E-Book, Deutsch, 852 Seiten
Auesow Abai-ebook / Abai
2. Auflage 2014
ISBN: 978-3-89930-430-5
Verlag: Schiler & Mücke
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Über Jahr und Tag
E-Book, Deutsch, 852 Seiten
ISBN: 978-3-89930-430-5
Verlag: Schiler & Mücke
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Historischer Roman über den großen kasachischen Dichter ABAI, zweiter Band mit Teil 3 und 4 des im Original 4 bändigen Werks. Könnte wohl sterben, spurlos verschwinden, wer solch unsterbliche Worte hinterlassen hat? Ein großer Mensch, der seine Blicke in goldene Höhen schweifen läßt, stirbt niemals – das hast du gesagt, Abai-aga! Solange auf Erden auch nur eine einzige Seele lebt, Tochter oder Sohn deines Volkes, wirst auch du in ihr leben! Dort vorn dämmerte am Himmelsstrich das Morgenrot, hast du gesagt. Also entbrennt dort auch dein Licht, wirst auch du dort leuchten! Nein, dein dankbares Volk wird dich nicht dem Tode überlassen!
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DIE RACHE
Nun war schon ein Monat vergangen, seit Basaraly in das heimatliche Gebiet zurückgekehrt war. Während dieser Zeit hatten ihn viele Leute besucht. Diejenigen Aule der Shigitek, die ihm verwandtschaftlich am nächsten standen, sprachen sogar davon, ihm zu Ehren ein feierliches Gastmahl zu veranstalten. Doch Basaraly hatte gesehen, daß seine armen Stammesverwandten nach wie vor bittere Not litten, und sie deshalb überredet, davon abzulassen. In den ersten zwei Wochen fuhr man ihn von einem Aul zum anderen, bewirtete ihn überall und wünschte ihm Glück zur Heimkehr. Nicht nur die Shigitek, auch die Bökenschi, Kötibak und Köksche bekundeten ihm ihre herzliche Freude.
Bei den Yrgysbai war Basaraly nur in Abais Aul zu Gast. Als Jerbol und die jungen Leute Basaraly aus der Stadt hergeleiteten, ritt ihm Abai selbst entgegen, umarmte ihn unter heißen Freudentränen und brachte ihn in seinen Aul.
Aigerims Jurte war mit Teppichen und gemusterten Filzdecken geschmückt. Diese feiertägliche Zierde erhöhte noch die Ehre, die man dem teuren Gast erweisen wollte. Basaraly fühlte sogleich, welch liebevolle Sorge ihn hier umgab. Die Jugend fing jedes Wort von ihm auf. Abai und Aigerim achteten auf die kleinste Gemütsbewegung des Gastes.
Vor dem Mittagessen beantwortete Basaraly Abais Fragen und erzählte von den Ländern, die er gesehen hatte, und von den Menschen, denen er begegnet war. Doch mit keinem Wort erwähnte er hier, in Gegenwart aller, die Qualen, die er hatte erdulden müssen, als ob es in der Vergangenheit keine Leiden gegeben hätte und es ihn in der Gegenwart nur ermüdete, davon zur sprechen.
Am Abend erklangen Lieder in der Jurte. Abai sah, daß die Erinnerungen das Gemüt seines Freundes nur belasten würden. So war es besser, ihn abzulenken und ihm zu helfen, diese Jahre zu vergessen. Deshalb bat er die Jugend, zum Gesang überzugehen.
Basaraly lebte merklich auf. Er nahm die Dombra und reichte sie Kökbai. Doch dieser sträubte sich:
»Nein, Baseke! Schon lange singe ich nicht mehr. Und es wäre auch sündhaft, das Lied durch meine Stimme zu verderben, wenn hier solche Sänger sitzen wie Mucha und Almagambet!«
»Die neuen Sänger kommen ohnedies an die Reihe, wir wollen sie auch hören. Doch zuerst sing du!« beharrte Basaraly.
Abai unterstützte ihn:
»Kökbai, wir wollen Baseke anstelle von Geschenken mit Liedern empfangen! Nicht nur du allein, alle, die hier sitzen, alle werden für ihn singen. Und du fang an!«
Bei diesen Worten Abais schauten die jungen Sänger einander freudig überrascht an und blickten lächelnd auf Aigerim: Schon lange hatten sie ihren Gesang nicht vernommen und sehnten sich danach, ihn zu hören.
Kökbai sang eines der Lieder, die seinerzeit der berühmte Musikant und Akyn Birshan, Abais Freund, vorgetragen hatte:
»Leitvogel vor dem Schwarm am Himmel zieht.
Leitvogel allen Sängern: Birshans Lied.«
Als Kökbai geendet hatte, rief Basaraly begeistert:
»Welch ein Lied! Und welch ein Sommer war das, wie glücklich begann er!« Er seufzte und setzte kummervoll hinzu: »Er flog dahin und verschwand…«
Die Jahre verstreichen und nehmen die Jugendzeit mit sich… Doch Basaraly dachte nicht nur daran. Er erinnerte sich an seinen jüngeren Bruder Oralbai, den herrlichen Sänger, den die Verfolgungen starker Feinde zugrundegerichtet hatten. Ein scharfer Schmerz durchzuckte sein Herz.
Die Dombra war schon zu Mucha weitergewandert. Als wollte er Basaralys Kummer zerstreuen, stimmte Mucha eine helle, von Lebensfreude erfüllte Weise an. Die klare, wohltönende und durchsichtige Stimme kündete zugleich von der großen Kunst des Meisters. Der Vorgesang ging bald in eine Melodie über, die alle durch ihre strenge Schönheit in Erstaunen setzte. Es war Abais Lied: »Ein Gruß für dich, du Schöne…«
Die Flamme der Liebe, die in diesem Lied loderte, das leidenschaftliche Flehen und die Vorwürfe, die darin lagen, lenkten Basaraly von seinem Trübsinn ab. Nachdem Mucha drei Strophen gesungen hatte, hielt er inne. Doch Basaraly gestattete ihm nicht, die Dombra beiseite zu legen.
»Singe, mein Freund, singe! Singe alles bis zum Schluß!« Mucha sang den ganzen Gruß des Shigiten.
Danach nahm Almagambet die Dombra. Auch er sang ein Lied von Abai: »Du Licht meiner Augen…« Abais feinfühlige junge Freunde wollten gleichsam Basaralys innere Wunden heilen. Jeder wählte ein Lied, das ihn von jenem grauen, blassen Herbst ablenkte und ihn zu den milden Maitagen, der Sonnenzeit seines Lebens, zurückführte.
Schließlich wendete sich Basaraly an Aigerim und reichte ihr die Dombra.
»Aikeshan, du mußt diesen Verliebten antworten! Ich weiß, daß nicht du die Ursache ihrer Liebesqualen bist, doch ist es eine andere von euch Schönen… So singe du für die anderen alle!« sagte er scherzhaft und setzte mit gewinnender und zärtlicher Stimme hinzu:
»Singe, meine Liebe, meine Sonne! Sollen wir dich heute etwa nicht hören?!«
Aigerim schüttelte den Kopf.
»Schon lange singe ich nicht mehr, Baseke…«
»Dann habe ich also nicht mehr Aigerim vor mir… Ich kenne nur die singende Aigerim, eine andere habe ich nie gesehen… Singe, du Liebe, stille meinen Durst«, bat er mit einschmeichelnder Wärme.
Aigerim sang »Tatjanas Brief«. Auch heute ertönte ihre Stimme wie früher – mit der gleichen seelischen Erregung, mit der gleichen sanften, zu Herzen gehenden Trauer wie in jenen fernen Tagen, deren Basaraly gedachte. Er und alle anderen in der Jurte hörten ihr zu, mit verhaltenem Atem, ganz ihrem Gesang hingegeben. Auf einen stillen Wink von Abai sang Aigerim das lange Lied bis zum Schluß.
»Tatjanas Brief« wie alle anderen Lieder, die an diesem Abend gesungen wurden, kannte Basaraly noch nicht. Wie auf Verabredung brachten die Sänger heute nur die Lieder Abais zu Gehör, die während Basaralys Verbannung geboren wurden. Kökbai erklärte ihm flüsternd, wie jedes Lied entstanden war.
Alles war für Basaraly vollkommen neu, und er nahm es auf wie ein unerwartetes, reiches Geschenk, mit dem ihn die Heimat empfing.
»Oh, wie schön!« sagte er begeistert und erstaunt. »Wie hat sich hier alles verändert, während ich fort war! Auch die Lieder, die Verse… Welche Wahrheit, welche Tiefe! Welche Melodien! Wie sie zu Herzen gehen! Ich sehe, Lied und Vers blühen in voller Pracht. Gesegnet sei deine Begabung, Abai!«
An diesem Abend teilte Magasch noch eine Neuigkeit mit:
»Vater, Darmen hat schon sehr viel über Jenlik und Kebek geschrieben. Vielleicht ist es Zeit, daß wir ihn hören?«
Jerbol und Kökbai stimmten ihm zu – beide konnten es nicht erwarten zu hören, wie der junge Dichter sein Versprechen erfüllt hatte.
Abai schaute Darmen aufmerksam an.
»Es tut nichts, wenn du noch nicht fertig bist. Vielmehr begrüße ich es, daß du schon angefangen hast. Willst du nicht versuchen, es vorzusingen?«
Darmen ließ sich nicht lange bitten. Er spielte auf der Dombra eine schnelle, ungeduldige Einleitung und sang sodann mit Eifer seine Verse.
An dem Bild des jugendlichen Poeten hatte man seine Freude. Das schöne Gesicht mit der mattbraunen Haut, dem kecken, feinen Schnurrbart war blaß vor Erregung. Die großen, schwarzen Augen, deren Weißes ganz leicht gerötet war, blitzten im lebendigen Glanz der Begeisterung. Man spürte die gefaßte, gesammelte Kraft, das heiße Feuer des reinen Herzens, das in gerechtem Zorn wallte. Der junge, leidenschaftliche Akyn war von einer edlen Bewegung erfaßt, er war bereit, das Urteil des jungen Geschlechts über die alte, verknöcherte Welt zu fällen.
Er ähnelte einem Falken, der sich über der Steppe emporschwingt. Dieser Falke entstammte einem kühnen, edlen Nest, dem Abais. Er kreiste in weitem Bogen über dem Ziel, ein neuer Beschützer der Beleidigten, ein neuer Kämpfer für die Gerechtigkeit des Volkes.
Darmen begann sein Poem damit, daß er die Schönheit und Würde des Mädchens Jenlik beschrieb. Ihr Vater ist der Alte Ykan. In den Tschingis-Bergen, am Fuße des Khan-Gipfels, leben sie in friedlicher und ehrlicher Arbeit. Das Mädchen ist die Freude und das Glück der Alten, die Stütze der Familie. Oft kehren Shigiten, die in den Tschingis-Bergen jagen, in ihrem Aul ein. Sie erzählen von der Feindschaft der Stämme, der Tücke der Feinde und der Kühnheit der Krieger, der Lieblinge des Volkes. Sie nennen die Shigiten, deren Ruhm besonders weit hallt. Und immer häufiger dringt ein Name an Jenliks Ohr – der Name des Einzigen, Würdigen. Alle, die sich vor den Winterstürmen in Ykans Aul retten, sprechen von ihm. Dieser Name beunruhigt die Träume der einsamen, nachdenklichen Jenlik, vertreibt ihren Mädchenschlaf.
An einem Winterabend, als dichte Flocken vom grauen Himmel fielen und der Schneesturm über die Erde wirbelte, tauchte aus dem weißen Schleier ein unbekannter Reiter hervor. Er war allein. Auf seinem Arm saß ein stolzer Königsadler, und am Sattel hing eine feuerrote Füchsin. Obwohl der Shigit zur Unzeit in den fremden Aul kam, mitten in der Nacht und im Schneesturm, trat er dennoch fröhlich und unbefangen ein, als wäre er ein Verwandter. Er trug freundliche Scherzworte, heiteres Lachen und manch fesselnde Jagdgeschichte in die Jurte. Jenlik schaute den schönen Shigiten an und lächelte unwillkürlich.
Plötzlich nannte der Gast seinen Namen: Kebek.
Kebek! Das war er! Hätte sie nicht so nahe am Herd gesessen, es wäre wohl niemandem entgangen, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg…
»Ihr Herz flatterte, als hätte eine unbekannte...




