E-Book, Deutsch, 150 Seiten
Baer Schwarze Sterne
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-907339-89-3
Verlag: Edition Königstuhl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 150 Seiten
ISBN: 978-3-907339-89-3
Verlag: Edition Königstuhl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Reto Baer. Erster Blick auf die Welt 1960 in Zürich. Wollte als Kind Tierforscher werden wie Professor Grzimek. Wurde jedoch im Verlauf des Germanistik-Studiums in Zürich ein Bücherwurm. Arbeitete als freier Kulturjournalist für diverse Schweizer Publikationen wie 'Brückenbauer', 'NZZ am Sonntag', Facts', 'Das Magazin' u.a. Zuletzt arbeitete er neun Jahre lang als Filmkritiker für Radio SRF3, SRF Kultur Online und Fernsehen SRF. Aktuell ist er Chefredaktor der Gratiszeitschrift 'Film demnächst'. Kurzgeschichten und Lyrik in Literatur-Zeitschriften und Anthologien. Sein erster Roman 'Noch zehn Gebote' erschien 2012.
Autoren/Hrsg.
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5
Kurz nach neun konnten sie die ersten Häuser von Zürich sehen. Katy fragte Kurt, ob sie ihn wieder beim Escher-Wyss-Platz absetzen solle. Er antwortete, er würde gern mal ihr Studio sehen. Sie war einverstanden, was er als weiteres Zeichen ihrer Zuneigung deutete.
Kurze Zeit später fuhr sie den Mercedes auf den Abstellplatz vor einem kleinen Einfamilienhaus in Zürich-Altstetten. Nach der Bauart zu schließen, stammte es wohl aus den 50er-Jahren. Sie mussten zweimal gehen, um die ganze Fotoausrüstung und Katys Reisetasche ins Haus zu tragen.
»Willst du etwas essen?«, fragte sie.
»Nein, danke. Du?«
»Auch nicht.«
»Gehört das Haus dir?«
»Hm. Geerbt von meinen Eltern.«
»Sind sie schon lange gestorben?«
»Meine Mutter ja. Sie starb kurz nach meinem fünfzehnten Geburtstag. Genau dann, wenn ein Mädchen seine Mutter am dringendsten braucht. Aber mein Vater hat sich rührend um mich gekümmert. Ich habe bis vor zwei Jahren mit ihm hier zusammen gelebt. Dann hatte er einen Schlaganfall. Einen Monat später starb er im Spital. Das war der schlimmste Tag meines Lebens.«
»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Kurt. »Was ich mir weniger vorstellen kann, ist, warum eine Frau wie du ihr ganzes Leben im Elternhaus verbringt. Wo bleibt da dein eigenes Leben?«
»Was meinst du? Das war mein Leben. Das ist mein Leben.«
»Hattest du denn nie Lust, mit einem Mann zusammenzuleben?«
»Wenn du das Studio noch sehen willst, solltest du dir besser überlegen, was für Fragen du stellst.«
»Mein Gott, Katy! Was ist so schlimm daran? Ich versuche bloß, dich kennenzulernen.«
»Wenn dir wirklich an einer Freundschaft mit mir liegt, dann solltest du akzeptieren, dass es gewisse Dinge gibt, über die ich nicht rede.«
»Was für eine Freundschaft soll das sein, wenn man nicht über alles reden kann?«
»Es ist die Freundschaft, die ich dir anbieten kann«, sagte Katy. »Eine andere gibt es nicht.«
Was sollte man darauf antworten? Als Kurt merkte, dass er seine Schuhe anstarrte, hob er den Blick wieder und sah in ihre Augen. Sie schienen zu sagen: Ich weiß, was du durchmachst, aber ich kann es nicht ändern.
Seufzend sagte sie: »Komm, lass uns ins Studio gehen.«
Den größten Kellerraum hatte sie in ein kleines, professionelles Fotostudio umgewandelt. Scheinwerfer, Blitzlichter, Reflektoren und Backdrops standen herum. Im kleineren Raum daneben hatte sie das Entwicklungslabor eingerichtet. Im Papierkorb lagen zahlreiche Teststreifen, die von ihren Versuchen zeugten, die geeignete Belichtung zu finden.
Schließlich führte sie Kurt wieder aus dem Keller. Im Wohnzimmer lagen auf dem niedrigen Beistelltisch vor dem Sofa einige Schwarzweiß-Aufnahmen. Er hob die oberste auf und fragte sich, ob das Bild wirklich das zeigte, was er dachte. Aber schon nach Sekunden merkte er, es konnte nicht der Bauch einer Hochschwangeren sein.
Die Aufnahme war verschwommen. Langsam dämmerte ihm, dass es sich um ein Gesicht vor schwarzem Hintergrund handelte. Die Augen und der Mund waren als leicht dunklere Flecken zu erahnen, die Nase jedoch schien zu fehlen. Ebenso das Haar.
»Das ist Marisa, meine Nachbarin«, sagte Katy. »Ich arbeite zurzeit an einer Porträtserie, für die ich Menschen in Dunkelheit fotografiere. Ein klein wenig Licht ist natürlich nötig, sonst passiert nichts auf dem Film. Ja, und dann belichte ich einige Minuten lang.«
»Dann ist das also Bewegungsunschärfe?«
»Genau. Ich bitte die Leute zwar, so still als möglich zu sitzen, aber Menschen sind keine Statuen. Schon der Atem führt zu kleinen Bewegungen. Dazu kommen unmerkliches Schwanken und leichte Drehungen. So entstehen diese verwischten Porträts.«
»Und was bezweckst du damit?«
»Weiß ich noch nicht«, meinte Katy. »Ich suche noch. Ich glaube, ich möchte in den Gesichtern das finden, was bei Tageslicht nicht zu sehen ist.«
»Und was soll das sein?«
»Keine Ahnung. Wenn ich das wüsste, müsste ich diese Fotos nicht machen.«
Es waren sieben Aufnahmen von sieben verschiedenen Personen. Bei einigen waren auch Nasen und Haare zu erahnen. Vermutlich hatte Marisa schwarzes Haar, das mit der Dunkelheit verschmolz. Und die Nase fehlte vielleicht, weil sie ihr Gesicht leicht gesenkt hielt, denn bei jenen, wo so etwas wie eine Nase auszumachen war, sah man vermutlich die Nasenlöcher als dunkle Schlieren. Darauf angesprochen, bestätigte es Katy.
»Verwischte Gesichter von Unbekannten. Interessiert das jemanden?«, fragte er.
»Dich scheint es zu interessieren.«
»Es ist mehr eine Art Faszination. Aber was interessiert dich daran, Katy?«
»Das Unklare, das Uneindeutige. Oder hast du sofort erkannt, dass es Porträts sind?«
»Nein, bei Marisa dachte ich zuerst, es sei der Bauch einer Schwangeren.«
»Marisa?«, lachte Katy. »Das wird ihr bestimmt gefallen, wenn sie es erfährt. Sie kann nämlich keine Kinder kriegen.«
»Ach? Wird es sie dann nicht eher verletzen?«
»Nein, nein. Mach dir keine Gedanken. Sie wird begeistert sein. Ich kenne sie. Und ehrlich gesagt bin ich auch begeistert. Wäre die Aufnahme scharf und klar, könnte so ein Irrtum gar nicht passieren. Erst die Unschärfe macht so eine Assoziation möglich.«
»Aber es ändert nichts daran, dass es Gesichter sind.«
»Nein, aber offenbar hast du in Marisas Gesicht ihren größten Herzenswunsch gesehen. Das ist doch spannend.«
Ich musste Katy recht geben. Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie viel Wert ich als einstiger Amateurfotograf auf Schärfe gelegt hatte. Unscharfe Fotos hatte ich weggeschmissen, ohne sie eines zweiten Blicks zu würdigen.
Was ist das bloß für ein Foto? Ich kann mich gar nicht daran erinnern, es gemacht zu haben. Es zeigt einen neun mal neun Zentimeter großen Ausschnitt der Aussicht von unserem Balkon. Links sieht man noch etwas vom Waldrand, rechts das Nachbarhaus. Über allem hängt ein lilagrauer Gewitterhimmel, der aussieht, als würde er in der Mitte nach oben gesogen. Von diesem dunkelvioletten Zentrum aus biegt sich ein Schlauch in einer leichten Linkskurve bis zum unteren Bildrand. Es sieht aus wie ein Tornado. Aber jeder weiß, dass es in der Schweiz keine Tornados gibt. Was um Gottes willen habe ich denn da fotografiert?
Ich zeige das Bild meiner Mutter, und sie sagt sofort: »Das ist eine Geranie.«
Was für eine Enttäuschung! Eine lausige Geranie, die so nah vor dem Objektiv stand, dass sie nur als unscharfe Silhouette abgebildet wurde. Warum sie violett ist und daher zum lila Wolkenhimmel zu gehören scheint, verstehe ich nicht. Der Stiel müsste doch eigentlich grün sein, und das Blütenbündel rot. Vielleicht verdunkelten die Wolken den Himmel so stark, dass die Farben der Dinge nicht mehr richtig fotografiert wurden.
Ich beschließe, beim Zeigen des Fotos trotzdem zu behaupten, es handle sich um einen Tornado. Mal sehen, wer’s glaubt.
»Und was ist dein größter Herzenswunsch, Katy?«, wollte Kurt wissen.
»Ich glaube, es ist Zeit, dass du gehst?«
»Was ist jetzt schon wieder? Wieder eine falsche Frage?«
»Kurt, es ist schon spät. Ich würde gerne schlafen gehen.«
»Du wirfst mich hinaus?«
Katy blickte seufzend zur Wohnzimmerdecke und sprach wie eine genervte Mutter zu ihrem Kind: »Du kannst nicht hierbleiben, Kurt.«
»Schon gut«, murmelte er, nahm Jacke und Rucksack und ging zur Haustür, wo er Katys Hand auf seiner Schulter spürte. Als er sich umdrehte, gab ihm Katy drei Küsschen auf die Wangen und sagte: »Gute Nacht.«
Völlig durcheinander ging Kurt zur nächsten Tramstation. Er war wütend, weil Katy ihn weggeschickt hatte. Gleichzeitig war er glücklich über die Küsschen, so harmlos dieses Abschiedsritual auch war. Es signalisierte zumindest so etwas wie Sympathie. Er schien ihr also nicht ganz gleichgültig zu sein.
Warum wich sie dann regelmäßig aus, wenn er sie etwas Persönliches fragte? Wäre es bloßes Kokettieren, könnte er locker damit umgehen, aber es war etwas ganz anderes. Sie ließ ihn nicht in ihr Leben. Sie verschloss die Tür. Zutritt verboten.
Das machte ihn fast wahnsinnig.
Auf der Heimfahrt überlegte er hin und her, warum Katy sich so verhielt. Irgendwann gab er entnervt auf und sagte sich, dass es so nicht weitergehen konnte. Entweder würde sie in Zukunft offen mit ihm sprechen oder ihre Freundschaft wäre am Ende.
Kaum hatte er diesen Gedanken,...




