E-Book, Deutsch, 473 Seiten
Binding Gesammelte Werke
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-0691-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 473 Seiten
ISBN: 978-3-8496-0691-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieser Band beinhaltet die wichtigsten Schriften des 1938 in Starnberg verstorbenen Schriftstellers. Neben den Erzählungen Die Waffenbrüder, Angelucia, Der Opfergang, Die Vogelscheuche und Unsterblichkeit finden sich hier auch seine Legenden sowie die Autobiographie Erlebtes Leben.
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Angelucia
Wie die Loire, der Strom der Touraine, den sie täglich von den Fenstern ihres Schlosses sah, hell und sonnenfroh, aber auch stolz und eigenwillig, so war die junge Gräfin von Nevers. Der Fluß weiß sich freizuhalten von der Knechtschaft der Schiffahrt; denn nahe unter dem blausilbernen Spiegel zieht er, überall zerstreut, seine gelben Sandbänke dahin, die jeden Kiel hemmen, der seine Furchen in die selbstbewußte Flut graben wollte. Auch die junge Gräfin von Nevers hat ihre Sandbänke unter der lachenden Oberfläche; auch sie will frei durch ihr Land ziehen und setzt einen geheimen Widerstand an ihre Freiheit. Mit dem Falken als dem Wahrzeichen ihres freien Adels auf der Faust streift sie auf brandrotem Pferd durch das jagdbare Land, und wenn sie auch im Trupp mit den Jägern und Edeln von den Schlössern ringsum hinausreitet, so weiß sie doch, trotz ihrer siebzehn Jahre, nicht, wie ein Mann aussieht. Denn wenn sie ihre Augen erhebt, so ist es zu dem grünen Geäst einer Kastanie oder zu einem funkelnden Stern am Abendhimmel, und wenn ihre Blicke auf etwas ruhen, so sind es die grünen Ufer, die beschaulichen Flecken, die ihren Platz behaupten wie sie, und die Berge der Loire, in deren blauender Ferne sie sich mit dem Strom zugleich zu verlieren scheint. Außer der Sonne hat ihr noch niemand ins Antlitz lachen dürfen, außer dem Wind noch keiner ihre Wangen gestreichelt, außer dem Wasser des Stroms, das frohlockend an ihr emporspritzt, wenn sie ihn durchreitet, keiner ihren Leib geliebkost.
Deshalb erschrak die junge Gräfin von Nevers – das erstemal in ihrem Leben –, als ihr eines Tages ihre Mutter, die verwitwete Herrin von Schloß und Land, welche aus Flandern gebürtig war und die Loire und deren Ähnlichkeit mit ihrer Tochter nicht verstand, die Mitteilung machte, der Graf von Blois habe um ihre Hand angehalten und werde in ritterlicher Weise, gefolgt von seinen Edeln, sich ihr Jawort holen. Sie erschrak: denn sie wußte, daß ihre Mutter, die nach der gemessenen Art ihrer Landsleute nichts angriff, was sie nicht durchzuführen gedachte, dieser Werbung nicht einmal Erwähnung getan haben würde, wenn ihr die Annahme des Antrags nicht als etwas Unabweisbares erschienen wäre, über das sie mit einer Tochter, zu jung, um klug zu sein, keine Worte machen werde; und sie wußte auch, daß der Graf von Blois der mächtigste Herr der Touraine war, stark und unbeugsam, wie sein Schloß über der Loire; sein Werbezug würde nicht wie das Geleit eines Ritters auf dem Heimweg von der Jagd sein, für das man sich mit einem Lachen und abgewandtem Haupt bedanken konnte.
Der Schreck fuhr dem Fräulein in die Glieder wie ein Blitz aus dem heitern Himmel ihrer Freiheit, so daß sie von dem brandroten Hengst, der nach dem offenen Burgtor und der Sonne wieherte, wieder herabglitt und von Jagen und Reiten nichts wissen wollte an diesem Tage. Klopfenden Herzens rannte sie vielmehr die breiten, flachgewendelten Stufen des runden Schloßturms hinauf, und erst als sie den Schlüssel zum Turmgemach droben in der Hand hielt, fand ihre Erregung eine Antwort.
»Hier mag er in ritterlicher Weise vor mir erscheinen,« rief sie, »wenn er es vermag«; und die Tür fiel ins Schloß, daß der Mörtel niederrieselte.
Die Mutter hielt Einsamkeit, Nachdenken und Hunger für ihre besten Bundesgenossen und Parlamentäre, und ließ sie.
Als indessen am folgenden Tage der Graf von Blois mit einem adeligen Gefolge von Freunden und Rittern in dem Schloß einzog und das Fräulein noch kein Verlangen gezeigt hatte, ihren befestigten Schlupfwinkel zu verlassen, vermochte die Gräfin von Nevers dem verwunderten Freier nichts Besseres als jenes Wort ihrer Tochter zu bestellen, daß er ihr in dem Turmgemach auf ritterliche Art nahen und seine Werbung anbringen solle. Denn sie wollte selbst mit der Wahrheit in dieser Sache nichts verschütten oder unterbinden und hoffte, daß der Graf von Blois über den kapriziösen Empfang, den ihm seine Braut bereitete, nicht das Ziel seiner Fahrt vergessen werde.
Der Graf besann sich; und da er an Umkehr nicht dachte, solange er noch eine Turmtreppe vor sich sah, ließ er die Pferde in die Stallungen ziehen, seine Gefolgschaft die weiten Flügel des Schlosses belegen, welche für sie bereitstanden, und überdachte die Botschaft, die ihm geworden war. Er begriff leicht, daß er eine keineswegs ritterliche Figur abgeben würde, wenn er droben vor dem verschlossenen Turmgemach stehen und seine Werbung dem Fräulein durch das Schlüsselloch vorbringen müsse; also sann er auf einen Ausweg, der sie zwingen würde, ihm zu öffnen und ihn anzuhören, und wenn das nicht, ihm doch wenigstens einen ritterlichen Rückzug sicherte.
Am andern Morgen erschrak die junge Gräfin das zweitemal in ihrem Leben, aber grausamer als das erstemal. Denn hinan zu ihr auf dröhnenden hölzernen Bohlen ritt der Graf von Blois in voller Rüstung die Schräge der Turmtreppe. Über Nacht hatte er die Stufen herausreißen und starke nach der Treppenspindel sich verjüngende Bohlen zwischen diese und die Mauer stemmen lassen, welche die Stiege in eine fortlaufende Rampe verwandelten.
Das Fräulein schrie, als sie die donnernden Huftritte in den Gewölben hallen hörte. Es war genug der Gewalt; und der Graf von Blois fand das Turmgemach offen. Aber in eine Ecke gedrückt, mit allen Zeichen des Entsetzens stand die junge Gräfin von Nevers, und ihre Augen starrten ihn an, daß es ihn seiner Tat graute und er seine Werbung vergaß. Hier, das sah er wohl, hatte er einem Kinde zu nahe getan. Er glitt aus dem Sattel, drückte das Pferd ein wenig zurück und wandte es dann zum langsamen Abstieg. Er, der zur Eroberung eines stolzen Weibes hinaufgeritten war, schlich wie ein Mädchenschänder davon.
Als das Fräulein droben schrie, wehrender und schriller als die Turmschwalben, wenn man in ihr Nest stößt, hob drunten im Schloßhof ein Ritter seine Augen zur Höhe des Gemachs empor, der diesen Schrei in seiner Schrecklichkeit verstand und in seinem Herzen bereit war, eine Lanze für die bedrängte Dame zu brechen, wenn er sie auch nie zuvor gesehn. Er gehörte nicht zu dem prunkhaften Gefolge des Herzogs von Blois, und die Länder der Loire waren ihm eine schöne Fremde. Ein flandrischer Graf war er und Sohn wohl eines jener Roberte von Flandern, die schon Jahrzehnte in wilden Erbzwistigkeiten ihre und ihres Landes Kräfte in Unwürde vergeudeten. Der Taten seines Hauses war dieser junge Ritter satt und schämte sich um ihrer willen ein wenig seines Namens, zu dem er sich erst dann wieder zu bekennen gelobt hatte, wenn Taten andrer Art, als man sie zu jener Zeit von den Grafen von Flandern zu hören gewöhnt war, ihm auch einen anderen Klang gegeben haben würden. Aber es ist wohl sein Geschick gewesen, daß er sich seines Namens schämen sollte bis an sein Ende. Denn dieses erschien der Welt als ein schimpfliches, obwohl nie ein Besserer die goldenen Sporen trug. Und so hat sie seinen Namen, in frommer Absicht und indem sie seinen Wunsch gleichsam verstand und vollstreckte, in den Strom der Vergessenheit versenkt, so daß sein Träger auch dieser Geschichte, deren Held er ist, ein Namenloser sein wird.
Auf der linken Schulter aufgeheftet trug der flandrische Graf das rote Kreuz des heiligen Krieges; denn er war nur zur Rast auf dem Schlosse von Nevers, und sein Ziel war der Hafen von Aigues-Mortes am Mittelmeer, wo er sich mit den französischen Rittern zur Ausfahrt nach dem Land einzuschiffen gedachte, in welchem sein Gott hatte sterben wollen. Er freilich hatte das Kreuz nicht so sehr im Eifer für die Sache des Heilands und sein eigenes Seelenheil genommen, als im Drang und Hang nach ritterlichen Taten; und wenn er etwas von dem Paradies des Jenseits erhoffte, so war es, daß er dort sein gutes Roß wiederfinden würde, ohne das ihm die Glückseligkeit ein unvollkommen Ding schien.
Dieses sein Pferd aber, bei dem er zum Auszug bereit im Hof stand, rieb gerade seine Nase traulich an seiner linken Schulter und dem roten Kreuz, als der Ritter seinen Handschuh ausziehen und dem von seinem Werberitt niedersteigenden Grafen von Blois vor die Füße werfen wollte. Da gemahnte ihn das Pferd an das Kreuz, welches er trug, und er ward inne, daß ihm dieser Weg, Genugtuung für die Ehre einer Dame zu fordern, nicht offenstehe. Denn um jenes Kreuzzugs willen waren Turniere und alle ritterliche Fehde, seit Jahresfrist schon, von dem großen Innocenz in allen christlichen Landen untersagt und aufgehoben, und der Papst Honorius, der ihm nach seinem plötzlichen Tode mitten in den Betreibungen des Zuges gefolgt war, erkannte die Weisheit dieses Verbotes für den heiligen Zweck zu wohl, um ihm nicht mit allen seinen Machtmitteln Geltung zu verschaffen.
So ließ denn der namenlose Graf den von Blois unangefochten, jedoch auch ungegrüßt aus dem Schloß von Nevers ziehen; aber in seinem jungen Herzen bekümmerte ihn das Schicksal des unbekannten Fräuleins, und es schien ihm nicht wohlgetan, davonzureiten. Der Troßknecht saß schon kurzbeinig und marschbereit im Sattel des breitrückigen Packpferdes, auf dem er seinem Herrn folgte; um den Sattelkranz hingen die schweren Stücke der Rüstung, und auf der Faust hielt er den Jagdfalken des Grafen, dem es eine schlechte Rittersitte gedünkt hätte, den adeligen Vogel daheim zu lassen. Nun gebot er dem Buben, alles wieder abzuschirren und abzuzäumen zu längerer Rast.
Einige Tage später fand sich die junge Gräfin von...




