E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Bauer WintersSpuren
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8271-8444-3
Verlag: CW Niemeyer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-8271-8444-3
Verlag: CW Niemeyer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Catrine Bauer, 1984 in Waiblingen geboren, lebt mit ihrem Lebensgefährten und ihrer Tochter in Rottenburg am Neckar. Die Autorin hat an der Universität Tübingen ein Staatsexamen in Germanistik, Biologie und Schwedisch absolviert und arbeitet heute hauptberuflich als Lehrerin. Nicht nur ihr schwedischer Vorname und ihr deutscher Nachname stehen für eine Kombination beider Länder. Die Autorin selbst fühlt sich sowohl mit Schweden als auch mit ihrer süddeutschen Heimat sehr verbunden, weshalb sie beide Regionen in der Geschichte um Henry Winter miteinander verknüpft. Catrine Bauer ist es ein Anliegen, die Polizeiarbeit realistisch darzustellen. Aus diesem Grund informiert sie sich sowohl bei ihrem Lebengefährten, einem Polizeihauptkommissar, als auch bei dessen Kolleginnen und Kollegen über die Arbeit der Kriminalpolizei. Weitere Informationen auf www.catrinebauer.com
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Sigtuna, 4. Februar 2019
Die Erinnerungen aus Henrys Kindheit klebten wie alter Staub auf jedem Möbelstück in Martas Haus. Diese Erinnerungen in Kartons zu verpacken, zu entscheiden, welche wichtig und welche unwichtig war, all das erledigte sie allein. Sie hätte sich Zeit lassen können damit, denn das Haus wollte sie ohnehin noch nicht verkaufen. Aber sie hatte das Bedürfnis, bei ihr zu sein, ihr nahe zu sein, sich zu erinnern und alles in sich aufzunehmen, was hier war. Auch nach dem Tod ihrer Mutter haftete der Duft nach Zimtschnecken in diesem Haus.
Was hatte sie ihr am Tag ihres Anrufs erzählen wollen? Und warum hatte sie es nicht gleich am Telefon erzählt?
Der Kater ihrer Mutter legte sich neben sie. Fiete drehte sich auf den Rücken und streckte ihr seinen getigerten Bauch entgegen. Sein Schnurren durchbrach die Stille im Raum.
„Na, alter Knabe, und was machen wir mit dir? Kommst du mit mir nach Stockholm? Ich weiß nicht, ob das so eine tolle Gegend für Katzen ist.“
Sie kraulte das Tier am Ohr, während sie mit der anderen Hand eines der in die Jahre gekommenen Fotoalben aus dem Regal zog. Sie pustete den Staub der letzten Jahrzehnte in Wölkchen durch die Luft.
Henry, die hinter den drei Kerzen auf dem Geburtstagskuchen schokoladenverschmiert in die Kamera lacht.
Marta, die ihrer Tochter das Fahrradfahren beibringt.
Marta und Henry im Urlaub auf Amrum.
Henry bei ihrer Einschulung.
Marta im Garten.
Ihre Mutter, mit der sie ihr ganzes Leben verbracht hatte, war nicht mehr da. Ein Fremder hatte sie ihr genommen, sie erschossen ohne Vorwarnung, ohne ein Wort der Erklärung. Die Frage nach dem Warum und vor allem nach dem Wer bohrte sich in ihre Gedanken.
Seit Tagen versuchte sie, sich zu erinnern, ob sie nicht doch am Telefon irgendetwas gehört hatte, das ihr einen Hinweis auf den Täter gab. Aber je länger sie darüber nachdachte, desto mehr verschwammen die Erinnerungen und verunsicherten sie. Nur ihre Mutter hatte gesprochen – und dann war da dieser Schuss gewesen. Sie hatte ein Geräusch gehört, das vermutlich das Schließen der Haustür gewesen war. Danach war es still gewesen.
Sie neigte den Kopf ein wenig, um die Titel der Bücher im Regal lesen zu können. Die meisten standen dort schon sehr lange und allesamt waren Krimis. Henry kannte die Farben der Einbände, weil sie oft mit ihrer Mutter hier im Wohnzimmer gesessen und Kakao getrunken hatte. Björn Hellberg, Uno Palmström, Arne Dahl. Und Paul Sturm, der einzige deutsche Verfasser, wie man an den Titeln erkennen konnte; sie sah drei Bücher von ihm im Regal. Von der Aufmachung her aus den Achtzigerjahren. Henry kannte den Schriftsteller nicht, aber sie las auch keine Krimis. Vielleicht würde ihr Kollege Christian, der ein Faible für Kriminalromane hatte, ein paar davon nehmen.
„Oskar!“ Sie griff hinter die Bücher, die das obere Regalbrett nach unten bogen, und wischte dabei eine Träne weg, die sich unbemerkt den Weg zu ihrem Kinn gebahnt hatte.
„Mensch, wo warst du all die Jahre? Hast mich einfach im Stich gelassen!“
Henry drückte den kaputtgeliebten Stoffaffen an ihre Brust und sog dessen Duft nach Staub und Eichenregal tief in ihre Lungen ein. Ein Auge hing ein bisschen heraus, die Nähte an den Armen bedurften einer Reparatur. Sie kannte einen Puppendoktor in der Hauptstadt, der sich Oskars sicherlich annehmen würde. Der Anblick des Stofftiers schickte sie auf eine kurze Zeitreise in ihre Kindheit; sie fühlte sich in diesem Moment überhaupt nicht wie eine Fünfunddreißigjährige, die als Juristin in einer schwedischen Metropole arbeitete.
„Hast du was gesehen? Wer hat das mit Mama gemacht?“
Fiete, der immer noch neben ihr lag, schnupperte an dem Kuscheltier, das die Antwort nicht preisgab.
Plötzlich hatte Henry das Gefühl, Schritte auf der Veranda zu hören, traute sich jedoch nicht nachzusehen. Ihr kam der Gedanke, dass der Mörder zurückgekommen war. Sie schlich zur Tür und lauschte. Die Nachbarskinder lachten im Garten. Ein kalter Luftzug drückte sich durch die Ränder der Haustür ins Innere.
Sie setzte sich wieder auf den Boden vor das Regal. Vermutlich war es nur der Wind gewesen, der zu dieser Jahreszeit häufig eine betäubende Kälte über die Häuser legte. Sie atmete flach, damit ihr kein Geräusch entging, stopfte den Freund aus Kindertagen in ihre Tasche und blätterte weiter durch die vielen Fotoalben.
Henry. Mama. Mama. Henry.
BEHALTEN stand in großen blauen Lettern auf dem Karton, in dem sie die Alben sorgsam ablegte. Sie selbst besaß nicht viele Fotos von ihrem ersten Lebensabschnitt. Ihr Smartphone umfasste über zweitausend: von Pflanzen, Seen, Freunden, Flüssen, Himmeln und der kalten Ostsee – dem Meer, das auf grauenvolle Weise ihre Kindheit verschlungen hatte.
Sie ließ den Blick über die vielen übereinandergestapelten Kartons streifen und blieb unweigerlich an dem Karton WICHTIGE DOKUMENTE hängen. Wie sollte sie das alles schaffen? Ohne ihre Mutter? Marta war immer diejenige gewesen, die ihr geholfen hatte, wenn es um Formalitäten ging. Eine Geburtsurkunde besorgen, die Steuererklärung machen. Sie hatte sie stets daran erinnert, eine warme Jacke oder einen Regenschirm mitzunehmen – und das Schlimmste von allem: Sie würde ihr nie wieder eine heiße Schokolade mit frisch gebackenen Zimtschnecken hinstellen und behaupten, sie hätte sie sowieso gemacht und es sei gar keine Mühe gewesen. Nein, Henry fühlte sich überhaupt nicht mehr erwachsen, seit ihre Mutter weg war.
Sie war verdammt allein.
Fredrik wollte sie nicht darum bitten, ihr beim Ausräumen des Hauses zu helfen. Martas ehemaliger Lebensgefährte hatte sich schon bei der Planung der Beerdigung einmischen wollen, dabei hatte Marta ihn vor einigen Wochen verlassen. Den Mord würde sie diesem Taugenichts zutrauen. Immerhin hatte er schon in der Beziehung ständig Geld von Marta gefordert. Sie schüttelte sich. Aber so viel hatte ihre Mutter nun auch nicht besessen, als dass sich ein Mord gelohnt hätte. Der Leichnam ihrer Mutter war noch nicht freigegeben, und Henry wollte die Beerdigung noch gar nicht planen.
Das Schmuckkästchen war verschwunden. Das einzige Schmuckstück, das noch existierte, war der Ehering, den Henry seit vielen Jahren selbst am Finger trug.
Jakob, 26.06.1983. Der Täter hatte hauptsächlich wertlosen Modeschmuck mitgenommen, einen Raubmord schloss Henry eigentlich aus. Ein Dieb klopft nicht, erschießt jemanden und nimmt dann billigen Schmuck mit. Was hatte diesen Mann angetrieben, der Marta ohne Vorwarnung gnadenlos erschossen hatte? Wer war dieser Kerl, dass er ihr einfach die Mutter nahm? Oder war es womöglich sogar eine Frau gewesen? Egal, wer es war, wenn die Polizei ihn nicht finden würde, würde sie selbst es tun. Sie erinnerte sich an ihre Zeit bei der Kripo und daran, wie es sie angewidert hatte, bei Mordfällen mitzuwirken, aber das hier war anders. Es war ihre Mama.
Im oberen Stockwerk suchte sie Martas Lieblingsschal. Ein dunkelblauer aus Kaschmir, den Henry ihrer Mutter vor einigen Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte. In ihrer Kindheit hatte sie oft nach vertrautem Mutterduft riechende Kleidungsstücke entwendet. Sie hatte sie zum Einschlafen gebraucht, wenn Marta nicht da gewesen war. Jetzt, so ihr Gefühl, brauchte sie eines zum Wachbleiben.
Im Kleiderschrank musste er sein, zwischen den vielen Blusen, den ordentlich gebügelten Röcken, all den Stoffen, die Martas eleganten Körper gekleidet hatten. Einige hingen seit den Neunzigerjahren darin. In letzter Zeit hatte ihre Mutter die Zeitzeugen dieses modischen Waterloo wieder getragen und Henry hatte sich über die Entwicklung von Martas Modegeschmack gewundert.
Eine Blechdose, die hinter den Kleidern hervorblitzte, zog ihre Aufmerksamkeit auf sich und ließ sie den Schal für einen Moment vergessen. Die Kanten waren rostig, obenauf prangte das viele Jahrzehnte alte Bild einer Hausfrau, die ein deutsches Waschmittel anpries. Henry versuchte, die Dose zu öffnen, doch sie war so verbogen, dass sie Angst hatte, sich einen Fingernagel abzubrechen. Immerhin hatte sie vor ein paar Tagen das erste Mal seit vielen Jahren mühsam ihre Nägel lackiert. Ein warmes Himbeerrot, von dem Christian fand, dass es ihr nicht stand.
Auf der Suche nach einem passenden Gegenstand schaute sie sich im Zimmer um, sah auf dem Nachttisch ein Buch mit einem Flyer als Lesezeichen, daneben ein Bild von sich selbst. Henry hielt ihre Tränen zurück. Ihre Augen brannten seit Tagen.
Ein lautes Scheppern aus dem Wohnzimmer ließ sie zusammenzucken. Sie rannte die Treppe hinunter und kämpfte um ihr Gleichgewicht. Längst hatte ihre Mutter einen Handwerker für die ungleichmäßigen Stufen beauftragen wollen.
Fiete, der sich offenbar erschrocken hatte, saß auf dem Esstisch, am Boden verstreut der Inhalt des Kartons mit der Aufschrift VIELLEICHT. Rotglitzernd versammelten sich Lichterketten, Schneemänner, Glöckchen und eine Spieluhr, die müde die ersten Töne von ,Hej tomtegubbar‘ spielte, auf dem Dielenboden.
Henry atmete auf und sammelte die Weihnachtsdekoration aus ihrer Kindheit zusammen. Es tat ihr leid, dass sie letztes Weihnachten Witze über diesen ganzen Kram gemacht hatte. Wie gern hätte sie das nächste Weihnachtsfest mit ihrer Mutter und all dem Nippes verbracht. Unter dem Weihnachtsbaum sitzen und Pfefferkuchen essen. Mit wem sollte sie jetzt Heiligabend feiern? Ihre Großmutter, die einzige Verwandte, die sie neben ihrer Mutter gehabt hatte, war vor einigen Jahren verstorben.
Fiete sprang lautlos vom Tisch...




