E-Book, Deutsch, 654 Seiten
Bach DIE GLASTROPFENMASCHINE
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7554-1595-4
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kosmologien - Science Fiction aus der DDR, Band 12
E-Book, Deutsch, 654 Seiten
ISBN: 978-3-7554-1595-4
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Als Reik Regenbach bei einer Exkursion im Rüdersdorfer Kalk einen seltsam geformten Stein findet, der einem Rattenkopf mit Zähnen und Augen wie Glastropfen ähnelt, spürt er, dass er verfolgt und bedroht wird. Anja Winterlicht, seine Freundin, sieht plötzlich aus, als sei sie ein ganz anderes Mädchen und keinesfalls aus Fleisch und Blut, und ein Fremder versucht, ihn in einen Abgrund zu stürzen. Schon will Reik den Steinernen Kopf wegwerfen, als er fühlt, dass er sich nicht von diesem Fundstück trennen darf. Wenig später verwirrt sich in ihm das Gefühl für Zeit und Raum. Er weiß nur noch, dass er den Baum der zehn Zeiten erreichen muss, dessen Blätter wie Schwanenflügel im Wind rauschen und dessen Äste in verschiedene Welten führen... Hans Bach (* 1940 in Berlin) ist ein deutscher Science-Fiction-Autor; sein bekanntester Roman Die Glastropfenmaschine erschien in der DDR erstmals im Jahre 1988. Der Apex-Verlag veröffentlicht diesen Roman als durchgesehene Neuausgabe in der Reihe KOSMOLOGIEN - SCIENCE FICTION AUS DER DDR.
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EVULON
Erstes Kapitel: Sarschan Angaria greift ein Mit zusammengebissenen Zähnen betrachtete Reik diese Welt. Inula Kornreck hatte die Antennen eng an den Kopf gelegt und seine vier Hände zu Fäusten geballt, denn unter ihren Füßen war schwarzes, poröses Gestein, das sich über einen endlosen Hang nach unten in brodelnden Tälern verlor. Ob es Tag oder Nacht war, wer wollte das sagen, denn das Licht, das sie wild umtoste, entstammte Vulkanen und Feuerseen, metallisch glänzenden Wolken und tobenden Blitzen, die wie vielhundertjährige Eichen verästelt waren. Zudem war es brütend heiß, und das Atmen machte Mühe. Reik wusste nicht, dass aus dem Kragen seines Overalls ein gleichmäßiger Sauerstoffstrom seinen Kopf umspülte, dass er anderenfalls erstickt wäre. Der Schweiß rann dem Jungen von der Stirn in die Augen, in den Mund. So weit das Auge reichte, erstreckte sich dieses Land der tobenden Naturgewalten, in dem Stürme und Taifune tosten, glutspeiende Windhosen Felszacken abbrachen und furchterregende Beben die höchsten Berge stürzten. An ungezählten Stellen riss der poröse Untergrund auf, und weiße Feuer schossen zischend und blendend in die Höhe. Meteoritengleich durchfurchten Feuerkugeln den Luftraum, explodierten, sobald sie ein Hindernis berührten, und überschütteten ihre Umgebung mit zuckenden Flammen. Der Fels unter den Füßen der Gefährten erbebte. »Was...«, stieß Reik krampfhaft hervor, »was wollen wir hier?« Er zuckte unter den Blitzen zusammen, und die schmetternden Donnerschläge jagten ihm Schauer über den Rücken. »Wir wollten Leben finden«, erklärte Gerstfeld finster, »aber wir werden mit einem Zusammentreffen, den die ASGEDAN-Runde in Abwesenheit verurteilt hat: Antissath Gorgon. Er ist ein feiger, hinterhältiger Mörder, der engste Verbündete der Melaana von Zitadorra. Er ist spezialisiert auf Intrigen, Verrat und Mord. Ich denke, dass er der Mann mit dem Regenschirm ist. Aber das ist nur ein Bild, das er für dich geschaffen hat. Wir werden ihm begegnen, und ich warne euch.« »Hier?« Reik hob vorsichtig die Hand, deutete in das Chaos. »Sie ist unruhig«, fuhr Gerstfeld jetzt mit anderer, weicher Stimme fort, »die Gewaltige, die Kreißende, und ihr Stöhnen geht euch durch und durch. Aber lasst uns fünftausend Kilometer weiter sein, da liegt sie dann friedlich, das Neugeborene, das Leben, in ihren Armen haltend, vor euch.« »Und wie, bitte schön«, meldete sich die Zarppe, »wollen wir diese lächerlichen fünftausend Kilometer überwinden? Vielleicht hüpfend oder durch die Feuerseen schwimmend?« Auch Reik sah Gerstfeld skeptisch an. »Wir können nicht einmal diesen Berg verlassen, ohne zu verglühen«, stimmte er zu. »Nun«, Gerstfeld lächelte, »dann dreht euch um.« Sie taten es und waren doppelt verblüfft, denn es gab kein Laub mehr, keinen Baum der zehn Zeiten. Auch dort erstreckte sich jenes schaurige Land, das sie schon kannten. Ganz dicht hinter ihnen aber standen drei Dinge, von denen keiner sagen konnte, ob sie lebten oder einfach Maschinen waren. Farblich erinnerten sie an Marzipan- oder Porzellanschnecken, waren auch wie solche geformt. Das Licht der Feuer und der Blitze brach sich an ihrer Oberfläche wie in Brillanten, und man konnte braune, verwaschene Muster erkennen, die Blüten glichen. Vorn und hinten liefen sie spitz zu und zeigten zwei Reihen gezähnter Einschnitte, während ihre Rückenpartie leicht nach innen eingebeult war und so eine ideale Sitzfläche bot. Die stabil wirkenden Körper ruhten auf milchigen, sich unablässig bewegenden Schichten, die feine Strahlen aussandten, die dicht über dem felsigen Untergrund endeten. Keine Sturmbö, kein Blitz ließ sie schwanken. »Wenn ihr oben sitzt«, erklärte ihnen Gerstfeld ruhig, »werdet ihr rechts und links Einschnitte entdecken. Steckt dort eure Füße hinein.« Neue Donnerschläge und eine ganze Serie von Blitzen erfüllten die Luft, während der Fels unter ihnen leicht schwankte. Gerstfeld hob Kornreck hoch und setzte ihn auf das kleinste der drei Dinge. Dann half er Reik beim Aufstieg. Ein glutheißer Wind trug Schwefeldünste und Ammoniakschwaden heran. »Die Füße«, schrie Gerstfeld gegen den Sturm, »in die Öffnungen!« Sie taten es, und augenblicklich machte der Sturm einen Bogen um sie; sie konnten wieder atmen, und der Schleier von ihren Augen verschwand. Reik sah, wie Gerstfeld eine ebensolche Scheibe hervorzog, wie Anja sie benutzt hatte, und hindurchblickte. Und da drang ein violetter Lichtstrahl durch Blitze, Dämpfe und Feuerregen und tastete den Fels ab. Ein unheilvolles Krachen ließ die Luft erzittern. Der Fels begann sich zu neigen. »Na also!« Gerstfeld sprang wie ein Ball auf das dritte Porzellangerät und steckte seine Füße in die Einschnitte. Keinen Augenblick zu früh, denn Steinbrocken spritzten umher, und der Fels neigte sich noch weiter nach vorn. Die drei Freunde aber schwebten, als wäre nichts geschehen, an derselben Stelle. Gerstfeld schob sich mit seinem Reittier zwischen die anderen beiden. »Fünftausend Kilometer werden wir fliegen«, sagte er und sah Reik fest an, »und jeder Kilometer mag für uns eine Million Sonnenumläufe sein. Dann aber wird unsere Gebärende lieblich, und wir können rasten.« Er hob die Hand, und die drei Reittiere bewegten sich behutsam vorwärts. Die Beschleunigung war so gleichmäßig, dass Reik sie lange Zeit nicht bemerkte. Erst als sie durch Felsentore huschten und wie Schatten über Feuerseen hinglitten, begriff er, dass ihre Geschwindigkeit sehr groß war. Und doch erschien ihm das alles wie in einem Traum. Das rötliche Sonnenlicht, das sich nur mühsam durch die wabernden Wolkenschichten kämpfte, ließ die Landschaft unwirklich erscheinen. Rötlich angestrahlte Felsen barsten, blaurote Feuerbälle zersprangen, orangefarbene Glutseen schwappten träge über ihre Umgrenzungen. Und fernab, wie aus einem anderen Raum, das Orgeln und Jaulen, das Tosen und Klagen der ungezähmten Stürme. Etwas Rotschwarzes, ein glühender Stein, jagte auf Reik zu, dem der Entsetzensschrei in der Kehle steckenblieb. Doch plötzlich, einige Dutzend Meter vor ihm, änderte der Stein, als er auf ein Hindernis gestoßen, seine Bahn und flog sengend und Hitze speiend an ihm vorbei. »Nur keine Angst, Reik«, rief Gerstfeld, der sich dank seiner Donnerstimme als einziger den anderen verständlich machen konnte, »der Bronderuk beschützt dich vor dem hier.« Allmählich änderte sich die Landschaft. Der Sturm legte sich, die Felsen waren jetzt schroff und spitz, und Wasser lief an ihnen herab. Es sammelte sich in den Tälern, und nur selten noch glänzte hier und da ein kleiner Lavasee. »Nur keine Angst, mein kleiner, zuckersüßer Reik«, kreischte die Zarppe mit spitzer, galliger Stimme, »natürlich: Reik, Reik und nochmals Reik! Und wenn es der Zarppe die Antennen abhaut, ja, wenn sie zweigeteilt wird, wen stört das, wenn nur Reikimäuschen kein Haar gekrümmt wird. Und ich? Ein Nichts bin ich, und fällt man aus dem Sattel, juhu, dann hat man eben ein Reservepferd!« Reik lächelte ein wenig. Er kannte Kornreck gut genug, um zu wissen, dass dieser es nicht so meinte. »Pferd?«, wiederholte Reik. »Als Pferd würde ich das nicht bezeichnen.« »Es ist ein Bronderuk«, erklärte Gerstfeld knapp. »Natürlich«, gellte Kornrecks Stimme noch immer, »ein Bronderuk. Und ich dachte schon, es ist ein Land Rover oder eine Sattelrobbe. Und was ist ein Bronderuk? Eine vermummte Nacktschnecke?« »Belassen wir es im Augenblick bei dem Begriff«, Gerstfeld wandte sich direkt an die Zarppe, »vielleicht werdet ihr schon bald mehr erfahren.« Die Wolkendecke über ihnen musste dünner geworden sein, denn das diffuse Licht der Sonne hellte sich auf. Es gab keine Feuerseen mehr. Nur noch die schlanken Fackeln einer Vulkangruppe, aus deren Kegeln feiner Rauch quoll, kündeten von der Zerstörung, die Reik und seine Gefährten erlebt hatten. Es wurde jetzt warm wie in einem überheizten Gewächshaus. Feuchtigkeit hüllte alles ein. So erreichten sie ein Meer, ein endloses Meer, aus dem einzelne Berge, Felszacken und Gebirge aufragten. »Bei uns«, Gerstfeld strich der Marzipanspindel sanft die Seiten, »ist es noch heißer als hier und sehr, sehr hell. Und deshalb holen wir unsere Lebensenergie direkt aus der Sonne, aus ihren Strahlen. Die Bronderuks fühlen sich wohl auf Evulon. Eure Füße, die in den Einbuchtungen stecken, geben ihnen einerseits Befehle, aber ihr werdet von ihnen andererseits auch energetisch versorgt. Deshalb spürt ihr weder Durst noch Hunger, ja, ihr merkt nicht einmal, wie die Stunden verstreichen, denn ihr übernehmt unser Zeitsystem. Und uns sind Tage kaum mehr als euch Sekunden.« »Züchtet ihr diese Tiere?«, fragte Reik interessiert. »Nein«, Gerstfeld schüttelte den Kopf, »wir lebten mit ihnen vor langer Zeit in einer Überlebenssymbiose. Sie sind unsere Wahlgeschwister.« »Ach ja«, Kornreck richtete seine Antennen nach vorn, »man müsste eines der Wahlgeschwister sein oder Reik heißen. Schon, damit sich mal jemand nach einem erkundigt.« »Wie geht es dir, Inula«, fragte Gerstfeld spöttisch, »hattest du sehr viel Angst vorhin?« »Oh, danke für die Nachfrage«, schnarrte die Zarppe und verneigte sich ein wenig, »jetzt geht es mir ausgezeichnet... Angst machte mir nur das violette Licht, als wir auf dem Felsen standen.« »Das war er«, Gerstfelds Gesicht verfinsterte sich, »er versuchte uns in einen Unfall zu verwickeln. Wer weiß, vielleicht hätte er Reik gerettet und ihn so lange in Lügen und...




