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E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Billig Schwarz. Rot. Müll

Die schmutzigen Deals der deutschen Müllmafia
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-451-81590-4
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die schmutzigen Deals der deutschen Müllmafia

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-451-81590-4
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Michael Billig deckt die Machenschaften der deutschen Müllmafia auf und schreibt einen wahren Wirtschaftskrimi. Deutschland sieht sich gern als Vorbild in Sachen Müllentsorgung und lässt sich als Recycling-Weltmeister feiern. Doch: So sauber, wie es scheint, ist Deutschland nicht. Eine etablierte Schattenwirtschaft mit unzähligen beteiligten Unternehmen täuscht eine fachgerechte Entsorgung nur vor. Quer durch die Republik wird gepanscht, gefälscht und manipuliert. Auf Hunderten illegalen Mülldeponien lagern Berge von teils hochgefährlichen Stoffen - tickende Zeitbomben. Investigativ-Journalist Michael Billig zeigt die Folgen der illegalen Abfallentsorgung für Mensch und Umwelt auf und richtet den Blick gezielt auf deren kriminelle Dimension und die Folgen für Wirtschaft und Kommunen. Denn die völlig unzureichende Kontrolle der hohen Umweltstandards treibt die Gewinnspanne zwischen legal und illegal entsorgtem Müll in schwindelnde Höhen. Die Entsorgungswirtschaft ist ein Millionengeschäft, mit dem mehr Geld verdient wird als mit Drogen. 'Denn wer seinen Müll loswerden will, muss dafür bezahlen. Die Entsorgung kostet Geld, viel Geld. Die hohen Kosten und der Entsorgungsdruck machen ihn schließlich auch für Leute zu einem begehrten Stoff, die in der Kreislaufwirtschaft eigentlich nicht vorgesehen sind - für Billig-Entsorger und Kriminelle.' Michael Billig zieht erstmals Bilanz, die auf jahrelangen Recherchen basiert und die die Beobachtung von Gerichtsprozessen, Gespräche mit Ermittlern und Insidern, die Auswertung von Ermittlungsakten und Unterlagen von Kontrollbehörden sowie die Erkundung illegaler Abfalllager in Deutschland umfasst. Es wird überdeutlich: Die Müllentsorgung ist ein massives, ungelöstes Problem, das auch in Deutschland Mensch und Natur gefährdet. 'In der Branche heißt es, Müll sucht sich das billigste Loch. Die deutsche Müllmafia hat es im eigenen Land gefunden.'

Michael Billig, geb. 1978 in Weimar, studierte Kommunikationswissenschaften, Kunstgeschichte und Ethnologie. Die Beiträge des Umweltjournalisten sind u.a. in 'WirtschaftsWoche', 'enorm', 'Potsdamer Neueste Nachrichten', 'natur' und 'bild der wissenschaft' erschienen. Seit 2015 recherchiert er über illegale Deponien in Deutschland und ist Co-Autor mehrerer Fernsehbeiträge zu diesem Thema ('NDR', 'RBB', 'RTL'). Seit 2017 schreibt er seinen Blog muellrausch.de.
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Kapitel 2

Sauberland


Es war lange geplant, schon unter der Regierung von Helmut Kohl, dem Kanzler der Einheit: Drei Jahre nach der politischen Wende sollte nun die Müllentsorgung in Deutschland revolutioniert werden. Im Mai 1993 erfolgte der erste Vorstoß, die Technische Anleitung Siedlungsabfall, kurz Tasi. Ihr großes Ziel: das Ende der klassischen Mülldeponie. Schluss sollte sein mit dem Abkippen und Vergraben. Müll sollte künftig verarbeitet und verwertet werden wie ein Rohstoff. Es war der Einstieg in die Kreislaufwirtschaft. Fortschrittlich, aber auch dringend notwendig, denn die bloße Ablagerung von Müll birgt Gefahren. Das wusste man damals schon.

Ein Merkblatt über »die geordnete Ablagerung von Abfällen« hatte bereits im Jahr 1979 vor Deponiegas und Sickerwasser gewarnt. Das eine kann die Luft verschmutzen, das andere Boden und Grundwasser verseuchen.

Beides fiel auf den alten Müllkippen an, Gas durch biologische Abbauprozesse in ihrem Innern. Gestank, Brände, Explosionen und Erstickungsgefahr zählte das Merkblatt als mögliche Folgen der Gasbildung auf. Der Hauptbestandteil von Deponiegas ist Methan. Ein Klimakiller, wie man mittlerweile auch weiß. Schädlicher als Kohlendioxid.

Die zweite Gefahrenquelle, die daran erinnert, dass der Müll zwar aus den Augen der Menschen verschwand, aber nicht aus der Welt, entsteht durch Wasser, das durch den Deponiekörper sickert, Schadstoffe auslaugt und diese zu einem mitunter giftigen Cocktail verrührt. »Das Sickerwasser muss aufgefangen werden«, hieß es im Merkblatt von 1979. Mehr als Empfehlungscharakter hatte das immerhin 41 Seiten umfassende Papier aber nicht. Dabei sind die Anforderungen an eine Deponie, die darin formuliert wurden, in großen Teilen heute noch gültig.

Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein hatte man in Deutschland Abfall einfach im nächstbesten Loch versenkt. Mancherorts Produktionsabfälle der Chemieindustrie in der gleichen Grube wie Hausmüll. Ganz legal. In West- genauso wie in Ostdeutschland. Rund 66.000 sanierungsbedürftige Müllkippen überziehen heute die wiedervereinigte Republik und belasten die Umwelt. Teure Altlasten, aufgebürdet heutigen und künftigen Generationen.

Die Anfang der 1990er-Jahre eingeleitete Abfallrevolution sollte dafür sorgen, dass nicht noch mehr Sanierungsfälle hinzukommen. Die Gefahr war da, schließlich wurden die Müllberge nicht kleiner. Das Abfallaufkommen in Deutschland nahm schier unaufhaltsam zu. Wenigstens sollte nichts mehr davon direkt auf die Deponie. Geleerte Flaschen und Glaskonserven, Altpapier und Verpackungsmüll wurden bereits separat gesammelt. Nun sollte auch der Restmüll eine Sonderbehandlung erfahren, sprich: in geeigneten industriellen Anlagen sortiert, kompostiert oder verbrannt werden. Nur was dann noch übrig blieb und gar nicht zu gebrauchen war, sollte noch deponiert werden dürfen.

Die rund 80 Millionen Deutschen verbrauchen jährlich rund 120 Millionen Tonnen Erdöl, verbrennen 170 Millionen Tonnen Braunkohle, verbauen 250 Millionen Tonnen Sand und Kies und sie produzieren mehr als 400 Millionen Tonnen Müll. Der größte Batzen fällt Jahr für Jahr auf den Baustellen der Republik an, 200 Millionen Tonnen und mehr. 55 bis 60 Millionen Tonnen stammen aus der Industrie, rund 45 Millionen aus den deutschen Haushalten. Die von Industrie und Bürgern verursachten Abfallströme haben seit der Jahrtausendwende deutlich zugelegt.

Im Jahr 2000 hat jeder Deutsche durchschnittlich 458 Kilogramm Hausmüll produziert, 2016 waren es rund 100 Kilo mehr. Dazu kommt in Städten und Gemeinden noch Gewerbemüll wie etwa Überreste vom Wochenmarkt, Speisereste aus Kantinen, der tägliche Papier- und Verpackungskram aus Arztpraxen und Geschäften. Alles zusammengenommen auch ein paar Millionen Tonnen.

Weniger sind eigentlich nur die Abfälle geworden, die bei der Gewinnung und Verarbeitung von Bodenschätzen entstehen. Ihre Menge hat sich in den vergangenen 20 Jahren fast halbiert. Zuletzt waren es dennoch stattliche 28 Millionen Tonnen.

Um die Massen an Müll zu beherrschen und ihre Entsorgung zu überwachen, existiert eine Reihe von Gesetzen und Verordnungen. Diese Regeln sind ungefähr so leicht zu durchschauen wie das deutsche Steuerrecht. Das fängt schon mit der Identifikation des Mülls an. Abfall ist nicht gleich Abfall. Die sogenannte Abfallverzeichnisverordnung, kurz AVV, kennt aktuell 842 Arten von Unrat. Das Spektrum reicht von Straßenkehricht und Plastikmüll über Schutt und Schrott bis zu Schlämmen, Filterstäuben und Säuren.

Knapp die Hälfte der Abfallarten ist als gefährlich eingestuft. Jede Art ist in der AVV mit einer sechsstelligen Ziffer geschlüsselt, gefährliche sind zusätzlich mit einem Sternchen (*) versehen. Diese Schlüssel sind Bestandteil von Planunterlagen und amtlichen Genehmigungen, von Wiegescheinen und Lieferpapieren. Auf diese Weise ist geregelt, welche Stoffe transportiert, angenommen, deponiert oder verwertet werden dürfen.

Gesetze, Verordnungen und Betriebsgenehmigungen füllen unzählige Seiten Papier und bieten dennoch viele Schlupflöcher. So gab es schon bei der Tasi Ausnahmeregeln und Übergangsfristen, von denen rege Gebrauch gemacht wurde. Die Abfallwende verzögerte sich. Nicht wenige Deponiebetreiber hatten noch ein großes Loch zu füllen und lagerten weiterhin unbehandelten Hausmüll ab.

Sonderabfall hingegen war ein Fall für den Export. Auch so kämpfte Deutschland in den 1990er-Jahren gegen wachsende Müllberge im eigenen Land. Mittlerweile hat sich das umgekehrt. Deutschland ist heute ein Importland für gefährlichen Abfall, es kommt deutlich mehr herein als hinausgeht. Damals aber verschifften Müllhändler den Wohlstandsdreck in die ärmsten Regionen, in den Süden Italiens, nach Osteuropa und nach Afrika. Anfang der 1990er-Jahre beispielsweise wurden unter dem Deckmantel »Wirtschaftsgut« Zehntausende Fässer mit überlagerten und in Deutschland verbotenen Pestiziden aus DDR-Produktion nach Rumänien exportiert, wo man sie auf Feldern und Höfen entsorgte.

1995 ratifizierte Deutschland das wichtigste internationale Müll-Regelwerk: die Basler Konvention. Dieses Abkommen regelt den grenzüberschreitenden Handel mit gefährlichen Abfällen. Es verpflichtet beispielsweise den Exporteur, einen Abfalltransport in einem sogenannten Notifizierungsverfahren genehmigen zu lassen, und zwar sowohl im Absender- als auch im Empfängerstaat. Die Ausfuhr in Länder, die über keine geeigneten Anlagen zur Abfallverwertung verfügen, ist grundsätzlich untersagt.

Was verwertet und was einfach nur beseitigt wird, lässt sich jedoch nicht so einfach feststellen und wird auch kaum kontrolliert. Beispielsweise geht Interpol davon aus, dass jedes Jahr rund 4,5 Millionen Tonnen Elektroschrott innerhalb der EU verschoben werden. Weitere 400.000 Tonnen solchen Schrotts verlassen Europa auf Schiffen illegal nach Asien und Afrika.

Auch schon vor dem Fall der Mauer hatte die Bundesrepublik ihren Sondermüll bevorzugt auf die andere Seite der Grenze geschafft. Rund die Hälfte wurde auf der im Jahr 1979 im Bezirk Rostock errichteten Deponie Schönberg (heute Ihlenberg) entsorgt. Die Wiedervereinigung bedeutete auch eine Wiedervereinigung mit diesem Dreck. Hinzu kamen neue Altlasten, die der DDR. Umso dringender war die Abfallwende, zumal nach den Exporteinschränkungen.

Doch die alten Strukturen waren nicht so einfach zu überwinden. Verschoben wurde jetzt innerhalb der neuen Grenzen. Die Ermittlungsgruppe »Schredder« in der Kriminalpolizeidirektion Nürnberg hatte alle Hände voll zu tun. Dabei beschäftigte sie sich nur mit einer Sorte Abfall: Reste aus der Verschrottung von Autos. Dreck, den Schrotthändler nicht zu Geld machen konnten, der nur Kosten verursachte. Ein Gemisch aus kleingehäckselten Metall- und Plastikteilen, denen Lösungsmittel, Fette und Altöle anhaften – PCB-haltige Giftstoffe, die Krebs erregen. Von diesen gefährlichen Autoresten wurden Anfang der 1990er-Jahre Zehntausende Tonnen durch die Republik verschoben und auf dafür ungeeigneten Deponien in Ostdeutschland verscharrt. Ein Verklappungsgeschäft, das, rückblickend betrachtet, wie der Testlauf wirkt für das, was noch kommen sollte.

Einer der größten Fälle von Wirtschaftskriminalität in den 1990er-Jahren hatte ebenfalls mit Müll und Verquickungen zwischen West und Ost zu tun: Die Entsorgungsunternehmer Johannes und Dieter Löbbert aus dem münsterländischen Dülmen hatten Banken und Anleger um sehr viel Geld betrogen.

Sie hatten klein angefangen, als Müllsammler in ihrer Heimatstadt. »Sie hatten sich nicht weniger zum Ziel gesetzt als den europaweit größten Entsorgungskonzern aufzubauen«, hieß es Jahre später in einem Gerichtsurteil gegen sie. Um ihr Ziel zu erreichen, verfolgten die Löbbert-Brüder eine Strategie so simpel wie gerissen. Sie lautete: Expansion.

Durch Gründung neuer Firmen und durch Zukäufe weiteten sie ihren Einflussbereich immer mehr aus. Nach der Wende erwarben sie unter anderem die Sero AG, eine Holding, die aus dem Sammelsystem der DDR hervorgegangen war. Gegen Ende gehörten ihrem Firmenimperium rund 300 Unternehmen und Aktiengesellschaften im In- und Ausland an.

Manch einer in der Branche rieb sich verwundert die Augen und fragte sich, wie die beiden Brüder aus der Provinz ihren Expansionskurs finanzierten. Johannes Löbbert hatte ein neuartiges Behältersystem für Müll, den sogenannten Deckelsack, entwickelt und patentieren lassen. Doch das konnte es nicht sein. Der Deckelsack war ein Verlustgeschäft, seine Vermarktung verschlang Geld und brachte kaum etwas, seine Verbreitung blieb...


Michael Billig, geb. 1978 in Weimar, studierte Kommunikationswissenschaften, Kunstgeschichte und Ethnologie. Die Beiträge des Umweltjournalisten sind u.a. in "WirtschaftsWoche", "enorm", "Potsdamer Neueste Nachrichten", "natur" und "bild der wissenschaft" erschienen. Seit 2015 recherchiert er über illegale Deponien in Deutschland und ist Co-Autor mehrerer Fernsehbeiträge zu diesem Thema ("NDR", "RBB", "RTL"). Seit 2017 schreibt er seinen Blog muellrausch.de.



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