E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Bettini Pentito
10001. Auflage 2010
ISBN: 978-3-548-92008-5
Verlag: Ullstein-Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Mafioso packt aus
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-548-92008-5
Verlag: Ullstein-Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marco Bettini ist Journalist und lebt in Bologna. Er hat die Geschichte es im Kronzeugenschutzprogramm lebenden Enzo aufgezeichnet.
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PROLOG
September 1991
Mein Bruder Minicheddu fuhr schweigend durch die Nacht. Erst jetzt wurde es langsam kühler. Auf Sizilien ist es im September gelegentlich heißer als im August, und an manchen Tagen kann man erst in den frühen Morgenstunden, gegen zwei, drei Uhr, aufatmen und Ruhe finden. Als das Auto in die Straße zum Meer einbog, kurbelte ich das Fenster herunter, um mich abzukühlen und die innere Anspannung zu lösen. Ich spürte den Schweiß, der mir die gespannten Halsmuskeln herunterlief, ebenso wie den Revolver Kaliber 38 an meiner Leiste und die 7,65 Halbautomatik, die in meinem Gürtel steckte und gegen meinen Rücken drückte.
Seit über einem Jahr war ich auf der Flucht. Ich hatte einen fünftägigen Freigang genutzt, um mich davonzumachen. Eine simple Angelegenheit. Ich hatte die Insel verlassen, auf der sich die Strafvollzugsanstalt befand, und war einfach nicht mehr zurückgekehrt. Ich hätte auch schon früher fliehen können, aber die famiglia brauchte Spitzel, und als uomo d’onore war ich gezwungen, widerspruchslos meine Haftstrafe abzusitzen. Schließlich jedoch kam die Anordnung zu fliehen. Jetzt wurde seit einem Jahr nach mir gefahndet, und Minicheddu musste unter Berücksichtigung aller Vorsichtsmaßnahmen den Chauffeur für mich spielen. Vor allem galt es, die Geschwindigkeitsbegrenzung zu beachten, um keinen Ärger mit irgendwelchen Verkehrspolizisten zu bekommen. Er wusste, was zu tun war, sollten wir dennoch angehalten werden: sie so lange wie möglich aufhalten, um mir die Möglichkeit zur Flucht zu geben. Und dann behaupten, er kenne mich nicht und habe mich nur zufällig mitgenommen.
Als wir den Ort hinter uns gelassen hatten, nahmen wir die Straße zum archäologischen Park von Selinunt. Mein Bruder half mir, das Versteck zu wechseln – zumindest glaubte er das, denn mit der famiglia, der Cosa Nostra, hatte er nichts zu tun, er wusste nichts vom Respekt und den Regeln, die man wie Gebote befolgen musste. Er wusste nur, dass ich gefährlich war. Deshalb half er mir, ohne Fragen zu stellen.
Wir fuhren zu Salvino Sciarrino, einem uomo d’onore, der unter Hausarrest stand und nicht mit mir rechnete. Damit befolgte ich die nützliche Regel, niemals mein Kommen anzukündigen. Eine Vorsichtsmaßnahme, um nicht verraten zu werden. Zu Minicheddu hatte ich nur gesagt, ich bräuchte eine Zuflucht für eine Nacht und Salvinos Haus eigne sich dafür gut. In Wahrheit hatte ich einen heiklen Auftrag. Ich musste Salvino töten. Der Plan war, meinen Bruder zurückzuschicken, zu warten, bis Salvino schlief, und ihm dann eine Kugel in den Kopf zu jagen. Draußen in der Dunkelheit standen zwei Freunde mit einem Wagen bereit, um mich in Sicherheit zu bringen.
Salvino zu töten war nicht schwierig. Und mitten in der Nacht unbemerkt zu fliehen war noch einfacher. Ich konnte keine Zeugen gebrauchen, da mein Leben und das meiner Freunde auf dem Spiel stand. Wir hatten uns etwas zuschulden kommen lassen, auf das der Tod stand, und Salvino zu beseitigen war ein Anfang, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Wir hatten Drogen in Umlauf gebracht, auf eigene Rechnung, ohne um Erlaubnis zu fragen. Vier von uns: Vanni, Aspanu, Salvino und ich. Weil wir es leid waren, uns mit den Krümeln zu begnügen, während die capi Milliarden einstrichen. Wir wollten an das große Geld, wollten unsere Macht ausbauen. Ich hatte in Rom einen Lieferanten gefunden, der siebzigprozentig verschnittenes Heroin anbot. Vanni und Aspanu stellten das Kapital und garantierten mit ihren Waffen, dass das Geschäft reibungslos über die Bühne ging. Salvino hatte Kontakt zu einem Dealer, Baretta, der nicht zur famiglia gehörte. Aber er hatte eine kriminelle Vergangenheit und stand im Ruf, schweigen zu können. Seine Verschwiegenheit war wichtig. Ein Wort von ihm hätte unser Todesurteil bedeutet. Die famiglia verzeiht keine solchen Regelverstöße.
Baretta ließ eine Gruppe Jugendlicher und Erwachsener für sich arbeiten, alles erfahrene Drogenkuriere. Wir vereinbarten eine Partnerschaft mit ihm, wollten ihn aber nach den ersten Gewinnen beiseiteschaffen. Als Zeuge war er zu gefährlich, und er begriff einfach nicht, mit wem er sich da eingelassen hatte. Schon bei der ersten Lieferung beschiss er uns. Wir hatten unserem Lieferanten dreißig Millionen für sechshundert Gramm Heroin gezahlt. Plötzlich war die Hälfte des Stoffs verschwunden. Baretta behauptete, einer seiner Kuriere habe sie weggeworfen, weil er Angst vor einer Polizeikontrolle gehabt habe. Vanni, Aspanu und ich waren der Meinung, dass es allein sein Problem sei. Immerhin war er für unsere Investition verantwortlich, und da er seiner Verpflichtung nicht nachkommen wollte, sollte er gleich umgebracht werden.
Doch Salvino, der ein alter Freund von Baretta war, wehrte sich dagegen. Er meinte, sein Freund sei unschuldig, man solle lieber den Kurier erschießen, der den Stoff verloren habe. Das war natürlich Blödsinn und ein ausgemachtes Zeichen von Schwäche. Er war bereit, sich einfach so Geld abknöpfen lassen, ohne sich dagegen zu wehren. Bei seinem Vorschlag wechselten die anderen Partner und ich nur einen kurzen Blick. Später beschlossen wir dann, Salvino als Ersten umzubringen. Wenn er Baretta schützen wollte, konnte das Probleme schaffen. Also musste er eliminiert werden, und diese Aufgabe fiel mir zu.
Es kam darauf an, keine Spuren zu hinterlassen, die die famiglia auf uns aufmerksam machen würden. Daher verabredeten wir, dass ich zuerst Salvino beseitigen sollte und gleich danach Baretta. So blieb das Geschäft mit den Drogen unter uns dreien: mir, Vanni und Aspanu.
An jenem Septemberabend war ich also auf dem Weg, meinen Partner umzubringen, und mein ahnungsloser Bruder begleitete mich. Salvino besaß eine Baumschule am Ortsrand, an der Straße zum Meer. Wir kamen kurz nach elf dort an und ließen das Auto an der Straße stehen. Ich klingelte, aber drinnen rührte sich nichts. Salvino traute sich kaum vor die Tür, weil er unter Hausarrest stand und keinen Ärger wollte. Besuch erwartete er nur von Carabinieri oder anderen Polizeibeamten. Als er mir schließlich öffnete, wirkte er erfreut, aber vor allem überrascht. Er wusste, dass ich auf der Flucht war, und hatte nicht erwartet, mich hier zu sehen.
»Enzo, wie geht’s?«
»Salvino, ich muss ein paar Tage bei dir unterkriechen. In meinem alten Versteck fühle ich mich nicht mehr sicher, es gab ein paar Umtriebe, die mir gar nicht gefallen.«
Ein perfekter Vorwand. Er, ein uomo d’onore wie ich, wusste, dass ich eine Zuflucht brauchte, und er konnte sie mir nicht verweigern. Er musste sich an die Regeln halten. Dann sah ich hinter ihm im Zimmer den wahren Grund seines Zögerns: seinen achtzehnjährigen Sohn, der diesen Abend bei seinem Vater verbringen wollte. Für mich ein erheblicher Störfaktor. Persönlich hatte ich nichts gegen ihn, aber wenn ich meinen Auftrag ausführen wollte, musste ich auch ihn umbringen. Schicksal. Außerdem dachte ich mir, dass der Tod des Jungen uns nützen konnte, weil er das wahre Mordmotiv verschleierte.
»Komm doch rein, Enzo.«
Salvino drängte mich herein, weil er befürchtete, irgendein Bulle könnte ihn vor seinem Haus sehen. Da er überwacht wurde und die Gefahr unerfreulicher Besuche bestand, sah ich mich, kaum dass ich eingetreten war, nach einem möglichen Fluchtweg um – ein Reflex nach monatelanger Verfolgung. Aus dem Vorzimmer konnte ich unmöglich fliehen, aber im Hinterzimmer gab es ein Fenster zum Hof. Dieser war etwa zehn Meter breit und von einer Mauer begrenzt, die mich mit meinen 1,75 Metern überragte. Hinter der Mauer waren Bäume und noch weiter dahinter unbebautes Land. Ich bat Salvino, zur Sicherheit das Fenster zu öffnen, eine Bitte, der er gerne nachkam. Auf Ärger war er noch weniger erpicht als ich. Dann setzten wir uns und tranken etwas.
Währenddessen musterte ich sein Haus ganz genau. Vom Sessel aus betrachtete ich die Türen zu den verschiedenen Zimmern, die Küche, den Weg, den ich in der Nacht gehen musste. Meinem Kumpan sagte ich, ich würde nur für eine Nacht bleiben, ich hatte auch keinerlei Gepäck bei mir. Was ich brauchte, konnte Minicheddu mir bringen. Ich trug Jeans und ein weißes Baumwollshirt und hatte eine schwarze Lederjacke dabei, die ich der Hitze wegen aber nicht anziehen wollte. Wir...




