Bernhardi | Liontu | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 484 Seiten

Bernhardi Liontu


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7460-7003-2
Verlag: Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

E-Book, Deutsch, 484 Seiten

ISBN: 978-3-7460-7003-2
Verlag: Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Im September 1634 bringt der Dragoner Thies einen verletzten Fremden und seinen Schimmel zu dem Waisenmädchen Ianthe auf eine verborgene Lichtung mitten im Wald. Gemeinsam und doch getrennt waren die zwei Männer geflohen. Wovor, das bleibt für Ianthe lange eine dunkle Ahnung. Sie pflegt den jungen Mann gesund, und während in den darauffolgenden Wochen die Liebe der zwei ungleichen Menschen zueinander wächst, droht am Horizont neues Übel. Denn der Fremde entkam nur knapp einem dunklen Schicksal, und die Gefahr ist längst nicht vorüber. --- Illustrierter historischer Abenteuerroman. Band 1 der Reihe. -- Neuauflage des bereits unter dem Pseudonym "Kay Linn" erschienenen Buches "Liontu".

Schon viele Jahre lang begleiten Geschichten die Autorin Anne Bernhardi. Sie studierte Illustration in Hamburg und war der glücklichste Mensch auf Erden, als die Figuren ihrer Geschichten irgendwann 1:1 auf dem Papier auftauchten. Seitdem ist es ihre größte Freude, Geschichten zu erfinden und sie zugleich zu illustrieren. - Schon in frühen Jahren kletterte sie mit ihren Eltern in südfranzösischen Katharerburgen herum, eine Tatsache, die sie bis heute an alles Alte und Historische fesselt. - Inzwischen lebt sie in der Nähe von Köln, illustriert und schreibt oder wandert mit Hund durch die Natur.
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Kapitel 1


D as Pferd stand neben ihm. So ruhig, dass er es für eine Marmorstatue gehalten hätte, wäre da nicht der gleichmäßige Atem gewesen, der dann und wann sein Gesicht streifte. Oder das Rucken, das seinen Arm durchzog, wenn das Pferd neugierig aufschaute und in die Richtung blickte, aus der sie gekommen waren.

Er senkte den Kopf.

Ein warmes Rinnsal suchte sich einen Weg über seine Stirn und bildete an seinem Kinn einen Tropfen, der auf ein Blatt am Boden fiel. Er war verletzt. Wie es dazu gekommen war, wusste er nicht.

Ein weiterer Ruck, verursacht durch einen Seitwärtsschritt des Pferdes, brachte ihn beinah aus der Balance, und er musste sich mit dem rechten Arm abstützen, um nicht hinzufallen. Schon erschütterte ihn der nächste Ruck: Das Pferd wollte weiterlaufen, und er würde ihm folgen. Die Pause hatte gereicht. Das Pferd gab den Weg vor, er würde ihm nachgehen. Und all seine Kraft versammeln.

Während er sich voranschleppte, über Ranken stolperte, an umgefallenen Baumstämmen hängen blieb und sich wieder aufraffte, stur wie ein alter Stier, begann er zu grübeln. Er hatte den Namen vergessen. Den Namen des Pferdes, von dem er sich sicher war, dass er ihn wissen musste. Seinen eigenen noch dazu ... Nichts war da mehr.

Am Nachmittag rasteten sie unter einer uralten Eiche am Wegesrand, die von vielen Stürmen und Blitzeinschlägen verkrüppelt dastand und nur noch an wenigen ihrer knorrigen Äste, die wie arthritische Finger in den Himmel zeigten, Blätter hervorgebracht hatte. Während das Pferd graste, versuchte der junge Mann es sich zwischen zwei Wurzeln so bequem wie möglich zu machen. Er hoffte, die Ruhe würde seinem Kopf, der den ganzen Tag über schrecklich geschmerzt hatte, endlich Frieden geben. Mühsam rutschte er nach rechts, wieder nach links, aber die harte, unregelmäßige Rinde störte im Rücken, selbst wenn sein Oberkörper im Kürass gefangen war. Endlich kam die Erschöpfung über ihn und ließ ihn in sich zusammensinken. Kein noch so starker Wille konnte ihn von der bleiernen Müdigkeit trennen, die von ihm Besitz genommen hatte.

Noch bevor er vollständig wegdämmerte, rief ihn der Klang von Hufschlag zurück in die Wirklichkeit. Nur für kurze Zeit, so sagte er sich, würde er sich dort aufhalten, dann könne die Dunkelheit zurückkehren.

Sein Pferd wieherte. Das Geräusch, grell, so als bliese jemand direkt neben seinem Ohr in ein Horn, durchfuhr ihn wie ein heißer Blitz. Die Antwort war das hohe, abwehrende Quietschen einer Stute.

»Verdammter Schimmel, verschwinde!«, fauchte eine Stimme, doch nicht laut genug, um den weißen Hengst davon abzuhalten, sich die Stute des Reiters genauer anzusehen. Sie war nicht bereit und keilte nach ihm aus, woraufhin der Hengst frustriert mit dem Kopf schlug, aufgab und sich lieber dem Gras vor seinen Hufen widmete.

»Hättest deinen Gaul ruhig zurückhalten können«, zischte der Reiter, als er bei dem jungen Mann ankam. Doch das letzte Wort war nur noch schwach zu vernehmen. Der Mann bedauerte, überhaupt etwas gesagt zu haben. Es mochte zu Beginn nur eine dunkle Vermutung sein, eine viel zu abwegige Vermutung, aber er glaubte den Reiter zu kennen, und je näher er ihm kam, desto gewisser wurde er sich. Er kannte diesen Mann nur allzu gut. Zwar war er selbst ein Dragoner, der Verletzte ein Reiter der leichten Kavallerie, aber sie stammten aus demselben Ort, waren zusammen gereist und befanden sich in diesem Moment aus offenbar dem gleichen Grund an einem Ort, an dem sie nicht hätten sein dürfen.

Das Leder seines Sattels knarzte leise, als er absaß.

»Seid Ihr wach, Herr?«, fragte er vorsichtig.

Der Verletzte drehte den Kopf zur Seite, so als wolle er der Stimme entkommen, die zu ihm sprach. Er öffnete die Augen, starrte am Reiter vorbei und schloss sie wieder.

»Ihr dürft hier nicht bleiben«, sagte der Mann eindringlich. »Ihr müsst fort, so bald es geht. Könnt Ihr das?«

Der Verletzte sah ihn jetzt zwar an, strich sich aber nur fahrig über den Kürass.

»Wartet, ich helfe Euch da raus. Euer Kopf ist verletzt. Es sieht nicht gut aus.«

Der Reiter hob den Blick, sah zu dem Waldstück hin, durch das der Verletzte geirrt sein musste. Geirrt würde des Rätsels Lösung sein, es wirkte nicht so, als hätte der Verletzte bei vollem Bewusstsein entschieden, davonzulaufen. Oder sollte er sich täuschen? So oder so würde es wenig Sinn ergeben, ihn durch den Wald dahin zurückzubringen, wohin er selbst nicht mehr wollte. Noch lag das Unterholz ruhig vor ihnen, man war zu beschäftigt, als dass man ihnen gefolgt wäre, aber es wäre nur eine Frage der Zeit, und diese Zeit rann ihnen wie Sand durch die Finger.

Kurz darauf lagen der prächtige Kürass und das Rapier mit seinem goldverzierten Gehänge im Gras. Der Reiter hatte den Verletzten von allem befreit, was ihn gefangen hielt, nun sah er aus wie ein normaler Mensch, der vom Baum gefallen war.

»Kommt«, forderte er ihn leise auf. »Wir müssen hier weg. Wir werden einen besseren Ort finden, wo Ihr Euch ausruhen könnt.«

Er zog den Verletzten auf die Beine, stützte ihn, grübelte, ob es eine gute Lösung sei, den jungen Mann auf seinen Hengst zu setzen, und entschied sich dann dazu, es lieber mit seiner eigenen Stute versuchen zu wollen. Der Schimmel wirkte wie sein Reiter noch so verstört, dass es keinen Sinn machen würde, ihm eine halbe Leiche in den Sattel zu setzen.

Während die Sonne langsam nach Westen wanderte, suchten sie sich den Weg nach Westen, immer entlang des Waldes, um im Notfall sofort untertauchen zu können. Es waren mühsame Meilen, eine nach der anderen. Zehn Tage lange hatte es nicht geregnet, was fast schon wunderlich gewesen war nach diesem kalten und verregneten Sommer, der das Wort Sommer nicht verdient gehabt hatte. Nun tat die Trockenheit in doppeltem Sinne gut, denn der Boden würde ihre Schritte kaum verraten. Sobald sich der leichte Staub hinter ihnen wie ein raues Tuch über Fuß- und Huftritte gelegt hätte, würde ihnen so schnell niemand folgen. Wenn sie nur nicht so furchtbar langsam wären, befand der Dragoner, aber ein Blick auf den Verletzten machte seine Hoffnung zunichte, dass sie ihre Flucht beschleunigen könnten. Wie ein Halm im Wind wippte der Oberkörper des jungen Mannes vor und zurück, hin und her. Er brachte gerade einmal die nötige Kraft zusammen, nicht bewusstlos zu werden. Also mussten sie weiterhin so schnell und gleichzeitig so langsam wie möglich fliehen, ein Zustand, der an den Nerven zerrte. Hinzu kam der weiße Hengst, der mal ein Stück voraus galoppierte, dann wieder zurück blieb, sie aber nie aus den Augen ließ. Manchmal näherte er sich dem Verletzten und wirkte fast ein wenig enttäuscht, wenn sein gewohnter Reiter kein Lebenszeichen von sich gab. Unwirsch warf er den Kopf.

Sie würden die Nacht über nicht in der Nähe des Weges übernachten können, also wurde es Zeit, sich ins Unterholz zu schlagen. Es war ein kleiner Pfad, wahrscheinlich ein Wildpfad, der den Reiter einlud, ihm zu folgen. Er zog seine Stute hinter sich her ins Dickicht, über Brombeerranken und umgestürzte Bäume, auf denen Moos und erste Pilze wucherten. Sonnenstrahlen fielen durch das dichte Blattwerk der Eichen und Buchen, wie Spinnweben durchzogen sie die Luft, nur dass man durch sie hindurchreiten konnte, ohne dass sie einen einfingen und festhielten. Der Weg war friedlich, führte ab und an durch einen kleinen Bach, dann wieder seichte Hügel empor, bis er schließlich auf einer Lichtung endete, auf der eine winzige Holzhütte stand. Zur Freude des Reiters war deren Dach heil, und zudem sah sie verlassen aus. Einzig die Katze, die vor dem Haus faul in der Sonne lag, hätte man als Zeichen deuten können, dass in dieser Hütte jemand wohnte.

»Wir scheinen Glück zu haben«, sagte er leise zu dem Verletzten, der zwar kurz die Augen öffnete und ihn ansah, aber sofort wieder wegzudämmern schien. »Ich denke, hier finden wir Ruhe.«

Der Plan sollte nicht aufgehen.

»He!«

Der Dragoner sprang herum, wollte sein Rapier ziehen, doch er stockte, als er sah, dass sich nur ein schmächtiger junger Mann näherte. Er wirkte etwas älter als er sein mochte, vielleicht um die achtzehn Jahre. Die großen Augen in seinem schmalen Gesicht beobachteten ihn misstrauisch. Seine einzige Waffe war eine hölzerne Mistgabel, die schon bessere Tage gesehen hatte.

»Was willst du hier? Verschwinde!«

Der Dragoner zögerte. Was sollte er tun? Während er grübelte, ob es klüger sei, weiter zu flüchten, trabte hinter ihnen der Schimmel auf die Lichtung, schüttelte sich und begann zu grasen.

»Was wollt ihr hier?«, wiederholte der junge Mann die Frage. »Verschwindet!« Die Drohung gewann an Gewicht. »Wir wollen euch hier nicht. Hat es dir die Sprache verschlagen?«

»Wer bist du, Bursche?«

»Was sollte dich das interessieren? Was...



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