E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Bartlett König der Straße
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95985-188-6
Verlag: Albino Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-95985-188-6
Verlag: Albino Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nigel Bartlett arbeitete als Redakteur für große australische Magazine wie 'GQ Australia' oder 'Inside Out'. Mittlerweile ist er freiberuflicher Autor und Journalist für verschiedene Print- und Onlinemedien. Nach einem Master-Abschluss in Creative Writing an der University of Technology in Sydney, den er 2012 erhielt, liegt mit 'König der Straße' nun sein erster Roman vor. Bartlett lebt und arbeitet in Sydney.
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KAPITEL 2
SONNTAG
Detective Sergeant Greenwood steht mitten in meinem Wohnzimmer und sieht sich um. Er hat mich bereits gefragt, wie lange ich hier wohne, und ich warte darauf, dass er jetzt »Wirklich schöne Wohnung haben Sie« sagt.
»Mein Bruder hat auch so eine Wohnung«, sagt er stattdessen. »Er mag das. Muss man nicht viel zur Instandhaltung machen.«
Er sieht mich an, und ich frage mich, welche Schlüsse er aus meiner Umgebung, meinem Lebensumfeld zieht. Ich traue ihm zu, in mein Arbeitszimmer zu gehen, in dem Andrew immer übernachtet, und dort meine Unterlagen zu durchwühlen. Oder meinen Computer anzuschalten, um zu sehen, was ich auf dem Desktop habe. Mein Herz schlägt schneller.
Vicky und Cam waren schon hier, ebenso wie Mum und Dad. Sie sind wieder alle in Longueville und hoffen auf Neuigkeiten. Irgendwelche Neuigkeiten. Hier konnten sie nichts mehr tun, nachdem wir die ganze Nacht darauf gewartet hatten, dass das Telefon klingelt. Vorher hatten sie mich und die Polizei angeschrien, keine vernünftigen Antworten auf ihre Bitten und Forderungen bekommen und bei der Suche auf den Straßen meines Viertels nichts gefunden. Wir sind alle hundemüde und ausgelaugt und gleichzeitig aufgeputscht von Adrenalin und Angst.
Ich setze mich auf meinen Sessel, und Greenwood nimmt auf dem Sofa Platz, wobei er seine Anzugshosen an den Knien hochrafft. Ich glaube nicht, dass schon einmal jemand in einem Anzug auf diesem Sofa gesessen hat. Ich bin überrascht, dass ein Sergeant sich für einen Vermisstenfall interessiert – positiv überrascht. Das heißt, dass die Polizei sich wirklich um die Sache kümmert.
Sein Partner, Detective Constable Fahd, bleibt neben der Tür stehen. Ich merke, dass er mich ansieht, aber es erscheint mir irgendwie unpassend, ihm auch einen Sitzplatz anzubieten.
Greenwood greift in seine Jacketttasche und nimmt ein Notizbuch und einen Stift heraus.
»Als Single würde ich mir wohl auch so eine Wohnung nehmen«, sagt er. Smalltalk? Bei einem derartigen Anlass? Ich gebe keine Antwort darauf, und er fährt fort.
»Ich würde gern noch mal ein paar Dinge mit Ihnen durchsprechen, David.«
»Haben Sie denn immer noch nichts gehört?«, frage ich, und zwar schon zum zweiten Mal. Natürlich hat er nichts gehört. Ansonsten säße er wohl kaum hier und würde meine Lebensumstände kommentieren. Aber ich muss herausfinden, ob sie irgendeine Spur haben.
Er lächelt dieses tröstlich gemeinte Lächeln, das man immer dann sieht, wenn andere Menschen Mitleid haben, aber nicht wissen, was sie sagen sollen. »Wir tun unser Bestes.« Er fährt fast ohne Pause fort: »Also, meine Kollegen haben viele dieser Punkte schon gestern Abend mit Ihnen besprochen«, sagt er, wie um einer Beschwerde vorzugreifen, »aber manchmal tauchen Erinnerungen wieder auf, kommen wieder an die Oberfläche, zum Beispiel wenn man ein paar Stunden gut geschlafen hat.«
Greenwood richtet seinen Blick vom Teppich auf meine Augen. Ich habe alles andere als gut geschlafen. Sieht er das denn nicht? Und das soll ein Ermittler sein?
Ich nicke. Weiter.
»Können Sie noch mal schildern, was geschehen ist, nachdem Sie vom Strand heimgekommen sind?«, fragt er.
Ich seufze und sammle meine Gedanken. Ich rufe mir die Ereignisse des gestrigen Abends ins Gedächtnis und gebe mir Mühe, nichts auszulassen. Greenwood macht sich dabei Notizen und unterbricht mich ab und zu, um nachzuhaken – wann genau kamen Brett und Gina nach Hause, in welchen Straßen rannte ich auf der Suche nach Andrew herum, wie sah die Frau aus, mit der ich an der Bushaltestelle sprach. Fahd schaut von der Seite zu und sagt nichts.
»Also, Andrew traf Lewis gestern Abend nicht an, und sein Handy ist nicht hier«, sagt Greenwood, als ich fertig bin. Er spricht das ›s‹ undeutlich aus; ich frage mich, ob das an seinem weißen Schnurrbart liegt, der wie ein Vorhang über seiner Oberlippe hängt. »Hat Andrew je erwähnt, dass er hier in der Gegend noch andere Leute kennt?«
Ich lege die Stirn in Falten. Ich will ja schließlich helfen, selbstverständlich. Es ist nur schwer, sich an alles zu erinnern. Ich klopfe mit dem Finger auf den braunen Wildlederersatz der Armlehne, seufze und schüttele den Kopf.
»Könnte Andrew Freunden von Lewis begegnet sein? Oder jemandem, den er von Facebook kennt?«
»Er ist nicht auf Facebook.«
Greenwood macht sich eine Notiz, ehe er zu mir aufsieht. »Wirklich nicht? Ein Junge seines Alters?«
»Nein. Kein Facebook, kein Snapchat, kein WhatsApp, nichts dergleichen. Vicky untersagt es ihm.«
»Wären nur alle Eltern so klug«, sagt Greenwood.
Ich zucke die Achseln. »Kann man so sehen, muss man aber nicht. Sie ist der Meinung, er sollte lieber richtige Freundschaften schließen.«
»Hat er denn nicht viele Freunde?«
»Doch, hat er«, antworte ich, »aber eben keine in den sozialen Netzwerken. Er fühlt sich in dieser Hinsicht außen vor.«
Greenwood widmet sich wieder seinem Notizbuch. Ich warte ab, bis er damit fertig ist und mich wieder ansieht.
»Und Sie sagen, dies war das erste Mal, dass er länger wegblieb, als er sollte. Bis über die Abendbrotzeit hinaus. Und es kann nicht doch eine Person geben, mit der er sich getroffen hat?«
Ich schüttele wieder den Kopf und mache dabei ein nervöses Geräusch mit den Zähnen. Ich wünschte, mir würde irgendein Einfall kommen, wie ein Sechser im Lotto. Ich wünschte, ich könnte rufen: »Warten Sie! Da gibt es jemanden.«
»Tut mir leid«, sage ich.
Greenwood setzt sich anders hin, und sein Gesicht fällt in den Schatten, zeichnet sich vor der Balkontür als Silhouette ab. Die Sonne tritt hinter einer Wolke hervor, und dahinter wirkt der Himmel fast so blau wie auf Andrews Gemälde.
»Hat Andrew je Personen erwähnt, mit denen er hier mal zufällig ins Gespräch kam? Freundliche Leute? Angestellte in Geschäften? Oder Menschen, vor denen er sich fürchtete?«
Ich greife auf dem Tisch nach meinem eigenen Notizblock und Stift.
»Entschuldigung, ich will das mitschreiben.«
Ich schreibe Freundliche Leute, Angestellte in Geschäften, Menschen, vor denen er sich fürchtete, andere Freunde als Lewis. Darüber stehen schon ein paar andere Kritzeleien, meine eigenen Gedanken – Weggelaufen? In einem Auto entführt? Wessen Auto? Hier irgendwo in einem Haus?
Ich starre den Block an und schüttele den Kopf, ehe ich aufsehe. »Mir will nichts einfallen.«
Greenwood nickt erneut. Er wartet ein Weilchen ab, ehe er weiterspricht. »Sie haben gesagt, Andrew sei recht schüchtern, oder?«
»Ja, das ist er. Manchmal zumindest. Nicht bei mir oder bei seinen Eltern, oder bei Lewis und seinen Schulkameraden. Aber Ihnen gegenüber wäre er schüchtern. Nicht wegen Ihnen persönlich, meine ich, aber bei der ersten Begegnung mit Ihnen wäre er schüchtern. Er würde vermutlich lieber hier bei mir sitzen und erst mal nicht viel sagen. Ich würde wahrscheinlich für ihn reden müssen.«
Ich halte inne, weil mir die Luft wegbleibt. Ich weiß, worauf Greenwood hinauswill. Wenn Andrew so schüchtern ist, dann ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass er einfach so mit einem völlig Fremden mitgeht, oder? Jedenfalls nicht freiwillig. Ich habe diese Situation im Geist schon viele hundert Male durchgespielt, scheint mir. Er würde mit niemandem mitgehen, außer man wendet Gewalt an, packt ihn von hinten, legt ihm eine große Hand über den kleinen Mund, steckt ihn mit eisernem Griff in ein Auto, wo er sich windet und um sich tritt …
Ich lege mein Gesicht in die Hände. Ich will Dunkelheit sehen, die Dunkelheit in meinen Händen, und nicht die Bilder in meinem Kopf, alles, nur nicht diese Bilder. Ich atme schwer, und meine Brust hebt und senkt sich, während ich um Fassung ringe.
Ich muss Greenwood zugutehalten, dass er mir eine Minute Pause lässt. Doch schon springt sein Kollege in die Bresche.
»Haben Sie sich in die Hand geschnitten, David?«, fragt Fahd. Es ist das erste Mal, dass er etwas sagt.
Ich nehme die Hände vom Gesicht und zeige das Pflaster auf meiner linken Handfläche.
»Das war vorgestern Abend, als ich Zwiebeln schnitt«, sage ich. »Das ist nichts.«
»Schmerzhaft«, erwidert er.
»In dem Moment schon.«
Er und Greenwood starren mich einen Augenblick lang an.
Dann schließt Greenwood sein Notizbuch und steckt es wieder in die Tasche.
»Die gefährlichen Sachen überlasse ich meiner Frau«, sagt er.
»Bitte?«
»Das Kochen«, sagt Greenwood und nickt in Richtung meiner Hand.
»Nun, ich habe keine...




