E-Book, Deutsch, 421 Seiten
Barkawitz 3 Rotlicht Krimis
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96465-117-4
Verlag: Elaria
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Reeperbahn Blues, Raubhure, Messermädchen
E-Book, Deutsch, 421 Seiten
ISBN: 978-3-96465-117-4
Verlag: Elaria
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Der Inhalt dieses E-Books entspricht ca. 400 Taschenbuchseiten Es enthält folgende Romane: - Reeperbahn Blues - Raubhure - Messermädchen Der Autor Martin Barkawitz schreibt seit 1997 unter verschiedenen Pseudonymen überwiegend in den Genres Krimi, Thriller, Romantik, Horror, Western und Steam Punk. Er gehörte u.a. zum Jerry Cotton Team. Von ihm sind fast dreihundert Heftromane, Taschenbücher und E-Books erschienen. Aktuelle Informationen, ein Gratis-E-Book und einen Newsletter gibt es auf der Homepage: Autor-Martin-Barkawitz.de
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Die Kriminalhauptkommissarin Heike Stein von der Sonderkommission Mord der Kripo Hamburg hatte in dieser Nacht Tatortdienst. Sie kam vom Polizeipräsidium in Alsterdorf und brauchte daher fast eine halbe Stunde, bis sie an der Reeperbahn angelangt war. Heike stieg aus dem zivilen Dienst-Audi, den sie für die Fahrt benutzt hatte. Sie fuhr sich durch ihre blonde Kurzhaarfrisur. Dann bückte sie sich unter dem Absperrungsband hindurch, wobei sie ein paar Neugierige zur Seite drängte. Die Schutzpolizisten erkannten sie sofort, obwohl sie ihren Dienstausweis nicht vorzeigte. »Sönkes Tochter kommt!«, raunte einer der blau uniformierten Beamten einem seiner Kollegen zu. Obwohl er halblaut sprach, hatte Heike seine Worte wohl gehört. Sie seufzte. Für viele Hamburger Polizisten würde sie immer nur »Sönkes Tochter« bleiben. Hier auf St. Pauli war es besonders extrem. Denn ihr Vater, die Hamburger Polizei-Legende Sönke Stein, war vor seiner Pensionierung Dienststellenleiter des 15. Polizeikommissariats gewesen. Weltbekannt war diese Polizeistation unter ihrem Namen »Davidwache«. Hier wurden jede Nacht mehr Gewalttaten zu Protokoll genommen als auf allen anderen Hamburger Revieren zusammen genommen. Der Kiez war ein hartes Pflaster und würde es wohl auch immer bleiben. Heike ging auf einen Obermeister zu, der unmittelbar neben der Leiche stand. Er war ein sehniger, durchtrainierter Beamter Anfang dreißig und hieß Andreas Behn. »Hallo, Andi. Habt ihr Tatzeugen?« »Jede Menge, Heike. Praktisch einen ganzen Bus voll. Außerdem noch ein paar Passanten, die bei der Tat in unmittelbarer Nähe waren. Drei von ihnen haben einen Schock erlitten und mussten ins Krankenhaus.« Andreas Behn deutete mit einer Kinnbewegung auf einen blau-silbrigen Polizei-Bulli, in dem zwei Kollegen die Personalien der Zeugen aufnahmen. Leichter Nieselregen setzte unvermittelt ein. Heike kehrte schnell zu ihrem Dienstwagen zurück und nahm die blaue Einsatzjacke mit dem in weißen Blockbuchstaben gesetzten Wort POLIZEI heraus. Sie zog das Nylonteil über ihren anthrazitfarbenen Nadelstreifen-Hosenanzug. Sehr kleidsam war die Einsatzjacke zwar nicht, schützte aber ganz gut vor Regen. Als sie zum Tatort zurückkehrte, war auch ein Arzt vom gerichtsmedizinischen Institut eingetroffen. Er redete mit einem Zeugen. »Dieser Herr ist ebenfalls Mediziner und war zufällig in dem Touristenbus, als die Schüsse fielen«, sagte der Obermeister zu Heike. Diese bedankte sich mit einem Lächeln und ging auf die beiden Ärzte zu. »Ich bin Hauptkommissarin Stein, Kripo Hamburg. Wie ich höre, sind Sie Mediziner und haben das Opfer gleich nach der Tat untersucht?« »Ja, ich bin Allgemeinmediziner.« Dr. Müller wischte sich den Schweiß von der Stirn, obwohl es an diesem Frühlingsabend nicht besonders warm war in Norddeutschland. »Der Tod muss sofort eingetreten sein. Das kann ich auch ohne Laboruntersuchung sagen. Mein Gott, wir wollten uns nur einen lustigen Abend machen, meine Frau und ich ... und nun so etwas! Kommt ... das öfter hier vor?« »Öfter, als uns lieb ist«, gab Heike zurück. Sie suchte den Blick des Gerichtsmediziners. »Wir müssen natürlich die vorschriftsmäßige Obduktion vornehmen«, sagte dieser. »Aber ansonsten kann ich nur bestätigen, was der allgemeinmedizinische Kollege schon festgestellt hat. Der Tod wurde durch die Kugel in die Brust verursacht. Die Entfernung zwischen Täter und Opfer lässt sich schwer einschätzen. Zu groß kann sie nicht gewesen sein.« »Das wird die kriminaltechnische Untersuchung ergeben«, meinte Heike. »Was wissen wir über das Opfer?« Obermeister Behn hatte die Frage gehört. »Das Opfer ist auf St. Pauli bekannt wie ein bunter Hund. Er hieß Karl Meier, wurde aber von allen nur Charly gerufen. Auf der Davidwache haben wir eine Akte von ihm, die ist fast so dick wie der erste Band vom Hamburger Telefonbuch.« »Kleinkrimineller?« »Du sagst es, Heike. Charly hat alles gemacht, was irgendwie illegal war und schnelles Geld bringen konnte. Ich nehme an, dass wir ihn bei vielen dunklen Geschäften gar nicht packen konnten – leider. Aber er hat auch so genügend Verurteilungen und Haftstrafen hinter sich. Mit Bewährung, ohne Bewährung – alles, was du dir vorstellen kannst.« »Wenn du wüsstest, was ich mir alles vorstellen kann«, witzelte Heike düster. Sie spürte jetzt schon, dass es ein schwieriger Fall werden würde. Die meisten Leute auf St. Pauli waren nicht gesprächiger als Austern, wenn ein Krimineller ums Leben kam. Niemand wollte sich mit den Kerlen anlegen, die ihn auf dem Gewissen hatten. Das waren nämlich in aller Regel ebenfalls Verbrecher. Der Stadtteil St. Pauli war immer schon ein Hort für Ausgestoßene und Randgruppen gewesen. Als sich das Viertel noch außerhalb der Hamburger Stadtmauern befand, wurden Handwerker, die schmutzigen oder übel riechenden Tätigkeiten nachgingen, gern von der Obrigkeit nach St. Pauli verbannt. Ähnliches galt für Prostituierte, die das Straßenbild der sauberen Bürgerstadt nicht trüben sollten. Aufgrund dieser Entwicklung fühlten sich die St. Paulianer ausgegrenzt und von den Behörden im Stich gelassen. Das machte die Polizeiarbeit in diesem Stadtteil natürlich nicht einfacher. Die Udels, wie die Polizeibeamten in Hamburg traditionell genannt wurden, wurden auf St. Pauli als Eindringlinge und Fremdkörper empfunden. Diese Tatsachen führte sich Heike noch einmal vor Augen, während sie über den bisherigen Ermittlungsstand nachdachte. »Sönke würde jetzt ...«, begann der Obermeister. Heike tat, als fühlte sie sich nicht angesprochen. Sie wollte gar nicht wissen, was ihr Vater in dieser Situation unternehmen würde. Heike konnte tun, was sie wollte – man legte an ihr immer den Maßstab des beliebten und gefürchteten Superpolizisten Sönke Stein an. Heike konzentrierte sich auf die Leiche. Charly Meier sah beinahe überrascht aus. Seine Gesichtszüge waren mit einem Ausdruck der Verblüffung erstarrt. Wahrscheinlich hatte der Angriff ihn völlig überraschend getroffen. »Hatte er eine Waffe bei sich?« Heikes Frage war an niemanden Bestimmten gerichtet. Aber ein Mann vom Spurensicherungsteam, das inzwischen eingetroffen war, wandte sich ihr zu. »Fehlanzeige. Der trug noch nicht mal eine Nagelfeile im Schulterholster!« Heike nickte. Sie nahm sich vor, die Wohnung des Opfers zu durchsuchen, sobald sie dafür eine richterliche Verfügung hatte. Zunächst waren die Zeugenaussagen dran. Und von denen existierten nicht gerade wenige. Doch das Ergebnis war nicht ermutigend, wie sie bald erfahren musste. Die zuverlässigste Beobachtung kam noch von dem Busfahrer, der das Taxi-Nummernschild notiert hatte. Aber auch er konnte sich nur an die Hinterköpfe zweier Personen auf den Vordersitzen erinnern. Ob Männer oder Frauen, war unmöglich zu sagen. »Ich habe das Fahrzeug ja praktisch nur von hinten gesehen, Frau Kommissarin!«, beteuerte der Fahrer. »Können Sie mir denn sagen, ob der Fahrer oder der Beifahrer geschossen hat?«, wollte Heike wissen. »Nein, völlig unmöglich. Ich habe ja nicht einmal gesehen, dass geschossen wurde. Ich hörte nur zwei Knallgeräusche, und dann fiel der Mann um. Da erst dämmerte mir, dass ihn jemand niedergeknallt hat! Mann, wie im Fernsehkrimi ...« Wie im Fernsehkrimi war es nun nicht, wie Heike fand. Ihr fehlte jedenfalls im Gegensatz zu den TV-Kommissaren die geniale Eingebung. Aber andererseits ermittelte sie ja auch erst seit einigen Minuten. Sie hasste sich selbst dafür, dass sie sich unter einen solchen Erfolgsdruck setzte. Doch sie konnte nicht aus ihrer Haut. Wenn sie diesen Fall nicht löste, brauchte sie sich zumindest auf dem 15. Revier nie wieder sehen zu lassen. Heike konnte sich so richtig die Gespräche im Pausenraum der Davidwache vorstellen. »Tja, die kleine Tochter von Sönke hat’s ja nun nicht gepackt, was?« »Wundert dich das? Sönke, der hatte es im Blut. Aber so was vererbt sich nicht. Schon gar nicht an ein Mädchen ...« Heike schüttelte ihre eigenen Fantasien ab wie einen bösen Traum. Sie warf noch einen Blick auf den Leichnam, der gerade in einen Blechsarg gehoben wurde. Charly Meier war teuer gekleidet, mit Designer-Lederblouson, Chinos, Budapester Schuhen und einigen Goldkettchen um Hals und Handgelenk. Ein Ganove, der seine illegalen Einkünfte offenbar in modische Kleidung umgesetzt hatte. Nun, da der Tote verschwunden war, zerstreuten sich auch die Gaffer fast schlagartig. Die meisten von ihnen waren gewiss nach St. Pauli gekommen, um sich auf die eine oder andere Art zu amüsieren. Heike würde allerdings nie verstehen, warum es Menschen gab, die bei Verbrechen oder Unglücksfällen Mäuschen spielen wollten. Immerhin konnte Heike davon ausgehen, dass zwei Personen in dem Taxi gesessen hatten. Vielleicht ergab ja die kriminaltechnische Untersuchung des Benz weitere Anhaltspunkte. Aber das würde in dieser...




