E-Book, Deutsch, Band 1, 450 Seiten
Reihe: Scarred Executioners
Axelson See you Soon
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98718-477-2
Verlag: VAJONA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 450 Seiten
Reihe: Scarred Executioners
ISBN: 978-3-98718-477-2
Verlag: VAJONA
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»Mein Baby ist tot! Nicht mein Baby, bitte! Nicht mein Baby! O mein Gott, mein Sohn!«, schrie die schmerzerfüllte Stimme meiner Mutter immer wieder. Die Schreie einer Mutter, die gerade erfahren hatte, dass ihr erstgeborenes Kind tot war. Mein Bruder, ein Navy SEAL … gestorben im Alter von dreißig Jahren.
Es war eine Erinnerung, die ich nie wieder loswerden würde. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht, als ob alles Blut daraus gewichen wäre und nur ein blasses Spiegelbild hinterlassen hätte. Der Schrecken und die Qual in ihrer Stimme, die mich für den Rest meines Lebens verfolgen würden. Das Geräusch war so lähmend, dass ich mir am liebsten die Hände auf die Ohren gepresst hätte, um es auszublenden. Sie litt, und ich fürchtete sofort um ihre Gesundheit. Es war herzzerreißend, mitanzusehen, wie meine Mutter, die nie geweint hat und immer so positiv war, in tausend Stücke zerbrach, während ich sie im Arm hielt und versuchte, die Nachricht selbst zu verarbeiten.
Mein älterer Bruder war tot.
Jedes Mal, wenn ich sein unberührtes Schlafzimmer in unserem Haus betrete, so wie jetzt, muss ich an diesen Tag zurückdenken. Ich öffne die Tür zu seinem Zimmer in der Erwartung, ihn auf seinem Bett zu sehen, wie er sich an neuer Musik versucht, und die Erinnerungen holen mich ein. Sie bringen mich zu dem Tag zurück, als zwei uniformierte Männer an unsere Tür geklopft haben.
Ich weiß nicht, wie, aber zu sehen, wie meine Mutter in diesem Moment völlig in sich zusammenfiel, hat mich fast umgebracht, mich aber auch verändert. Ich musste Stärke vortäuschen, um meine Mutter zu unterstützen. Ich wollte so gerne selbst zusammenbrechen, aber ich bin die einzige Person, die sich um sie kümmert, die stark für sie ist, wenn sie es selbst nicht sein kann. Ich hielt sie schweigend in meinen Armen und strich über ihr schwarz-graues Haar, während sie untröstlich weiter weinte.
Ich beschloss, dass das Beste, was ich in diesem Moment für sie tun konnte, zu beten war. Meine Mutter hat uns religiös erzogen, uns beigebracht, uns in allen Belangen an Gott zu wenden und unser Leben nach seinen Geboten zu leben. Tief im Innern habe ich ein paar abweichende Ansichten zum Katholizismus, aber ich habe meine Gedanken ihr gegenüber nie geäußert, um sie nicht zu enttäuschen.
Schusswunde in der Brust. Schusswunde am rechten Bein. Schusswunde im Nacken. Todesursache: Blutverlust. Er war tot, noch bevor er es ins Krankenhaus im Irak schaffte. Er ist verblutet. Ich versuchte so gut es ging, dieser schrecklichen Erinnerung, die mich verfolgte, zu entkommen.
Als ich ihn in seinem Sarg betrachtete, in seiner Uniform, hatte ich das unbändige Bedürfnis, ihn zu schütteln. Ihn wachzurütteln, weil sie seine Wunden so gut abgedeckt hatten, dass er so aussah, als würde er einfach nur schlafen. Ich wollte ihm einen Schlag gegen die Schulter verpassen, wie ich es immer getan hatte, und ihm sagen, dass er aufhören soll, sich tot zu stellen. Dass er diesen Scherz beenden soll, weil der gar nicht lustig war. Ich wollte es so sehr, aber ich konnte nur weinen, bis ich mich krank und ausgelaugt fühlte. Das einzig Positive, das mir einfiel, war, dass sein Tod mich darin bestätigte, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, Krankenschwester zu werden.
Ursprünglich hatte ich Kinderkrankenschwester werden wollen, aber nach Pauls Tod wusste ich, dass ich Trauma-Krankenschwester werden wollte.
Manchmal kommen seine Freunde vom Militär bei uns zu Hause vorbei, wenn sie gerade nicht arbeiten oder einfach die Zeit dazu haben, um zu sehen, wie es uns geht. Ich beachte sie meist gar nicht, weil mir immer noch wehtut, zu sehen, wie sie heil und mit klopfendem Herzen nach Hause kommen, während mein Bruder das nie wieder tun wird. Ich war eifersüchtig, wütend und fragte mich, warum es ausgerechnet meinen Bruder hatte treffen müssen, auch wenn ich wusste, dass das ein böser Gedanke war.
Einer seiner Freunde, Kane, versuchte immer, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Er half immer mal hier und da mit, übernahm Aufgaben im Haus oder betrieb Small Talk mit meiner Mutter, um Pauls Verlust zu kompensieren. Ich verabscheute es. Es gibt nichts, was irgendjemand tun könnte, um diesen Verlust weniger schmerzhaft zu machen. Mein bester Freund würde nie wieder zurückkommen. Mein Videospielpartner. Der Mann im Haus. Er sollte mich zum Altar führen, wenn ich irgendwann heiraten würde.
Mein Bruder war ein guter, einfacher Mann. Er hatte das reinste Herz. Seine einzigen charakterlichen Schwächen waren seine Sturheit und sein Schwarz-Weiß-Denken. Aber er sorgte stets dafür, dass meine Mutter und ich finanziell abgesichert waren, indem er zum Militär ging. Seine Moral war ein großer Teil seines Charakters, was dafür gesorgt hat, dass er immer andere vor sich selbst gestellt hat.
Es schmerzt so sehr, und es fühlt sich falsch an, ohne ihn weiterzumachen. Ich habe miterlebt, wie meine Mutter fast an einem Herzinfarkt gestorben wäre, als sie die Nachricht erhalten hat. Ich wollte auch sterben, aber wir müssen uns beide gemeinsam durch diese Trauer kämpfen, damit nicht einer von uns im Krankenhaus landet. Ich muss einen Weg finden, weiterzumachen, und wenn ich meine Kraft vortäuschen muss, werde ich das tun. Wenn ich mich durchkämpfen und meine eigenen Bedürfnisse hintenanstellen muss, dann werde ich das tun. Paul würde nicht zulassen, dass sich meine Mutter jeden Tag mit ihrem Kummer quält, aber wie soll man einer Mutter sagen, dass sie weitermachen soll? Das würde ich nicht wagen.
Trotzdem habe ich mir seit jenem Tag nicht mehr erlaubt, zu schreien, obwohl das alles ist, was ich tun wollte. Ich versuche so sehr, nicht zu implodieren, zu zerbrechen oder meinen Glauben an den Katholizismus zu verlieren.
Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als mein Telefon summt. Ich starre immer noch in das Zimmer meines Bruders. Über dem Kopfteil seines Bettes hängt ein einzigartiger Wandteppich, an einer Wand stehen Bücherregale, an der anderen sein Gaming-PC und in der Ecke liegt ein Fußball neben seiner Gitarre. Alles ist sauber und aufgeräumt. Meine Mutter hat es sich zur Aufgabe gemacht, sein Zimmer jedes Wochenende zu putzen, als wäre er noch da. Sie nimmt sogar einen Stapel Kleider aus seinem Schrank, wäscht sie, faltet sie und legt sie zurück, so wie sie es immer für ihn getan hat, wenn er zu Hause war.
Sie kann ihn immer noch nicht loslassen, aber das ist zu erwarten. Er wurde erst vor zwei Monaten beerdigt. Ich schätze, es ist irgendwie therapeutisch für sie, deshalb sage ich nie was dazu.
Schließlich greife ich nach meinem Handy. Auf dem Display sehe ich eine SMS von Meredith, die mich wissen lässt, dass sie vor meinem Haus auf mich wartet. Sie ist seit der Highschool eine meiner engsten Freundinnen.
Ich habe alle meine Prüfungen für die Berufszulassung zur Krankenschwester bestanden und gerade meinen ersten Arbeitsvertrag unterschrieben. Ich habe es noch niemandem erzählt, aber das werde ich früher oder später. Heute Abend werde ich mir darüber keine Gedanken machen, denn heute Abend sollte gefeiert werden.
Country-Musik dröhnt laut in meinen Ohren und hämmert in meiner Brust, und die Luft riecht nach Zigaretten und Alkohol. Nach einer stressigen Woche mit wichtigen Entscheidungen ist das hier genau mein Ort. Ein Freitagabend mit meiner besten Freundin ist genau richtig, um die Feier zu beginnen, von der sie noch nichts ahnt. Wir sind in einer der beliebtesten Country-Bars der Stadt, mit Cowboystiefeln an den Füßen und bereit, die Nacht durchzutanzen.
»Wie fühlt es sich an, endlich sagen zu können, dass man ausgebildete Krankenschwester ist?«, schreit Meredith über die Musik hinweg, während sie ihr Bier gegen meins stößt. Unsere Flaschen klirren laut gegeneinander und wir trinken beide einen Schluck davon.
»Gott, es fühlt sich noch gar nicht echt an. Es ist wirklich surreal«, rufe ich freudig aus. Ich lächle von einem Ohr zum anderen und mein langes schwarzes Haar wippt auf und ab, während wir tanzen.
Meredith und ich machen seit der Highschool alles zusammen. Wir sind beste Freundinnen, seit wir in unserem ersten Schuljahr beim Mittagessen nebeneinandersaßen – verängstigte, verlorene, vierzehnjährige Fremde, die einander zögernd angesehen haben, bevor sie sich an einen leeren Tisch gesetzt haben. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden und nachdem wir uns über unsere gemeinsamen Lieblingsserie nähergekommen waren, wurden wir unzertrennlich.
»Ich brauche noch einen Drink, bin gleich wieder da«, schreie ich Meredith praktisch ins Ohr, damit sie mich hören kann. Sie nickt zur Bestätigung.
Die Bar ist voll. Voller Menschen mit gebrochenem Herzen, Singles und sogar Verheiratete, die sich heute Abend austoben wollen. Ich drängle mich schnell zum Barkeeper durch und bestelle einen Erdbeer-Daiquiri. Der Barkeeper fragt mich sofort nach meinem Ausweis.
Er findet wahrscheinlich, dass ich wie sechzehn aussehe. Ich mache ihm keinen Vorwurf. Meine ein Meter fünfundfünfzig helfen dem nicht gerade, ebenso wenig wie die jugendliche Haut, die ich von meiner Mutter geerbt habe. Ich ziehe meinen Ausweis hervor, und der Barkeeper nickt, als er sieht, dass ich volljährig bin.
Ich bin zweiundzwanzig und werde in Restaurants immer noch gefragt, ob ich die Kinderkarte haben möchte. Ich setze mich auf einen Barhocker, während ich auf mein Getränk warte. beginnt zu spielen, und ich kann nicht anders, als meinen Körper im Takt zu bewegen. Ein riesiger, neonfarbener Western-Kuhschädel ist in der Mitte der Wand gegenüber von mir angebracht. Ich bin so...




