E-Book, Deutsch, Band 9, 640 Seiten
Reihe: Fürstenkrone
Berg / Borchert / Bianca E-Book 81-90
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7409-6370-5
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Fürstenkrone Staffel 9 - Adelsroman
E-Book, Deutsch, Band 9, 640 Seiten
Reihe: Fürstenkrone
ISBN: 978-3-7409-6370-5
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Charlotte Berg hat als große alte Dame der Romankunst Erzähltraditionen aufgebaut, die heute als Romangenres anerkannt und vom Markt nicht mehr wegzudenken sind. Viele beliebte Serien gehen auf ihre Ideen zurück, Charlotte Berg hat Fundamente errichtet, auf denen sich herrlich schreiben ließ. In den Romantic Thrillern wie GASLICHT und IRRLICHT entwickelte sie eine dichte Atmosphäre, die die Leserinnen und Leser schaudern und gruseln ließ; in Familien-, Arzt- und Adelsromanen war sie nicht minder aktiv. Als herausragende Persönlichkeit hätte sie jederzeit auch eine musikalische Karriere am Klavier oder in der Oper verwirklichen können - ihre Talente waren beispielhaft.
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Die Strahlen der Frühlingssonne fielen durch hohe Fensterbögen, verfingen sich in zartem durchsichtigem Tüll hinter blitzenden Scheiben und malten zitternde Kringel auf die leuchtenden Farben des heiter gemusterten Teppichs, der den Boden des eleganten Damensalons im Palais von Roussillon bedeckte.
Feine alte Möbel aus Rosenholz im Stil des Rokoko standen an Wänden, an denen Bilder scharfgeschnittener, edler Männergesichter und sanfter, schöner Frauenantlitze in kostbaren Rahmen hingen.
Mitten im Raum, auf einem mit heller Seide bezogenen Rokokosofa saß eine schlanke Frauengestalt unbestimmbaren Alters.
Ihre Figur glich in ihrer Zierlichkeit und Anmut der eines jungen Mädchens. Die Züge des zarten Antlitzes waren ebenmäßig und edel, und reiches Blondhaar mit dem Schimmer goldenen Blütenhonigs war auf dem Kopf einer Krone gleich aufgesteckt. Über großen Augen von sonderbar intensivem Blau spannten sich hohe Brauenbögen.
Unzweifelhaft war die Marquise Christina de Roussillon eine der schönsten Frauen, die von den Strahlen der Sonne zärtlich geküßt wurden, und man hätte sie in der Tat noch für sehr jung halten können, wäre der Ausdruck warmer Güte nicht gewesen und hätte die tiefe Menschlichkeit in ihren Augen ihrem Antlitz nicht einen Hauch von Reife gegeben, die einem sehr jungen Menschenkind noch nicht zu eigen sein konnte, ohne daß dies Christina de Roussillon etwas von ihrer bezaubernden Schönheit zu nehmen vermocht hätte.
Eine starke Anziehungskraft ging von der reizenden Erscheinung aus, und wer einmal in diese tiefblauen Augen gesehen hatte, der konnte den Blick nicht mehr von ihr wenden und mußte sie einfach gern haben.
Christina de Roussillon trug an diesem frühen Vormittag ein schlichtes Hemdblusenkleid aus haselnußfarbener Wildseide. Den einzigen Schmuck bildete eine kostbare Brillantbrosche am Aufschlag. Dennoch wirkte sie unerhört elegant und vornehm.
Sie hielt sinnend einen Brief in ihren schmalen Händen, und ihr zartes Antlitz trug jetzt einen Zug von tiefer Besorgnis zur Schau.
Da war nun also eingetreten, was sie so viele Jahre gefürchtet hatte.
Einen Augenblick lang erwog Christina, den verhängnisvollen Brief einfach zu vernichten und alles so zu belassen, wie es nun einmal jetzt war, aber sogleich wies sie diesen Gedanken wieder weit von sich.
Sie hatte einmal ein Versprechen gegeben, und sie mußte es halten, so schwer es ihr auch fallen mochte.
Zögernd streckte die Marquise die Hand aus und ergriff ein Glöckchen aus Silber mit kunstvoller Ziselierung. Gleich darauf erscholl ein heller Silberklang.
Geräuschlos öffnete sich daraufhin im Hintergrund eine Tür. Eine ältere Dame, in starre dunkelblaue Seide gekleidet, trat ein und näherte sich langsam der Marquise.
»Du, Helene?« fragte Christina überrascht. »Ich habe nach Jean geläutet. Du weißt, ich würde dich niemals mit der Glocke zu mir rufen.«
»Ich hatte das Gefühl, dir nahe sein zu müssen«, gab Helene de Ravoux ruhig zurück. »Wenn dir meine Anwesenheit jedoch unerwünscht ist…«
»Aber nein, bitte bleib!«
Helene de Ravoux setzte sich umständlich in einen Sessel in der Nähe Christinas. Dann faßte sie diese schärfer ins Auge.
»Ist es nun eingetreten, Christina?«
Die Marquise senkte den Kopf und antwortete nicht. Was gab es da auch noch zu antworten?
»Was willst du tun, Christina?« Es klang gespannt und unruhig.
Die Marquise hob die schmalen Schultern.
»Was bleibt mir weiter übrig, als zu erfüllen, was ich einst versprach.«
»Du solltest es dir gründlich überlegen, Christina.«
»Das sagst du mir, die du mir in allem Lehrmeisterin warst, Helene? Wer anders als du hat mich denn gelehrt, ein Versprechen unter allen Umständen zu halten?«
Helene de Ravoux nagte an der Unterlippe.
»Ein Versprechen darf nicht bindend sein, wenn es Unglück für die Menschen heraufbeschwört«, entgegnete sie dann langsam.
»Das ist bisher durch nichts bewiesen.«
»Doch, Christina, weil du nicht imstande sein wirst, das zu halten, was man dir abverlangt hat. Du wirst mit der Lüge auf den Lippen leben müssen für lange Zeit, vielleicht sogar für immer.«
»Ich weiß es, Helene, ich habe es auch damals gewußt.«
»Aber nicht bis zur letzten Konsequenz durchdacht. Dir war die Lüge zeit deines Lebens verhaßt, Christina. Du wirst an der Lüge zerbrechen, und wozu soll das gut sein? Viel Zeit ist seither vergangen, und es ist noch sehr die Frage, ob man dir auch heute dieses unselige Versprechen abgerungen hätte, das dich zwingen will, die Heimat zu verlassen.«
Die Marquise de Roussillon erhob sich und trat mit gefalteten Händen an eines der hohen Fenster. Von der Gardine halb verborgen sah sie hinab auf den herrlichen Park.
Frühlingsblumen streckten ihre Köpfchen der Sonne entgegen. Rote Tulpen, unterpflanzt mit leuchtendblauen Vergißmeinnicht, flammten auf, umrahmt von ganzen Rabatten sattgelber Stiefmütterchen.
Minutenlang sah die Marquise auf dieses heitere Bild hinaus, bevor sie sich mit einem leichten Seufzer wieder ins Zimmer zurückwandte.
»Ich habe nicht das Recht, Angelika für alle Zeiten an mich zu fesseln. Ich versprach, sie nach Rothenstein zu bringen, wenn es an der Zeit sei. Der Tag ist gekommen, ich kann es nicht ändern.«
»Und du glaubst wirklich, es wird gut für Angelika sein? Du glaubst, es wird sie glücklicher machen? Du liebst Angelika doch und hast mehr für sie getan, als zu deinen Pflichten gehörte. Du hast ihr alles gegeben, was man einem Menschen nur schenken kann, nicht nur an Äußerlichkeiten, auch an Liebe. Du hast ihr dein ganzes Leben geopfert.«
»Sprich nicht vom Opfer, Helene, Angelika ist mein Kind. Wie könnte ich anders, als sie zu lieben und für sie dazusein. Sie ist mein ganzes Glück.«
»Sollte es für eine schöne junge Frau, wie du es bist, nicht noch ein anderes, größeres Glück geben als das der Mutterliebe allein?«
»Ich habe niemals etwas vermißt, Helene. «
»Weil du nur für Angelika lebtest, ich weiß es. Ich habe Prinzessin Angelika von Herzen gern, dennoch habe ich es oft bedauert, daß du ihretwegen bisher alle Bewerber um deine Hand zurückgewiesen hast. Dieses liebreizende Kind ist dir selbst zum Fluch geworden.«
»Sprich nicht so, Helene, ich will es nicht hören! Außerdem widersprichst du dir.« Die Marquise lächelte fein.
*
»Du weißt«, sagte Christina de Roussillon wenig später zu Angelika, »daß dein Großvater in Deutschland der Fürst von Rothenstein war.«
»Ich weiß, Mama«, erwiderte das zierliche schwarzhaarige Mädchen. »Weshalb fragst du?«
»Dein Großvater hat dich zu seiner Universalerbin eingesetzt. Dir gehört also Rothenstein, und um es für dich in Besitz zu nehmen, müssen wir dorthin fahren.«
»Aber ich kenne es nicht.«
»Du wirst es kennenlernen, Angelika. Es ist deine Heimat.«
»Nein, Mama, meine Heimat ist Roussillon. Hier bin ich geboren, und hier möchte ich leben. Ich möchte dich niemals verlassen.«
»Roussillon wird deine zweite Heimat bleiben, Angelika. Und verlassen wirst du nicht sein, da ich dich ja begleiten werde. «
»Du wirst bei mir bleiben auf Rothenstein?«
»Natürlich, Angelika. Du bist nach dem Gesetz des Landes, in dem Rothenstein liegt, noch nicht mündig. Deine Geschäfte dort müssen also vorläufig noch von mir abgewickelt werden.«
*
»Du lieber Himmel!« Cäcilie Gräfin von Seebach ließ sich entsetzt in einen Sessel sinken. »Das hat uns gerade noch gefehlt.«
Sie war eine ältere, ein wenig hagere Person, und man sagte ihr eine scharfe Zunge nach. Einige harte Linien um ihren Mund zeugten von einer gewissen Verbitterung, und Eingeweihte wollten wissen, es rührte daher, daß es ihr bisher nicht gelungen sei, bei Hofe zugelassen zu werden.
In der Tat war etwas Wahres daran. Sie hatte sehr gehofft, daß sich das ändern würde, wenn Michael erst einmal Fürst auf Rothenstein geworden war. Hatte sie so lange Geduld haben müssen, so kam es auf die zwei fehlenden Jahre auch nicht mehr an, zumal man Grund hatte, anzunehmen, daß die rechtmäßige Erbin von Rothenstein gar nicht oder nicht mehr existierte. Alle Nachforschungen waren seit Jahren im Sande verlaufen.
Und nun dies!
Sie ließ das Telegramm sinken und sah bis ins Innerste erschüttert zu ihrem Gatten auf.
Richard von Seebach starrte in das flackernde Kaminfeuer und antwortete nicht.
»So sage doch endlich etwas, Richard!« fuhr Cäcilie ärgerlich auf. »Du willst mir doch nicht einreden, es sei dir gleichgültig, daß man diese Angelika, an deren Existenz wir alle hier nicht so recht geglaubt haben, uns endlich gefunden hat.«
»Was ereiferst du dich nur so, Mama«, drang eine warme Männerstimme aus dem Hintergrund, und aus dem Halbdunkel trat eine schlanke aufrechte Männergestalt hervor.
Der junge Graf Michael von Seebach glich in manchem seiner Mutter. Von ihr hatte er die hochgewachsene Gestalt und das volle dunkle Haar.
Von ihr hatte er auch eine gewisse Zielstrebigkeit und seinen eisernen Willen. Die Augen jedoch waren ganz die seines Vaters, doch fehlte ihnen die Kälte.
»Wie soll ich mich da wohl nicht ereifern, Michael. Begreifst du denn nicht, was da auf uns zukommt?«
»Niemand weiter als die zukünftige Fürstin auf Rothenstein, Mama. Ich kann es mit dem besten Willen nicht anders sehen.«
»Und es ist dir völlig gleichgültig, daß du Rothenstein verlieren wirst?« fuhr Richard von Seebach dazwischen.
»Gott, Papa, wir Seebachs sind doch auch nicht gerade...




