Becker / Kinkel / Pfrommer | Die dreizehnte Stunde | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Becker / Kinkel / Pfrommer Die dreizehnte Stunde


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8412-1046-3
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-8412-1046-3
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zwölf Meister ihres Fachs - zwölf Sternstunden der Geschichte.

Ein außergewöhnliches Projekt: Zwölf renommierte Autoren berichten von schicksalhaften Augenblicken, die die Welt aus den Angeln gehoben haben. Mitreißende Geschichten über folgenschwere Momente, die das Ende oder den Beginn einer Epoche markieren - und zu Platon, Kleopatra oder ins Kalifenreich führen. Zeitwenden von der Antike bis in die Neuzeit, farbenprächtig und brillant erzählt. mit: Tanja Kinkel, Kari Köster-Lösche, Bernhard Kempff, Gisbert Haefs, Guido Dieckmann, Frederik Berger, Eric Walz, Charlotte Lyne, Iris Kammerer, Eve Rudschies, Frank S. Becker, Michael Pfrommer.



Dr. Frank S. Becker, geboren 1952, studierte Physik, lebt in München und ist in einem großen deutschen Industriekonzern für Hochschulfragen zuständig. In den letzten drei Jahrzehnten bereiste er intensiv den Mittelmeerraum, einschließlich des Nahen Ostens, und lieferte als Fotograf Beiträge zu Reiseführern. Seine Reisen sowie die intensive Beschäftigung mit der römischen Kaiserzeit bilden die Grundlage der Romane 'Der Abend des Adlers' und 'Der Preis des Purpurs'. Er war Sprecher von Quo Vadis und Mitautor des Romans 'Das dritte Schwert' (AtV).
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DAS BUCH DER TOTEN
Kleopatra VII. und ihr Ende

MICHAEL PFROMMER


Alexandria in Ägypten, 30 v. Chr.


Der Nachtwind frischte auf, und mit ihm verstärkte sich der Geruch von Tang und Dünung. Die See leckte mit feinen Wellen an der Kaimauer. Von der im Hafen ankernden Flotte klangen Postenrufe ans Ufer, doch die Schiffe waren für mich nichts als vage Schemen, genauso unsichtbar wie die Große Bibliothek direkt hinter mir.

Sogar das Signalfeuer des gigantischen Leuchtturms, das seit Jahrhunderten Alexandrias Hafeneinfahrt beschirmte, war seit Tagen erloschen, als hielte selbst dieses Weltwunder den Atem an, so wie die ganze Metropole. Meine Vaterstadt lag in tiefer Finsternis, es herrschte beinahe Totenstille. Die Alexandriner duckten sich angstvoll in ihren Häusern, paralysiert von der bangen Frage, ob die siegreichen Römer nicht doch noch brandschatzen und plündern würden.

Als ich mich auf die Kaimauer setzte, glaubte ich die Angst beinahe körperlich zu spüren, obwohl ich doch eigentlich zu den Siegern zählte. Zwar war ich gebürtiger Alexandriner, aber zugleich auch der Lehrer und einstige Erzieher Octavians, dessen Legionen den Weltmachtsträumen einer Kleopatra vor wenigen Tagen ein gewaltsames Ende bereitet hatten.

Der kaum 33-jährige Sieger hatte darauf bestanden, dass ich beim Einmarsch seiner Truppen neben ihm ritte. Während wir inmitten seiner Legionäre durch die Straßen paradierten, erkundigte er sich entspannt nach mancherlei Sehenswürdigkeiten, und selbst ich zermarterte mir den Kopf, was er damit bezwecken könnte. Wenig später verkündete er der vor Angst gelähmten Bürgerschaft, er werde ihre Stadt aus drei Gründen verschonen. Zum Ersten in Erinnerung an Alexander den Großen, der die Stadt vor drei Jahrhunderten gegründet habe. Zum Zweiten, weil er die Schönheit der Metropole bewundere, und zum Dritten aus Respekt vor mir, seinem langjährigen Lehrer und Freund Areios.

Noch nach Tagen wusste ich nicht, was ich davon halten sollte. Im Grunde hielt ich noch jetzt den Atem an und fragte mich, was diesen geborenen Politiker wohl daran gehindert haben mochte, das legendäre Alexandria seiner Soldateska zum Fraß vorzuwerfen. Ich wusste nur allzu gut, dass mein einstiger Schüler keine Skrupel kannte, wenn es darum ging, seine Feinde auszuschalten, und die besiegte Nilmetropole war die Hauptstadt Kleopatras, die Octavian selbst zur größten Feindin Roms erklärt hatte. Sein generöses Verhalten war nicht nur unverständlich, sondern geradezu unheimlich, schließlich überließ er nichts, aber auch gar nichts dem Zufall. Ich hatte nie einen kälter kalkulierenden Mann erlebt.

Mitternacht war längst vorüber, und ich grübelte immer noch, sogar hier vor der Ruine der einst weltgrößten Bibliothek. Selbst nach Jahren der Abwesenheit spielte mir meine Phantasie immer noch Streiche, und so hatte ich auch jetzt den Geruch jenes Feuersturms in der Nase, dem die Bibliothek vor Jahren zum Opfer gefallen war. Seit meiner Rückkehr zog es mich nun Nacht für Nacht an diesen Ort, an dem mein Großvater ein grausig-loderndes Ende gefunden hatte, als er versuchte, in letzter Sekunde kostbare Schriftrollen zu retten. Philosophie und Bildung waren ihm zum Schicksal geworden.

Für einen Philosophen war das fraglos ein würdiges Ende und die zusammenstürzende Bibliothek ein gewaltiges Grab, doch angesichts des Ausmaßes der Katastrophe hatte man seinerzeit nicht einmal seine Überreste bergen können. Noch immer fiel es mir schwer, mich damit abzufinden, dass das Grab des alten Herrn einzig in dem imposanten Mahnmal bestand.

»Areios?« Eine raue Soldatenstimme riss mich abrupt aus meiner Grübelei. »Areios? Wo bist du? Epaphroditos verlangt nach dir.«

Der Mann schwenkte eine Fackel, sonst hätte ich ihn in der Dunkelheit niemals entdeckt. »Worum geht es?«, fragte ich, als ich ihn erreichte.

»Komm schnell zum Grab Kleopatras, es ist dringend.« Im nächsten Moment eilte er auch schon voran und zwang mich buchstäblich in sein Kielwasser. Epaphroditos war ein früherer Sklave Octavians und nach seiner Freilassung heute einer seiner engsten Berater. Auch wenn wir uns nicht mochten, so war der Mann bei weitem zu einflussreich, als dass ich die Aufforderung hätte ignorieren können. Mich beschlich ein ungutes Gefühl, als ich hinter dem Legionär herhastete, in der mondlosen Nacht kein leichtes Unterfangen. Erst jetzt dämmerte mir, dass man wahrscheinlich eine ganze Reihe von Boten losgeschickt hatte, um mich in der nächtlichen Metropole aufzuspüren. Der Anlass musste also mehr als dringlich sein. Zumindest ahnte ich, dass mein junger Fackelträger ein solches Tempo nur deshalb anschlug, um meinen Fragen zuvorzukommen.

Ich wusste, dass Kleopatra nach der Kapitulation ihrer Truppen von Octavian die Erlaubnis erhalten hatte, in ihrem Mausoleum der Asche ihres geliebten Antonius ein Totenopfer darzubringen. Und auch wenn die einst mächtigste Frau der Welt jetzt nur noch eine Gefangene war, so war die Königin für Octavian nach wie vor eine Schlüsselfigur. Dennoch konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, weshalb man mich nun plötzlich zu Hilfe rief, und so verstärkte sich meine Beklemmung mit jedem Schritt. Letztlich sollte ich wahrscheinlich nur irgendwelche Wogen glätten.

Im Grunde vermittelte ich seit Tagen zwischen den arroganten Römern, den verwirrten Ägyptern und den panischen Alexandrinern. Ziemlich zynisch, dass ausgerechnet ein Mann wie ich in meiner alten Heimat plötzlich wieder so hoch im Kurs stand, obwohl ich doch seit Jahren als Persona non grata gehandelt worden war. Schließlich hatte ich nie ein Hehl daraus gemacht, dass ich Kleopatra verabscheute, so wie insgeheim viele meiner alexandrinischen Landsleute.

Die Trümmer der Großen Bibliothek lagen mittlerweile weit hinter uns, und dann schälte sich am Ufer das Grab im Schein zahlreicher Fackeln aus der Dunkelheit.

Die Königin hatte das Bauwerk erst in den letzten Monaten vor unserem Einmarsch aufmauern lassen. Ganz im Gegensatz zu ihrer Vorliebe für Prunk und Pomp war das Gebäude nicht sonderlich groß, kaum vierzig Ellen lang und zwanzig Ellen breit.

Eine vergitterte Fensterreihe öffnete sich im ersten Stock über einem trutzigen Erdgeschoss, dessen fensterlose Mauern sich nur für die mächtige Pforte öffneten, während das hohe Giebeldach mit dem Nachthimmel verschmolz, als wüchse es direkt in die Sterne hinein.

Mit dem rohen Mauerwerk glich die Grabstätte schon beinahe einer Festung, und die verzweifelte Königin hatte sie bei unserer Invasion auch tatsächlich als Zuflucht genutzt und sich hier zusammen mit zwei Hofdamen, ihrem Staatsschatz und Unmengen von Teer und Werg verschanzt. Ein wahrhaft symbolisches Refugium, zumal sie gedroht hatte, den Schatz samt Gebäude anzustecken, um in den Flammen zu sterben, falls Octavian nicht auf Verhandlungen eingehen würde. Doch am Ende waren die drei Frauen und der Schatz den Siegern lebend und unversehrt in die Hände gefallen.

Unser Einmarsch hatte die Bauarbeiten unterbrochen, die Außenwände waren wie das Innere weitgehend schmucklos geblieben. Noch jetzt lagerte überall Baumaterial, das wohl nie mehr Verwendung finden würde. Beinahe sinnbildlich für das gescheiterte Lebenswerk und die politischen Phantasien der Bauherrin. Grenzen hatte eine Kleopatra nie akzeptiert.

Eigentlich unglaublich, aber sie hatte tatsächlich um die Weltherrschaft gespielt, der einsame Kampf einer einsamen Frau, bei dem ihr zwei Männer zum Sieg hatten verhelfen sollen. Erst der göttliche Iulius Caesar und nach seiner Ermordung sein vormaliger Reitergeneral Mark Anton. Und beide Männer waren von ihr geradezu besessen gewesen. Caesar wollte sich sogar zum König krönen lassen, um seiner königlichen Freundin ebenbürtig zu sein, und zahlte für diese Hybris im republikanischen Rom mit seinem Leben. Er wurde von seinen besten Freunden ermordet. Ob Kleopatra einen der beiden wirklich geliebt hatte? Den alternden Caesar vielleicht weniger als den Frauenhelden Antonius, aber wer konnte schon in die Seele einer Frau blicken?

Doch Liebe hin oder her, wie so viele aus der Familie der Ptolemäer hatte auch Kleopatra davon geträumt, das Weltreich Alexanders des Großen aufs Neue zu errichten. Und so hatte sie ihre Kinder, die sie Caesar und Mark Anton geboren hatte, zu Königen Asiens gekrönt. Warum klein anfangen, wenn man die Welt besitzen kann?

Um das Römerreich zu kontrollieren, hatte sie schließlich Mark Anton in einen Bürgerkrieg gegen Octavian und weite Teile der römischen Oberschicht getrieben, und Octavian war pikanterweise der Adoptivsohn Caesars. Erst die Seeschlacht von Actium brachte im letzten Jahr die entscheidende Wende, bis Mark Anton in aussichtsloser Lage Selbstmord beging und damit Kleopatras letzte Machtoption brach. Sie hatte fürwahr ein königliches Spiel gespielt und zweimal knapp verloren, knapp, aber endgültig.

Was als größenwahnsinniges Ringen um die Weltherrschaft seinen Anfang nahm, endete als Kampf dreier Frauen gegen den Rest der Welt und gegen die Legionen Roms. Am Ende regte sich selbst in Kleopatras eigener Hauptstadt keine Hand zu ihrer Verteidigung. Eine Königin ohne Volk, eine wahrhaft tragische Einzelkämpferin. Weltgeschichte konnte episch sein, vor allem wenn sie von Römern geschrieben wurde.

Als wir das Grabmal erreichten, fanden wir das Areal von Legionären abgeriegelt. Mein Begleiter musste mehrfach Parole geben, um die Wachen zu passieren. Die Legionäre wirkten hochgradig nervös, ich fing betretene Blicke allerorten. Nein, hier ging es nicht um irgendeinen lästigen Zwischenfall, hier ging...



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