Binder | Verschwiegen und geheim | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 204 Seiten

Binder Verschwiegen und geheim

Erzählungen
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7407-0537-4
Verlag: TWENTYSIX CRIME
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erzählungen

E-Book, Deutsch, 204 Seiten

ISBN: 978-3-7407-0537-4
Verlag: TWENTYSIX CRIME
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es werden zwei Familienchroniken erzählt, in der Liebe, Hass, Verzweifelung und Verbrechen die Protagonisten bestimmen. Im Lichtreich der Werte sind sie in ihr Dasein geworfen, in dem Mensch für alles verantwortlich ist, was er tut. Das Drama des Menschseins wird hier anschaulich vor Augen geführt.

Siegfried Binder stammt aus Niederschlesien. Er studierte in Leipzig Jura und in Freiburg/Br. Psychologie und Philosophie. Beruflich war er als Bereichsleiter für Psychotherapie und als Psychotherapeut in der LWL-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Lippstadt tätig.

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„Du wolltest mich also beklauen!“ Aviel schwieg und nickte nur bejahend. „Wie heißt Du?“ „Aviel.“ Und wie weiter?“ “Merz.“ „Wie alt bist Du?“ „Zwölf Jahre.“ „In welche Schule gehst Du?“ „In die Städtische Oberschule.“ „Bist Du ein guter Schüler?“ „Ich bin einer der besten.“ „Was macht Dein Vater?“ „Ich habe keinen.“ „Und Deine Mutter?“ „Sie ist Kindergärtnerin.“ „Hast Du einen Opa?“ „Nein, er hat sich das Leben genommen.“ Der alte Mann schien betroffen. „Und warum?“ „Wir sprechen nicht darüber.“ „Was war er von Beruf?“ „Er war Architekt, aber ich will Komponist werden.“ „Du hast Dir etwas sehr Schweres vorgenommen. Es ist sehr mühevoll, Anerkennung zu finden.“ „Ich weiß es.“ „Und trotzdem bleibst Du dabei?“ „Ja, Musik ist Angst, Sehnsucht, Trost, Zuversicht, Friede und Sieg ohne Worte, sie ist geheimnisvolle Aura menschlicher Gefühle, voller Naturgewalt und unendlichem Horizont. Sie bewirkt Betroffenheit und Erschütterung und überschreitet die realen Grenzen menschlicher Erfahrung und spiegelt dennoch die Nähe menschlicher Existenz wider. Sie ist nicht so gegenständlich wie andere Künste, sie bewegt sich nicht auf der Ebene der Empfindung und der Gedanken, sondern auf der Ebene des Affekts.“ „Du sprichst wie ein Philosoph. Hast Du eine Erklärung dafür?“ „Ja, es hat mit dem Tod meines Opas zu tun. Ich habe lange darüber nachgedacht und glaube, dass er Musik hörte, als er starb. So hat er den Tod überwunden. Er war stärker als der Tod. Als er hinschied, war er himmlischen Klängen hingegeben und erlebte die Harmonie von Leib und Seele. Das war sein Zustand, als er zum Paradies aufstieg. Ich werde ihm ein Requiem schreiben und ihm damit eine Morgengabe zelebrieren.“ „Und Deine Oma?“ „Sie wohnt bei uns und passt auf mich auf. Sie ist sehr stolz auf mich. Sie erzählt mir viele Märchen.“ “Ich dachte, dass man heutzutage keine Märchen mehr erzählt. Was ist Dein Lieblingsmärchen?“ „Der Fischer und seine Frau. Sie sind sehr arm. Der Fischer fängt einen Fisch, der ihm verspricht, wenn er ihn am Leben lässt, hat er drei Wünsche frei. Die Frau des Fischers bekommt aber nicht genug. Am Ende will sie Gott selber sein. Kaum spricht sie diesen Wunsch aus, da platzen alle Träume. Die Fischersleute finden sich in ihrer Hütte und in Armut wieder. Die Lehre des Märchens heißt, bescheide dich und begehre nicht das Unmögliche.“ „Und nun erzähle, warum bist Du in meinen Garten gestiegen?“ „Die Äpfel lachten mich an. Sie flüsterten mir zu, nimm uns, sonst liegen wir auf dem Gras und verfaulen.“ „Das hast Du gehört?“ „Ja, man muss nur die Augen schließen, sich in die Äpfel versenken und schon hört man sie wispern, leise, ganz leise.“ „Du kleiner Schelm. Warum kaufst Du Dir nicht Äpfel? Das ist nicht so aufwendig und nicht so gefährlich!“ „Wir haben sehr wenig Geld und ich dachte, schade um die schönen Äpfel.“ „Hast Du Dir nicht überlegt, dass Du einen Diebstahl begehst?“ „Nein, die Äpfel haben auch ihre Rechte. Sie wollen von uns gegessen werden.“ „Du hast Recht. Man soll Nahrung nicht verfaulen lassen. Wo wohnt ihr?“ „In der Kirchgasse 6.“ „In einem dieser alten Häuser?“ „Ja, unsere Wohnung ist sehr klein.“ „Und wer ist Dein Freund?“ „Darauf gebe ich Ihnen keine Antwort.“ Der alte Mann winkte den Butler zu sich heran. „Das mit der Polizei, das lassen wir. Bringen Sie dem Jungen einen Korb mit Äpfeln.“ Und mit erhobener Stimme: „Aviel, sie sind für Dich, Deine Mutter und Oma bestimmt. Okey?“ Aviel strahlte. „Sie sind ein guter Mensch. Vergelt`s Gott! Ich komponiere gerade ein Lied, ich werde es Ihnen widmen.“ „Wie hast Du es überschrieben?“ „Das kann ich Ihnen noch nicht verraten. Ich habe zuerst die Melodie im Kopf, der Text kommt dann später.“ „Ich danke Dir dennoch von Herzen.“ Aviel fasste Mut. „Haben Sie keine Frau und keine Kinder?“ „Nein, das habe ich nicht.“ „Dann wohnen Sie ganz allein in diesem prächtigen Haus?“ „Ja, so ist es.“ „Sie müssen sich einsam und verlassen fühlen. Das ist doch sehr schwer.“ „Der Butler betreut mich. Er ist sehr fürsorglich. Aber sonst habe ich keinen Menschen, der mir nahe steht.“ Er seufzte. „Meine Lebenspläne konnte ich nicht verwirklichen, davon sind nur noch Scherben übrig geblieben.“ Er sagte es mit Trauer in der Stimme. Aviel senkte den Kopf und fragte nicht weiter. Herr Hoch blickte Aviel lange an. „Willst Du mein Freund werden?“ Aviel nickte bejahend. Da lachte Herr Hoch von Herzen, winkte dem Butler und raunte dem Butler etwas ins Ohr. An Felix gewandt:„Jetzt kannst Du gehen. Warte draußen, mein Butler macht den Korb fertig. Den bringst Du mir aber wieder, vergiss es nicht!“ Felix machte sich schnellstens auf den Weg nach Hause. Er erzählte seiner Mutter aufgeregt das Erlebte. Sie legte die Äpfel in einen großen Teller und war überrascht, als sie auf dem Boden des Korbes einen unverschlossenen Briefumschlag ohne Anschrift fand. Sie öffnete das Kuvert, es enthielt einen einhundert Euroschein. Aviel konnte sich diesen Fund auch nicht erklären. Stephanie beschloss noch am selben Tage, gemeinsam mit Aviel den Korb mit dem Kuvert zurückzubringen. 7
Der Butler Martin geleitete Stephanie und Felix in das Empfangszimmer von Herrn Hoch. Nach der Begrüßung konnte Stephanie nicht an sich halten und sprach sofort den Grund ihres Kommens an. Sie erkannte Herrn Hoch nicht, seine körperliche Verfassung hatte ihn so verändert. „Herr Hoch, mein Sohn hat aus Ihrem Garten einige Äpfel aufgelesen. Sie waren so gütig und haben ihm einen Korb voller Äpfel geschenkt. Ich bin Ihnen dafür sehr dankbar und irgendwie auch beschämt.Im Korb lag ein unverschlossenes Kuvert. Ich habe nachgeschaut und war erschrocken. Im Umschlag befanden sich einhundert Euro. Mehr nicht. Kein Anschreiben, keine Adresse. Ich habe Aviel befragt, er konnte mir dazu nichts sagen. Ich bin nun sofort zu Ihnen geeilt, um Ihnen das Geld und den Korb zurückzubringen und Ihnen zu versichern, dass Aviel das Geld nicht entwendet hat. Es muss ein Versehen vorliegen.“ Der alte Herr schüttelte mit dem Kopf. „Ich weiß, ich weiß. Das Geld ist für Aviel gedacht, ich habe meinen Butler angewiesen, es in den Korb zu legen. Ich bin auch davon ausgegangen, dass Sie sofort bei mir vorsprechen, sobald Sie das Geld gefunden haben. Ich habe mich nicht in Sie getäuscht. Sie haben sich sehr verändert, Sie sind in den vergangenen zwölf Jahren schöner, reifer und ausgeglichener geworden. Ich bin freudig gestimmt, dass wir uns durch Zufall wieder begegnet sind.“ Stephanie stutzte und betrachtete den alten, zerstückelten Mann minutenlang. Dann dämmerte es bei ihr: „Sie sind ...“ „Ja, ich bin der Vater des tödlich verunglückten Andreas Hoch und Sie sind die kurzweilige Freundin von ihm.“ Und mit einem feinen Unterton: „Sie geben sich nicht mehr als Jüngling aus. Sie sind heute eine bezaubernde Frau.“ Sie errötete. Das Kompliment berührte sie. Es gab auf der Welt noch einen Menschen, dem ihre Schönheit etwas bedeutete. Er ließ sich nicht unterbrechen. „Ich selbst habe mich nicht nur körperlich verändert und bitte Sie, dass Sie mir nicht nachtragen, wovon ich keine Kenntnis habe. Ich denke dabei an das Verhältnis von Ihnen und Andreas. Mein Sohn und ich haben über solche Dinge nicht gesprochen. Wir hatten uns entfremdet.“ „Nein, nein, ich trage nichts nach. Die Zeit heilt Wunden. Aber was ist Ihnen widerfahren. Sie sind ….“ Sie hielt inne, er ergänzte: „Ein Krüppel. Heute umschreibt man meinen Zustand und bezeichnet ihn als Pflegefall. Ich bin ein Krüppel. Sprechen Sie es ruhig aus, es ist die Wahrheit. So hat das Leben meinen Hochmut bestraft.“ „Was ist passiert, darf ich es erfahren?“ „Es ist eine lange Geschichte. Eigentlich eine Lebensgeschichte. Sind Sie wirklich daran interessiert?“ Sie nickte zustimmend mit dem Kopf: „Ja. Es ist auch ein Teil meines Lebens.“ „Bitte setzen Sie sich näher...



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