E-Book, Deutsch, Band 1, 458 Seiten
Reihe: Schicksalsjahre
Barber Licht und Schatten von Paris
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-953-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman - Schicksalsjahre 1 | Liebe und Schicksal im Paris der 20er-Jahre
E-Book, Deutsch, Band 1, 458 Seiten
Reihe: Schicksalsjahre
ISBN: 978-3-98690-953-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Noel Barber (1909-1988) war ein britischer Schriftsteller und Journalist. Seine prachtvollen historischen Romane, in denen er seine langjährigen Erfahrungen als Auslandskorrespondent des »Daily Mail« verarbeitete, begeisterten ein internationales Publikum. Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine farbenprächtigen Sagas »Tanamera - Im Land der Pfefferblüte«, »Koraloona - Unter den Sternen der Südsee«, »Sakkara - Im Schatten der Orangenbäume« und seine »Schicksaljahre«-Trilogie mit den Bänden »Licht und Schatten von Paris«, »Dunkler Himmel über Frankreich« und »Sturm über der Villa Magari«.
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Kapitel 1
Mein Zwillingsbruder Rudi - wir waren damals gerade zwölf Jahre alt - belauschte eines Tages meinen Vater bei einem ernsten Gespräch mit Mama und Tante Olga im Nebenzimmer. Während er noch angestrengt horchte, sagte mein Vater das magische Wort »Flucht«.
»Hör dir das an, Nicki!« Rudi drängte mich, hinter der Tür niederzukauern.
An Türen zu lauschen war damals unsere Lieblingsbeschäftigung - und zwar ganz besonders während jenes trostlosen, kalten Winters Anfang 1919, als Mord und Plünderungen an der Tagesordnung waren und man sich nicht mal mehr gefahrlos vor die eigene Haustür wagen konnte.
»Flucht?« wiederholte ich leise. »Aber wohin denn?«
»Nach Paris.« Und damit war das zweite Zauberwort gefallen.
Von unserem Spiel- und Schulzimmer führte eine sehr alte Tür in Mamas großen Salon. Gelegentlich gelang es uns, durch eine Ritze in der Holztäfelung in den angrenzenden Raum zu spähen und zu lauschen. Wenn der Winkel gerade günstig war, dann konnten wir durch das große Schlüsselloch sogar einen Blick auf das erhaschen, was sich dort drüben abspielte.
»Paris«, murmelte ich. »Aber wie sollen wir denn dorthin kommen?«
»Papa ist doch immerhin General gewesen«, erwiderte Rudi, als erübrige sich damit jede weitere Erklärung.
Seit Monaten ahnten wir, daß irgendetwas Einschneidendes passieren mußte, denn seit Zar Nikolaus und Zarin Alexandra mit den Kindern verschwunden waren, häuften sich die Nachrichten über die blutige russische Revolution und von den zahllosen grausamen Morden und Folterungen.
»Wenn wir jetzt nichts unternehmen«, hörte ich Vater zu Mama und Tante Olga sagen, »dann ist unser Ende besiegelt. Ich habe schon fast alles vorbereitet. In Kronstadt liegt ein Schiff, das uns über die Ostsee nach Dänemark mitnimmt. Von dort reisen wir weiter zu unserem Haus in Paris. Adelige haben in Rußland keine Zukunft mehr. Die Bolschewiken trinken unser Blut wie andere Leute Wodka.«
Rudi wurde kreidebleich, und mir war auch etwas flau in der Magengegend, als ich mir vorstellte, daß jemand Rudis Kehle durchschneiden und sein Blut trinken könnte. Aber selbst das konnte mich nicht davon abhalten, weiter durchs Schlüsselloch zu schauen.
Mein Vater, Fürst Dimitri Korolew, damals gerade fünfzig Jahre alt, stand mit dem Rücken zum großen offenen Kamin, in dem ein prächtiges Feuer brannte und ab und zu Kastanienäste unter Zischen und Knallen platzten.
Vater war über einen Meter neunzig groß und in letzter Zeit etwas fülliger geworden. Er hatte dichtes graues Haar, einen gepflegten grauen Backenbart und einen imposant geschwungenen Schnauzbart. Wenn er auf einen Ball ging, pflegte er meist zu sagen: »Ich habe den schönsten Schnauzbart, den man je im Winterpalast gesehen hat«
Mein Vater war ein Militär der alten Schule, also ausgesprochen autoritär, ein Mann, der gewohnt war, zu befehlen. So manchem Soldaten, der nicht schnell genug gehorchte, hatte er das Fürchten gelehrt.
Nur war er im Jahr 1919 bereits kein General mehr - und das aus ganz einfachem Grund. Fast die gesamte Generalskaste war untergetaucht oder ermordet worden oder geflohen. Nur ein kleiner Rest versuchte, auf der Krim oder noch weiter im Osten eine »Weiße Armee« auf die Beine zu stellen.
Vater verdankte sein Leben seinem Ruf, ein zwar strenger, jedoch gerechter und fairer Offizier gewesen zu sein. Seine »guten« Taten waren unter der Arbeiterklasse St. Petersburgs längst zur Legende geworden.
So erzählte er uns zum Beispiel oft, wie er die Wachen am langen Newsky-Prospekt davon abgehalten hatte, einen alten schwachen Mann, an den Schwanz eines Pferdes gebunden, in den Kerker zu schleifen. Mein Vater erfuhr nämlich, daß die Soldaten dem Alten nichts anderes vorzuwerfen hatten, als mit seiner Anwesenheit »die schönste Straße Rußlands« zu verschandeln.
Der Mann war nicht betrunken gewesen, sondern lediglich halb verhungert und völlig mittellos. Mein Vater veranlaßte, daß der Mann zu essen und der befehlshabende Offizier der Wachen einen Monat Arrest erhielt.
Das war eine der Taten, die meinem Vater später, als die Revolution ausbrach, das Leben retteten, denn viele der fanatischen Bolschewiken bewunderten ihn heimlich. Einer dieser Leute warnte ihn auch, daß er auf der »Todesliste« stehe, so daß wir noch rechtzeitig durch die blutgetränkten Straßen von St. Petersburg zu unserem Landhaus in Zarskoje Selo fliehen konnten.
Zarskoje Selo bedeutet im Russischen »Dorf des Zaren«. Unser Haus, das mit etlichen anderen Kavaliershäusern in dem riesigen Park lag, der zur kaiserlichen Sommerresidenz gehörte, war ein Geschenk des Zaren an meinen Vater für dessen Tapferkeit und treue Dienste.
In diesem Areal lag unter anderem die Privatkapelle der Zarin, in der Rudi und ich getauft worden waren. Hier auch wurde der Zar selbst mein Patenonkel, weil ich genau eine halbe Stunde älter war als Rudi. Seit wir unser Haus am Mojka-Ufer in der Nähe des Winterpalastes von St. Petersburg verlassen hatten, lebten wir völlig zurückgezogen in Zarskoje Selo.
Plötzlich war uns der Blick auf Vater durchs Schlüsselloch versperrt. Wir hatten gerade noch Zeit, in die entgegengesetzte Ecke unseres Zimmers zu huschen und so zu tun, als seien wir in ein Buch vertieft, bevor mein Vater hereinstolzierte. Ja, das ist der Ausdruck, den ich noch deutlich in Erinnerung habe, wenn ich an Vaters Haltung denke, die Macht und Reichtum vermittelte und ihn deutlich von der Gangart normaler Sterblicher unterschied.
»Tag, Jungens«, begann er. »Wo ist Galina?«
Galina war unsere siebzehnjährige Stiefschwester aus Vaters erster Ehe.
»Ich glaube, sie ist in den Park gegangen.«
»So ein Unfug! Wie kann man nur so unvorsichtig sein? Heutzutage ist man vor nichts und niemandem mehr sicher.« Vater zwirbelte beinahe automatisch die Enden seines Schnauzbartes. »Sagt ihr, daß ich sie sprechen möchte, sobald sie zurück ist!«
Als sich die Salontür wieder hinter ihm geschlossen hatte, konnten wir unsere Erregung kaum noch zähmen.
»Paris!« entfuhr es mir unwillkürlich. »Meinst du, wir fahren wirklich nach Paris?«
»Na, hoffentlich«, entgegnete Rudi. »Dort gibt’s die schönsten Frauen - sagt Onkel Igor.«
Igor, der gerade neunzehn war, hatte St. Petersburg mit uns verlassen.
Mich befielen plötzlich Zweifel. »Aber ich weiß gar nicht, ob ich dort leben möchte. Paris ist so schrecklich groß.«
»Dafür gibt’s eben ‘ne Menge Mädchen.«
»Wenn ich groß bin, dann möchte ich lieber russische Mädchen haben - und zu Hause leben.«
Unser Vater verfügte über insgesamt vier Häuser, darunter auch eine Villa in der Schweiz. Man hatte uns erzählt, sie läge am Lac Léman oder am Genfer See. Jedenfalls sind Rudi und ich dort geboren - zwischen zwei Zuganschlüssen, wie mein Vater neckend zu sagen pflegte.
Obwohl meine Mutter gebürtige Russin war, hatte sie den Wunsch gehabt, uns in der Schweiz zur Welt zu bringen, da sie Schweizer Ärzten mehr Vertrauen entgegenbrachte als russischen. Davon abgesehen, sprach man am Genfer See Französisch, und selbst in Rußland war Französisch die Sprache der Aristokraten. Nur gegenüber Dienstboten bediente man sich des Russischen.
Doch trotz der schlimmen und gefahrvollen Zeiten, in denen wir lebten, wollten wir unser Zuhause, unsere Heimat, eigentlich nicht verlassen. Ich fühle noch deutlich wie damals den Kloß in meinem Hals, der sich bei dem Gedanken daran bildete, daß wir diesen herrlichen Park verlassen sollten - herrlich, obwohl er jetzt von Marodeuren und mordenden und plündernden Banden heimgesucht wurde. Und konnte ich überhaupt Kodi, meinen geliebten Teddybären, mitnehmen?
»Rußland ist das schönste Land der Welt, überall sonst ist es scheußlich«, sagte ich düster zu Rudi.
»Meinst du, wir können hierbleiben?« fragte Rudi.
»Wie denn?«
»Wir laufen einfach weg, wenn Vater mit der Familie aufbricht, und verstecken uns im Wald.«
Ich schüttelte den Kopf. »Da würden uns die Bolschewiken erschießen.« Und damit war das Thema für uns beendet.
In jenem langen Winter hatten nur zweimal Besucher den Weg zu uns gefunden. Wir hörten, wie sie mitten in der Nacht eintrafen. Danach müssen sie sofort ins Bett gegangen sein, denn wir, die Kinder, sahen sie erst am darauffolgenden Tag.
Es waren zwei Herren mit rotblondem Haar, die in einer uns fremden Sprache miteinander redeten. Sie mußten jedoch sehr wichtig sein, denn man zog uns an jenem Morgen unsere besten Matrosenanzüge mit langen Ärmeln und großen Kragen mit V-Ausschnitt an, so daß darunter unsere gestreiften Hemden zu sehen waren.
Vater erklärte uns dann, daß die Besucher Diplomaten seien. Er empfing sie daher in der Paradeuniform mit weißen Kniehosen und goldverziertem Jackett. Auf seiner Brust glänzten zahllose Orden und Auszeichnungen.
Nach einem Tag Aufenthalt in Zarskoje Selo, an dem Lilia, unsere Haushälterin, das beste Essen auf den Tisch brachte, das sie kochen konnte - wieder mal Hühnchen! -, reisten die Fremden nach Einbruch der Dunkelheit wieder ab.
Später erfuhren wir von Vater, daß die beiden hohe Angehörige der dänischen Botschaft in St. Petersburg gewesen wären. »Tapfere Männer, die uns zu helfen versuchen. Sie wollen ein Schiff nach Kronstadt schicken, das uns aufnehmen wird.«
Damals wußten wir noch nicht, wie Vaters Freundschaft mit den Dänen entstanden war. Es hing damit zusammen, daß die Mutter von Zar Nikolaus eine dänische Prinzessin, die Tochter von König Christian IX., gewesen war. Der Zar hatte als Halbdäne Kopenhagen in Begleitung seines Adjutanten, meines Vaters, regelmäßige Besuche...




