Benkau | Marmorkuss | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 420 Seiten

Benkau Marmorkuss


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7320-0223-8
Verlag: script5
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 420 Seiten

ISBN: 978-3-7320-0223-8
Verlag: script5
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Jarno, ein rastloser Underdog, küsst ein Dornröschen aus dem letzten Jahrhundert wach - und wird mit ihr in einen Strudel aus Liebe und Gefahr gezogen. Ein berührender Roman mit zwei Liebenden aus verschiedenen Zeiten, meisterhaft erzählt. Er war ihr in einer alten, mit Rosen überwucherten Villa begegnet - der geheimnisvollen Figur aus weißem Marmor. Und Jarno hatte sich tatsächlich beim Fotografieren der steinernen Schönheit ein bisschen in sie verliebt. Wie verwirrt ist er nun, als nach seinem schüchternen Kuss eine lebendige junge Frau vor ihm steht, die weder elektrisches Licht noch zerrissene Jeans kennt und offenbar hundert Jahre geschlafen hat. Es beginnt eine märchenhafte Liebesgeschichte und gleichzeitig ein Spiel auf Leben und Tod. Denn Jarno ist kein Prinz - im wirklichen Leben steckt er tief in einem Sumpf aus Verbrechen ... In ihrem unvergleichlichen Stil, poetisch und rau zugleich, verwebt Jennifer Benkau, u. a. Autorin von 'Himmelsfern', 'Dark Canopy' und 'Dark Destiny', romantische Fantasy mit einer toughen Thrillerhandlung und erschafft mit dem emanzipierten Dornröschen und ihrem strauchelnden Prinzen ein überaus authentisches Liebespaar.

Jennifer Benkau lebt mit ihrem Mann, drei Kindern und zwei Katzen inmitten lauter Musik und vieler Bücher im Rheinland. Nachdem sie in ihrer Kindheit Geschichten in eine Schreibmaschine gehämmert hatte, verfiel sie pünktlich zum Erwachsenwerden in einen literarischen Dornröschenschlaf, aus dem sie zehn Jahre später, an einem verregneten Dezembermorgen, von ihrer ersten Romanidee stürmisch wachgeküsst wurde. Von dem Moment an gab es kein Halten mehr.
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KAPITEL 2

Urban Exploration

Der Himmel hing tief und hatte die Farbe von uralten Tennissocken, die man ständig mit Jeans zusammen gewaschen hat. Schneeregenfarben. Jarnos vom Joggen abgehackte Atemstöße gefroren in der Luft. Er musste wirklich wieder mehr für seine Kondition tun.

Als er zum Treffpunkt kam, dem Hinterhof einer verrottenden Autowerkstatt, zelebrierte Ben bereits die ersten Korbwürfe. Jarno steckte sich eine Zigarette an und beobachtete seinen Freund, ohne auf sich aufmerksam zu machen. Ben schmiss nie einfach den Ball durch das dafür vorgesehene Gitternetz, sondern machte ein Kunstwerk aus jedem Wurf, in dem nicht nur gewonnene Punkte von Bedeutung waren, sondern auch, ob seine Rastas beim Wurf flogen und sein Gesichtsausdruck stimmte. Er war der Auffassung, dass selbst Kobe Bryant ohne sein gutes Aussehen nie zu Ruhm gekommen wäre. Und was Kobe konnte, konnte Ben erst recht. Dachte er. Die Tatsache, dass er statt in einer Basketball-League auf dem Hinterhof einer Autowerkstatt spielte, tat nichts zur Sache. Man wusste ja nie, wann man den großen Wurf landete.

Jarno kratzte gefrorenen Putz von der Garagenwand, golfballgroße Stücke bröckelten herab. Die Gegend verfiel in den letzten Jahren immer schneller. Wer es sich leisten konnte, zog fort. Die übrigen Menschen winkten zum Abschied, schnäuzten in ihre Taschentücher und warfen sie zu all dem Müll am Boden, aus dem sie so gerne herausgekommen wären. Die Stadt war ein steingewordener Abschiedsschmerz, an jeder Ecke schnitt man sich an zerbrochenen Träumen.

Ben und Jarno waren hier aufgewachsen, die alte Werkstatt war für sie Spielplatz, Klassenzimmer und Rückzugsort zugleich gewesen. Die Mechaniker hatten sich von ihnen die Werkzeuge anreichen lassen und sie zum Kiosk oder zum Zigarettenautomaten geschickt. Als Lohn durften die Jungs in den Autos sitzen und zwischen den Garagen Fußball spielen. Zu Weihnachten, als Ben neun und Jarno bereits zehn gewesen war, hatten die Männer einen Ball spendiert, einen Korb angebracht und Kreidelinien auf den ölfleckigen Boden gemalt.

Die Linien sowie die Mechaniker waren im Laufe der Zeit erst spröder und dann weniger geworden und schließlich verschwunden. Zurück blieben ein paar an die Garagenwände gelehnte Autotüren sowie Blechreste, alte Reifen, ausgetrocknete Ölkanister und jede Menge zertretene Bierdosen, mit denen man kicken konnte. Außerdem der ausgeweidete Leichnam eines rostigen Audis. Vor vielen, vielen Jahren hatte Jarno, auf der Motorhaube sitzend, seine erste Zigarette geraucht und vor nicht ganz so vielen, aber immer noch zu vielen Jahren den ersten Sex auf den schimmelnden Rücksitzpolstern gehabt. An einer Innenscheibe fanden sich noch Reste eines mit Lippenstift gemalten Herzchens. Janine + Jarno.

Hübsch klang das, aber ergeben hatte es hässlichen Krach und mehr nicht.

Nach ihr hatte er mit zu vielen Mädchen zu viel Sex gehabt, was ohne erkennbaren Übergang in eine Phase geglitten war, in der er überhaupt keinen Sex mit überhaupt keinem Mädchen mehr hatte (und auch sonst mit nichts und niemandem). Und dann war Sev gekommen und mit ihr der Wunsch, nur noch mit ihr Sex zu haben. Ben, gescheiter Knabe und Hobbypsychologe, meinte, dass Jarno Seval nur wollte, weil sie die Letzte war, die er kriegen würde. Selbstzerstörerischer Drang, das Unerreichbare zu erreichen, nannte er es. Jarno widersprach nicht. Es klang realistisch, doch gleichzeitig viel zu pathologisch, um es glauben zu wollen.

»He, Toffee!«, rief Jarno Ben zu und rauchte den letzten Millimeter Zigarette vor dem Filter, ehe er die Kippe auf den Boden warf. Die Dinger waren teuer und er schon wieder fast blank. Das Gitternetz klimperte, als der Ball hindurchglitt. Er tippte auf, sprang auf dem unebenen Asphalt zur Seite und prallte gegen ein durchgerostetes Garagentor, sodass es rotbraune Stückchen rieselte.

Ben kickte den zurückrollenden Ball mit dem Fuß hoch und fing ihn auf. »Hey, Jarno. Musst du dich so anschleichen?« Er sprach seinen Namen englisch und mit lang gezogenem O aus (was Jarno nervte), bewegte sich in breitbeinigen Schritten und mit schlenkerndem Arm auf ihn zu und spielte den Gangsta, der er nicht war. Ben konnte mit der Masche Leute dazu bringen, die Straßenseite zu wechseln, und hatte einen Ruf in der Stadt, der dafür sorgte, dass ihm nie jemand zu nahe trat. Woher er den hatte, war Jarno unklar. Der ein Meter neunzig große Schwarze mochte aussehen wie jemand mit reichlich Strichen auf dem Kerbholz, aber sein Gewissen war weiß wie Schnee. Der frisch gefallene, nicht der, der die bösen Jungs reich machte.

Jarno boxte ihn zur Begrüßung spielerisch vor die Brust. Verdammt, Bens Stirn sah aus wie frisch gepudert, dabei trainierte er sicher schon eine halbe Stunde. Jarno japste schon vom Joggen.

»Was macht die Kunst?«, fragte Ben und wechselte wieder in einen normalen Tonfall und die dazu passende Körperhaltung.

»Reden wir nicht drüber.«

»Alles klar, Sissy. Hey, ich hab was für dich.« Ben zog ein zerknülltes Stück Papier aus der Hosentasche und reichte es ihm. Eine Telefonnummer stand darauf, mehr nicht.

»Was ist das?«

»Kommt von einer Braut, die scharf auf dich ist.« Bens Lachen erinnerte an Will Smith, wenn er unfreiwillig komisch mimte. »Nee, Quatsch, ich weiß ja, dass du noch nicht über Seval weg bist. Was im Übrigen kein Wunder ist, wenn ihr zusammen wohnt. Du solltest sie rauswerfen, echt. Sie tut dir nicht gut.«

»Deine Mutter tut dir auch nicht gut und du schmeißt sie nicht gleich raus.« Jarno feixte. »Aber die wäscht ja auch deine Unterhosen. Seval lässt mich ihre waschen.«

»Veralber mich nicht, ich meine das ernst. Du machst dir noch Hoffnungen, stimmt’s?«

Ja. »Nein.«

»Lügner.«

»Wir sind Freunde und teilen uns die Bude. Außerdem wäre es ungerecht, sie rauszuwerfen, nur weil ich scharf auf sie war. Und ihren Mietanteil brauche ich, ohne ihr Geld geht es nicht.«

Ben verschränkte die Arme, legte den Kopf schräg und sah die zehn Zentimeter auf Jarno herab, als wäre er der große Bruder statt der sechs Monate jüngere Kumpel. »Drei Argumente zusammensuchen zu müssen, heißt, dass man kein einziges hat, das einen selbst überzeugt.«

Leider, leider traf Ben nicht nur beim Basketball so effizient. »Ach, rede keinen Blödsinn.« Halt vor allem den Mund, wenn du recht hast.

Jarno hob den zwischen Zeige- und Mittelfinger geklemmten Zettel an. »Was ist das für eine Nummer?«

»Von meinem Chef«, antwortete Ben, als wäre es nebensächlich, aber irgendwo in seinem Augenwinkel hockte ein Hinweis, dass dem nicht so war. »Der will für den Club neue Flyer drucken lassen. Hochglanz, schickes Motiv, irgendwas Edles. Ich hab ihm gesagt, dass du so was kannst. Sollst dich ruhig mal melden.«

Jarno hatte das unbestimmte Gefühl, dass mehr dahintersteckte als ein paar Euro unter der Hand fürs Werbedesign, aber Ben drehte sich bereits weg und positionierte sein Handy auf dem Dach der Autokarosse, damit sie während des Spielens Musik hören konnten. Tupac und Ähnliches; sein Image galt schließlich gepflegt zu werden. Dass der Typ Adel Tawil und Tim Bendzko auf seinem iPod hatte, wusste niemand außer Jarno.

»Ruf ihn an, okay?«, bat Ben leise, ohne ihn noch einmal anzusehen. Jarno konnte es nicht definieren, aber irgendein Nerv saß nicht ganz behaglich in seiner Nische. Etwas roch faul und Probleme waren das Letzte, was er gebrauchen konnte. Andererseits gab er nicht viel auf Intuition, zumindest nicht, wenn es seine eigene betraf, und anzurufen schadete ja nicht.

»Mach ich. Aber jetzt lass uns spielen. Wie lang hast du Zeit, Toffee?«

Ben sah aufs Handy. »Ich muss um sechs bei der Arbeit sein.« Er jobbte in einem Nachtclub als Kellner, manchmal half er auch bei der Security aus. Die meisten glaubten, das sei nur ein Vorwand, um an Kunden zu gelangen und Geschäfte abzuwickeln. Drogen, Frauen, Waffen. Glaubte man den Gerüchten, müsste Ben längst Millionär sein. Er ließ sie in dem Glauben – und sie ihn in Ruhe.

»Bestens, ich ebenso«, erwiderte Jarno, schälte sich aus den obersten zwei Jackenschichten und warf sie über einen Stapel alter Felgen. »Dann hab ich noch zwei Stunden, um dich fertigzumachen. Kannst du danach überhaupt noch arbeiten?«

Ben grinste. »Wovon träumst du denn nachts, Sissy?«

Jarno nahm ihm den Ball ab, dribbelte drei Schritte Richtung Korb, warf, versemmelte einen Dreier und verfluchte den Winter. Er hasste diese …

* * *

… Kälte.

Plötzliche Kälte überkommt mich wie aus dem Nichts, als hätte sich eine Wolke vor die Sonne geschoben. Etwas brennt eisig in meinem Nacken. Hat mich ein Tier gestochen? Nein, da ist nichts, nur dieses Kribbeln, das meine Wirbelsäule entlangkriecht. Aus einem Impuls heraus drehe ich mich um und beinah muss ich schreien.

»Klara, was hast du?«, fragt Johan besorgt. »Hast du dich eben doch verletzt?«

Ich zwinge mich, den Schreck zu verbergen. Zehn Meter hinter uns zwischen den duftenden Linden, die ich so gern mag, steht die Frau im grünen Kostüm. Sie starrt mich an.

»Johan, bitte dreh dich nicht um«, flüstere ich im Weitergehen. »Da ist eine Frau, die schaut mich immerzu an. Ich habe sie schon einmal gesehen, das kann kein Zufall mehr sein.«

Johan entzieht mir seine Hand, langsam, aber bestimmt. »Glaubst du, sie beobachtet uns?«

Mein Hals schwillt nach innen an, ich kann kaum sprechen. »Kann möglich sein. Gestern stand sie beim Internat, als ich aus dem Seminar kam. Und heute Nacht …« Ich kann nur noch wispern und habe dennoch das Gefühl, dass die fremde...


Jennifer Benkau lebt mit ihrem Mann, drei Kindern und zwei Katzen inmitten lauter Musik und vieler Bücher im Rheinland. Nachdem sie in ihrer Kindheit Geschichten in eine Schreibmaschine gehämmert hatte, verfiel sie pünktlich zum Erwachsenwerden in einen literarischen Dornröschenschlaf, aus dem sie zehn Jahre später, an einem verregneten Dezembermorgen, von ihrer ersten Romanidee stürmisch wachgeküsst wurde. Von dem Moment an gab es kein Halten mehr.



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