Bassani | Ferrareser Geschichten | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Bassani Ferrareser Geschichten


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-8031-4216-0
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-8031-4216-0
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Mit den berühmten fünf Geschichten aus Ferrara setzt Bassani seiner Heimatstadt und ihren Bewohnern ein liebevolles Denkmal: Es ist das kleine Glück in einer bescheidenen Ehe oder das große, unerreichbare; es ist die tiefe menschliche Zuneigung, die auch unter widrigen Umständen gedeiht und das Versagen des Bürgertums in eben jenen Zeiten, die Bassani in seinem Buch präzise zeichnet, für das er den Premio Strega erhielt.

Giorgio Bassani, geboren 1916 in Bologna, lebte bis 1943 in Ferrara. Beteiligte sich am Widerstand; nach der Befreiung Italiens arbeitete er als Schriftsteller und Redakteur. Als Lektor entdeckte er für den Verlag Feltrinelli den Roman »Der Leopard«, mit dem Tomasi di Lampedusa berühmt wurde. Bassani erhielt alle großen Literaturpreise Italiens, darunter 1962 den Premio Viareggio für »Die Gärten der Finzi-Contini«. 1969 wurde er für sein Gesamtwerk mit dem Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund ausgezeichnet. Bassani starb 2000 in Rom.
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Enfin des années entières s'étant passées, le temps et l'absence ralentirent sa douleur et éteignirent sa passion.

1


Zeit ihres Lebens erinnerte sich Lida Mantovani an die Tage vor ihrer Niederkunft. Immer wenn sie daran dachte, überkam sie Rührung. Dabei waren jene Tage keineswegs reich an Ereignissen und Eindrücken gewesen. Einen Monat lang hatte sie in einem Saal des Entbindungsheims gelegen, ganz hinten, am Ende des langen Raums. Durch das Fenster, das auf den Garten ging, sah sie die blanken Blätter einer großen Magnolie. Es war April, doch es war schon warm, und das Fenster stand den ganzen Tag offen. Aber am Ende dieser Zeit hatte sie sogar das Interesse an den schwarzen, wie geölten Blättern des Magnolienbaums verloren. Die Schmerzen setzten erst sehr spät ein; sie begriff und empfand überhaupt nichts mehr wie sonst. Sie war zu einem aufgedunsenen, unempfindlichen Wesen geworden (die Ruhe, die sie umgab, entsprach ihrer inneren Ruhe), das verlassen in einem Krankenhaussaal lag. Sie aß fast nichts mehr. Aber Professor Bargellesi, der in jenen Jahren der Chefarzt des Entbindungsheims war, versicherte ihr, daß es so besser sei.

Am Fußende ihres Bettes stehend, musterte er sie aufmerksam. »Es ist heiß. Wenn du Luft kriegen willst, ist es besser, den Magen nicht zu belasten«, erklärte er, während er sich mit seinen zarten, geröteten Händen über den langen weißen Bart strich, der um den Mund herum voller Nikotinflecken war. »Dick genug bist du ja, wie mir scheint«, fügte er mit einem Lächeln hinzu.

2


Nach ihrer Niederkunft nahm das Leben wieder seinen gewohnten Gang.

Anfänglich hatte Lida im Gedanken an David versucht (die Erinnerung an sein gelangweiltes, unzufriedenes Gesicht verletzte sie: fast nie hatte er das Wort an sie gerichtet und den ganzen Tag auf dem Bett gelegen, Romane gelesen oder geschlafen), sich allein wieder in dem möblierten Zimmer in der Via Mortara einzurichten, in dem sie während des letzten halben Jahres mit David gelebt hatte. Doch als sie nach ein paar Wochen zu der Überzeugung kam, daß sich David nicht mehr blicken lassen würde, und die paar hundert Lire, die er ihr gegeben hatte, so gut wie verbraucht waren, ihr zudem die Milch für das Kind zu fehlen begann, fand sie sich damit ab, zu ihrer Mutter zurückzukehren. So erschien also Lida Mantovani noch im Sommer des gleichen Jahres wieder in der Via Salinguerra. Sie sah die ihr so vertraute kleine Straße wieder, mit den niederen, mit Glasscherben bewehrten Mauern, den armseligen Häuschen und dem Steinpflaster, aus dem allenthalben das Gras herauswuchs. Und dann sah sie das Zimmer wieder, in dem sie ihre Jugendjahre verbracht hatte, den staubigen Holzfußboden und die beiden eisernen Bettstellen. Eigentlich war es ein Kellerraum. (Vielleicht hatte er früher einmal als Kohlenkeller gedient; das Haus war das einzige etwas größere Gebäude in der Via Salinguerra.) Jedenfalls war der Zugang zu diesem Raum komplizierter als nötig. Von dem wie eine Scheune weiten und dunklen Hausflur aus stieg man eine Treppe bis zum ersten Absatz hinauf und machte vor einer kleinen Tür halt. Hatte man ihre Schwelle überschritten, stieß man mit dem Kopf beinahe an die Balkendecke, die sich unversehens über einer Art von Abgrund wölbte. Als Lida dort oben stand, sah sie unten ihre Mutter, die das Gesicht von der Näharbeit hob. In ihrem Blick lag keine Überraschung, nur eine drängende Frage. Das Kind im Arm, stieg Lida langsam die Stufen der Treppe hinab. Sie ging auf ihre Mutter zu und beugte sich nieder, um ihr einen Kuß auf die Wange zu geben. So ruhig, als wäre sie nur ein paar Stunden fortgewesen, erwiderte ihre Mutter den Kuß.

Sehr bald stellte sich die Frage der Taufe.

Als ihre Mutter erfuhr, daß das Kind noch nicht getauft war, bekreuzigte sie sich. »Bist du wahnsinnig?« rief sie.

Während sie aufgeregt erklärte, es sei keine Minute mehr zu verlieren, fühlte Lida, wie die Kraft zum Widerstand in ihr nachließ. Als man ihr im Entbindungsheim das Kind ans Bett gebracht und sie feierlich gefragt hatte, auf welchen Namen es getauft werden solle, da gab ihr ein plötzlicher Entschluß, nichts gegen den Willen Davids zu unternehmen, die Weigerung ein: »Fürs erste auf gar keinen.« Aber warum sollte sie jetzt noch immer Skrupel haben, fragte sie sich. Worauf sollte sie warten? Noch am Abend dieses Tages gingen sie mit dem Kleinen in die Kirche Die Mutter ordnete alles an, sie war es auch, die darauf bestand, daß der Knabe den Namen Ireneo erhielt, zum Andenken an einen verstorbenen Bruder, von dessen Existenz Lida noch nie gehört hatte … Die beiden Frauen legten den Weg zur Kirche so eilig zurück, als ob sie sich verfolgt fühlten. Zurück dagegen gingen sie langsam, durch die Via Borgo di Sotto, wo der Laternenanzünder gerade dabei war, eine Gaslateme nach der anderen anzuzünden, und es war ihnen zumute, als hätte sie auf einmal alle Energie verlassen. Sie sprachen kein Wort miteinander. Am nächsten Morgen begannen sie wieder mit ihrer Arbeit. Sie setzten sich ans Fenster, wie sie es gewohnt waren, seit Lida die Grundschule verlassen hatte. Den Kopf über die Näharbeit gebeugt, saßen sie nebeneinander und unterhielten sich über gleichgültige Dinge, wobei die eine der andern dankbar war für ihre Zurückhaltung, die sie davon abhielt, von einer Zeit zu sprechen, die für beide, wenn auch aus verschiedenen Gründen, so schmerzlich gewesen war. Sie fühlten sich jetzt viel enger miteinander verbunden, viel befreundeter als früher. Doch wußten sie genau, daß ihre Harmonie nur unter der Bedingung von Dauer war, daß sie beide von dem einzigen Umstand nicht sprachen, auf dem sie beruhte.

Aber die stärkere von ihnen war stets Lida. Zuweilen konnte ihre Mutter nicht der Versuchung widerstehen, einen Scherz zu machen, eine verhüllte Anspielung zu wagen.

»Ach ja«, seufzte sie etwa, »die Männer sind alle gleich!«

Und sie fügte sogar noch hinzu: »Hast du nicht gewußt, daß die Männer Schürzenjäger sind?«

Sie hob den Kopf von der Arbeit und musterte selbstvergessen Lida. Mager, profiliert, von Angst, Sorge und Entbehrungen verzehrt, wie Lida von ihrem Abenteuer heimgekehrt war, erschien sie ihrer Mutter wie das Spiegelbild ihrer eigenen Jugend. Sie dachte wieder an den Schmied von Massa Fiscaglia, dem Dorf, in dem sie geboren war, an den Schmied, von dem sie vor zwanzig Jahren Lida gehabt hatte. Sie dachte an die Menschen ihres Dorfes, die sie, als sie ihr Kind erwartete, von sich gestoßen und gezwungen hatten, in die Stadt überzusiedeln. Im Grunde waren sie nicht anders gewesen als die Gesellschaft der Stadt, die, nachdem sie sich ihrer Tochter bedient hatte, sie wie einen alten Schuh fortwarf. Und nun stand das Bild des einzigen Mannes in ihrem Leben, mit dem fettigen zerzausten Haar, dem aufgeworfenen, sinnlichen Mund und den trägen Bewegungen (wie bitter hatte sie es stets empfunden, wenn sie etwas davon bei Lida wiederfand!) auch für das von David, dem jungen Mann aus guter Familie, der so lange ein Liebesverhältnis mit ihrer Tochter gehabt hatte, ohne je die Verpflichtung zu fühlen, zu ihr ins Haus zu kommen und sich mit Lida zu verloben. Sie hatte ihn nie kennengelernt und nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Ach, die Männer waren alle gleich, da gab es keinen Unterschied! Aber auch sie und ihre Tochter, die die gleichen Schmerzen erlitten, sich in dem gleichen Kummer verzehrt und die gleiche Ungerechtigkeit erfahren hatten, waren gleich.

Aus diesen einsamen Träumereien erwuchs der alten Frau eine merkwürdige Fröhlichkeit. Eine Art Fieber ergriff sie. Eines Abends nahm sie Lida an der Hand und führte sie vor den in der Schranktür eingelassenen Spiegel.

»Siehst du es?« fragte sie mit erstickter Stimme. Im Zimmer war nichts als das Schnaufen der Karbidlampe zu hören. Lange standen sie so und betrachteten ihre beiden Gesichter dicht nebeneinander in dem trüben Spiegel.

Natürlich spielten sich die Dinge nicht immer so reibungslos ab, nicht immer blieb Lida ruhig und bereit zuzuhören, ohne etwas zu erwidern.

An einem anderen Abend zum Beispiel begann die Mutter, ihre eigene Geschichte zu erzählen. (Es war das erste Mal, und noch vor einem Jahr wäre es unvorstellbar gewesen!) Da bewirkte der Satz, mit dem sie schloß, daß Lida aufsprang.

»Wenn seine Eltern nichts dagegen gehabt hätten«, sagte sie, »hätte er mich geheiratet.«

Ausgestreckt auf ihrem Bett, das Gesicht in den Händen verborgen, wiederholte sich Lida immer wieder diese Worte, hörte wieder den Seufzer des Bedauerns, mit dem sie gesprochen worden waren. Nein, sie weinte nicht, und sie zeigte ihrer Mutter, die ihr nachgeeilt war und sich nun keuchend über sie beugte, ein tränenloses Gesicht und einen Blick, in dem nur Verachtung und Überdruß lagen, als sie sich vom Bett erhob.

Im übrigen waren ihre Anfälle von Unduldsamkeit selten. Wenn sie einmal über sie kamen, geschah es stets so unvermittelt, wie wenn an einem Tag der Windstille plötzlich ein Sturm aufkommt.

Einmal, als ihre Mutter sie mit ihrem Namen rief, wandte sie sich ihr mit einem bösen Lachen zu:

»Lida! Vielmehr Lyda! Und wie wichtig es dir war, daß ich in der Schule meinen Namen mit einem Ypsilon auf die Schulhefte schrieb! Was hattest du dir gedacht, was ich einmal werden sollte, Varietékünstlerin?«

Aber die Mutter antwortete nicht. Sie lächelte. Der Wutausbruch ihrer Tochter führte sie weit zurück in die...


Giorgio Bassani, geboren 1916 in Bologna, lebte bis 1943 in Ferrara. Beteiligte sich am Widerstand; nach der Befreiung Italiens arbeitete er als Schriftsteller und Redakteur. Als Lektor entdeckte er für den Verlag Feltrinelli den Roman 'Der Leopard', mit dem Tomasi di Lampedusa berühmt wurde. Bassani erhielt alle großen Literaturpreise Italiens, darunter 1962 den Premio Viareggio für 'Die Gärten der Finzi-Contini'. 1969 wurde er für sein Gesamtwerk mit dem Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund ausgezeichnet. Bassani starb 2000 in Rom.



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