E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Bay Fahrendes Leben
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7116-0841-3
Verlag: novum Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit Pferden, Wagen und Ziegen unterwegs
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-7116-0841-3
Verlag: novum Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Bay wurde 1955 im Schwarzwald geboren, studierte Kunst in Hamburg und Stuttgart. 1981 veröffentlichte er 'Der Sternenstein, eine phantastische Geschichte von und für unterwegs' im Eigenverlag 'Wegzeichen'. Die Kinderfreizeit 1984 unter dem Motto 'Gaukler, fahrendes Volk', bei der er im Leiterteam hauptverantwortlich für die vier Zugpferde ist, soll sein Leben grundlegend ändern. 1985 spannen Michael und seine Frau ihre beiden Pferde vor den Wagen und ziehen vom Schwarzwald aus über Frankreich, Spanien nach Portugal und wieder zurück nach Spanien. Vier Reisejahre, Lehrjahre für ein Leben in Extremsituationen. Michael ist Vater von zwei Kindern und lebt seither mit seiner Familie in den katalanischen Vorpyrenäen.
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Bärental
Wiehern! So im allerersten Morgenlicht, Joschi stand wieder außerhalb des Zauns, Sulla drinnen und rief nach ihm. Es war klar, wir müssten den Zaun mit einem zweiten Band verstärken. Es regnete immer noch.
Bald waren wir wieder fahrbereit, die Ziegen gemolken und die Pferde geputzt. Um sie warmzulaufen, rannten wir mit ihnen nach Menzenschwand , kauften dort noch Weckle und Frustolade, spannten ein und bekamen gleich einen Schreck: Die Gäule streikten wieder, gingen abwechselnd vor und zurück, ein Glück war, dass nichts zerriss. Der Anstieg vor uns forderte uns heraus. Als ich von hinten anschob, ging ’ s dann doch. Wir waren entschlossen und die Pferde spürten das. Wir feuerten sie an, trieben sie zu einem strammen Schritt. Alle Zweifel waren verflogen. Wir würden es schaffen! Und wir schafften es! Schneller als erwartet waren wir am Pass. Ich kam mit den Ziegen hinterher. Jetzt konnten wir die dampfenden Pferde etwas verschnaufen lassen, wir gaben ihnen nochmal etwas Hafer in den selbstgenähten Beuteln, luden die Ziegen in ihren Kasten und weiter ging ’ s, bergab, bis die Bremsen stanken. Wir erreichten den Schluchsee , wir jubelten! Aha- Äule : zwei winzige Weiler mit typischen Schwarzwaldhöfen, grösstenteils aus Holz aufgebaut. Nachmittags kamen wir am Windgfällweiher an. Wir fuhren in einen Seitenweg und fanden eine schöne Waldweide und zäunten sie rasch ein. Während wir am Feuer kochten, zitierte Domenica mit feierlicher Stimme:
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“
„Hermann Hesse, nicht?“, so vage erinnerte ich mich.
„Ja, es ist mitten raus aus einem seiner Gedichte, später kommt dann noch der Satz: ‚Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen; nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen ‘ … “
*Hermann Hesse „Stufen“
„Donnerwetter, du hast ’ s aber drauf!“ Ich war voller Bewunderung.
„Weil ’ s so gut passt. Immer schon hat mich das zu meinen Reisen animiert, vor der Indienreise …“ Wir gingen noch etwas spazieren.
Danach zogen die Pferde bestens wieder an, es blieb ihnen auch nichts anderes übrig, wenn ’ s bergab ging. Altglashütten , nach einem kurzen Stopp an einer Tankstelle, um die Reifen aufzupumpen, kutschierten wir weiter, und wie wir die restliche Strecke nach Bärental genossen!
Filomena und Franz mit ihren drei kleinen Kindern wohnten einige Kilometer außerhalb der Ortschaft in einem ruhigen Tal und bewirtschafteten einen Milchviehhof. Es gab ein herzliches Wiedersehen, als wir den Tannenhof erreichten, die Pferde konnten auf eine für die Kühe vorbereitete Weide und die Ziegen gleich dazu. Bernd und Anke waren auch da, sie halfen Franz beim Melken der Kühe und auch sonst bei allen anderen Arbeiten, die auf dem großen Hof anfielen. So waren wir beim Abendessen eine große Runde. Wir berichteten von unseren letzten Erlebnissen. Filomena freute sich über die frische Ziegenmilch, sie stillte ihren Jüngsten und meinte, ein paar Ziegen auf dem Hof wären nicht schlecht. Und wir freuten uns, etwas beitragen zu können, was geschätzt wurde.
Einige Zeit blieben wir hier auf dem Tannenhof. Der Amtstierarzt kam aus Titisee und wir holten die Tiere von der Weide. Gründlich untersuchte er unsere Pferde, Haflinger, trug jeden einzelnen Wirbel und die Form der Blesse in ein mehrsprachiges Diagramm ein.
„Eure Ziegen sind hübsch, bunte deutsche Edelziegen, wo habt ihr die her?“
„Vom Windberghof.“
Er nahm noch Blut ab. Wir gaben ihm die vorbereiteten Fotos mit und er meinte dann, dass er die amtstierärztliche Bescheinigung bringen würde, außerdem die für Frankreich notwendige Grundimmunisierung gegen Tetanus und Tollwut und er fragte dann:
„Wo wollt ihr denn hin?“
„Nach Andalusien. Die Idee ist, dass wir dort den Winter verbringen und dann gegen Sommer wieder zurückkommen.“ Er wünschte uns viel Glück.
In der Zwischenzeit konnten wir unseren Wagen verbessern, Franz hatte ein Schweißgerät und so konnte ich noch die Federung erhöhen und die Fußbremse anbringen, die ich bereits in Urberg vorbereitet hatte. An einem schönen Sonnentag nahmen wir nochmals die Plane ab und Domenica vervollständigte sie und brachte mit ihrer Handkurbelnähmaschine weitere Schlaufen an, sodass wir die Plane vorne und hinten perfekt zumachen konnten.
Natürlich halfen wir auf dem Tannenhof mit, wo wir konnten, Domenica mahlte Mehl und backte Brot, ich spaltete Brennholz, wir heizten jetzt schon den Küchenherd ein, Mitte September, und so roch es immer angenehm nach Holzfeuer, mittags kochten wir darauf und abends, wenn es draußen unangenehm kühl wurde, so knisterte es in der Küche gemütlich warm. Wir halfen beim Heu machen, die langen Elektrozäune für die Kühe mussten von Gras und Gebüsch frei gehalten werden, wir schafften Silage für die Kühe aus dem Silo und in ein zweites Silo packten wir Gras rein.
Als ich mit Franz das Gras im Hochsilo feststampfte und wir schon einige Ladungen mit den Gabeln hochgebracht hatten und wieder stampfend am Festpressen waren, meinte Franz, das wäre doch eine doofe Arbeit, das müsste doch irgendwie einfacher gehen. „Wie so Idioten trampeln wir da im Kreis herum.“
Und als er weiter mürrisch rummoserte, begann ich zu erzählen: „In der Oberschwabenhalle von Ravensburg gab es mal eine große Show, ich ging damals noch in Ravensburg zur Schule. Dort ist ein großer Yogi aus Indien aufgetreten, Zuschauer hatten Räucherstäbchen angezündet und waren so locker in bunten Klamotten. Zu der Zeit bin ich kaum mal aus Deutschland rausgekommen, und so war ich wie in einer anderen Welt. Es war eine Show und es wurde viel geredet, doch dann kam der Yogi, nackter Oberkörper, ein weißes Tuch um die Hüften, ein Bär …, vier Männer, Inder, hielten auf einer Seite eine dicke Metallstange, auf der anderen Seite stand der Yogi, hob das angespitzte Ende an seine Brust, legte die Hände auf den Rücken, betete oder sprach ein Mantra oder was weiß ich, machte zwei, drei Schritte nach vorne und die Stange bog sich zu einem U. Lässig warf er die Stange in eine Ecke, eine weitere Stange wurde gebracht, jetzt setzte er die Spitze an seinen Kehlkopf, noch ein U, dann an seine Stirn. Als er eine weitere Stange an sein Auge setzte, legte er ein Tüchlein dazwischen. Natürlich wurde großartig demonstriert, dass es wirklich nur ein Stückchen dünner Stoff war. Und dann das Gleiche nochmal, Hände auf den Rücken, ein Moment der Konzentration, zwei, drei Schritte und noch eine zum U verbogene Stange! Es war der Hammer! Es gab dann mal ’ ne Pause zwischendurch. Eigentlich bin ich ja kein Zweifler, aber das mit den Metallstangen musste ich doch nochmal genauer sehen und ging runter zur Bühne, kletterte seitlich hoch, wo die Stangen noch lagen und drückte, drückte mit all meiner Kraft, noch nicht mal einen Millimeter verbog sie sich und wie schwer die war! Nach der Pause wurden Glasflaschen zerschlagen und der Yogi legte sich mit nacktem Oberkörper darauf, es wurde ein Brett auf seine Brust gelegt und die vier Männer stellten sich darauf, natürlich floss kein Blut. Wieder wurden Flaschen zerdeppert, schön auf dem Boden ausgebreitet, wieder legte sich der Yogi darauf, diesmal wurde das Brett wie eine Rampe auf seine Brust gelegt, Motorengeräusche von einem großen LKW, Tore wurden geöffnet und so ein dicker LKW, gelb, wie man sie auf den Baustellen braucht, fuhr ’ rein. Vor dem Yogi hielt er nochmal an, einer der Inder winkte und der schweißüberströmte Fahrer lenkte vorsichtig den LKW mit einem der Vorderräder auf das Brett, stand dann ’ ne Zeitlang bis der Inder wieder winkte, der LKW fuhr wieder zurück, die Inder hoben das Brett zur Seite, der Yogi stand auf, zeigte seinen Rücken, natürlich kein Blut. Die Zuschauer applaudierten … Tja, irgendwie gibt ’ s noch andere Kräfte …“
Franz setzte sich im Meditationssitz aufs Gras, legte die Hände auf die Knie, Daumen und Zeigefinger zusammen und sang ein kräftiges OM ...




