Baumann Teresa von Avila
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86827-846-0
Verlag: Francke-Buch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wachsen in der Freundschaft mit Gott
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-86827-846-0
Verlag: Francke-Buch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Baumann lebt mit seiner Frau und 3 Kindern im Großraum Frankfurt. Nach mehreren Jahren als Gemeindepastor wechselte der promovierte Theologe und Missionswissenschaftler in die Leitung des 'Christlicher Hilfsbund im Orient e.V.'. Daneben engagiert er sich als Autor, Dozent und Seminarleiter.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Freundschaft mit
„Eurer Majestät“ – Vom Wesen des christlichen Glaubens
„Ich kann mit ihm umgehen wie mit einem Freund, obwohl er doch Herr ist.“ (V 37,5)
Was macht den christlichen Glauben eigentlich aus? Und was bedeutet es, Christ zu sein? Schauen wir in Teresas Schriften, so wird deutlich, dass für sie der christliche Glaube seinem Wesen nach mehr ist als eine formale Kirchenzugehörigkeit. Er ist auch mehr als die Zustimmung zu bestimmten Glaubenssätzen oder das Einhalten diverser Gebote. Beim christlichen Glauben geht es um eine Beziehung: Um die persönliche Beziehung zwischen Gott und einem jeden von uns.
Teresa wuchs in einer Zeit und einem Umfeld auf, in dem es klar und selbstverständlich war, dass Gott existierte. Er war Schöpfer und Richter, Herr über alles. Ihm war alles untertan und deshalb hatte auch der einzelne Mensch sich ihm zu beugen. Dass Gott als König zu verehren sei, war für Teresa deshalb selbstverständlich.
Als König der Könige stand er über den Herrschern der damaligen Zeit. Doch schon deren Macht war ungeheuer groß. Philipp II. von Spanien etwa herrschte als absoluter Herr über das Leben seiner Untertanen. Ihm war nicht zu widersprechen. Wollte man etwas erreichen, hing alles davon ab, ihn gnädig zu stimmen und es sich nicht mit ihm zu verderben. Man musste um jeden Preis seine Gunst erlangen, selbst wenn man dafür die eigenen Überzeugungen opfern musste. Für den einfachen Mann von der Straße war es allerdings unmöglich, überhaupt Zugang zum König zu bekommen. Das konnte nur über Mittelsmänner gelingen. Meist waren das Günstlinge am Hof, auf deren Fürsprache man angewiesen war.
Wie aber war das nun mit dem Königtum Gottes? War den irdischen Königen nicht ihr Königtum von Gott verliehen worden? War Gott als König der Könige nicht noch unendlich mächtiger und unendlich viel mehr zu fürchten als sie?
Teresa scheint – wohl nicht anders als ihre Zeitgenossen – von diesem Verständnis des Königtums geprägt worden zu sein. Mehrmals deutete sie an, dass sie ursprünglich mehr aus Angst vor Gottes Gericht und Furcht vor seinen Strafen als aus Liebe ins Kloster eingetreten war. Die Erfahrungen, die sie mit Gott machte, führten jedoch dazu, dass sich ihr Gottesbild veränderte. Gott war doch der, der in Jesus Christus Mensch geworden war. Er hatte sich selbst so erniedrigt, dass er sich schlagen und ans Kreuz nageln ließ. Das tat er für uns, um unsere Sünde aus der Welt zu schaffen. Gerade in ihrer Begegnung mit Jesus Christus, dem menschgewordenen und für uns leidenden Gott (besonders intensiv bei ihrem Bekehrungserlebnis im Jahr 1554), erkannte sie, wie Gott wirklich ist: ein Gott, der uns trotz seiner Größe und Erhabenheit voller Liebe zugewandt ist.
Mehr und mehr begriff sie, dass Gott, dass Jesus Christus ganz anders ist als die Könige ihrer Zeit: „Es setzte viel größere Liebe und viel mehr Vertrauen zu diesem Herrn ein, als ich ihn sah, wie zu einem, mit dem ich beständig im Gespräch war. Ich sah, dass er, obwohl er Gott war, Mensch war, der sich über die Schwächen der Menschen nicht entsetzt, sondern Verständnis hat für unsere armselige Lage, die wegen der ersten Sünde, die wiedergutzumachen er kam, so vielen Stürzen ausgeliefert ist. Ich kann mit ihm umgehen wie mit einem Freund, obwohl er doch Herr ist. Denn ich erkenne, dass er nicht ist wie die, die wir hier als Herren haben, die ihr ganzes Herrsein auf ,Autoritätsprothesen‘ gründen: Man braucht Sprechstunden und privilegierte Leute, die mit ihnen sprechen. Und wenn er es gar mit dem König zu tun hat, dann dürfen arme und nichtadelige Leute erst gar nicht hinzutreten, sondern man muss fragen, wer die einflussreichen Günstlinge sind. Du König der Herrlichkeit und Herr aller Könige! Wie wenig braucht man bei dir Mittelspersonen! Nur durch den Blick auf deine Person sieht man gleich, dass nur du es verdienst, dass man dich Herr nennt … Man kann gar nicht anders, als sehen, dass du in dir selbst ein großer Herrscher bist, denn es ist erstaunlich, diese Majestät zu betrachten. Aber noch mehr erstaunt es, zusammen mit dir deine Demut zu sehen und die Liebe, die du so einer wie mir erweist. In allem kann man mit dir umgehen und sprechen, wie es uns gefällt, sobald man einmal das erste Erstaunen und die Furcht vor Eurer Majestät verloren hat, wobei freilich eine größere bleibt, dich nur ja nicht zu beleidigen – allerdings nicht aus Angst vor der Strafe, mein Herr, denn die bedeutet nichts verglichen mit der, dich zu verlieren“. (V 37,5.6)
Als Teresa erkannte, dass Gott ganz anders ist als die Herren ihrer Zeit, veränderte sich ihre Gottesbeziehung grundlegend. Sicherlich bleibt er der Herr, aber er liebt uns und will Gemeinschaft mit uns haben. Wir dürfen mit ihm reden wie mit einem Freund.
Von Teresa wird berichtet, dass sie offenbar eine besondere Begabung hatte, Freundschaft mit Menschen zu schließen. Nach und nach wurde auch ihre Beziehung zu Gott immer freundschaftlicher, wie der Ton ihrer Gebete zeigt. Die Freundschaft zu dem Gott, mit dem man reden kann, wurde zum großen Thema ihres Lebens und zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Spiritualität.
Ein Blick in die Bibel zeigt, dass dort die Beziehung zwischen Gott und uns Menschen mit verschiedenen Begriffen beschrieben wird. Da ist beispielsweise davon die Rede, dass Gott unser Herr und König ist und wir seine Knechte. Das weist auf die Erhabenheit Gottes hin und darauf, dass der Mensch anerkennt, dass es einen Unterschied zwischen Gott und ihm gibt. Dann aber spricht die Bibel davon, dass Gott unser Vater sein will. In seinem Sohn Jesus Christus hat er uns zu seinen Kindern gemacht. Das weist wiederum auf eine enge, vertrauensvolle Beziehung hin und zeigt, dass Gott uns in seine Familie aufnimmt. Und wie ein guter Vater sorgt er liebevoll für uns, tröstet uns sogar „wie eine Mutter“ (Jes 66,13) und gibt uns Anteil an sich selbst.
Hat nun aber auch die Rede von der „Freundschaft mit Gott“ – wie sie uns bei Teresa und auch an anderen Stellen der mittelalterlichen Mystik begegnet – ihre biblische Berechtigung?
Tatsächlich begegnet uns in der Bibel an einigen Stellen der Gedanke der „Freundschaft mit Gott“. Von Mose lesen wir, dass Gott mit ihm „von Angesicht zu Angesicht“ redete, „wie ein Mann mit seinem Freunde redet“ (2. Mose 33,11). Abraham, der in einer engen und vertrauensvollen Beziehung zu Gott lebte, wird an mehreren Stellen als „Freund Gottes“ bezeichnet (2. Chr 20,7; Jes 41,8; Jak 2,23). In den Evangelien wird berichtet, dass die Gegner Jesu ihn einen „Freund von Zöllnern und Sündern“ nennen (Lk 7,34). Auch wenn das abschätzig gemeint war, sagt es doch etwas sehr Zutreffendes aus: Jesus liebte auch die, deren Sünde offensichtlich war. Er begegnete den Zöllnern, die bei allen (nicht ganz zu Unrecht) verrufen waren, in Freundschaft. Gerade darin zeigte er seine göttliche Sendung: dass er gekommen war, das Verlorene zu suchen und zu retten. So trafen die Gegner Jesu unfreiwillig den Nagel auf den Kopf: Ja, in Jesus Christus hat Gott uns tatsächlich seine Liebe gezeigt und ist unser Freund geworden!
Schließlich greift Jesus selbst dieses Thema noch einmal an ganz markanter Stelle auf, als er nämlich seine Jünger in dem unterweist, was ihm wirklich wichtig für sie war. Im 15. Kapitel des Johannes-Evangeliums, einem Kapitel, in dem es wie wohl in kaum einem anderen um die Liebe und enge Lebensverbindung zwischen Jesus Christus und seinen Nachfolgern geht, sagt er ihnen: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich Freunde genannt; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan“. (Joh. 15,14f) Da, wo seine Nachfolger das beherzigen – nämlich in seiner Liebe bleiben und leben –, da nennt Jesus sie nicht mehr Knecht, sondern Freunde. Denn er hat sie ja in alles mit einbezogen, was ihm sein Vater anvertraut hat. Er teilt es mit ihnen und macht sie so zu seinen Freunden, seinen Vertrauten und Mitstreitern.
Betrachten wir das biblische Gesamtzeugnis, so wird deutlich, dass diese Freundschaft, die uns Gott in Jesus Christus anbietet, nicht alternativ zu sehen ist zu anderen Benennungen: Noch immer bezeichnet sich z. B. Paulus als „Knecht Christi“ (Röm 1,1; Phil 1,1; Tit 1,1), wenn er seine völlige Hingabe an Gott, seinen König und Herrn, zum Ausdruck bringen will. Noch immer findet sich die zentrale Bezeichnung „Kinder Gottes“, die unserer neuen Zugehörigkeit Ausdruck verleiht. Daneben hat aber auch die Bezeichnung „Freundschaft mit Gott“ ihren Platz. In der Bibel begegnet sie uns nur selten, gewissermaßen als ein besonderer Höhepunkt: Gott zieht uns in völlig unverdienter Weise zu sich heran und macht uns zu seinen Freunden. Da ist keine Rede von einer plumpen Kumpanei, als ob wir uns selbst anmaßen könnten, uns mit Gott auf eine Stufe zu stellen.
Auch bei Teresa von Avila führte die Rede von der „Freundschaft mit Gott“ nicht dazu, dass sie die Hochachtung vor Gott verlor. Immer noch sprach sie Gott als „Eure Majestät“ an. Denn die Intimität und das Bewusstsein des Abstandes zwischen Gott und Mensch gehörten bei ihr untrennbar zusammen.
Die Freundschaft mit Gott bleibt etwas Besonderes, etwa wie ein besonderer Adel, den er uns verleiht. Gott sieht uns nicht einfach nur als seine Knechte oder als seine Kinder an, sondern auch als seine Freunde, denen er auf Augenhöhe...




