E-Book, Deutsch, 168 Seiten
Binder Wege durch die Finsternis
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-4670-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 168 Seiten
ISBN: 978-3-7412-4670-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Siegfried Binder studierte in Leipzig Jura, in Tübingen und Freiburg i.Br. Psychologie und Philosophie. Vor seiner Pensionierung war er als Bereichsleiter für Psychotherapie in der LWL-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Lippstadt tätig. Seit 1968 ist er bei Gerichten in Strafprozessen als psychologischer Sachverständiger tätig.
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Der Sprung ins Leben
Alla legt das Buch auf das Nachttischchen und klopft sich das Kopfkissen zurecht. Sie streckt sich rücklings ins Bett, zieht die Bettdecke über sich und schaut Gedanken verloren auf die weiß getünchte Decke. Eine Spinne mit riesigem Vorder- und Hinterleib, acht Laufbeinen, zwei Giftklauen und gefräßigem Maul fixiert sie mit ihren Punkteaugen. Alla will aus dem Bett springen, doch der starre Blick des Ungeheuers lähmt sie. Sie ist keiner Bewegung und keines Gedanken fähig, sie ist wehrlos und durchflutet von Todesfurcht. Sie sieht, wie das Monstrum an Stricken sich langsam zu ihr niederläßt, den Todesrüssel nach vorne schiebt und das mörderische Gebiss bereits halb geöffnet hat. Es beginnt, Fäden zu ziehen und einen Zauberkreis um sie zu knüpfen, der ihr ein Entkommen unmöglich macht. Die Bestie kommt näher, behutsam und umsichtig, wächst zu einer unnatürlichen Größe an und fährt ihren Giftstachel aus. Alla will in ihrer Todesnot schreien, aber der Schrei erstickt in ihrer Brust. Sie spürt, wie der Dorn des Monstrums ihre Haut durchdringt. Sie hält den Atem an. Ein warmer Strom breitet sich in ihrem Körper aus. Ihr letzter Gedanke ist, das ist mein Ende. Sie wundert sich, wie wohlig doch das Sterben ist. Dann verliert sie das Bewusstsein.
Der neue Tag begrüßt sie mit Sonnenlicht und sommerlicher Frische. Sie nimmt es nicht wahr und kann mit dem farbigen Morgen nichts beginnen. Ihr scheint, dass die Szene vor ein paar Stunden sich nie ereignet hat. Was war in der Nacht geschehen? War es ein Traum, eine Fiktion, ein Nachtgespinst? Im Spiegel entdeckt sie bei sich keine Einstichstellen und ist sich doch sicher, überwältigt worden zu sein. Verstört nimmt sie das Frühstück ein und hastet zum Institut für Raumfahrttechnik, in dem sie als Forschungsingenieurin tätig ist. Hier in Samara ist die Sojus- Rakete entwickelt worden. Das Institut gilt als führend in der Entwicklung von Weltraum Trägerraketen.
Alla ist deutschstämmig. Ihr Vater wurde nach dem Ende des zweiten Weltkriegs von der Roten Armee von Peenemünde nach Samara verschleppt, um hier als Spezialist für Trägerraketen die Raketentechnik der Sowjetunion voran zu treiben. In Peenemünde hatte er an der Entwicklung der V-Raketen mitgewirkt. Ihm und seiner Frau mangelte es in der Sowjetunion an nichts. Dem Ehepaar war ein kleines Wohnhaus zugewiesen worden und sie genossen alle Privilegien der sowjetischen Führungskaste. Alla, liebevoll Aljoscha gerufen, wurde hier geboren, besuchte hier den Kindergarten und die Schule und beendete ihr Studium an der Technischen Universität. Ihre Eltern wohnten am rechten, hügeligen Ufer der Wolga. Sie hatte sich nach dem Studium eine kleine Zweizimmerwohnung in der Altstadt von Samara gemietet, um ihren eigenen Lebensstil leben zu können.
Die Eltern, konservativ und in Treue sich ergeben, waren über die Jahre zusammen gewachsen und glauben, auch nach dem Tode auf ewig vereint zu sein. Aljoscha versteht sich dagegen als frei geboren und will Liebe nur für kurze Zeit. Die Familie Bergner hofft, eines Tages nach Deutschland ausreisen zu dürfen. Die Ausreisegenehmigung ist ihnen wiederholt abgelehnt worden, weil sowohl Vater als auch Tochter als Geheimnisträger gelten. Im Schatten ihrer Wirklichkeit stehend, überhöhen und idealisieren sie das ferne deutsche Vaterland.
Voll von Wirrnis und Beklommenheit hastet Alla in eine abgelegene Straße von Samara. Dort gibt es eine Alte, die Träume deutet, die Zukunft prophezeit und das Schicksal sogar wenden kann, wie die Leute glauben. Alla hat sie schon öfter aufgesucht. Obwohl Physikerin und wissenschaftlich ausgebildet, glaubt sie an Kräfte, die unser Weltgeschehen bestimmen und doch so unbekannt sind, wie einst die Elektrizität. Die Enge der offiziellen Wissenschaft bedrückt sie, die Parawissenschaften faszinieren sie, Religion interpretiert sie als Morphium für das Volk.
Die Fee, so nennt man die Hellseherin auch in Volkes Mund, ist keineswegs alt. Sie ist eine hübsche Frau mit schwarzem, wallendem Haar, mit klugen Augen und forschendem Blick. Sie steht im gebärfähigen Alter. Sie begrüßt Aljoscha sehr herzlich. “Oh Aljoscha, da bist du wieder. Komm setze dich, trinkst du mit mir einen Tee? Entspanne dich, erzähle mir!“Alla berichtet bleich und bewegt von der Begebenheit der vergangenen Nacht. Die Fee hört geduldig zu, mustert eingehend die Gesichtszüge von Alla, ohne Fragen zu stellen. Als Alla endet, schließt sie die Augen, lehnt sich zurück und versinkt in Trance. Nach einer Pause spricht sie mit monotoner Stimme:“Aljoscha, das war eine Geisterstunde, nicht wirklich und doch real. Du hast erlebt, was die Grenzen deiner Wissenschaft überschreitet und was sie nicht versteht. Du bist in großer Gefahr, sie ist ganz nah. Sie kommt aus fernen Landen. Ein Mann wird dich umgarnen, wird dich mit dem Gift der Liebe infizieren und dich missbrauchen. Lässt du dich von ihm einfangen, wirst du auf dem Schafott enden. Doch fürchte dich nicht, das Schicksal ist wie der Wind, es dreht und wendet sich und lässt sich lenken. Verliebe dich nicht, spiele mit dem Verführer, schlage ihn mit seinen Waffen.“Die Fee öffnet ihre Augen, sie hat einen leeren, nach innen gewandten Blick. Aljoscha will noch mehr wissen, die Fee schüttelt verneinend den Kopf.“Ich habe nicht mehr gesehen.“
Aljoscha dankt, umarmt und küsst die Fee, spendet zehn Rubel und verlässt erleichtert die Vertraute. Sie schlendert gedankenverloren durch die Fußgängerzone, fühlt sich müde und betritt ein kleines Eiscafé. Ein Fremder bittet sie, an ihrem Tisch Platz nehmen zu dürfen. Sie nickt zustimmend und beachtet ihn nicht weiter. Er sucht das Gespräch. “Ein wunderschöner Sommerabend, nicht wahr?“
„Ja.“
„In seiner Erzählung „Unter fremden Menschen“ oder war es „Ein Sommer“? Egal, da hat Gorki unsere Stadt und den Sommer beschrieben. Voller Wärme und mit optimistischer Bitterkeit. Ich habe einen Aphorismus von ihm behalten: “Alles, was schön ist, bleibt schön, auch wenn es welkt. Und unsere Liebe bleibt Liebe, auch wenn wir sterben.“Ja, er war seinem Vaterland sehr verbunden, ein wahrer Patriot. Und er verstand Frauen.“
Alla zögert.“Gewiss, das war er. Er ist einer der ganz großen Russen und war ein unermüdlicher Kämpfer für die Gerechtigkeit.“
„Man merkt an ihrem leichten Akzent, dass sie deutschstämmig sind. Oder irre ich mich?“
Alla stutzt. Was hat es mit diesem Mann auf sich. Warum spricht er sie an? Ist er der Verführer oder ein Geheimer? Die Eltern haben ihr Trauma des Misstrauens auf sie übertragen. Verrate dich nicht, halte dich verschlossen, sprich kein Wort von deiner Tätigkeit, sage nie, was du denkst. Alla wittert deshalb ständig Verrat und überall Gefahr. Die Angst sitzt ihr im Nacken, als Spionin beschuldigt und vor Gericht gestellt zu werden. Angst macht hellhörig und feinfühlig.
Sie wehrt ab. “Nein, nein, ich bin in Samara geboren und habe mein bisheriges Leben nur hier verbracht.“
„Ah, nicht zu glauben. Darf ich mich vorstellen? Ich heiße Pavel Astrow.“
„Mein Name ist Alla Bergner. Meine Eltern sind in der Tat Deutsche. Aber ich muss jetzt gehen.“
Sie zahlt. Pavel fragt:“Darf ich Sie wiedersehen?“
„Wer weiß, wie es der Zufall will.“
Sie bummelt weiter durch die Straßen, bleibt vor Schaufenstern stehen, ohne die Auslagen wahrzunehmen. Sie hat ein ungutes Gefühl und spürt es im Magen. Der Einfall kommt plötzlich.
Pavel hatte gelogen. Sie spricht ein akzentfreies und regional typisches Russisch. Sie überlegt. Warum lügt er, was hat er zu verbergen? Gehört er zum Geheimdienst, hat man ihn auf mich angesetzt? Wo und wie habe ich mich verdächtig gemacht? Mit ihren Überlegungen kommt sie zu keinem Ergebnis, ihre Ahnung bestätigt sich aber. Pavel ist Agent des Komitees für Staatssicherheit und hat den Auftrag, einen deutschen Geschäftsmann zu betreuen, den das Institut für Raketentechnik in den nächsten Tagen erwartet.
Pavel, sportlich, tonangebend und beherrscht, hatte in Moskau Politikwissenschaften studiert, war nach dem Studium vom KGB angeworben und in verschiedenen Aufklärungsbereichen eingesetzt worden. Seine Agententätigkeit gefiel ihm. Er verbot sich selbst die intellektuelle Auseinandersetzung mit den ökonomischen, politischen und philosophischen Ideen der Denker, weil sie nur Verwirrung, Unsicherheit und Unordnung in den Köpfen der Menschen erzeugten, wie ihm gelehrt worden war. Er glaubt an die Partei und ist von dem Sieg des Kommunismus überzeugt. An die Liebe glaubt er nicht, er hält sie für ein Gerücht. Als noch junger Endzwanziger rechnet er mit einer schnellen und steilen Karriere im bestehenden System. Dem steht auch nichts entgegen. Sein Lebenswandel ist einwandfrei und bietet keinerlei Angriffsflächen durch Spiel, Alkohol, Schulden oder Affären an. Mit seiner natürlichen Freundlichkeit und Treuherzigkeit erwirbt er sich mühelos Sympathie und Vertrauen bei den Menschen.
Nach der ersten Begegnung mit Alla in der Altstadt trifft er sie wie zufällig in der...




