E-Book, Deutsch, 214 Seiten
Austermann Tod im Thaumond
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-2798-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 214 Seiten
ISBN: 978-3-7597-2798-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dortmund 1788 Gerade in Dortmund angekommen und begierig darauf seine neue Stelle als Schulmeister anzutreten, wird Clamor Heinrich Aldenhagen in die Aufklärung eines Mordes verstrickt. Der Schuldige scheint schnell gefunden, aber ist alles so wie es scheint? Das Opfer, Schwarzbäcker Boemke, hatte mehr Feinde als Freunde, man munkelt sogar, er habe vergiftetes Brot verkauft und Menschenleben auf dem Gewissen. Während sich der Amtmann zuversichtlich gibt, beschleichen Clamor Zweifel an der Schuld des Verdächtigten. Auf der Suche nach der Wahrheit stößt er auf Widerstand: Ein Ratsherr, kurz vor der Wahl, ein Marktpolizist der seinen Posten behalten will und ein Schuldirektor, der auf den Ruf seiner Wirkungsstätte bedacht ist. Kann Clamor einen Weg finden, das Leben eines Unschuldigen zu retten ohne seine eigenes zu verlieren?
Simone Austermann lehrt als historische Bildungsforscherin an der Universität und lebt mit ihrem Mann, zwei Kindern und einem Hund in Dortmund.
Autoren/Hrsg.
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SAMSTAG, 16. THAUMOND 1788
»Grüße, guter Mann. Ich bin Clamor Heinrich Aldenhagen und bitte um Einlass. Man erwartet mich am Archigymnasium.« Der Vorbau des Stadttores schien zusammenzuschrumpfen, als sich der Angesprochene erhob, und über meinem Kopf hallte es »Papiere?« Ich reichte Pass, Reiseerlaubnis, den Passierschein für die Grafschaft, das Anschreiben des Direktors und etwas Torgeld nach oben und wartete. Gerüche von Pulver und feuchtem Holz hingen in der Luft. »Lehrer?« Eine befehlsgewohnte Stimme ließ mich herumfahren. Unter einem sandfarbenen Herrenrock umspannte ein goldfädendurchsetzes Gilet eine mehr als wohlgenährte Körpermitte; darüber ein bockskleegrünes Halstuch, darunter moosgrüne Kniebänder. Ein Siegelring an einem fleischigen Finger deutete auf mich. Die Erscheinung klopfte mit einem Fritzstock einmal auf den Boden und wiederholte »Lehrer?« Ich nickte. »Ja.« »Des Schreibens mächtig?« »Ja, Deutsch, Latein, Hebräisch Franzö-.« »Sollte reichen.« »Und Kenntnisse in-.« »Es genügt! Kommen Sie mit!« Wäre in diesem Moment Hippolyte herein galoppiert, ich hätte nicht mehr Verwirrung aufbringen können. »Papiere!« Ich hatte den Torwächter völlig vergessen und griff erschrocken nach meinen Unterlagen. »Kommen Sie! Lassen Sie Ihre Truhe stehen, Jakob wird sie zu Ihrem Quartier bringen. Kommen Sie endlich!« Der Goldgrüne hatte die Tür geöffnet, nickte dem Torwächter zu und trat hinaus. Ich zog meinen braunen Radmantel eng um mich und folgte ihm. Draußen sprach er mit einem hageren Burschen und marschierte dann Richtung Osten. Es war windig, aber nicht unangenehm und ab und zu trafen uns ein paar Wintersonnenstrahlen. Wir eilten vorbei an Fachwerkhäusern, die sich gegenseitig zu stützen schienen. Bei einigen hingen die Läden schief in den Angeln, an anderen konnte ich den Stützbalken kaum trauen. Noch im letzten Moment wich ich einem Fäzen aus. Hier trieben sie wohl auch die Schweine entlang. Zur rechten Hand quietschte eine Schwengelpumpe, zur linken gackerten Hühner. In der Türöffnung eines Wirtshauses erschien eine dralle Dunkelhaarige. »Ehrwürdige Grüße, Hofrat, kehren Sie doch nachher ein. Vor einer Wahl sollte man immer auf Fortuna trinken.« »Grüße, Wirtin. Immer tüchtig und auf einen Handel aus, wie?! Hoffe Sie und der Wirt erfreuen sich guter Gesundheit?! Frisch ans Tagewerk!« Wir eilten weiter und überholten eine hutzelige Alte, die mit unermüdlichen »Wärmt euch, kauft Schwefelfäden«-Rufen für ihre Waren warb. Ich erblickte eine Kirche. Ihr Turm endete abrupt, die Öffnung schien mit Holzbrettern geschlossen worden zu sein. Von Süden wehte der scharfe Geruch einer Gerberei. Über uns tönte eine Männerstimme: »Gerstein, so früh schon auf?« Die Stimme gehörte zu einem Mann, der bei seiner Morgentoilette war und mit offenem Jabot und schiefer Perücke an einem der oberen Fenster stand. »Professor Viemann! Einen herrlichen guten Morgen! Nicht jeder kann nach der Neunerglocke aus den Federn kriechen.« Beide Männer lachten, und wir setzten unseren Weg fort. Der intensive Geruch eines Schweinestalls ging in die wohligen Düfte eines Backhauses über. Hofrat Gerstein, so hatte ich aus den Anreden geschlossen, wies nach rechts auf schmales, etwa 13 Fuß breites Fachwerk. »Die Lehrerwohnung. Das Fahrenbergsche Haus. Witwe Kagenbusch hat sicher schon alles vorbereiten lassen.« Ich trat Richtung Tür. Ein Waschkrug und Gerstenbrei zur Stärkung. Wunderbare Aussichten. »Wo wollen Sie hin? Dafür ist später Zeit. Kommen Sie!« Wieder sah ich seinen Rücken. Sollte ich mich weigern? Sollte ich einfach stehenbleiben? Nein, allein in einer fremden Stadt war es sicher nicht gut, es sich mit einem zu verscherzen, der sich Goldfäden leisten konnte. Ich setzte mich wieder in Bewegung. Ein großes klosterähnliches Gebäude, ein Gildenhaus, etwas entfernt zwei weitere Kirchen. Diesmal mit vollständigen Türmen. Endlich lenkte er seine Schritte nach links und blieb stehen. Ein Eckhaus, zwei Stock hoch, Spitzbögen. In der Höhe über uns Erkertürmchen. Hofrat Gerstein klopfte, die Tür öffnete sich und vor uns stand ein Mann, der mich an Beschreibungen von Vauscancons Automaten erinnerte. In der Figur kantig, bewegte er sich mit abrupten Bewegungen. Kopf und Oberkörper sausten bis fast in die Waagerechte, dann wieder nach oben. »Ehrenwerte Grüße Klagcamerarius Gerstein. Zu Herrn Amtmann Hoberg?« »Ja, danke Ratsdiener Wolters.« Erneut sahen wir kurz seinen Hinterkopf. »Sofort. Kommen Sie bitte. Hier entlang.« Er ruckte ein paar Schritte zurück. Gerstein trat ein. Ich tat, was ich bisher getan hatte: Ich folgte. Wir standen in einer holzgetäfelten Halle. An den Wänden Bänke, sonst war es leer und eisig. Der Ratsdiener drehte sich um, durchquerte den Raum und klopfte an eine Tür, rechts neben einem steinernen Kamin. Ein Brummen ertönte, er öffnete die Tür. Leises Stimmengemurmel. Wieder eine Verbeugung, wir sahen seine Kehrseite. Noch in dieser Haltung drehte er sich herum, setzte zwei Schritte zurück und sprach zum Dielenboden: »Ehrenwerter Herr Klagcamerarius. Bitte kommen Sie herein.« Gerstein nickte und trat an ihm vorbei ins Zimmer. Ich hinterher. »Guten Morgen Amtmann Hoberg. Habe das Problem gelöst. Wollte gerade eine Depesche senden, war bereits am Westentor, um aufsatteln zu lassen. Da steht der da. Sagt, er ist der neue Lehrer und kann schreiben.« Er wandte sich an mich. »Sie vertreten Stadtsekretär Löbbecke als Schreiber bis er wieder auf den Beinen ist. Amtmann Hoberg hier braucht sie.« Er wandte sich an den Anderen. »Ich erwarte am Montag den ersten Bericht. Empfehle mich.« Er tippte mit seinem Stock einmal auf dem Boden und verließ das Zimmer. Ich sah fragend auf den Mann im Raum am Kontor. Blutunterlaufene Augen, Bartstoppeln und unter der hellbraunen Perücke lugten dunkle Strähnen hervor. Er schien keine Frau zu haben, die ihn umsorgte, bevor er morgens aus der Türe trat. Am linken Ärmel hing anstelle eines Knopfes nur ein dünner Faden und auf seinem Halstuch fanden sich Reste von zuvor genossenen Mahlzeiten. Müde starrte er mich an und holte aus seiner linken Rocktasche eine Tabatiere, klopfte kurz auf und bot sie mir an. Ich schüttelte den Kopf. Sorgfältig sammelte er mit leichten Fingerschlägen den Tabak in der Mitte der Dose, griff dann hinein und formte ein Klümpchen zwischen zwei Fingern und dem Daumen. Winzige Tabakkrümel gesellten sich zu den Überbleibseln früherer Schnupfmomente auf dem Tisch. Beide Nasenlöcher wurden schniefend bedient. Dann spuckte er in flachem Bogen neben sich auf den Boden, eindeutig nicht das erste Mal in letzter Zeit und verstaute das Behältnis wieder in seiner Tasche. Er kratzte sich mit beiden Händen am Bauch, verharrte in dieser Haltung und atmete tief aus. »Herr Amtmann. Nun, vielleicht darf ich mich zunächst vorstellen? Mein Name ist Clamor Heinrich Aldenhagen. Ich bin heute Morgen nach Dortmund gekommen, um meine Stelle im Archigymnasium anzutreten. Dann hat mich dieser Gerstein hierhergeschleppt. Ich weiß nicht, warum und was ich hier soll oder wer Sie sind. Ich bin derangiert von der Reise und ich habe Hunger. Wo ist Professor Gierig? Er erwartet mich heute. Was soll das denn alles hier?« Mein Herz klopfte. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich verwirrt, wütend oder sehr hungrig war. Sicher benötigte ich Antworten und dann wollte ich selbst entscheiden, welchem Gefühl ich den Vorzug geben würde. Ich atmete tief ein und langsam aus. Mein Gegenüber blickte mich schweigend, an und schien abzuwägen, was er von mir halten sollte. Nun, dann waren wir uns darin einig. Ich atmete erneut ein, straffte mich und suchte seinen Blick. »Gut, zu allererst einmal. Wer sind Sie?« Er richtete sich auf seinem Stuhl auf. Dann erhob er sich. »Hoberg. Johann Gottlieb Hoberg.« Er legt seine Hand flach auf seinen Bauch, sah kurz zu Boden und endlich mir in die Augen. »Ich bin Marktpolizist.« Seine Hand bewegte sich vom Körper weg, er schien auf etwas zu horchen und fixierte einen Punkt hinter meiner rechten Schulter. Dann blickte er wieder in meine Richtung, zuckte kurz mit den Achseln und sackte zurück auf seinen Stuhl. Sein Blick wanderte zu Boden, er legte seine Hand auf sein Gemächt und ruckte. Ich schloss für einen Moment die Augen. »Beleuchten Sie mir bitte das Sujet.« Sein Blick erinnerte mich an den Ausdruck der Kühe beim Wiederkäuen. »Erklären Sie mit bitte, worum es hier...




