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E-Book, Deutsch, 310 Seiten

Bär Lotto Kayser


1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96200-998-4
Verlag: Verlagshaus Schlosser
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

E-Book, Deutsch, 310 Seiten

ISBN: 978-3-96200-998-4
Verlag: Verlagshaus Schlosser
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Lars Kayser hat den Lotto-Jackpot gewonnen: 24 Millionen Euro. Doch größer als die Freude darüber ist seine Sorge, sein vertrautes geruhsames Dasein als Mathematiklehrer an einem Kleinstadtgymnasium zu verlieren. Deshalb beschließt er, den Gewinn geheim zu halten. Vor allem soll Uta - seine langjährige Lebensgefährtin - die ihn offensichtlich mit ihrem Arbeitskollegen betrügt, nichts davon abbekommen. Den Gewinn vor der Öffentlichkeit zu verbergen wird, genauso, wie sein altes Leben zu behalten, zu einer schier unlösbaren Aufgabe.

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III


Uta sitzt schon am Frühstückstisch, als ich in die Küche komme. „Ich muss heute eher los. Der Chef will ‘ne Dienstberatung machen wegen der Widersprüche gegen die Gebührenbescheide.“

Seit einigen Jahren arbeitet Uta beim Abwasserverband. In letzter Zeit ist sie schon ein paarmal auf der Straße angefeindet worden, weil ihr Name unter den Bescheiden steht, wonach die Leute ein paar Tausender für ihren Abwasseranschluss nachbezahlen sollen. Einmal hatte sogar jemand etwas auf ihr Auto geschmiert, was sicher normalerweise vom Verband entsorgt worden wäre. Trotzdem hat sie nie geklagt, dass ihr der Job lästig oder gar belastend werden würde. Überstunden gibt es auch mehrmals in der Woche. Irgendwas scheint sie an der Arbeit zu lieben. Ich denke mal, den Wiegeler, der ihr im Büro gegenüber sitzt. Selbst verheiratet, zwei Kinder, erst 38. Dass ihr Chef jetzt schon morgens zur Pflicht ruft, ist da zwar eine neue Ausrede, aber eine, die ins Bild passt.

„Lad doch deinen Martin mal ein, mit seiner Frau. Vielleicht zum Grillen.“ Letztes Jahr, da sie immer so von Wiegeler geschwärmt hatte, was er doch für ein Spaßvogel sei und so hilfsbereit dazu, hab ich diesen unbedachten Vorschlag gebracht. Oder war er nur unbedacht formuliert?

„Das ist nicht MEIN Martin. Wir sind Kollegen. Ich weiß nicht, ob das so passend ist, das ins Private zu ziehen.“

Sie wollte nicht, dass er und ich und Uta und seine Frau zusammen grillen. Das hatte ich da begriffen.

Ihr „Tschüss“ klingt schon aus dem Flur zu mir, während ich darüber nachdenke, ob es mich mehr stören würde, wenn ich genau wüsste, dass sie mit Wiegeler ein Verhältnis hat. Stören ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Verletzen trifft es wohl eher.

Nein, ich denke nicht, dass es mich verletzen würde. Und wenn ich genau wüsste, dass sie kein Verhältnis mit ihm hat? Da hätte ich ihr Unrecht getan, so etwas von ihr zu vermuten. Ich versuche mir mein schlechtes Gewissen bei diesem Gedanken vorzustellen. Da ist keins. Vivien kommt die Treppe herunter gerannt. Ihre schlabbrigen Jogginghosen und die Wollmütze, die sie erst in ihrem Zimmer wieder absetzt und bei dessen Verlassen natürlich aufsetzt, lassen mich jedes Mal kurz erschauern, weil ich mich schäme. Als ich noch Schüler war, hat sich niemand absichtlich wie ein Penner angezogen. Das war immer nur aus Versehen, weil die Eltern, die sich länger als heute für die Kleidung ihrer Kinder verantwortlich fühlten, entweder keinen Geschmack oder eine verquere Annahme davon hatten, was Kindern gefällt. Auch die Einsicht in die Bedeutung von Kleidung für das Kind – sein Selbstbewusstsein aber auch seine damit verbundene soziale Stellung – war nicht so groß wie heute. Diese Erkenntnis der Eltern von heute nützt ihnen jedoch wenig, wenn das Kind sich die Kleidungshoheit erkämpft hat und diese benutzt, um gegen die Eltern zu rebellieren. Wahrscheinlich müssten sich die Eltern in Schlabberhosen und Strickmützen kleiden, um ihre Kinder zu vernünftigen Klamotten zu überlisten.

In meinem Fall ist das Erschauern immer nur kurz, weil es abgelöst wird von der unbeschwerten Freiheit des Nichtverantwortlichseins. Vivien ist ja nicht mein Kind. Sie ist ja Utas Kind. Die kann sich ruhig selbst schämen für diesen zerzausten Teenager, der ein niedliches Baby von sechs Monaten war, als ich Uta kennenlernte. Eine Frau, die mit einem kleinen Kind sitzen gelassen worden war, und dabei trotzdem so viel Selbstbewusstsein und Stärke ausstrahlte, löste damals in mir eine Mischung aus Mitleid und Bewunderung aus. Logisch. Was sonst? Ja, was sonst? Dreizehn Jahre später versuche ich mir zu erklären, wie ich mich damals in Uta verlieben konnte. Habe ich mich überhaupt verliebt? Ich glaube schon. Ich weiß es nicht mehr.

Vivien lässt ihren Blick über den Frühstückstisch kreisen. Sie schnappt sich die halbe Marmeladenbrötchenhälfte, die ihre Mutter auf ihrem Brettchen liegen gelassen hat und stopft sie sich mit einem Bissen in den Mund.

„Nimm dir noch einen Apfel mit, Vivien“, sage ich bewusst beiläufig und schiele zu ihr rüber. Nicht weil mich ihre gesunde Ernährung in irgendeiner Weise interessieren würde. Selbst wenn, würde sie sich nicht darum kümmern, was ich ihr zu essen zu empfehlen habe. Ich warte auf ihre Reaktion wie ein gemeiner Zoobesucher, der einen Makaken reizt, um sich an seinem explosionsartigen Wutausbruch zu erfreuen. „Du – sollst – mich – nicht – so – nennen!“, schreit sie, jedes einzelne Wort unnatürlich dehnend. Dabei gibt sie jeder Silbe durch ein ruckartiges synchrones Herunterreißen ihrer Hände, an denen alle Finger weit gespreizt sind, zusätzliche Bedeutung.

„Aber du heißt doch Vivien“, lege ich noch mal mit gespielter Unschuld nach.

Der Makake kreischt: „Vi-vi! Du sollst mich Vivi nennen.“

Sie fällt immer wieder auf diesen Spaß herein. Den so ziemlich einzigen Spaß, den ich noch mit ihr habe. Und eigentlich ist es auch kein richtiger Spaß. Es ist für mich eher so was wie eine Bestätigung, dass ich mich enttäuscht fühlen darf, nachdem ich für sie so eine Art Vater war. Uta schien erleichtert gewesen zu sein, dass ich mich von Vivien gern Papa nennen ließ und nicht Lars. Das wäre doch viel unverbindlicher gewesen für mich. Und es hätte immer auf eine leere Stelle in Viviens Kindheitsglück gezeigt.

Aber schon als Vivi neun war, hatte Uta einmal in einem Anfall von Wir-können-doch-das-Kind-nicht-ewig-belügen erzählt, dass der wahre Vater ein anderer war und böse, weil er sie beide verlassen hatte, als sie ihn am nötigsten brauchten. „Aber der Lars, also der Papa war ja dann da...“ So hatte Uta recht früh das Pflänzchen gepflanzt, das nun als Baum zwischen uns steht und den ich nun auch keine Lust zu fällen mehr habe.

„Was ist denn der Unterschied zwischen Vivi und Vivien?“, will ich noch nachsetzen, aber da knallt schon die Tür, denn das Sneakersanziehen geht schnell, weil Zubinden uncool ist. So muss ich mir die Frage selbst beantworten: Vivi klingt wie ein kleines Kind, das man weder mit dem Sprechen geschweige denn mit dem späteren Schreiben seines Namens überfordern möchte. Und Vivien klingt auch nicht viel seriöser, aber ein bisschen.

‚Ich möchte dir eine Million Euro schenken.’ Ich stelle mir ein Leuchten in ihren Augen vor, das es auf so ein Angebot von mir nie geben würde. Denn wie alles, was ich sage oder frage, würde sie das als Provokation auffassen, als Versuch, ihre gerade bewusst gewordene Persönlichkeit zu manipulieren. Und zwar durch einen Typen, der sich mal als ihr Vater ausgab, aber gar nicht war und der obendrein noch den peinlichsten Beruf hat, den es gibt – Lehrer! Trotzdem gefällt mir dieses Augenleuchten und ich phantasiere weiter, wie sie von sozialen Projekten erzählt, die ihre Unterstützung voll verdient hätten, von einer Reise nach Australien, um Kängurus in freier Wildbahn zu streicheln und von einem Elektroauto für Mama, mit dem sie dann auch fahren könnte, wenn sie erst siebzehn wäre. Jetzt muss ich selbst schmunzeln. Nichts von all dem würde sie tun. Der geringste Schaden, den sie mit dem Geld anrichten würde, bestünde im Leerkaufen des gesamten Fanshops von diesem amerikanischen Teenie-Sänger Marvin Graves oder Grates oder wie der heißt. Jedenfalls gibt es von dem Bettwäsche, Vorhänge, schlabberige Jogginghosen und Sweatshirts, Tassen und so weiter. All dies ist schon mal auf weihnachtlichen Vivi-Wunschzetteln erschienen und wurde partiell angeschafft. Heute ist Wunschzettelschreiben peinlich, aber Marvin Graves oder Grates ist es wohl noch nicht. Ich glaube, dass ihr sehr schnell die Macht, die sie mit dem Geld ausüben könnte, bewusst werden würde. Sie würde mit allem möglichen Blingbling zeigen, dass sie was Besseres ist. Ihre oberflächlichen Ach-Vivi-du-bist-soo-hübsch-Freundinnen würden sich auf wundersame Weise vermehren. Und Vivien würde in ihrer Beliebtheit baden ohne zu merken, wie sie ausgenutzt wird. Alle wollten sie zur Freundin und meinten eigentlich nur ihre Hülle, die sie nun durch aufgelegtes Blattgold noch mehr glänzen ließe. Nach spätestens einem Jahr kämen die ersten Drogen, die ihr helfen diesen Mangel an Tiefe in ihrem Leben auszuhalten. Und wie es dann weitergeht, kann man sich ja denken.

Uta würde sie natürlich nichts von dem Geld geben. Ihr Gutmenschen-Öko-Auto müsste sie sich selbst kaufen, und wenn sie es nicht bezahlen könnte, müsste sie sich selbst an mich wenden. Ihr wäre es ja selbst auch peinlich genug, von mir Geld anzunehmen – aber für so viel könnte sie die Peinlichkeit schon mal aushalten. Und wenn sie das könnte, dann könnte das Uta auch.

Vielleicht tue ich Vivien Unrecht. Ich sollte es ausprobieren. Natürlich kann ich ihr das Geld nicht schenken. Dann würden es bald alle wissen. Sie könnte aber beispielsweise eine Tasche mit dem Geld finden....



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