E-Book, Deutsch, 220 Seiten
Binder Die Geburt der Zukunft
2. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7407-7560-5
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fiktion
E-Book, Deutsch, 220 Seiten
ISBN: 978-3-7407-7560-5
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Siegfried Binder studierte in Leipzig Jura, in Tübingen und Freiburg i.Br. Psychologie und Philosophie. Er war vor seiner Pensionierung Bereichsleiter für Psychotherapie in der LWL- Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Lippstadt tätig. Er wurde häufig von Gerichten in Strafprozessen als psychologischer Sachverständiger hinzugezogen. In seinen Büchern erzählt er von den Realitäten des Lebens, von Angst, Schmerz, Freude und Begehren, die die Existenz des Menschen bestimmen und von den Ursachen und Bedingungen abweichenden Verhaltens.
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III
Sie saßen auf einer Anhöhe und schauten in das Tal. Sie bewunderten stillschweigend die Majestät der Landschaft. Die Wiesen standen vor der zweiten Mahd. Das Gras wiegte sich im Winde, die Luft zitterte in der Sommerhitze, die Erde atmete und strömte einen satten und herben Duft aus. Ihr gefiel diese behäbige, unaufgeregte ländliche Stimmung. Die Freunde sprachen kein Wort und verloren sich träumend in ihre Gedankenwelt. Dr. Secundus begann in die Stille hinein zu sprechen, es lag ihm wohl auf dem Herzen.
„Ich war jung und verbittert und arbeitete als Pfleger auf einer gynäkologischen Station einer Klinik. Die rechtliche Situation war damals so, dass eine Frau in den ersten drei Monaten ihr nicht geborenes Kind abtreiben darf. Der Schwangerschaftsabbruch war zwar rechtswidrig, aber blieb straffrei, wenn vor dem Eingriff eine autorisierte Beratungsstelle mit der Schwangeren gesprochen hatte. Es hatten sich die Frauen durchgesetzt, die meinten, ihr Bauch gehöre ihnen. Es fanden sich nur wenige Politiker, die das Menschenrecht der Ungeborenen auf Leben verteidigten. Die Menschen gewöhnten sich daran, dass Föten, selbst körperlich voll entwickelt, ebenso lebensunwert seien wie vor über einem Jahrhundert geisteskranke Menschen oder bestimmte Menschenrassen. So nahm erneut die Todesmaschinerie Fahrt auf. Es gilt noch heute, was der Philosoph Hegel geschrieben hat: Es haben Völker und Regierungen niemals aus der Geschichte gelernt. Am Ende wurden keine Beratungsgespräche mit den abtreibungswilligen Frauen mehr geführt, keiner fragte ernsthaft nach den Gründen ihrer Entscheidung. Das gesetzlich verankerte Verbot, Schwangerschaftsabbrüche anzubieten und durchzuführen, wurde ebenso aufgehoben wie die zeitliche Limitierung des Eingriffs. Es entstanden Kliniken und Zentren, die sich in Werbespots überboten, eine Abruptio preiswert und qualifiziert abzuwickeln. Dahinter stand der Sinngehalt, genießt euer Leben, verwirklicht euch, belastet euch nicht mehr, als euch das Leben bereits zumutet. Am Ende dieser Entwicklung wurden jährlich etwa 150.000 Abtreibungen in Deutschland vorgenommen. Da die Lebenserwartung der Menschen stieg und die Geburtenrate sank, wurde sehr bald eine Überalterung der Menschen in unserem Lande sichtbar. Im Jahre 2050 gab es doppelt so viele über 70jährige wie jüngere Menschen mit der Folge, dass im Rahmen des Solidaritätsprinzips ein arbeitsfähiger Mensch für den Unterhalt von vier, am Ende gar fünf Menschen herangezogen wurde. Die Politiker kämpften verzweifelt gegen diese Entwicklung, die Jungen lehnten sich gegen diese Zumutung auf. Es sei eine Diktatur der Senilen und vergaßen, dass sowohl Politiker und die heranwachsende Generation selbst die Bedingungen für diese Entwicklung geschaffen hatten. Seit Jahrzehnten fehlt uns die Fähigkeit, diesen Prozess aufzuhalten. Wir haben das biologische Gleichgewicht von Geburtenrate und Sterbensrate aufgehoben.
Als unser Sozialsystem zu kollabieren drohte, selbst Immigranten konnten diese Fehlentwicklung nicht eindämmen, wurde hinter verschlossenen Türen beraten, ob man nicht die Selbsttötung von alten, schwerkranken und sterbenswilligen Menschen forcieren sollte, um das gestörte Gleichgewicht von Geburt und Tod, und damit den Versorgungsanspruch der Alten und die Versorgungspflicht der Jungen, wieder herzustellen. Zweihunderttausend Tote zusätzlich pro Jahr würden den Staat, die Sozialkassen und die Versicherungen finanziell erheblich entlasten. Man senkte das passive und aktive Wahlrecht auf 16 Jahre, um die erforderlichen Reformen durchführen zu können und um ein Gegengewicht zu den Alten, die die Mehrheit der Wähler bildete, zu erreichen.
Junge Menschen sind schnell mit dem Urteil zur Hand, dass körperliches und geistiges Siechtum nicht mehr lebenswert ist. Sie können andere Seinsweisen als die ihre nicht nachempfinden. Die Euthanasie feierte seine Wiedergeburt, wurde nicht rassenhygienisch, sondern utilitaristisch begründet. Kriterium für die Durchführung des schmerzlosen Todes sei der Wert eines Menschen, der sich aus der Summe von Nutzen oder Schaden zusammensetze, die der Einzelne für die Gesellschaft noch habe. Der Gesetzgeber beschloss, der unnütze und dysfunktionale Mensch habe das Recht auf Sterbehilfe.
Ich hatte mich von der gynäkologischen zu einer geriatrischen Station versetzen lassen, weil ich nicht mehr ertragen konnte, dass junge Frauen mit fadenscheinigen Gründen auf Kosten der Allgemeinheit Abtreibungen vornehmen ließen. Ich ahnte nicht, welche Wahl ich getroffen hatte.
Auf der geriatrischen Station wurden Schwerkranke, Verwirrte und geistig Behinderte behandelt. Das Leiden dieser Menschen erschütterte mich und ich verstand, warum Pfleger und Ärzte immer wieder darüber diskutierten, dass der Tod für jene Menschen eine Erlösung sei, die unheilbar krank, siech oder geistesgestört dahin vegetierten, ein Stück lebendes Fleisch ohne Geist. Ich griff auf Schopenhauer zurück und fühlte mich bestätigt, dass unsere Welt die denkbar schlechteste aller denkbar schlechten und bösen Welten sei. Ich litt mit meinen Patienten und fühlte mich elend beim Anblick ihres Elends. Sie ließen unter sich, waren inkontinent, mussten gewaschen und gefüttert werden, konnten sich nicht erheben und sich nur unzulänglich artikulieren. Ich diente ihnen und empfand dabei spirituelle Selbstbestätigung. So gut ich konnte, sprach ich ihnen Mut zu, tröstete sie, pflegte sie, lieh ihnen mein Ohr. Ich saß außerhalb meiner Dienstzeiten stundenlang am Bett der Sterbenskranken, grübelte über die Unsterblichkeit der Seele und konnte nicht verhindern, dass meine Patienten mich verschreckt und vereinsamt in dieser grausamen und grauenvollen Welt ohnmächtig zurückließen und ich ihr Sterben ohnmächtig begleiten musste. Ich studierte die Gesichter der Verstorbenen, sah verkrampften, gelösten, friedvollen, hasserfüllten oder glücklichen Ausdruck, spürte einen dumpfen Druck, einen beklemmenden Schmerz und meinte oft, ersticken zu müssen. Ich habe das Menschsein als endliches Sein begriffen und darunter gelitten.
Dann beging ich meine erste Straftat. Ein Musiker, sechzig Jahre alt, wurde mit der Diagnose Lymphdrüsenkrebs eingeliefert. Er befand sich im Endstadium der Krankheit, das Knochenmark, die Milz, die Leber und die Bauchspeicheldrüse waren metastasiert. Er lag schlaff, müde und kraftlos im Bett, schluckte widerstandslos die verordneten Medikamente und fand hin und wieder für einige Minuten zu alter Lebhaftigkeit und geistiger Klarheit zurück. Ich fühlte mich zu ihm hingezogen. In Phasen der Wachheit erzählte er mir von seinem Leben, schleppend und wehmutsvoll. Von seiner Kindheit und seinem Hund, mit dem er als Knabe seine Mahlzeiten geteilt hatte, von den Aufregungen der kindlichen Spiele, von dem Ideal seiner Jugend, einmal durch alle fremden Länder reisen zu können. Er sei ein stürmischer Liebhaber gewesen und lachte dabei.
„Nun ist die Flut vorbei und die Ebbe kommt. Ich sage immer, besser ein alter Trinker sein als ein lächerlicher alter Liebhaber. Mich hat man zum Türmer berufen. Dabei höre und sehe ich nicht. Man versicherte mir, genau das qualifiziere mich für diese Tätigkeit. Welch ein Zynismus. Ich will die Freuden der Welt noch einmal genießen und stehe wie ein armer Sünder vor dem Antlitz des Gerechten. Ich bin eingesperrt in meinem Verlies und ängstige mich vor Seinen forschenden Augen und Seinen bohrenden Fragen. In der Einsamkeit, in der inneren Finsternis, sehe ich Sein Angesicht und höre Seine Stimme und bin doch noch am Leben.
Ich denke an die Sünden, derer ich mich schuldig gemacht habe, bereue, bin frei vom Nebel törichter Wünsche und lebe in der Ungewissheit des Kommenden. O Gott, welches Ende hast Du mir zugedacht.“
Friedrich, so hieß er, hatte Musik studiert, spielte Klavier und war über das Mittelmaß nie hinaus gekommen. Er erhielt nach dem Studium Arrangements in unbedeutenden Orchestern, verselbstständigte sich mit einem Quartett, das vor allem klassische Kammermusik anbot, hungerte sich schließlich als Unterhaltungskünstler durch die Zeit und schrieb eigene Kompositionen, die nie zur Aufführung kamen. Er war von sich überzeugt und erklärte mir seine Sicht der Dinge:
„Ob man als Künstler Erfolg hat, hängt von vielen Faktoren ab. Vom Zeitgeschmack, von Beziehungen, vom Kapital, von Zufällen. Kein Mensch, kein Sachverständiger kann sagen, ob das, was heute bejubelt wird, morgen nicht bereits vergessen ist. Wer kennt heute noch die Werke von Vanhal, Lebrun oder Martin Kraus? Wer kennt heute noch die Namen der Maler, die vor Jahren in der „Dokumenta“ präsent waren?Die Dokumenta war einmal eine weltberühnte Kunstausstellung, heute wissen nur noch Wissenschaftler von ihrer ehemaligen Existenz. Die damaligen Kunstwerke sind im Depot verschwunden und verrotten dort. Keine Henne will heute von ihnen begattet werden. Alles ist vergänglich. Ja, so ist es, das Seiende trägt den Keim des Vergehens in sich. Deshalb gibt es keine Zeit übergreifende Werte für die Qualität eines Kunstwerks. Die Zeit wird immer schneller, Welt- und...




