarte Betrag. Ein hübsches Sümmchen. Seine Dienste hatten ihren Preis. Es gab fast niemanden mehr, der den Beruf nach den neuesten Methoden wie auch nach überlieferten auszuüben wusste.
Er schenkte sich ein Glas Wasser ein, trank die Hälfte und goss den Rest über seinen rasierten Schädel. Keine Zeit zum Duschen. Er knöpfte sein Hemd zu, band sich eine schwarze Strickkrawatte um, schlüpfte in ein schwarzes Alpakajackett, das zu seiner Hose passte, und setzte seinen kleinen schwarzen Filzhut auf. Er wollte schon gehen, als er merkte, dass er noch immer seine Plastiküberzieher über seinen schwarzen Mokassins trug. Er streifte sie ab, warf sie in einen Korb neben dem Schreibtisch aus Holz und Chrom, wo er über seine Ausgaben Buch führte, und trat in seinen Taxidermisten-Raum mit Schaufenster zur Straße.
Es war ein Zimmer mit verblichenen Tapeten, voll gestellt mit Füchsen, Wieseln, Hirschen und Wildschweinen, dazu, an den Wänden befestigt, mehrere Thun- und Schwertfische. Auf der Werkbank thronte ein kleiner Hai, gefangen von der Rule Britannia, einer Yacht, die in einem benachbarten Hafen ankerte.
Draußen schimmerte das Meer im letzten rötlichen Schein der Abenddämmerung. Seine ouabet, sein Reiner Platz, wie die Ägypter die Einrichtungen zur Bestattungspflege nannten, befand sich in einem Viertel am östlichen Stadtrand von Cannes und blickte auf den Strand. Er stieg in sein giftgrünes Floride-Kabrio, ein Peugeot-Modell von 1964, und ließ den Motor an.
Der Boulevard du Midi war schwarz vor Menschen, und er fuhr gute zehn Minuten im Kreis, bis er den Wagen unter einem Schild mit dem Abschleppzeichen geparkt hatte. Bald darauf war er am Navigator, Gregs bevorzugtem Restaurant, angelangt, einem schicken Lokal mit zuvorkommender Bedienung und einer geschmacklosen gelb- und lachsfarbenen Dekoration.
Greg stand neben seinem metallicroten Jeep. Er steckte noch...




