Kapitel 1
In zehn Jahren eine andere Welt – warum dieses Buch
Dieses Buch erzählt am Beispiel Deutschlands von einer Zukunft, in der eine Vollversorgung mit erneuerbarer Energie Realität geworden ist. Es beschreibt Wege, die aus der derzeitigen Lähmung herausführen, und will damit einen positiven Sog erzeugen, den Zauber der Idee vom Aufbruch in das nachfossile Zeitalter verbreiten, Gleichgesinnte ermutigen, sie in ihrem richtigen Denken bestärken und an vielen Beispielen aufzeigen, dass es eine Alternative zum Status quo gibt: die dezentrale Energiewende in weniger als zehn Jahren.
Die Energiefrage bestimmt fast alle gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kriegerischen Entwicklungen der Menschheit. Kein Wunder, ist Energie doch der erste Schritt jeder Wertschöpfung. Bis heute ist die fossil-atomare Verschwendungswirtschaft der Schmierstoff industriellen Lebens in modernen Gesellschaften. Öl, Gas und Kohle halten unsere Wirtschaftskreisläufe in Bewegung. Inzwischen haben wir festgestellt, dass gerade der Einsatz dieser fossilen Energieträger durch Verbrennung größte Schäden in der Umwelt hinterlässt, die wir nicht mehr rückgängig machen können. Es geht mittlerweile nur noch darum, die Schäden in ihren Auswirkungen in Grenzen zu halten und auszudiskutieren, wer dafür bezahlt. Das bedeutet, dass die Antriebsfeder der gesamten Menschheit nicht mehr wie bisher zur Verfügung steht. Das ist eine sehr ernüchternde Erkenntnis.
Soziologen haben festgestellt, dass einfach verfügbare Energiequellen so lange unbedacht benutzt werden, bis sie aufgebraucht sind. Die herrschende fossil-nuklear angetriebene Wirtschaft erzeugt heute schon Umwelt- und Ernteschäden, ferner hohe Gesundheits- und Arbeitslosenkosten sowie enorme Kosten für militärische Sicherung und Subventionen. Hinzu kommen Zukunftskosten durch Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel, Umweltflüchtlinge sowie die sichere Verwahrung von nicht oder kaum biologisch zersetzbaren, radioaktiven Schwermetall- und Kunststoffabfällen und vielleicht von CO2. Weiter erfolgt die Vernichtung von Naturressourcen, die substanzielle Bedeutung außerhalb der Energiewirtschaft haben, etwa für die chemische oder die pharmazeutische Industrie. Wenn man eine Ökobilanz oder Life-Cycle-Analyse macht, dann ist da nichts nachhaltig. Den günstigen Betrieb finanziert der Steuerzahler, die astronomischen Gewinne streichen die Unternehmen ein. Die Betreiber und Institutionen, die von einer großindustriellen Struktur profitieren, machen für deren Erhalt fast alles. Doch ihre Trugbilder stürzen ein.
Klima-, Rohstoff- und Wachstumskrisen lassen ein Weiter-so nicht zu. Das ist jedem klar. Deshalb erkennt man die Gegner der Energiewende nicht mehr an ihrer offenen Gegnerschaft, sondern daran, dass sie Gründe für den Aufschub suchen. Letztlich geht es in Deutschland, Europa und global um die Kontrolle über das Energiesystem der Zukunft. Wird es zentralisiert bleiben, in den Händen weniger Konzerne? Oder wird es ein von Nachhaltigkeit geprägtes System mit einer Vielzahl von Akteuren geben, die alle regenerative Energie bereitstellen? Ein Sowohl-als-auch wird nicht möglich sein. Wo bitte also geht’s zur solaren Weltwirtschaft
1? Und wie lange darf’s noch dauern?
Fossile Energien und Uran sind endlich, teuer und schaden Umwelt, Gesundheit und Gerechtigkeit. Erneuerbare Energien sind nachhaltig, sauberer und gerecht; ihre Grenzkosten gehen gegen null. Doch das für die Gesellschaft überlebenswichtige Ziel einer entschlossenen Energiewende steht immer noch nicht oben auf der politischen Agenda.
Zur Jahrtausendwende war eine Vollversorgung mit dezentraler Nutzung erneuerbarer Energien eine Vision und ein Versprechen, dass eine friedliche und lebenswerte Zukunft auf Basis erneuerbarer Energien möglich ist. Heute ist aus der Vision Gewissheit geworden – und angesichts technischer und ökonomischer Fortschritte wird diese Tatsache bald Common Sense sein: Erneuerbare Energien aus Wind, Sonne, Wasser, Biomasse und Geothermie einschließlich Speicher- und Umwandlungstechnologien stehen für eine dezentrale und schnelle Energiewende zur Verfügung und sind längst auch ökonomisch konkurrenzfähig.
Deutschland hat schon früh umgesteuert. Der rot-grüne Atomkonsens von 2000 stand auf zwei Beinen: geregelter Atomausstieg und Anschub für die Erneuerbaren. Für Deutschland löste dieses Konzept eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte aus: rund fünf Gigawatt Zubau jährlich (das entspricht vier Atomkraftwerken), Exportboom und Systemführerschaft bei den erneuerbaren Energien und ein weitgehender Konsens über die Energiezukunft nach endlosen Kontroversen in der Vergangenheit.
Aber noch viel wichtiger war: Ein großes und renommiertes Industrieland ging erfolgreich einen Weg aus der Kernenergienutzung. Wer den globalen Markt der Erneuerbaren nicht überproportional den Deutschen überlassen wollte, musste in diesen Wettbewerb einsteigen – ganz Europa und Länder wie die Vereinigten Staaten und China reagierten. Wenn anderswo der Atomausstieg zumeist auch ausblieb, setzte diese Entwicklung doch starke industriepolitische Signale und über Wettbewerb und die »Economies of Scale« gewannen die Renewables auch weltweit an Gewicht.
Die Energiewende ist eine politische Herausforderung, die schnell konsequente Weichenstellungen verlangt. Doch mit jedem Schritt in Richtung energiepolitischer Veränderung wird der Widerstand des atomar-fossilen Oligopols radikaler. Man blockiert mit allen Mitteln. Willfährige Politiker unterstützen dabei nach Kräften.
Dieses Buch belegt, dass die herkömmlichen Energien Öl, Gas und Kohle ohne milliardenschwere Subventionen längst bankrott wären. Man könnte mit wachsender Fassungslosigkeit über die irrational erscheinende Energiepolitik lamentieren. Klüger ist es, sich klar zu machen, dass wir das – vermutlich letzte – Komplott des atomar-fossilen Lagers erleben. Zentrale und dezentrale Systeme vertragen aufgrund ihrer physikalischen und ökonomischen Charakteristika kein Nebeneinander. Konzerne, die mit weltumspannenden Infrastrukturen und zentralen Versorgungslösungen mächtig geworden sind, wollen ihr Geschäftsmodell nicht auf dezentrale, kleinteilige und beteiligungsintensive Versorgungslösungen umstellen. Sie wollen das alte, nicht nachhaltige Geschäft so lange wie möglich mitnehmen. Daher lassen sie nichts unversucht, dezentrale Lösungen zu erschweren und gleichzeitig mit Pipelines, monströsen Hochspannungstrassen oder Rodungsaktionen neue Fakten und Abhängigkeiten zu schaffen.
Die konzernfreundliche Politik wird dezidiert entlarvt. Denn die Alternativen sind verfügbar. Anfangs belächelt, zeitweise gefeiert und später wieder bekämpft, haben die unzähligen Akteure der Energiewende in den zurückliegenden Jahren eine wechselhafte Resonanz erlebt. Heute entfaltet eine um sich greifende Desinformationspolitik ihre Wirkung. Selbst in Kreisen engagierter Energiewendeaktivisten wachsen die Zweifel daran, dass wir die Wende noch rechtzeitig schaffen. Seit Jahr und Tag ist es fünf vor zwölf; die in Deutschland so gut gestartete Energiewende wirkt zäh und scheint zu lange zu dauern. Viele frühere Optimisten sind enttäuscht und haben den Glauben an den Umbruch verloren. Unschlüssig warten viele Bewegte auf die nächsten Kippelemente in der Klimaentwicklung. Kipppunkte gibt es aber auch gesellschaftlich und technologisch. Wenn sie erreicht sind, geht alles wahnsinnig schnell.
Der Geist ist aus der Flasche. Dafür gesorgt haben Einspeisegesetze wie das deutsche Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien (EEG), das inzwischen von rund hundert Ländern übernommen wurde. Einspeisegesetze sind emanzipatorische Gesetze: weg von einer zentralisierten Energieerzeugung in den Händen einiger weniger Großkonzerne hin zu einer Vielzahl von Akteuren, die als Prosumer regenerativen Strom bereitstellen und verbrauchen. Der Massenmarkt senkt beständig die Investitionskosten und macht Strom aus Wind und Sonne konkurrenzlos günstig. Wir haben das Know-how, wir haben die Mehrheit der Bevölkerung auf unserer Seite und wir haben genug Geld für den Wandel. Alles ist da.
Entscheidend ist der politische Wille. Und zu wissen, was zu tun ist. Hier werden Mittel und Wege beschrieben, was wie wann von wem zur schnellen Energiewende beizutragen ist. Parallel werden Widerstände enthüllt und benannt, wer wie und warum agiert – nicht nur seitens der großen Energieversorger, sondern auch der Kommunen, der Landwirtschaft oder der Automobilindustrie. Aufgezeigt wird nichts weniger als das Energiesystem der nahen Zukunft – und wie damit der Klimawandel eingedämmt werden kann. Dieses Wissen wird verknüpft mit konkreten Forderungen an die Politik.
Am Ende der Reise steht die Erkenntnis, dass ein ehrgeiziges Europa in höchstens zehn Jahren komplett erneuerbar versorgt werden kann. Nicht die Energiewende verursacht Billionenkosten, wie sie der Energie- und Wirtschaftsminister und frühere Umwelt- und Kanzleramtsminister Peter Altmaier bis zum Jahr 2040 fälschlicherweise prognostiziert hat. Im Gegenteil: Ohne Energiewende steigen die Kosten für Energie immens. Die Ausgaben der Deutschen für fossile Energieimporte haben sich im letzten Jahrzehnt mehr als verdoppelt. Seit 1990 sind sie um das Vierfache gestiegen. Die fossilen Energiepreise werden aber nicht stagnieren, sondern aufgrund knapper Ressourcen und geopolitischer Entwicklungen eher ansteigen.
Wer über Energie spricht, meint meist Strom. Die viel höheren Kostensteigerungen für Wärme (Öl, Erdgas) und Mobilität (Diesel, Benzin), die für die Normalbürger rund 80 Prozent der Energierechnung ausmachen, werden selten angesprochen. Nicht ohne Grund: Von den jährlich...