Beil Das gläserne Glück
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95602-040-7
Verlag: CONTE-VERLAG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 6, 250 Seiten
Reihe: Gontard Krimi
ISBN: 978-3-95602-040-7
Verlag: CONTE-VERLAG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lilo Beil wurde im südpfälzischen Klingenmünster geboren. Die Pfarrerstochter verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Dielkirchen bei Rockenhausen und in Winden bei Landau. Ab 1966 studierte sie in Heidelberg Romanistik und Anglistik. Sie unterrichtete von 1972 bis Januar 2008 an der Martin-Luther Schule in Rimbach. Die Mutter dreier erwachsener Töchter lebt mit ihrem Mann im vorderen Odenwald. Seit frühester Jugend interessierte sich Lilo Beil für Literatur und Kunst. Ihr liegt, sagt sie, das Satirische, schon mal mit einem Schuss in Bösartige, aber es finden sich in ihren Geschichten genauso romantische und nostalgische Elemente, Spannungsmomente und die kritische Auseinandersetzung mit Geschichte und Gesellschaft. Besuchen Sie auch Lilo Beils Website: www.lilobeil.de
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
- Wissembourg
- Eine unverhoffte Begegnung
- Ein Telefongespräch
- Mord im Glashaus
- Der Nachfolger
- Eine Ehefrau
- Seebach und der andere Tatort
- Die Vertreibung aus dem Paradies
- Das Trio Infernal
- Glück und Glas
- Lottes Geschichte
- Kristallnacht
- Die Schwester
- Das Zwergenhaus
- Gespenster
- Tempora mutantur
- Zimmer
- Katz und Maus
- Das Spiel im Spiel
- Die Mutter
- Ein Tod
- Florian
- Dies und Das
- Abschied und Zukunft
- Glas
1. Kapitel
Wissembourg
Wissembourg, Weißenburg, wie die Südpfälzer das Städtchen im benachbarten Elsass unbeirrt nannten. Friedrich Gontard wunderte sich jedes Mal aufs Neue, wie der unvergleichliche Zauber dieses Ortes zu erklären war und weshalb es ihn und Anna immer wieder ins nördliche Elsass und speziell in diese Kleinstadt zog. Sie hatten soeben die Grenze passiert, ohne einen Ausweis vorzeigen zu müssen. Eine Grenze, die nun keine mehr war. Die Zollhäuschen hinterm Weintor in Schweigen, stumme Zeugen der Jahre vor dem Schengener Abkommen, standen verwaist. Die Metallrollos waren herabgelassen, die Baracken wirkten verwahrlost, vielleicht würde alles bald abgerissen werden.
Gontard schaute zu Anna hinüber, die auf dem Beifahrersitz neben ihm ebenso wie er in Vorfreude auf einen unbeschwerten Ausflugstag die malerische mittelalterliche Silhouette des Städtchens in sich aufnahm.
Er fuhr an der alten Wehrmauer mit dem Pulverturm vorbei und parkte seinen VW-Bus auf dem riesigen Place de la Foire, wo es immer eine freie Stellfläche gab, noch dazu gratis.
Und heute, an diesem 3. Oktober 1996, dem Tag der Deutschen Einheit, wurde das Städtchen von Bundesbürgern, die den Feiertag für einen Ausflug nutzten, geradezu überschwemmt. Man sah neben den einheimischen Autos mit der Zahl 67 viele Kennzeichen aus dem Saarland, aus Baden-Württemberg, aus der Pfalz und dem Hessischen.
Eine goldene Herbstsonne hüllte die Fachwerkhäuser mit ihren schiefen Dächern und uralten Ziegeln in ein warmes, leicht milchiges Licht.
Anna und Friedrich Gontard schlenderten Hand in Hand in Richtung Rue de l’Etang du Cygne und bogen in die Rue Nationale ein. Von hier aus bot sich ihnen von Weitem schon der Blick auf die Häuserzeilen mit dem imposanten Rathaus aus dunkelrotem Stein auf der rechten Seite, und ganz in der Ferne waren die Umrisse der Eglise Saints-Pierre-et-Paul wahrzunehmen, der gotischen Abteikirche, der nach dem Straßburger Münster zweitgrößten Kirche im Elsass.
Anna blieb stehen und sagte: »Warte mal einen Moment. Ich lauf nur schnell zu La Tour Blanche. Ich soll ein Buch für Lilli mitbringen. Sie hat mir den Titel aufgeschrieben, eine Herbst-Neuerscheinung.«
Nach fünf Minuten kam sie freudestrahlend aus dem Laden und überreichte ihrem Mann ein Päckchen.
»So, sie hatten es schon. Und für dich hab ich ganz spontan auch was gekauft. André Weckmann. Den magst du doch. Auf Französisch, damit du deine Sprachkenntnisse wieder ein bisschen aufpolieren kannst.«
»Oh, prima, danke. Ja, klar mag ich André Weckmanns Bücher. Und dieses hier kenne ich nicht. La Roue du Paon: Das Rad des Pfaus. Weckmann ist übrigens im gleichen Jahr geboren wie ich, 1924. Und er war ein Malgré-nous wie ich.«
Anna verstand nicht. »Ein Malgré-nous? Was ist das?«
»So nannten sich die jungen Elsässer und Lothringer, welche die Nazis gegen ihren Willen nach 1940 in deutsche Wehrmachtsuniformen gesteckt haben. Kanonenfutter für die Ostfront zumeist.«
»Na ja, aber du warst doch kein Elsässer?«
»Aber gegen meinen Willen haben sie mich auch in eine Uniform gesteckt. Das haben André Weckmann und ich gemeinsam. Und vielleicht noch dies und das.«
»Ach, Friedrich. Schon wieder das alte Thema. Komm, lass uns den Tag genießen. Carpe diem.«
Sie hakte sich unter und lachte.
»Manchmal bist du ein alter Brummbär.«
»Hast Recht, mit der Betonung auf ›alt‹.«
Vor den Auslagen der kleinen Boutique an der Ecke zur Rue des Juifs blieb sie stehen, deutete auf einen schicken Blazer in ihrer Lieblingsfarbe Taupe mit kleinen eleganten perlmuttfarbenen Pailletten am Kragen.
»Den probier ich mal an.«
Sie drückte ihrem Mann die Tüte mit den Büchern in die Hand. »Willst du warten oder mitkommen?«
Und schon war sie in der Boutique verschwunden, ohne eine Antwort abzuwarten.
Typisch Anna, dachte Gontard und trug es mit Gelassenheit.
Schon nach wenigen Minuten kam sie zurück.
»Es sollte nicht sein, in 40 gab es den Blazer nicht. Nur in Puppengröße.«
Sie waren am Maison du Sel angekommen, dem alten Salzspeicher mit dem auffallend gewellten Dach. Am Brückchen über der Lauter blieben die beiden kurz stehen und schauten hinüber zur Abteikirche.
»Heute ist vielleicht der letzte Tag, an dem ich im Freien skizzieren und zeichnen kann«, sagte Anna. »Komm, lass uns rübergehen zu den Wasserspeiern und Dämonen und zum Kreuzgang.«
Als sie vor der Fassade der Eglise Saints-Pierre-et-Paul standen, zeigte Anna nach oben.
»Guck mal, den habe ich noch nie richtig wahrgenommen. Ein schwebender Mensch unter all den Vogel- und Löwengestalten da oben.«
Der in Stein gehauene nackte Mann, welcher der Schwerkraft zu trotzen schien, ragte aus dem Pfeiler neben dem riesigen Rosettenfenster hervor, ein Bein ausgestreckt, das andere eingeknickt, als wolle er sich im Gemäuer festkrallen. Mit beiden Händen hielt er sich die Ohren zu, sein Mund war weit geöffnet. Schrie er vor Entsetzen? Wollte er die Menschen, die seit Jahrhunderten unter ihm vorbeigingen, ohne von ihm Notiz zu nehmen, warnen? War sein Schrei ein Hilfeschrei?
Gontard fiel ein, was er über die wechselvolle Geschichte des Städtchens Wissembourg und dieser Kirche gelesen hatte: Der steinerne Warner hatte die grausamen Hinrichtungen des Mittelalters erlebt, das Rädern der Juden, denen man Ritualmorde vorgeworfen hatte, später das Lodern der Scheiterhaufen, auf denen zur Zeit des Schwarzen Todes ihre Glaubensbrüder als Sündenböcke für das Ausbrechen der Pest verbrannt worden waren. Die Aufständischen der Bauernkriege, im Mai 1525 erbarmungslos abgeschlachtet von den Soldaten des Herzogs von Lothringen. Im siebzehnten Jahrhundert die fast völlige Verwüstung der Stadt und deren Entvölkerung während des Dreißigjährigen Krieges. Er war steinerner Zeuge des Erbfolgekriegs gewesen und hatte gesehen, wie die mordgierigen Soldaten des Generals Mélac vorbeizogen, um im Auftrag Ludwigs XIV. die links- und rechtsrheinische Pfalz zu brandschatzen und die Bevölkerung grausam niederzumetzeln. Dann folgte Ende des achtzehnten Jahrhunderts der blinde Vandalismus der Fanatiker der Französischen Revolution. Der Krieg von 1870/71 und danach die fast ein halbes Jahrhundert andauernde preußische Herrschaft. Im zwanzigsten Jahrhundert die beiden Weltkriege und die erneute Verfolgung der jüdischen Bürger von Wissembourg, ihre Deportation 1940 gemeinsam mit den Juden von Elsass-Lothringen, des Saarlandes, der Pfalz und Badens nach Gurs in Südfrankreich und dann nach Auschwitz. Der steinerne nackte Mann da oben schrie, doch er schrie vergeblich. Er hatte all die Jahrhunderte vergeblich geschrien. Egal, ob als Warner oder als Hilfesuchender. Er hielt sich die Ohren zu, um das Schreien der unschuldigen Opfer oder das eigene vergebliche Schreien nicht hören zu müssen.
Gontard behielt all diese Gedanken für sich, denn er wollte den heiteren Tag nicht verdüstern. Anna hätte ihm den Kopf zurechtgerückt und sich halb mitleidig, halb belustigt über ihn mokiert. Mein altes Sensibelchen, hätte sie vielleicht gesagt. Der Mann da oben ist schlicht und ergreifend ein Wasserspeier. Den Mund hat er so weit geöffnet, damit er das Regenwasser in einem hohen Strahl ausspucken kann. Lass deine Weltschmerzgedanken.
Anna hatte Recht. Sie sollten diesen schönen Herbsttag genießen, bevor es Winter wurde.
»Gehen wir zuerst rein in die Kirche? Das Wetter sieht stabil aus. Draußen kann ich später noch kurz skizzieren.«
Orgeltöne empfingen die beiden Besucher.
Das ist das Magnificat von Claudio Monteverdi, dachte Friedrich Gontard. Wie schön. In dem Moment griff der Organist arg daneben, und Anna und Friedrich mussten lachen.
Wie in allen Kirchen roch es auch hier muffig, vermischt mit einem zarten Duft nach Weihrauch. Vor dem monumentalen, elf Meter hohen Christophorus-Fresko blieb Anna stehen und zündete drei Teelichter an, stellte sie zu den vielen anderen auf die Metallhalterung, warf drei Mark in den Opferstock. »Für dich, Lilli und mich. Ach, und für meine Mutter, sie kann es gut gebrauchen«, flüsterte sie ihrem Mann zu, entzündete eine weitere Kerze und warf noch ein weiteres Markstück in den Schlitz. »Ein bisschen braucht man das Spirituelle ja doch, oder?«
Sie schlenderten nach links zum Hauptschiff. »Da gibt es was für dich zum Zeichnen, guck mal«, sagte Friedrich Gontard leise. »Mir ist, als sähe ich Einiges heute zum ersten Mal. Die Figuren da, welche die beiden Säulen links und rechts tragen. Der Architekt? Die Handwerker?«
»Und dort drüben an der Säule ganz oben, guck mal, die Fratzen«, flüsterte Anna.
Sie ließen sich in der ersten Reihe der Kirchenbänke nieder.
»Hier bleib ich, hier fang ich an mit dem Zeichnen«, sagte Anna und holte aus ihrer geräumigen Umhängetasche Skizzenblock und Zeichengeräte. »Die Fratzen reizen mich.«
Es waren sieben Köpfe, jeder anders gestaltet, und der Kopf in der Mitte trug eine Narrenkappe und hatte den Mund weit geöffnet. Aber dieser hier war kein vor Entsetzen geöffneter Mund wie der des steinernen Nackten an der Außenfassade, sondern ein zu einem grotesken Lachen nach oben gezogener Mund – unheimlich auch er.
Der Kopf daneben streckte den beiden Betrachtern die...




