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E-Book, Deutsch, 120 Seiten

Bauer Auf die lange Bank

Wenn Aufschieben zum Problem wird
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95571-911-1
Verlag: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Wenn Aufschieben zum Problem wird

E-Book, Deutsch, 120 Seiten

ISBN: 978-3-95571-911-1
Verlag: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Was du heute kannst besorgen ... Wir alle schieben Dinge vor uns her, mal mehr, mal weniger; mal für kürzere, mal für längere Zeit. Diese 'Aufschieberitis' kann belastend sein, sie ist aber kein Krankheitsbild. Anders sieht es bei der Prokrastination aus, die für das Leben der Betroffenen meist ernsthafte Folgen hat und für die es therapeutische Angebote gibt. Es gibt also einen Unterschied zwischen krankhaftem und alltäglichem Aufschiebeverhalten, der meistens aber nicht wahrgenommen wird. Das wird erstens beiden nicht gerecht und hilft zweitens denjenigen nicht, deren Problem die alltägliche Aufschieberitis ist. Für diese Form gibt es nämlich kaum Konzepte und Hilfen. Hier schafft Annette Bauer mit diesem Buch Abhilfe: - Sie beleuchtet Hintergründe des Aufschiebens, - stellt Motivations-Modelle und Coaching-Ansätze vor, - erörtert die Rolle der Emotionen und - bietet praktische Tools und Tipps an.

Annette Bauer, systemischer Coach, Strukturaufstellerin und wingwave-Coach, seit fast 20 Jahren in der Begleitung und Beratung von Menschen tätig. Sie beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit der Lehre der Achtsamkeit und arbeitet als Coach mit vielbegabten Scannern.
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2. Über das normale Maß hinausgehend: Prokrastination


Was ist noch „normal“ und ab wann ist etwas „nicht mehr normal“? Nehmen wir einmal das Beispiel Fernsehkonsum: Wer sich den „Tatort“ am Sonntagabend anschaut, wer regelmäßig seine Sportsendung oder Comedy-Show einschaltet, dessen Fernsehkonsum hält sich wohl noch im absolut normalen Rahmen. Sitzt aber jemand täglich viele, viele Stunden vor dem Fernseher, befindet er sich wohl eher auf der „nicht mehr normalen“ Seite des Spektrums. Ein solches Spektrum können wir auch beim Aufschiebeverhalten ausmachen. Alle Menschen schieben gelegentlich etwas auf. Das ist absolut normal und keine Prokrastination. Dieser Begriff ist erst angezeigt, wenn das Aufschieben über das normale Maß hinausgeht. Welche Verhaltensweisen und welche möglichen Schicksale sich hinter einer echten Prokrastination verbergen, soll ein Betroffenenbericht zeigen.

2.1 Interview mit einem Prokrastinierer


Im Rahmen meiner Recherchen zu diesem Buch konnte ich mit R. ein Gespräch über seine Prokrastinationsgeschichte führen. Bei ihm zeigt sich ein sehr breit gefächertes Aufschiebeverhalten, das ihn an verschiedenen Punkten in seinem Leben in schwierige Situationen brachte. Er hat auch das erfahren, was man „lebensbedrohliche Konsequenzen“ nennt: auf Beziehungsebene, in finanzieller Hinsicht und teilweise im Beruf.

Auch heute schiebt er noch auf, allerdings beschränkt sich sein Aufschiebeverhalten auf das, was man als „normal“ bezeichnen kann. Wenn man etwas nicht immer sofort erledigt, dann ist das durchaus als positive Fähigkeit zu werten; das wird in der Diskussion um Aufschiebeverhalten oft vergessen. Diese Fähigkeit sorgt dafür, dass wir abwägen können, was gerade Priorität hat und was warten kann. Und fast jeder wird schon einmal die Erfahrung gemacht haben, dass sich Dinge von selbst erledigen, wenn ich sie nicht erledige (mehr zu den positiven Aspekten des Aufschiebens in Kapitel 3.2).

Die Geschichte von R. zeigt sehr schön, wie breit das Spektrum von Aufschiebeverhalten sein kann. Er hatte in der Vergangenheit – gekoppelt an eine psychische Erkrankung – stark aufschiebendes Prokrastinationsverhalten gezeigt, was ihn im Privatleben in schwere Krisensituationen brachte. Auf Beziehungsebene und in finanzieller Hinsicht gab es einschneidende Folgen. Heute, nach mehrstufigen Behandlungen, hat er seine Aufschiebeanlage so weit im Griff, dass er weder sich selbst noch andere in ernsthafte Gefahr bringt.

Und dennoch schiebt er immer noch „im Kleinen“ auf. Doch hierfür kennt er inzwischen den einen oder anderen Kniff, um Dinge, die erledigt oder nicht vergessen werden sollen, in eine für ihn handhabbare Alltagsstruktur zu bringen. Darüber hinaus hat R. in vielen Bereichen hohe Begabungen und kann oft mit wenig Aufwand ein gutes Ergebnis erzielen. Auch davon erzählt er im Interview. Bei ihm reichen oft 80 % Einsatz, um ein Ergebnis zu erzielen, für das viele andere 100 % brauchen würden. Das gibt ihm Luft in seinen Abläufen. Lesen Sie nun, was er erzählt.

AB: Wann wurde dir klar, dass eine echte Prokrastination mit in das Paket hineingehörte, das in deinem Leben geschnürt war?

R: Ich glaube nicht, dass ich das an einem Punkt festmachen kann. Es ist mir einfach irgendwann bewusst geworden, dass das für mich ein Problem ist.

AB: Gab es dafür einen äußeren Anlass?

R: Es war eher so, dass ich mich mit anderen Leuten unterhalten habe, die das auch haben und noch extremer als ich. Irgendwann merkte ich plötzlich, dass ich dachte: „Du musst das jetzt tun. Und wenn du es nicht tust, hat das echte Konsequenzen.“ Bei mir ist es so, wenn ich merke, jetzt hat etwas echte Konsequenzen, dann ist das körperlich spürbar. Mir wird dann immer ganz warm. Das ist dann der Druck, der da ist. Ja.

AB: Kennst du dieses Körpergefühl, die Körperresonanz Wärme auch aus anderen Stresssituationen?

R: Das ist so ein bisschen wie der Moment, wenn dir plötzlich etwas peinlich ist. Wenn du merkst, du hast etwas Peinliches getan.

AB: Ach, ein super Bild.

R: Wenn du merkst „Ups, ich bin ertappt“.

AB: Und du hast dich quasi selbst ertappt?

R: Ja, genau.

AB: Das ist ja ein ganz wichtiges Gefühl. Peinlichkeit drücken wir ja oft weg.

R: Ja, und jetzt, wo wir drüber sprechen …, es ist tatsächlich sehr, sehr ähnlich dem Gefühl, wenn dir etwas peinlich ist. Weil das [das Aufschieben; Anm. d. A.] ja auch völlig unnötig ist! Das ist ja etwas, womit man immer wieder zu kämpfen hat oder womit ich zu kämpfen habe: Etwas nicht zu tun ist ja völlig blödsinnig. Einfach nichts zu tun.

AB: Und alle anderen können es.

R: Ja, alle anderen können es, genau. Das ist wie Händewaschen. Als würde jemand hingehen und sich einfach die Hände nicht waschen. Würde auch nicht dran denken und so. Bis jemand zu ihm sagt: „Schau mal, du stinkst.“ So ungefähr. Genauso ist das mit der Prokrastination. Ich denke nicht darüber nach. Es passiert einfach. Aber es gibt auch Unterschiede. Es gibt Dinge, die ich aufschiebe, von denen ich genau weiß, ich brauche nur einen Wimpernschlag, eine halbe Stunde und dann ist das erledigt.

AB: Sind das die Alltagskleinigkeiten?

R: Nein, das ist vor allen Dingen im Arbeitskontext. Keine Ahnung, ich muss zum Beispiel einen Text oder eine E-Mail schreiben. Das sind diese Dinge, von denen ich weiß, wenn es dann so weit ist, kann ich sie auch schnell erledigen.

AB: Und funktioniert es dann auch? Ist es so, dass das Ergebnis beim Gegenüber dann auch Zufriedenheit hervorruft?

R: Ja, das funktioniert.

AB: Dann bist du da der Typ „Ich kann es auf den letzten Drücker und es reicht dann auch“?

R: Genau.

AB: Diese Herangehensweise hat dir keinen Schaden zugefügt?

R: Nein, genau. Und die 80 % kann ich in sehr kurzer Zeit schaffen.

AB: Du bist ja auch ein ziemlich intelligenter Mensch.

R: Nicht getestet, aber ja.

AB: Das ist etwas, was ich in meiner Arbeit am Prokrastinationsthema sehr oft angetroffen habe: Dass es unheimlich viele Leute gibt, die denken, sie prokrastinieren. Sie haben aber einfach das Zeug zum Aufschieben. Das ist eine positive Art des Aufschiebens.

R: Ja, bei einem meiner besten Freunde ist das genauso. Sehr intelligenter Mensch, der aber Dinge auch immer kurz vor knapp macht. Und weil er es kann, auch auf der Arbeit. Aber im Privaten bringt er sich selbst immer wieder in die Bredouille, weil er Sachen nicht macht. Ein Klassiker, der mir nicht mehr passiert ist, aber früher ganz oft passiert ist: Briefe nicht aufmachen. Nach dem Motto: Wenn ich’s nicht lese, weiß ich auch nicht, was drinsteht.

AB: Das ist ein anderer Kontext des Aufschiebens. Weil man dann eine Vermutung mit dem Briefen mitträgt.

R: Noch nicht mal.

AB: Du hast gar nicht darüber nachgedacht?

R: Nein, es gab manchmal gar kein Nachdenken.

AB: Das ist bei dir eher die Art aufschiebenden Verhaltens, das in der Vergangenheit war? [R. hat heute seine Prokrastination weitestgehend im Griff; Anm. d. A.]

R: Ja. Und das Schlimme, was ich rückblickend auch als belastend an der ganzen Geschichte empfinde, ist tatsächlich, dass es nicht absichtlich passierte.

Bei mir ist es so [auch heute noch bei Sachen ohne hohe Relevanz oder bedrohliche Auswirkungen; Anm. d. A.]: Es ist tatsächlich weg, aus meinem Gehirn, aus meinem Gedächtnis. Weg. Bis es mir zufällig wieder vor die Füße fällt. Wirklich – gerade Dinge, die mir unangenehm sind, die ich zu erledigen habe …, wenn sie gerade sehr nervend sind, kann ich sie in meinem Gehirn so wegschieben, dass ich überhaupt nicht mehr daran denke.

AB: Bis sie wiederkommen.

R: Bis sie aus irgendeinem Grund wieder aufpoppen. Manchmal habe ich dann so einen komischen Trigger. Klassisches Beispiel: Ich muss seit drei Wochen einen Arzttermin in der Klinik vereinbaren. Ich hatte das völlig vergessen. Als ich heute Morgen aus einem ganz anderen Grund nach der Klinik geschaut habe, war da plötzlich der Gedanke: „Ah, Mist, du musst ja noch …“ Das war jetzt keine Sache, bei der mir warm wird, weil sie nicht diese extremen Konsequenzen hatte. Aber es ist so „Ah, Mist.“

AB: Macht es heute einen Unterschied für dich, dass in der Vergangenheit auch andere Menschen von deinem Aufschiebeverhalten betroffen waren? Macht es einen Unterschied, ob es nur dich trifft oder auch dein Umfeld? Bzw. andere treffen würde, wenn du wieder in dieser extremen Form aufschieben würdest?

R: Ich glaube, das macht den Unterschied zu früher. Wenn es heute mal passiert, dann trifft es eigentlich nur mich. Überall da, wo ich Mitverantwortung habe für andere, passiert das nicht mehr.

AB: Das ist gut! Sag mal, hattest du das Thema auch im therapeutischen Kontext angesprochen? Du warst/bist ja in Behandlung.

R: Ja.

AB: Und es wird auch therapeutisch bearbeitet im Rahmen deiner Behandlung?

R: Ja, aber für mich auf sehr unbefriedigende Weise. Meine Therapeutin war sehr gut, was die Vergangenheitsbewältigung und Aufarbeitung anging, von Emotionen wie Traurigkeit und Wut, all das, was in mir gearbeitet hat. Aber als ich die Prokrastination mal angesprochen habe, hatte ich nicht das Gefühl, ernst genommen zu werden.

AB: Darf ich fragen, was deine Diagnose war und was therapiert wurde? Waren es Depressionen?

R: Ja, ja, Depressionen.

AB: Nach dem jetzigen Stand der Forschung ist es ja bei Prokrastination so, dass sie als Symptom für andere Erkrankungen gewertet wird. Man ist noch nicht an dem Punkt, sie als...


Bauer, Annette
Annette Bauer, systemischer Coach und Strukturaufstellerin, seit fast 20 Jahren in der Begleitung und Beratung von Menschen in der Seelsorge tätig. Sie beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit der Lehre der Achtsamkeit und arbeitet als Coach mit Vielbegabten.

Annette Bauer, systemischer Coach, Strukturaufstellerin und wingwave-Coach, seit fast 20 Jahren in der Begleitung und Beratung von Menschen tätig. Sie beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit der Lehre der Achtsamkeit und arbeitet als Coach mit vielbegabten Scannern.



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