E-Book, Deutsch, Band 1, 288 Seiten
Reihe: Frau Nägele
Becker Scho wägga de Leut!
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8392-7718-8
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Frau Nägele ermittelt
E-Book, Deutsch, Band 1, 288 Seiten
Reihe: Frau Nägele
ISBN: 978-3-8392-7718-8
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Helga Becker, geboren 1958 in Murr an der Murr, ist Mutter von zwei Töchtern. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Fotografen Richard Becker, im Bottwartal. Nach dem Abitur und einer kaufmännischen Lehre vom Vater zur Drechslerin ausgebildet, ist sie heute Stadtarchivarin in ihrer Heimatstadt Steinheim an der Murr. Die Archivbestände und ihre lebhafte Phantasie liefern die Grundlage für ihre erste Krimigeschichte, die sie mit viel Lokalkolorit zu Papier gebracht hat. Daneben hat sie mit ihrem Mann schon einige Bücher zu kunsthandwerklichen Themen und Architektur veröffentlicht und sie tourt mit ihrer Bühnenfigur »Frau Nägele« als schwäbische Kabarettistin durch das Ländle.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 2
Die Uhr tickt, deshalb entscheide ich mich für die Abkürzung über das Promillewegle. Dass das jedoch keine gute Idee war, merke ich sofort. In den letzten Tagen hat es immer wieder heftig geregnet, und der Feldweg ist komplett aufgeweicht. Der Matsch spritzt von den Reifen auf die Karosserie, und ich weiß genau: Da wird sich der BMVÄ nicht freuen!
Aber es hilft nix. Ich muss etwas Zeit rausholen und trete das Gaspedal durch. Hamilton hätte seine Freude an mir. Über die Senken schanze ich professionell hinweg. Die Holpertour macht mir richtig Spaß. Ich komme mir vor wie bei der Rallye Paris–Dakar. Eher unfreiwillig mache ich ein paar Drifts links und rechts in die Randstreifenbegrünung. Das ist jetzt blöd. Da werde ich bei Gelegenheit wohl dem NABU eine kleine Geldspende zukommen lassen müssen.
Eineinhalb Minuten sind schon gewonnen, da erblicke ich in der Ferne einen Riesentraktor, der über den Acker auf meinen Feldweg zufährt.
Du wartsch, denk ich mir und drück noch mal aufs Gas.
Aber der Bulldog wartet nicht. Er will es wissen, beschleunigt ebenfalls und biegt vor mir auf den Weg ein. Unverschämt! Die Riesenräder schleudern Dreckbatzen auf meine Windschutzscheibe. Durch die freien Lücken sehe ich, dass es zwischen ihm und mir langsam eng wird. Ich sollte besser bremsen. Aber ich will nicht! Er will aber anscheinend auch nicht runter vom Weg.
Gut, du haschd es so gewollt! Dann fahr halt ich in den Acker!
Mit einem Grand-Prix-verdächtigen Schlenker ziehe ich durch den Blühstreifen in das Weizenfeld, rausche rechts am Bulldog vorbei und schere kurz vor einem Graben wieder auf den Feldweg ein. Das war knapp.
Ich schalte den Scheibenwischer ein. Der verteilt den Matsch zu einem sämigen Brei auf der Windschutzscheibe. Als ich die Wasserspritzanlage zuschalte, rauscht die Dreckbrühe über die Seitenfenster und das Autodach. Jetzt erkenne ich wenigstens den Weg wieder, aber ob der BMVÄ unseren Wagen wiedererkennen wird? Ich höre schon sein Gezeter, weil sein Heiligtum aussieht wie die Sau. Dass da heute noch eine Strafpredigt gehalten wird, ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
Ich lenke meine Gedanken auf die bevorstehende Waldführung. Für heute ist eine Gruppe von zwölf Frauen aus Oberbillig bei Trier angemeldet. Die Yogadamen verbringen ein Wellnesswochenende im Jägerhof und haben mich für die Jägermeisterin-Tour gebucht. Ich bin gespannt, was mich erwartet. Wenn die genauso drauf sind wie die letzte Achtsamkeitstruppe, schaff ich in der vorgegebenen Zeit wieder nur die halbe Strecke, weil jedes Kräuterlein am Wegesrand persönlich begrüßt wird. Aber immerhin habe ich damals gelernt, dass man ein Furunkel prima mit Dipsacus fullonum, der Wilden Karde, behandeln kann. Weiß auch nicht jeder.
Der Feldweg ist zu Ende, und ich biege auf die geteerte Straße ein. Als ich in den Rückspiegel schaue, gewinne ich den Eindruck, mein Auto wäre ein Güllestreuer. Aus den Radkästen spritzt jede Menge Erde in hohem Bogen über die Fahrbahn. Schnell richte ich meinen Blick wieder nach vorne und auf die Uhr. Und trete aufs Pedal. Mit nur einer Minute Verspätung erreiche ich schließlich das Hotel Jägerhof.
Ich kurve kreuz und quer auf dem Parkplatz herum auf der Suche nach einer Lücke. Die letzte verfügbare ist eng. Sehr eng. Nach komplizierten Rangierarbeiten stelle ich den Motor ab und hab jetzt vier Minuten Verspätung. Weitere wertvolle Sekunden verstreichen, in denen ich vergeblich versuche, mich durch den winzigen Spalt der Fahrertüre zu zwängen. Aussichtslos. Okay, ich probiere es auf der Beifahrerseite. Deren Tür lässt sich immerhin ein paar Zentimeter weiter öffnen. Ich ziehe den Bauch ein, drücke hier und zerre da. Ich höre einen dumpfen Aufprall am Nebenfahrzeug, bin aber mit dem Oberkörper schon mal draußen. Meine Hände krallen sich an der gegnerischen Dachreling fest, und ich bugsiere den Rest der Jägermeisterin mitsamt Rucksack und Jägermeisterkarton ins Freie. Schnell bestücke ich meinen Patronengurt. Die restlichen Fläschchen verstaue ich im Rucksack, denn erfahrungsgemäß muss ich während der Tour nachfüllen.
Mit zwölf Minuten Verspätung stehe ich letzten Endes vor meiner Gruppe aus Oberbillig. Die Damen haben unter dem großen Walnussbaum auf mich gewartet. Im Lotussitz lauschen sie den sphärischen Tönen einer Klangschale.
»Hallo miteinander, schön, dass ihr da seid!«, rufe ich fröhlich in die Runde.
Keine Antwort. Man würdigt mich keines Blickes. Ich warte geraume Zeit. Das Dröhnen der Klangschale macht mich aggressiv, aber ich reiße mich zusammen.
»Also, von mir aus können wir anfangen«, versuche ich es noch mal.
Keine Reaktion.
Nach einer gefühlten Ewigkeit erhebt sich eine ganz in Violett gekleidete Dame elegant vom Boden. Wohl die Chefin der Truppe. Die anderen folgen ihrem Beispiel, die meisten allerdings weniger grazil.
»Ihre Verspätung hat unseren Energiefluss unterbrochen. Wir mussten nochmals positive Schwingungen aufnehmen«, sagt die Vorsteherin tadelnd, und das Gefolge nickt.
»In der Hotelbar wär des mit de positive Schwingunga schneller ganga«, rutscht es mir heraus, und kurz fürchte ich den erneuten Einsatz der Klangschale.
Die Frau in Violett entschließt sich jedoch zu einem Lächeln, und die anderen kichern ebenfalls. Glück gehabt.
Ich angle drei Wollknäuel aus den Tiefen meines Rucksacks. Die Gruppenchefin darf sich eine Farbe aussuchen und entscheidet sich – Überraschung – für Violett. Offenbar geübt in Vorstellungsrunden, nennt sie ihren Namen, führt aus, warum sie anwesend ist und was sie von der Führung erwartet. Dann ergreift sie das Ende des Wollstrangs und wirft mit der anderen Hand das Knäuel einer anderen Yogadame zu.
»Vielen Dank, Yvonne, für deinen ausführlichen Beitrag«, bemerke ich und weiß gleich, dass die Vorstellungsrunde ewig dauern wird.
Yvonne freut sich über meinen Kommentar und wird ein bisschen rot. Während Sigrid als Nächstes ihr Sprüchlein aufsagt, wandert mein Blick unwillkürlich hinüber zur schönen Terrasse des Jägerhofs. Nach den letzten Regentagen zieht es die Menschen bei strahlendem Wetter wieder hinaus ins Freie. Sie genießen die Sonnenstrahlen ebenso wie Kaffee und Kuchen oder ein Gläschen Bottwartäler Wein. Gerade tritt Max, der Kellner, mit einem Glas Aperol Spritz auf dem Tablett aus dem Gebäude. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Elegant und sicher jongliert er das hohe Glas zwischen den Tischen hindurch und stellt es vor einer rothaarigen Dame ab, deren langer geflochtener Zopf über ihren Rücken fällt.
Während bei den Yoginis jetzt Jenny am Wollknäuel ist, beobachte ich die Frau auf der Terrasse. Sie ist nicht mehr ganz jung und keine klassische Schönheit, allerdings verfügt sie über eine natürliche Ausstrahlung. Gedankenverloren saugt sie an dem Trinkhalm in ihrem Aperol. Hin und wieder schaut sie auf ihre Uhr und sieht sich um, als ob sie auf jemanden warten würde. Wartet sie auf ihren Mann oder einen Liebhaber, überlege ich und werfe einen kurzen Blick auf meine Gruppe. Am Gewirr des Wollfadens erkenne ich, dass das Knäuel erst vier oder fünf Teilnehmerinnen passiert hat.
Ich widme meine Aufmerksamkeit wieder der rothaarigen Restaurantbesucherin. Sie ist keine von den Dörrzwetschgen, die außer Mandelmilch und Grünfutter nichts zu sich nehmen. Im Gegenteil. An den Hüften lässt das luftige Sommerkleid Pölsterchen erahnen, und der tiefe Ausschnitt zeigt die Wölbungen eines üppigen Busens. Die Arme sind wohlmodelliert und sehen nach Krafttraining aus. Für eine Frau Mitte oder Ende Vierzig tipptopp.
Gerade ist Elfriede an der Reihe sich vorzustellen, als die Rothaarige aufsteht, um Max heranzuwinken. Der muss zuerst an einem anderen Tisch abkassieren, und sie wartet ungeduldig. Immer wieder schaut sie sich um. Ihr Verehrer wird sie doch nicht versetzt haben?
Als es um mich herum plötzlich still wird, wandern meine Augen wieder zu meinen Yogadamen. Die blicken mich erwartungsvoll an. Die Vorstellungsrunde ist offensichtlich am Ende angelangt. Da wir, wie vermutet, schon eine halbe Stunde verplempert haben, verzichte ich auf eine lange Einleitung und erzähle stattdessen ein, zwei Sätze zu meiner Person, wickle die Wolle wieder auf und verstaue das Knäuel.
»Also, dann ab in den Wald mit der Jägermeisterin«, gebe ich kurz das Kommando, werfe meinen Rucksack über die Schulter und lotse die Frauen im Gänsemarsch über die Landstraße.
Wir tauchen ein in den lichten Schatten des Waldes, und ich gebe flotten Schrittes das Tempo vor. Allerdings möchte die violette Yvonne die Leitung nicht vollständig an mich abtreten.
»Meine Lieben, geht behutsam, öffnet eure Sinne und erkennt die Transzendenzerfahrung als Einheit in der Vielheit.«
Ah, jetzt ja! Was will sie uns damit sagen?
Ein Blick in die Gesichter der anderen Frauen verrät mir, dass sie das auch nicht wissen. Dennoch nicken alle bedeutungsschwer und gehen im Schleichgang weiter.
Mehrere Minuten schaffen es die Mädels offenbar, die Sinne zu öffnen und ihre Transzendenz in der Vielfalt zu vereinheitlichen. Aber irgendwann ist es genug mit Vergeistigung und Sphärenklängen. Dann bricht die Natur durch und der Geist macht Pause. Und mit jedem Schritt kommen wieder die Frauen zum Vorschein, die tratschen und lachen und rumalbern und endlich ein akzeptables Wandertempo an den Tag legen.
Der Boden ist noch feucht, und an einigen Stellen stehen kleine Pfützen. Zum Glück haben alle Teilnehmerinnen feste Schuhe an und können ordentlich ausschreiten. Na ja, fast alle. Sigrid nicht. Sie...




