E-Book, Deutsch, Band 2, 368 Seiten
Reihe: Ein Juno Browne-Krimi
Austin Juno Browne und der Tote im Moor
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7499-0349-8
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, Band 2, 368 Seiten
Reihe: Ein Juno Browne-Krimi
ISBN: 978-3-7499-0349-8
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Ein explodierter Transporter, eine Party und ein Toter - Juno Browne ermittelt zum zweiten Mal
Nachdem der Transporter der Hundesitterin Juno Browne in Flammen aufgegangen ist, hat sie sich eigentlich eine gemütliche Gartenfete verdient. Doch einer ihrer Mitarbeiter verschwindet dabei - und nur wenige Stunden später findet Juno ihn tot im Wald. Ein tragischer Unfall, da ist sich die Polizei sicher,aber Juno findet heraus, dass Gavin nicht der erste war, dessen Leben im Moor sein Ende fand. Die Hobbydetektivin nimmt sich des Falles an: Was lauert in Dartmoor?
Ähnlich wie die Protagonistin ihrer Romane hat Stephanie Austin schon sehr unterschiedliche Karrieren verfolgt - einige davon dienten ihr als Inspiration für die Krimis um Juno Browne. So handelte sie beispielsweise mit Antiquitäten, arbeitete als Astrologin und Kunsthandwerkerin. Wenn sie nicht über Juno Brownes Abenteuer schreibt, treibt sie sich im örtlichen Theater herum oder gärtnert. Stephanie Austin lebt mit ihrem Ehemann in Devon.
Weitere Infos & Material
1
Eine Woche vor dem Mord ging mein Transporter in Flammen auf.
Als ich morgens mit der Meute rausfuhr, schien die Welt noch in Ordnung zu sein. An diesem Tag musste ich nur drei Hunde ausführen, und wie immer holte ich einen nach dem anderen mit dem Transporter ab, ehe ihre Herrchen und Frauchen zur Arbeit aufbrachen. Ich kutschierte sie in den Wald am Rand unseres Städtchens, wo sie sich nach Herzenslust austoben konnten.
Im kühlen Schatten zwischen den Bäumen rannten sie vor mir her, beschnupperten die von winzigen Nachtgeschöpfen hinterlassenen Spuren und beschnüffelten Fußabdrücke im weichen, dunklen Morast. Ich folgte ihnen, als sie durch das Unterholz tollten, aus der Dunkelheit hinaus aufs sonnenbeschienene Gras stürmten und dabei die umherstolzierenden Krähen aufscheuchten, die schimpfend davonflatterten. Hier auf den Wiesen warf ich Stöcke, hinter denen sie herjagten, und genoss den weiten Blick über das Tal, wo sich Felder hinauf bis zum Moor erstrecken, an deren Rändern sich das grüne Gras allmählich fahlgelb färbte. In der Ferne konnte ich eine dieser für das Dartmoor typischen Felsformationen – Tor genannt – ausmachen, die sich ganz unvermittelt hoch aus dem sonst eher flachen Land erheben. Es würde wieder ein schöner Tag werden.
Als die Hunde müde wurden, brachte ich sie wieder zurück. Zwei von ihnen konnte ich mit den Zweitschlüsseln, die ich von meinen Kunden bekommen hatte, ins Haus lassen.
Für EBs Zuhause besaß ich keinen Schlüssel, weil seine Mama ihn stets in Empfang nahm. Doch als wir uns der Haustür näherten, fand ich daran angeklebt einen hastig bekritzelten Zettel. Juno, stand da, Alan mit Schmerzen in der Brust ins Krankenhaus eingeliefert. Bin im Krankenwagen mitgefahren. Könnten Sie auf EB aufpassen, bis ich zurück bin? Ich rufe Sie an. Entschuldigen Sie die Umstände, Elaine x.
Während ich die Nachricht las, wartete EB geduldig zu meinen Füßen, seine steil gebogenen Augenbrauen zuckten ratlos. Er hatte nichts dagegen, wieder in den Transporter zu steigen. Ausnahmsweise durfte er neben mir auf dem Beifahrersitz Platz nehmen, anstatt in den Stauraum hinter das Gitter gesetzt zu werden, wohin ich die Hunde normalerweise verfrachte. Als ich auf gewundenen Straßen zwischen üppig grünen Hecken zurück nach Ashburton fuhr, schmiegte er seinen kleinen Körper an mich.
Der Sommer war lang und warm gewesen und schien gar nicht mehr enden zu wollen. Den ganzen September schon lachte die Sonne von einem blauen Himmel. Aber die Schwalben waren fort, und obwohl das sommerliche Wetter anhielt, wiesen die Baumkronen die ersten bronzenen und goldenen Farbkleckse auf. Das Laub begann sich zu verfärben.
Plötzlich musste ich kräftig auf die Bremse treten. Mitten auf der Straße stand völlig reglos eine Frau. Unter ihrem langen blauen Morgenmantel lugte der Zipfel eines geblümten Nachthemds hervor. Ihr Haar umgab ihr Gesicht wie ein silberner Heiligenschein, war jedoch hinten angeklatscht, als habe sie es nicht gebürstet, nachdem sie am Morgen den Kopf vom Kissen erhoben hatte. Ich zog die Handbremse, stieg aus und knallte dem neugierigen EB die Tür vor der Schnauze zu. Obwohl mein Transporter nicht gerade leise war, nahm die Frau mich überhaupt nicht zur Kenntnis. Stattdessen starrte sie hinauf zum in den Baumwipfeln flackernden Licht und den tanzenden Schatten, dabei murmelte sie leise vor sich hin.
»Hallo!«, rief ich. »Ist alles in Ordnung?« Beim Klang meiner Stimme wandte sie sich um, allerdings nicht indem sie den Kopf drehte. Stattdessen vollführte sie eine Reihe winziger Trippelschritte, bis sie mir ihre gesamte Frontpartie zukehrte. Sie hatte blaue Augen, ihre Haut mit Tausenden winzigen Fältchen erinnerte mich an zerknautschte Rosenblätter. Sicher war sie früher einmal hübsch gewesen. »Brauchen Sie Hilfe?«
Ihre Antwort bestand nur aus einem strafenden Blick. Wenige Hundert Yards die Straße hinauf befand sich Oakdene, ein Pflegeheim für Menschen mit Demenz, wahrscheinlich war die Frau von dort ausgebüxt.
»Falls Sie einen Spaziergang machen wollen, brauchen Sie, glaube ich, Schuhe.«
Sie betrachtete ihre in wollene Bettsocken verpackten Füße und wackelte wie zur Probe mit den Zehen, bevor sie mir wieder ins Gesicht blickte. Der Ausdruck ihrer Augen war arglos und unschuldig wie der eines Kindes, so als habe ihr jemand alle Mühen und Plagen sanft von den Schultern genommen. Sie streckte den Arm aus, und im ersten Moment dachte ich, sie wolle mich schlagen, doch sie fasste mir nur in die Haare und betastete sie sacht. »Solche Locken.« Sie schnappte freudig nach Luft. »Und rot!«
Solche Locken und rot war eine treffende Beschreibung meiner Haarpracht.
»Du bist nicht Samantha«, teilte sie mir mit, schien sich jedoch nicht sicher zu sein.
»Nein, ich bin Juno. Und wie heißen Sie?«
»Marianne«, verkündete sie nach einer kurzen Bedenkzeit. »Fahren wir mit dem kleinen Bus da?«
Ich schaute in Richtung Transporter. Er war gelb und an den Seiten schwarz beschriftet. Vermutlich sah er wirklich aus wie ein Kleinbus, nur dass EB hinter dem Lenkrad saß und uns mit strenger Miene musterte.
»Warum nicht?«
Sie ließ sich von mir zur Beifahrertür führen und auf den Sitz bugsieren, obwohl sich das wegen EB, der beschloss, dass eine Freundin von mir auch seine Freundin war, ein wenig schwierig gestaltete. Zum Glück störte es Marianne nicht, dass er ihr begeistert das Gesicht ableckte, und sie streichelte ihn ausgiebig, untermalt von Jubelrufen. Irgendwie gelang es mir, sie und mich anzuschnallen, und wir steuerten auf Oakdene zu, wobei ich ein Stoßgebet zum Himmel schickte, dass Marianne tatsächlich dort zu Hause war. Denn wenn nicht, hatte ich keine Ahnung, wohin ich sie sonst bringen sollte. Vermutlich wusste sie selbst es auch nicht.
Zum Glück kamen hinter der nächsten Kurve zwei Damen in blauen Schwesternkitteln in Sicht, die besorgt in die Hecken spähten und hin und her hasteten, als hofften sie, zwischen Dornengestrüpp und Brombeerbüschen jemanden aufzuspüren. Ich hielt an, ließ die Scheinwerfer aufblitzen und hupte. Beim Anblick meiner Beifahrerin schrie die eine erleichtert auf. »Oh, Gott sei Dank! Judith!«
Judith? Was war denn aus Marianne geworden?
Die Frau kam näher und fing an zu reden, während ich noch die Scheibe herunterkurbelte. Laut Namensschild an ihrer ausladenden Büste hörte sie auf den Namen Barbara. Sie war klein und pummelig und ein wenig außer Atem. »Vielen, vielen Dank! Wo haben Sie sie denn gefunden?«
»Nicht weit von hier«, antwortete ich, als Judith-Marianne unterstützt von der zweiten Schwester aus dem Transporter kletterte. Die Frau war jünger und größer als ihre Kollegin. Ihr streng zurückgekämmtes Haar gab eine hohe, blasse Stirn frei. »Geht sie denn öfter spazieren?«
»Ständig, die Arme! Sie will unbedingt zurück nach Hause … Oxford«, fügte die Schwester im Flüsterton hinzu.
Ich hatte zwar keine Ahnung, wie weit es genau von Ashburton nach Oxford war, doch sicher ein gutes Stück.
Ich schaute ihr nach, als sie davonging, ohne mich und EB eines Blickes zu würdigen. Sie hatte die Pflegerin untergehakt, und die beiden plauderten vergnügt miteinander. »Sie scheint sich hier recht wohlzufühlen.«
»Oh, sie ist ein Schatz«, erwiderte Barbara. »Ich möchte mich herzlich bei Ihnen bedanken … äh …«
»Juno.«
»Juno«, wiederholte sie. Dann zögerte sie kurz, runzelte die Stirn und presste die Lippen zusammen. »Ich … äh … unser Chef weiß nicht, dass sie schon wieder ausgebüxt ist. Wir möchten nicht, dass sie in ihrem Zimmer eingesperrt wird. Deshalb frage ich mich, ob …«
»Ich werde schweigen wie ein Grab.« Schließlich kannte ich den Leiter von Oakdene nicht und hatte ganz sicher nicht vor, die Pferde scheu zu machen.
»Danke«, keuchte sie, drehte sich um und eilte Judith-Marianne und ihrer Kollegin hinterher.
»Im Leben passieren manchmal die merkwürdigsten Dinge«, erklärte ich einem verdatterten EB, blickte ihnen noch einmal nach und setzte dann meinen Weg in die Stadt fort.
Ich traf eine halbe Stunde zu spät im Old Nick’s ein, weil ich noch einen Abstecher nach Hause gemacht hatte, um meinen Anrufbeantworter abzuhören. Ich wollte wissen, ob Elaine sich gemeldet hatte. Vielleicht hatte sie mich ja mobil nicht erreicht, denn im Dartmoor ist das Netz miserabel, und das ist noch freundlich formuliert.
Aber niemand hatte angerufen. Ich wusste nicht, ob EB vor dem Spaziergang heute Morgen gefüttert worden war oder ob er noch auf sein Frühstück wartete, deshalb hielt ich beim Bäcker in der West Street und kaufte ihm ein extragroßes Würstchen im Schlafrock.
Old Nick’s hat erst seit zwei Monaten geöffnet. Der Laden hatte Mr. Nickolai gehört, einem meiner betagten Kunden, der in der Wohnung darüber gelebt hatte. Er war Antiquitätenhändler gewesen. Leider hatte der alte Nick auch einen Hang zum Kriminellen gehabt, was letztlich zu seiner Ermordung führte. Mich hatte er zu seiner Alleinerbin bestimmt, warum, ist mir bis heute ein Rätsel. Vermutlich fand er, dass ich es verdient hatte. Eine Auffassung, die einige Mitglieder seiner Familie nicht teilen.
Wie dem auch sei, jedenfalls ist Old Nick’s inzwischen nicht mehr der schäbige, heruntergekommene Trödlerladen von...




